Category Archives: Literatur

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter

„Die Kleinfamilie“, zitiere ich, „ist gegründet auf die offene oder verhüllte Haussklaverei der Frau. Er ist der Bourgeois, sie das Proletariat.“

„Wer sagt das? Marx?“, will meine Mutter wissen.

„Nein, Engels.“

Sie nickt

„Vielleicht hat er nicht ganz unrecht, dein Engels.“

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter. S. 204

Nicht erst seit der Zuerkennung des diesjährigen Literaturnobelpreises an die Französin Annie Ernaux ist die Erkundung der eigenen weiblichen Identität in Verschränkung mit der Klassenfrage in den literarischen Fokus gerückt. Annie Ernaux in Frankreich, Elena Medel in Spanien, Autorinnen wie Daniela Dröscher oder Marlen Hobrack hierzulande gehen mal mehr und mal weniger fiktionalisiert ihrer eigenen Familiengeschichte und Herkunft auf den Grund, um Klassismus und die Prägung der eigenen Identität durch die Herkunft zu ergründen und offenzulegen.

Gab es zwar schon vereinzelt schreibende Selbsterkunderinnen wie Ulla Hahn, doch bislang war das Feld in Deutschland bislang eher in der Hand schreibender Männer wie Andreas Maier, Christian Baron oder Alem Grabovac. Nun sind es verstärkt weibliche Schreibende, die dieses Genre auch durch die Mittel der Autofiktoentscheidend prägen und bestimmen.


So ist es bei Daniela Dröscher die Ich-Erzählerin Ela, die sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Einsetzend im Jahr 1983 wird die Erzählerinnen chronologisch vier Jahre ihrer Kindheit präsentieren. Jahre, in denen das Unglück der eigenen Mutter wie Blei auf den Schultern der Erzählerin lag, was die Geschichte der Mutter auch zu ihrer höchsteigenen Geschichte macht, wie sie im Prolog des Buches erklärt.

Dabei sind den vier Jahren vier Attribute zugeschrieben, die ironischerweise der Beziehung der eigenen Eltern und der zu ihrem Kind spotten. So beginnt das Jahr 1983 als Jahr der Kommunikation, es folgen das Jahr der Frauen in Südafrika, das Jahr der Vereinten Nationen, ehe 1986 zum Jahr des Friedens getauft wird. Doch weder Frieden, noch Kommunikation, Einheit oder gar Respekt vor dem Weiblichen sind der Beziehung der eigenen Eltern eingeschrieben, wie Daniela Dröscher eindrucksvoll zeigt.

Eine Familie im Grabenkampf

Denn obschon Elas Eltern ein heteronormatives BRD-Eigenheim-Leben in der fiktiven Kleinstadt Obach im Hunsrück führen, hat die Beziehung der Eltern Risse oder gleicht besser gesagt eher einem Grabenkampf.

In den Tagen zuvor war es eisig bei uns zu Hause zugegangen. Martha-Oma schwieg beleidigt, mein Vater ebenso. Auch meine Mutter hatte neuerdings das Schweigen für sich entdeckt. Nun hatte ich also zwei Elternteile, die schwiegen. Es war wie im Kalten Krieg, nur dass ich keine Ahnung hatte, wer von beiden jetzt der OSTBLOCK war.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 98
Daniela Dröscher - Lügen über meine Mutter (Cover)

Dabei sind die Konflikte und beharkten Themenfelder äußerst vielfältig. Das präsenteste ist sicherlich das vom Vater ständig bemängelte Übergewicht seiner Frau, das ihm ein Dorn im Auge ist. Er fordert ihr Diäten ab und sorgt mit seiner beständigen Kritik und Disziplinierungsversuchen durch Wiegen für eine Scham auch bei Ela. Doch auch ansonsten sind die Konfliktfelder vielfältig. Die Abwertung der Mutter durch die Schwiegereltern, die ungleich verteilte Sorgearbeit (neben Ela werden in den folgenden Jahren noch eine weitere Tochter, ein Pflegekind und die demente Großmutter in ihren Aufgabenbereich fallen) reicht bis hin zu den Finanzen, die völlig ungleich verteilt sind. So hat der Vater „Spielgeld“ zur eigenen Verfügung, den eigentlichen Unterhalt der Familie muss die Mutter aus ihrem Vermögen bestreiten.

Der Versuch von beruflicher Qualifizierung und ökonomischer Selbstständigkeit wird von ihrem Mann argwöhnisch beäugt und abgewertet. Als dann eine Erbschaft den Bau eines neuen Eigenheims ermöglicht, ist es vor allem der Vater, der dann mit extravaganzen Ausgaben für luxuriöse Autos auffällt.

Das Kind im Spannungsfeld

Die Beziehung der Eltern ist von Taktieren, Heimlichkeiten, Lügen und der Aufführung einer fadenscheinigen Komödie (oder eher Tragödie) vor den Augen des eigenen Kindes bestimmt, das in die Konflikte hineingezogen wird und oftmals gar nicht weiß, wie es sich verhalten soll, wenn die Konfliktregeln der Erwachsenen so undurchschaubar sind, wie es in der eigenen Familie der Fall ist.

„Wir werden das schon schaffen“, sagte sie. „Aber du musst mir versprechen: kein Wort zu Papa.“

Mir war flau im Magen. Ich fühl[t]e mich beklommen, gleichzeitig aber machte es mich stolz, dass sie mir so geheime Sachen erzählte.

„Klar“, sagte ich. „Mach ich.“

Das war meine Rolle. Inzwischen war ich geübt darin, Geheimnisse zu hüten. Und allmählich verstand ich, dass Geheimnisse eine gewisse Verwandschaft zu Lügen besaßen.

Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter, S. 254

Eine noch größere Fallhöhe bekommt das Beschriebene durch die Kommentierung der erwachsenen Erzählerin, die sich vor den einzelnen Kapiteln zu Wort meldet und mit einem emanzipierten und gebildeten Blick das damalige Schauspiel analysiert und sich auch in ihre Mutter einzufühlen und zu verstehen versucht. Hier wird aus dem chronologisch voranschreitenden Familienbild dann ein Sachbuch, das die Frage von Klasse, Herkunft, der Prägung des sozialen Milieus verhandelt und untersucht.

Und nicht zuletzt auch die Sprache stimmt in diesem Buch. Gelungen schafft es Daniela Dröscher, sich die Perspektive eines Kindes anzueignen und aus den Augen der kindlichen Ich-Erzählerin auf diesen elterlichen Kampf nach undurchsichtigen Regeln zu blicken. Immer wieder sind Floskeln und Redewendungen der Erwachsenen kursiv gesetzt (was etwas an die erzählerischen Mittel von Heinz Strunks letztem Roman erinnert) und zeigen Sprache beziehungsweise den Dialekt, der in vielen Dialogen zum Einsatz kommt, als Marker von Bildung, Alter und sozialem Rang. Auch dieser Aspekt des Buches ist gut gelungen und hochinteressant.

Fazit

Vor dem Hintergrund der 80er Jahre, der diffusen Angst vor dem Atomunglück in Tschernobyl, dem sowjetischen Feind oder der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, dem Tennisfieber rund um Steffi Graf und Boris Becker und dem sozialen Druck der Kleinstadt seziert Daniela Dröscher das Kleinbürgertum, die Unterdrückung der Frau in der Ehe und den Blick eines Kindes auf die seltsame Welt der Eltern, das sie zugleich mit dem späteren analytischen und gebildeten Blick der erwachsenen Erzählerin vergleicht und kontrastiert.

Toll erzählt und genussvoll spielend mit den Möglichkeiten der (Auto-)Fiktion dringt sie mit ihrem Roman ganz tief in das Geflecht von Familie ein, zeigt Widersprüche und patriachale Strukturen auf und unternimmt den Versuch, ihre Mutter zu verstehen – und setzt der fiktiven Mutter damit auch ein höchst plastisch und anschaulich geratenes Denkmal, das es völlig verdient in die Endrund des diesjährigen Deutschen Buchpreises geschafft hat.


  • Daniela Dröscher – Lügen über meine Mutter
  • ISBN 978-3-462-00199-0 (Kiepenheuer & Witsch)
  • 448 Seiten. Preis: 24,00 €

Elena Medel – Die Wunder

Mit Spanien als Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse gibt es ein literarisch vielfältiges Land zu entdecken, dessen Autorinnen und Autoren in loser Folge hier im Mittelpunkt stehen sollen. Zwei Beiträge zu Spanien erlesen gab es bereits. Nun ist mit Elena Medel eine junge Stimme zu entdecken, der mit ihrem Prosa-Debüt Die Wunder laut Suhrkamp-Verlag ein literarischer Sensationserfolg gelang, oder wie es die Zeitung El País formulierte: „Die beste Lyrikerin dieses Landes hat sich mit nur einem Buch in die beste Romanschriftstellerin dieses Landes verwandelt.“

Nun habe ich natürlich nicht die gesamte spanische Literaturszene gelesen und für einen Abgleich parat. Aber auch mit den bislang hier auf dem Blog vorgestellten Werken als Referenzgröße würde ich diese etwas steile These doch bezweifeln.


Die Wunder erzählt von zwei Frauen, deren Leben abwechselnd in Schlaglichtern vorgestellt werden. Da ist María, die als Alleinerziehende ihre Tochter Carmen in der Obhut ihres Bruders lässt und die neben ihrem Brotjob auch am politischen Kampf Interesse gefunden hat. Sie motiviert ihre Bekannten zu Protest und versucht eine Verbesserung ihrer prekären Stellung als Frau in der Gesellschaft herbeizuführen.

Die andere Frau ist Alicia, die Enkelin von María. Sie laboriert am Schmerz des Verlusts ihres Vaters. Dieser, dem Anschein nach ein erfolgreicher Geschäftsmann und Gastronom, begann von Schulden bedroht, Selbstmord. Diese Erfahrung des Verlusts prägt Alicias Leben seit Kindertagen und setzt sich in der Schule mit Mobbing und Ausgrenzung fort. Beide Frauen kämpfen mit der von der Gesellschaft ihnen zugedachten Rollen, müssen um ihr finanzielles Auskommen kämpfen und werden sich erst sehr spät im Buch überhaupt einmal wirklich begegnen.

Die Stellung der Frau in der spanischen Gesellschaft

Elena Medel - Die Wunder (Cover)

Die Wunder ist ein Buch, das seinen Finger in die Wunde legt und von der schwierigen Stellung der Frau in der spanischen Gesellschaft erzählt. Im Doppelporträt der beiden Frauen treten die Strukturen deutlich zutage, die zu prekären Lebensverhältnissen führen und ein Vorankommen der Frau verhindern, sei es Ende der 70er Jahre oder in der Gegenwart. Auch die Großstadt Madrid, in die beide Frauen unabhängig voneinander kommen, ist dabei nicht viel fortschrittlicher als die ländliche Umgebung, der sie eigentlich entfliehen wollen. Armut, Geldmangel und fatale Abhängigkeiten von Männern lauern überall.

Leider ist Die Wunder aber auch ein Buch, das sichtlich schwer am eigenen Gewicht und der Bedeutung trägt. Die Absätze stehen in monolithischen Blöcke, der Ernst und die Gravitas sind jeder Seite eingeschrieben. Dabei entwickeln die beiden Hauptfiguren zumindest für mein Empfinden auch kein wirklich spannendes Eigenleben, stattdessen blieb ich den Medels Frauen gegenüber merkwürdig distanziert und konnte keinerlei Bindung zu ihrer Lebenswelt und Problem aufbringen, auch wenn ich mich wirklich bemüht habe.

Die Sprache (Übersetzung aus dem Spanischen von Susanne Lange) ist recht uniform und austauschbar, die Dialoge oftmals von einem politischen Programm denn der glaubhaften Artikulation von Befindlichkeiten oder Eindrücken geprägt. Die schlaglichtartige Erzählweise, die sich auf Schlüsselmomente und -erlebnisse im Leben der Figuren konzentriert, konnte mich trotz einzelner starker Episoden (etwa die Verzweiflung Marias nach dem Auffinden der toten Seniorin, die ihr zur Pflege anvertraut war oder die Hängung Alicias durch eine Gruppe von Schüler*innen während der Schulzeit) über die ganze Länge des Buchs ebenfalls nicht wirklich mitreißen.

Fazit

In Bezug auf Elena Medels Buch lässt sich für mich einmal mehr die großartige Sentenz Goethes aus dem Schauspiel Torquato Tasso: Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Hier tritt mir auch das Anliegen der Autorin, vom Kampf zwei Frauen in zwei Generationen gegen die herrschenden patriarchal geprägten Gesellschaftsstrukturen etwas zu sehr in den Vordergrund und drängt Figuren, Prosa, Sprache und den Plot zu sehr in den Hintergrund, als dass sich für mich Lesefreude eingestellt hätte.

Von einem aktivistischen Standpunkt aus ist Die Wunder sicher spannend zu lesen, für mich als Roman ist das Ganze leider nicht wirklich überzeugend, auch wenn ich mit dieser Meinung sicherlich in der Minderheit bin, wenn ich die begeisterten Stimmen des Guardian, von Hilary Mantel bis zur Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski nachverfolge.

Auch die Bloggerinnen Petra Reich und Sandra Falke sind angetan, ich selbst stehe eher etwas ratlos wie die Rezensentin Sylvia Staude in Frankfurter Rundschau vor dem Buch. Aber so ist es manchmal im Leben, ich bleibe dann lieber bei Sara Mesa und Jose Ovejero und freue mich auf den nächsten Titel bei Spanien erlesen, der mir persönlich auch wieder mehr zusagt.


  • Elena Medel – Die Wunder
  • Aus dem Spanischen von Susanne Lange
  • ISBN 978-3-518-43028-6 (Suhrkamp)
  • 221 Seiten. Preis: 23,00 €

Dörte Hansen – Zur See

Mit ihren beiden bislang erschienen Romanen Altes Land und Mittagsstunde hat sich Dörte Hansen weit nach vorne in die Riege wichtiger deutscher Erzählerinnen katapultiert. Glänzend ihre Erzählweise zwischen Anspruch und Unterhaltung, mit der sie die Bestsellerlisten erklommen hat. Innerhalb kurzer Zeit wurden die beiden bislang erschienen Werke auch als Serie fürs Fernsehen (Altes Land) und als Verfilmung fürs Kino (Mittagsstunde) adaptiert. Nun liegt mit Zur See der dritte Roman der 1964 geborenen Autorin vor, der erwartungsgemäß aus dem Stand die Bestsellerlisten erklommen hat. Auch hier bleibt sie ihren Themen des norddeutschen Settings und der Beschreibung lebensnaher Charaktere treu. Und hat mich dennoch etwas enttäuscht.


Eine nicht näher benannte Nordseeinsel ist der Schauplatz von Dörte Hansens neuem Buch. Hier lebt die Familie Sander in dem wohl schönsten Haus der Insel, reetgedecktes Dach und Delfter Kacheln an den Wänden inklusive. Doch nicht nur der Knochenzaun, der das Haus umgibt, ist morsch. Auch die Familie im Inneren des Hauses leidet unter Auflösungserscheinungen.

So ist Jens Sander, der Ehemann von Hanne Sander und Vater der drei Kinder, schon vor längerem ausgezogen und lebt auf der kleinen Nordseeinsel Driftland als Vogelwart. Hanne hält derweil das Haus sauber und ist vor allem mit der Betreuung ihres Sohnes Ryckmer beschäftigt.

Dieser war einst Kapitän auf einem Nordseeschiff, doch seine Erfahrungen im Sturm haben ihn zum Alkoholiker gemacht, dem von seiner Mutter täglich sechs Flaschen Bier zugestanden werden, keine mehr und keine weniger. Nächtens erbricht er sich nach Exzessen schon einmal in die Rosen und unterhält an guten Tagen die Touristen, indem er die Rolle als Seemann gibt. Dabei hat er sein Kapitänspatent schon lange verloren.

Seine Schwester Eske pflegt im lokalen Altersheim die Senioren, Henrik ist als jünster ein arrivierter Künstler, der mit Treibgut Skulpturen formt, die sich die reichen Inseltouristen gerne in ihre luxuriösen Häuser stellen.

Während die Mitglieder der Familie Sander alle ihre Leben leben, kämpft der Inselpfarrer Matthias Lehmann derweil mit einer handfesten Glaubenskrise und seiner Beziehung zu seiner Frau und Töchter. Als dann ein Wal an den Strand der kleinen und so pittoresken Insel angespült wird, kommt einiges in Bewegung, auch bei Hanne und Jens.

Die Prägung der Heimat

Dörte Hansen - Zur See (Rezension)

Zur See ist ein Roman, der von der Prägung der Heimat erzählt, aber auch von den Gefahren, die ihr drohen. So ist Hansens nicht näher benanntes Eiland wohl auch mit einigen Parallelen zur Insel Sylt zu sehen, bei der die reichen Touristen und die dauerhafte touristische Ausbeutung längst alles Einheimische, Autochthone verdrängt hat und zur Kulisse werden hat lassen.

Dörte Hansen zeigt (ähnlich wie zuletzt auch Susanne Mathiessen) , wie die monetären Anreize durch die zahlungskräftigen Touristen langsam alles Einheimische Verdrängen, wie die Fischkutter und Kutschfahrten über die Insel längst zum Folklorekitsch geworden sind, die zwar ein einträgliches Auskommen bescheren, aber keinen Sinn. Sogar das letzte Inselwäldchen wurde hier verkauft – und beständig klopfen die Immobilienmakler an Hanne Sanders Tür und lassen ihren Briefkasten von Kaufangeboten überquellen.

Scharf auch ihre Blick auf die Rituale auf einer solchen Insel, etwa der Alkoholkonsum, der schon den jungen Konfirmanden eingeschrieben wird. Auch der Tourismus, der längst vom familiären Miteinander der Gästezimmer zu einer anonymen Beherbung anspruchsvoller Fremder geworden ist. Doch neben aller Kritik ist Zur See auch ein beobachtungsscharfes Buch, das dem Inselgeist nachspürt und dem, was im Verschwinden begriffen ist.

Die Kräfte der Insel

Es gibt auf einer Insel eigene Naturgesetze, eine andere Art der Schwerkraft und der Anziehung vielleicht. Gezeitenströme, die noch nicht verstanden werden. Einen unerforschten Sog, dem Heimweh ähnlicher, aber stärker.

Ein Mensch, der hier geboren ist, kehrt irgendwann zurück, lebendig oder tot, egal, wie weit er segelt und wie lange er verschwunden bleibt, so lautet ein Gesetz der Insel.

Und für die meisten gilt es noch. Nur wenn sie jung sind, wagen sie den Sprung aufs Festland. Manche bleiben dann und leben mit dem Heimweh wie mit einem Rheuma, das in Schüben kommt und geht.

Dörte Hansen – Zur See, S. 18 f.

Schade nur, dass Dörte Hansen allzu deutlich das Klischee der menschenscheuen und einsilbigen Norddeutschen auf die Spitze treiben muss. Jeder hier lebt für sich, stirbt für sich und lässt andere kaum in die Seele blicken. Die Nachbarin mit dem ausgestopften Dackel, die sich als ernährungstechnischer Messie entpuppt. Jens Sander auf seiner Vogelbeobachtungsstation. Eske Sander nacht allein im Altersheim. Hanne in ihrem viel zu großen Haus. Jens in seinem Atelier. Alle leben sie nebeneinander her, statt miteinander.

Dieser Roman kommt mir vor wie ein Schachbrett, auf dem Dörte Hansen filigran ihre Figuren aus einem Stück holz drechselt und die sorgsam ausgestalteten Figuren in Position stellt, aber nicht mit ihnen spielt, sondern sich in der Beobachtung des Spielbrett ergeht.

Die Figuren interargieren so rein gar nicht miteinander. Jeder lebt für sich, denkt und handelt alleine, niemand reagiert auf das Schicksal der anderen oder unternimmt einen Versuch der Gestaltung des eigenen oder fremden Schicksals. Das mag natürlich dem Klischee der Norddeutschen entsprechen, für einen gelungenen Roman war es mir aber deutlich zu wenig. Da kann selbst der angeschwemmte Wal nicht mehr für Abhilfe schaffen, der ebenso verloren am Strand liegt, wie es die übrigen Figuren in diesem Buch tun.

Fazit

Mit Zur See bleibt sich Dörte Hansen treu und erzählt abermals von einer Welt, die im Verschwinden inbegriffen ist. Statt auf dem norddeutschen Land ist es hier nun eben eine Insel, deren Rituale und Bewohner*innen sie höchst plastisch mit einem tollen Sprachzugriff schildert. Vom sich wandelnden Tourismus, der Kulisse und der Folklore, die man den Fremden vorgaukelt und von der Einsamkeit, die allen unglücklichen Familien auf ihre Art und Weise eingeschrieben ist, erzählt die Bestsellerautorin und wird damit viele Leser*innen wieder glücklich machen.

Und doch bleibt bei mir das Gefühl von verschenktem Potenzial, interagiert doch keine ihrer sorgsam entworfenen Figuren miteinander, leben alle für sich und und sind auf ihre Art und Weise unglücklich. Es ist ein Buch, das viel beschreibt und bei dem ich mir ein wenig mehr zwischenmenschliche Handlung gewünscht hätte, selbst wenn das dem Klischee der menschenscheuen und wortkargen Norddeutschen entsprechen mag.


  • Dörte Hansen – Zur See
  • ISBN 978-3-328-60222-4 (Penguin)
  • 256 Seiten. Preis: 24,00 €

Steffen Mensching – Hausers Ausflug

Wenn Geflüchtete vom Himmel fallen. Steffen Mensching dreht in seinem neuen Roman Hausers Ausflug an den Stellschrauben der Realität und zeigt eine beunruhigende Zukunftsvision, die ebenso erschreckend wie durchaus denkbar erscheint.


Wenn es um die Abgrenzung vor Geflüchteten geht, dann hat Europa bereits ein ganzes Arsenal von Abwehrmechanismen installiert. Das reicht von der Grenzschutzeinheit Frontex und deren illegalen Pushbacks bis hin zu Zäunen und Mauern, mit denen sich der Westen vor Geflüchteten abschirmt. Man spricht von Flüchtlingswellen, warnt, dass sich das Jahr 2015 mit seinem Zustrom an Geflüchteten nicht wiederholen dürfe und pflegt Ressentiments gegenüber den Fremden.

Steffen Mensching entwickelt nun die Idee von der Abwehr und Rückführung von Geflüchteten in ihre Heimatländer noch ein ganzes Stück weiter. Diese Idee erschließt sich dem Leser von Hausers Ausflug aber erst stückweise. Denn zum Beginn ist alles genesisgleich dunkel in Menschings Roman.

David Hauser kommt langsam zu sich und muss feststellen, dass er sich im Inneren einer Box befindet – und diese wiederum muss sich an Bord eines Flugzeugs befinden. Ihm fehlen zentrale Erinnerungen an den letzten Abend und daran, wie er in diese Box gekommen ist. Doch um welche Box es sich handeln muss – insbesondere da sie sich in der Luft befindet – das wird ihm schnell klar, und damit auch langsam den Leser*innen.

Abwurf über dem Herkunftsland

Denn Hauser ist der CEO der Firma AIRDROP. Diese hat ein ebenso perfides wie einträgliches Geschäftsmodell ersonnen, das sich in der Zukunft unter europäischen Staaten großer Beliebtheit erfreut. Hausers Firma kümmert sich um die „Rückführung“ von Geflüchteten, die von AIRDROP nicht mehr per aufwändigem Abschiebeflug durchgeführt wird, der oftmals an Bürokratie oder unkooperativen Heimatländern scheiterte. Stattdessen bedient sich die Firma der Logik von Amazon und Co und betrachtet die Geflüchteten nur noch als zu versendende Fracht .

Steffen Mensching - Hausers Ausflug (Cover)

Geflüchtete werden in Boxen gepackt und per Flugzeug über ihrem jeweiligen Herkunftsland abgeworfen. Ausgeklügelt konstruiert mit Fallschirm und Bienenwabentechnik im Inneren der Box sollen sie so in ihre Heimatländer zurückgeführt werden, auf dass sie das paradiesische Europa nicht mehr betreten.

Ein Geschäft, dass in Hausers Augen und denen seiner Auftraggeber bisher nahezu reibungslos funktioniert hat, ein paar bedauerliche Todesfälle einmal ausgenommen. Doch nun steckt eben Hauser selbst in einer Box und findet sich schon bald in einer unwirtlichen Bergregion wieder, ausgestattet mit fremden Klamotten, Zigaretten, Multivitaminriegel und einem Pass auf den Namen Walid Said.

Wer hat Hauser in die Box gesteckt? Wer hat es auf ihn abgesehen? Wo steckt er überhaupt? Und was soll das alles? Viele Fragen plagen den Manager, der nun aber in der kargen Umgebung erst einmal um sein Überleben kämpfen muss, ohne Orientierung und eine Idee, wie ihm geschieht.

Hausers Ausflug zeigt einen Mann in völliger Konfusion, der vom Abschieber zum Abgeschobenen wird. Lief sein Geschäftsmodell gerade durch die Anonymität der Abwürfe prächtig, so sieht er sich nun auf einmal auf der anderen Seite des Tischs beziehungsweise im Inneren der Box sitzend.

Ein Mann im Überlebenskampf

Langsam erschließt er sich seine Welt und trifft in seinem Überlebenskampf auf einen anderen Menschen dort in der steinigen Mondlandschaft. Und ebenso langsam entsteht ein Bild der Welt, in der AIRDROP so großen Erfolg hat, wenngleich die satirische Überzeichnung der Gegenwart mit ihrem Rechtsdrall nicht zu den stärksten Aspekten des Buchs zählt.

Auch ist die Auflösung des Ganzen nicht wirklich befriedigend, verzichtet Steffen Mensching doch auf Erklärungen und lässt auch sein Buch im Handlungsbogen dann am Ende abbrechen. Die äußeren Rahmenbedingungen im Roman werden allenfalls skizziert, sind des Öfteren nicht wirklich plausibel gestaltet und rumpeln etwas vor sich hin.

Ihn interessiert in meinen Augen eher das Geschäftsmodell des Geflüchtetenabwurfs und die Dilemmata, denen sich Hauser nach seinem Absturz in der Wüste gegenübersieht. Plötzlich muss Hauser selbst ums Überleben kämpfen, er der sich früher allenfalls in den Anfangstagen seiner Firma noch für Listen mit abgeworfenen Geflüchteten interessierte und nun eher das süße Leben mit seinen Annehmlichkeiten und gewebten Socken genießen möchte, denn sich mit den Auswirkungen seiner Geschäftspraxis zu beschäftigen. Wie nimmt er sein Schicksal an, wie kreisen seine Gedanken? Das untersucht Steffen Mensching hier einmal mehr, indem er einen Mann in die Extremsituation eines Überlebenskampfs wirft.

Fazit

Sobald sich Hausers Ausflug weg von seiner Figur bewegt, wackelt die Konstruktion. Da aber, wo Steffen Mensching ganz dicht dran bleibt an seinem CEO auf Abwegen, da ist das Buch stark und zeigt einen Menschen im Überlebenskampf und eine perfide Technik, deren Einsatz hoffentlich Fiktion bleiben möge, auf dass Humanismus und Mitmenschlichkeit gewinnen.


  • Steffen Mensching – Hausers Ausflug
  • ISBN 978-3-8353-5305-3 (Wallstein)
  • 249 Seiten. Preis: 22,00 €

Sara Mesa – Eine Liebe

Das Landleben, es wirkt nicht nur auf deutsche Autor*innen anziehend, auch in Spanien gibt es das Phänomens des Dorfromans. Das beweist Eine Liebe, der neue Roman von Sara Mesa. Darin schickt sie eine Übersetzerin in eine kleines Dorf im spanischen Nirgendwo und konfrontiert sie mit sehr speziellen Männern und Tieren.


Das Dorf, in das es die Erzählerin Nat verschlägt, trägt den sprechenden Namen La Escapa. Es handelt sich dabei um einen winzigen Weiler, der umgeben von einer kargen Landschaft im Schatten des Glauco, eines massiven Bergs, seine Existenz fristet. Dort in diesen winzigen Weiler zieht sich die Übersetzerin zurück, um an einer Übertragung aus dem Französischen zu arbeiten. Doch auch das Erlebte aus der jüngeren Vergangenheit hat einen entscheidenden Einfluss auf den aktuellen Rückzug.

Das Haus, welches sie bezieht, ist nicht anders als eine Bruchbude zu bezeichnen. Der Wasserhahn leckt, die Bohlen sind von der Feuchtigkeit verzogen, das Dach undicht, der Garten verwildert und kaum fruchtbar. Und dennoch knüpft der unverschämte Vermieter Nat viel Geld für die Baracke ab, das sie ihm eingeschüchtert von seiner Präsenz monatlich aushändigt. Immer wieder taucht er unverhofft auf, bedrängt Nat und fällt mit einem übergriffen Verhalten auf, die sie ihm verängstigt und unterwürfig durchgehen lässt.

Ein unverschämter Vermieter

Unversehens taucht der Vermieter bei ihr auf – sie hatte ihn vollkommen vergessen. Wie gewohnt starrt er ihr ungeniert auf die Brüste, lässt dabei keinen Zweifel an an seiner Überlegenheit und Unverschämtheit. Nat hat das Geld nicht parat. Normalerweise hebt sie an einem Automaten in Petacas so viel ab, wie sie gerade braucht, aber als sie das letzte Mal dort war, hat sie nicht dran gedacht. Sie entschuldigt sich. Sagt, sie habe viel zu tun gehabt. Und ihn nicht schon wieder erwartet. Die Zeit vergehe einfach unglaublich schnell. Er blickt sie von der Seite an, presst die Lippen aufeinander, bis sie fast nicht mehr zu sehen sind. (…)

Wenn sie ihm das Geld überweisen könnte -die normalste Sache der Welt-, würde das alles nicht passieren. Oder wenn er wenigstens Bescheid geben würde, bevor er auftaucht, statt sich wie aus heiterem Himmel mit den Rechnungen in der Hand vor ihr aufzubauen, als hätte sie nichts anderes zu tun, als den ganzen Tag mit dem abgezählten Geld in einem Umschlag auf ihn zu warten. Diese Antworten kommen ihr aber erst im Nachhinein. Jetzt macht er es ihr durch sein Auftreten unmöglich, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Seine immer schmaler werdenden Lippen. Der funkelnde Blick. Die großtuerisch vor der Brust verschränkten Arme.

Sara Mesa – Ein Liebe, S. 120

Beistand findet sie im alten Hippie Píter, der Nat seine Hilfe anträgt, aber auch durch eigenwilliges Verhalten und abrupte Stimmungswechsel überrascht. Mal drängt er ihr Hilfe auf, mal äußert er sich verächtlich über Nachbarn oder den Vermieter, dann sucht er wieder Nats Nähe. Ebenso widersprüchlich wie Píter ist auch das Verhalten von Sieso, einem wilden Hund, den Nat gerne zähmen möchte und ihn nachts in ihrem Garten anbindet.

Ein unmoralisches Angebot

Sara Mesa - Eine Liebe (Cover)

Auch mit diesem Tier ist die Interaktion schwierig, fasst der Hund doch kaum Zutrauen, sucht mal das Weite, dann wieder Nats Nähe. Und auch bei Andreas, dem von anderen „Der Deutsche“ geheißenen Mann ist dieses Verhalten beobachtbar. Er wird im Dorf gemieden und argwöhnisch beäugt. Píter verachtet den Mann und bezeichnet ihn aufgrund dessen nicht vorhandenen sozialen Kompetenzen einen Autisten.

Mit ihm beginnt Nat eine Affäre, die unter denkbar eigenwilligen Voraussetzung mit einem unmoralischen Angebot ihren Ausgang nimmt. Denn nachdem sich das Dach von Nats Unterkunft als bei Regen sehr durchlässig erweist, weigert sich der Vermieter in irgendeiner Form den Mangel zu beheben. Andreas bietet ihr seine Hilfe bei der Reparatur an. Seine Forderung: Sex gegen Arbeit. Ein Agreement, auf das sich Nat nach einigem Nachdenken einlässt und aus dem sich eine im Dorf argwöhnisch beäugte Affäre entwickelt. Und dennoch kommt Nat diesem rätselhaften und widersprüchlichen Mann nicht wirklich näher.

Ein Buch voller widersprüchlicher Figuren

Eine Liebe ist eine Buch, das von der Widersprüchlichkeit handelt. Das beginnt bei der Tat, die Nat zu ihrem Zuzug nach La Escapa bewogen hat, setzt sich in ihrem eigenen Verhalten gegenüber dem unverschämten Vermieter oder Andreas fort und ist jeder Figur in diesem Buch eingeschrieben. Sei es Mensch oder auch Tier, viele Figuren in diesem Buch fassen einem Moment Zutrauen, dann aber zeigen sie sich wieder abweisend oder aggressiv beißen – im übetragenen Sinn und wörtlich.

Auch ist der Stil dieses Romans bemerkenswert. Figuren und Prosa sind hier ebenso karg wie die unwirtliche Landschaft, die La Escapa umgibt. Wirkliche Liebe, ein dörfliches Miteinander oder Harmonie sind hier kaum zu entdecken und höchstens in Ansätzen vorhanden. Stattdessen lebt in La Escapa jeder für sich, verachtet die Nachbarn, ist unfreundlich und macht des dem Dorfneuling Nat nicht wirklich einfach, die zudem auch mit ihrer Übersetzung kämpft.

Wenn der Klappentext des Buchs bemerkt, dass Sara Mesa auf den Luxus von Details verzichtet, dann ist das mehr als zutreffend, auch wenn ich persönlich Details nie als erzählerischen als Luxus sehen würde. Aber die Kargheit ist diesem Buch auf jeder Seite eingeschrieben (ins Deutsche übertragen durch Peter Kultzen). Auch das erratische und widersprüchliche Verhalten der Figuren wird letzten Endes auch nicht durch die Psychologie der Figuren erklärt, sondern steht einfach unaufgelöst für sich. Alles in Sara Mesas Buch ist staubig, schmutzig und wenig wohnlich eingerichtet.

Fazit

Mit La Escapa entwirft Sara Mesa ein Dorf, in das man nicht wirklich gerne ziehen möchte. Sie schreibt einen Dorfroman, der durch seine Unbehaustheit und seinen schonungslosen Blick auf das gesellschaftliche Miteinander oder eher Gegeneinander im spanischen Hinterland besticht.

Mit Eine Liebe gelingt es Sara Mesa, die Schroffheit der Umgebung und das karge Leben dort in Prosa zu überführen. Sie zeigt widersprüchliche Figuren und deren schwieriges Miteinander und liefert so einen Dorfroman, der frei von Klischees oder romantischer Verblendung ist. Eine Liebe fällt eher das Genre des Anti-Dorfromans. Denn wer dieses Buch gelesen hat, der überlegt sich den Umzug in ein Dorf vom Schlage La Escapa im spanischen Hinterland sicherlich noch einmal gut.


  • Sara Mesa – Eine Liebe
  • Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
  • ISBN 978-3-8031-3351-9 (Wagenbach)
  • 192 Seiten. Preis: 23,00 €