Zehn Fragen – neun Bücher

Zehn Fragen zu Büchern

Meine Augsburger Blogger-Kollegin Birgit Böllinger hat auf ihrem Blog Sätze und Schätze einen älteren Fragebogen noch einmal gepostet, über dessen Beantwortung ich gegrübelt habe. Nun sind die Antworten gefunden!

  1. Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Das war Rainer M. Schröders Roman Das Vermächtnis des alten Pilgers. Ein farbiger Abenteuerroman aus der Zeit der Kreuzzüge, der mich im Alter von zehn oder elf Jahren zum ersten Mal eine ganz Nacht lang durchlesen lies. Und fortan war ich dem Autor verfallen und habe heute noch das Oeuvre des Autors in meinen Regalen stehen.

2. Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Das war Ralf Isaus Das Museum der Erinnerungen. Ausgehend vom Pergamon-Altar erzählt der Autor eine phantastische Geschichte von Erinnerungen und Phantasie. Das Buch hat mich damals sogar dazu gebracht, in der Schule ein Referat über Isaus Erzählung zu halten.

3. Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Ein Leser war ich davor schon immer, doch im Alter von 12 Jahren griff ich das erste Mal in der lokalen Stadtbücherei zu einem Buch von Robert Ludlum, was meinen Lesegeschmack für die nächsten Jahre stark prägen sollte. Krimis und Thriller waren fortan die Bücher, die ich am häufigsten aus der Bücherei heimschleppte. Auch wenn Der Prometheus-Verrat – so hieß das Buch –  an meinen heutigen Standards gemessen eine Räuberpistole und schlecht geschrieben war, so weckte es doch in mir den Wunsch nach mehr Bücher, die mich fesselten.

4. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

EIN Buch gibt es da nicht, einige Titel habe ich doppelt gelesen, aber ein Dauerlesebrenner ist Der Name des Windes von Carlos Ruiz Zafon genauso wie Richard Flanagans Goulds Buch der Fische. Lektüren, in denen sich immer wieder etwas Neues entdecken lässt.

5. Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

Angesichts der vielen hundert Bücher, die noch auf mich warten, wäre es etwas verfrüht, bereits jetzt ein Buch festlegen zu wollen, welches ich als DAS wichtigste Buch erachte. Eines, das aber auf alle Fälle Potential für diese Kategorie hat ist Anthony Marras Die niedrigen Himmel.

6. Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Also bei mir ist das die Odyssee von Homer, die bei mir in meinen Bücherstapeln auf mich lauert. Kann mich ein solch betagtes Werk noch begeistern oder sagt mir das Opus Magnum Homers heute nichts mehr? Vor diesem anspruchsvollen Buch habe ich auf alle Fälle Respekt und werde ich etwas einarbeiten müssen

7. Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Vieles von den Bestsellerlisten und generell alles von Sebastian Fitzek. Stilistisch mangelhaft, unausgegorene und abstruse Plots, Metzelorgien ohne Sinn und Verstand – Fitzeks Output ist eine Zumutung, aber jedes Mal auf Platz eins der Bestsellerlisten. Ein Rätsel.

8. Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

Ein Buch? Wirklich ein Buch? Die Zahl der Wunsch-Lektüre ist eher dreistellig, doch wenn ich mich auf ein Buch beschränken müsste, es wäre wohl Lew Tolstois Krieg und Frieden.

9. Das Buch, das Dir am meisten Angst macht

Das ist Marisha Pessls Die amerikanische Nacht. Gekonnt verwebt die Autorin darin die Realität mit der Fiktion über einen mysteriösen Filmemacher und collagiert das Ganze zu virtuos, dass man zunehmend an seiner Wahrnehmung zweifelt.

10. Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Auf diese Frage fällt mir wirklich keine Antwort ein, da ich eh ein lausiger Autor wäre und keinem Autor seinen verdienten Ruhm streitig machen möchte. Gut dass sich die Autoren und Autorinnen solche tolle Welten erdacht haben, für mich reklamieren möchte ich keine.

 

 

Wie sehen eure Antworten aus? Was sind die Bücher, die euch beeinflusst haben? Auf andere Listen bin ich sehr gespannt!

Angelika Felenda – Wintergewitter

Bereits einmal ließ Angelika Felenda ihren Kommisär Reitmeyer im krisengeschüttelten München ermitteln, nämlich im Fall Der eiserne Sommer. Damals  dräute der Erste Weltkrieg und in der Landeshauptstadt München brodelte es. Nachdem am Ende des Buchs der Kommisär seinen Einzugsbefehl an die Front erhielt, ist er nun nach sechs Jahren wieder zurück in München. Als Kriegszitterer hat er einige Traumata aus dem Krieg mitgebracht und versucht die Erinnerungen mit Geigenspiel zu verjagen.

wintergewitterDoch auch zwei Jahre nach Kriegsende kommt die Landeshauptstadt nicht zur Ruhe. Bürgerwehren patrouillieren auf den Straßen, die rechten und das linken Lager tragen blutig ihre Fehden aus und der verlorene Weltkrieg hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Sehr angespannte Zustände also, in denen sich München befindet. Der neue Fall für den Ermittler Reitmeyer nimmt sich allerdings erst einmal ganz unpolitisch aus. Eine junge Kellnerin namens Cilly Ortlieb wurde tot im Keller eines Gasthauses aufgefunden. Recht schnell steht der Tathergang fest. Das Mädchen wurde mit einer Heroinspritze ermordet. Das alleine würde kaum Aufsehen erregen, doch schon bald wird eine weitere junge Frau tot auf einer Parkbank sitzend aufgefunden. Der Modus Operandi des Täters ist identisch. Was ist das Motiv des Täters? Die Suche nach Erkenntnis führt den Kommisär in die Palais von Adeligen, bringt ihn mit der rechten Einwohnerwehr in Kontakt und wird schließlich zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Continue reading

Frankfurter Buchmesse 2016

Alle Jahre wieder, so auch dieses Jahr – 4,5 Stunden Busfahrt von der Fuggerstadt Augsburg bis in die Messestadt Frankfurt, dann Rundgänge, Termine, Stöbern, Schauen, dann 4,5 Stunden Rückfahrt und damit wieder viel Zeit im Bus. Zeit, die die platten Füße zur Erholung brauchen und auch Zeit, um die neuen literarischen Errungenschaften in Augenschein zu nehmen.

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Die Agora, das Herz der Buchmesse

Die diesjährige Messe war mit einem Partnerland-Doppel gekoppelt, nämlich den Niederlanden und Flandern. Deren grenzenübergreifender Sprachraum bildete die Basis für die Kooperation mit der Buchmesse. In der Gastland-Halle zeigten die beiden Länder dann auch prompt, welchen literarischen Output dieser Sprachbereich beisteuert. Namhafte Autoren wie Tommy Wieringa, Margriet de Moor oder Leon De Winter waren mit ihren Büchern nicht nur im Forum vertreten, sondern auch an bei allen Ständen und Podien mehr als präsent.

Immer wieder hörte man mit dem niederländische Satzfetzen oder stolperte an den Ausstellerständen über Titel aus den Nachbarländern, die sich größtenteils interessiert anlasen und in den nächsten Wochen hier auch noch auf dem Blog vorgestellt werden. Doch nun erst einmal von Anfang an: Continue reading

Nathan Hill – Geister

Die Geister, die ich rief …

Was für ein Buch – Nathan Hills Debüt Geister bringt es auf stattliche 864 Seiten und verlangt dem Leser einiges an Kondition ab. Ins Deutsche übertragen wurde der Titel vom Übersetzerduo Werne Löcher-Lawrence und Katrin Behringer. Erschienen ist es im Münchner Piper-Verlag.

In seinem Roman entfaltet Hill das Panorma zweier Existenzen – zum einen das des Englisch-Professors Samuel Anderson und zum anderen das seiner Mutter Faye Anderson-Andresen.

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Verbunden sind diese nicht nur durch ihre Herkunft, sondern auch durch ein Geheimnis, das Samuel nun endlich ergründen möchte. Eines Tages verließ seine Mutter einfach ihn und seinen Vater und verschwand ohne ein weiteres Lebenszeichen aus deren Leben.

Und nun tritt sie Jahre später mit einem Knall erneut in Samuels Welt. Sie wird nämlich gerichtlich dafür belangt, einen republikanischen Präsidentschaftsbewerber attackiert und mit Steinen beworfen zu haben. Da Samuel finanziell mehr als in der Klemme steckt, soll er nun eine alte Bringschuld für seinen Verleger einlösen und ein Buch über diesen Vorfall und damit über seine Erzeugerin schreiben. Er beginnt mit seiner Recherche, und dringt dabei auch tief ins Jahr 1968 vor. Damals versetzten die Studentenunruhen und Proteste ganz Amerika in Aufregung und im Leben von Samuels Mutter spielten sich entscheidende Dinge ab, die sie für immer prägen sollten.

864 abwechslungsreiche Seiten

864 Seiten, das klingt auf dem Blatt erst einmal nach einem wirklichen Ziegelstein von Buch. Doch Nathan Hill ist ein zu guter Schriftsteller, als dass er seine LeserInnen wirklich zu so vielen Seiten verpflichten wollte, wenn er nichts zu erzählen hätte. Seine Doppelbiografie zweier kantenreicher Persönlichkeiten liest sich ausnehmend kurzweilig, was auch der Montagetechnik des Romans geschuldet ist. Immer wieder springt er zwischen den Jahren 2011 und 1968 hin und her und variiert auch seine Schreibe.

So berichtet er von Computerspiel-Episoden, ersinnt eine Entscheide-Dich-Geschichte und liefert mit einer brillant choreografierten Schilderung der Antikriegs-Demonstrationen in Chicago 1968 den für mich überzeugendsten Teil der Geister ab. Diese variantenreiche Erzählweise macht den großen Reiz aus und sorgt dafür, dass man sich gut in Hills Protagonisten einfühlen kann.

Besonders sticht bei diesem Buch auch hervor, dass der junge Autor nicht alles zwangsläufig auserzählen muss.

Ein verheißungsvoller Literat macht sich warm

Entscheidende Passagen oder Schlüsselszenen spart er manchmal auch aus und überlässt deren Inhalt der Fantasie des Lesers. Immer wieder bringt er neue Facetten zum Vorschein oder legt den Fokus auf unterschiedliche Protagonisten (darunter auch Personen der Zeitgeschichte wie etwa Allen Ginsberg). Dies lässt aus diesem toll gestalteten Buch eine spannende und abwechslungsreiche Lektüre werden.

Ein großer amerikanischer Roman für diesen Herbst. Hier macht sich ein neuer Literat am Seitenfeld warm, der schon bald altgedienteren und etablierten Great-American-Novel-Schreibern den Rang ablaufen könnte!

Donal Ryan – Die Gesichter der Wahrheit

Ein kleines Dorf in Irland, getroffen von der Rezession. Dieses Dorf hat sich der Schriftsteller Donal Ryan erwählt, um hier einen Blick in den Kosmos der Dorfgesellschaft und damit im Endeffekt auch auf die Lage des Landes zu werfen. Ryan erzählt von Kindergärtnern, Bauarbeitern oder auch aus der Perspektive von Kindern, die einen ganz eigenen Blick auf das Dorfleben haben.

pressebild_die-gesichter-der-wahrheitdiogenes-verlag_72dpiDie Rezension hält das kleine irische Städtchen am Boden und das Bild eben jenen Dorfes wird von Bauruinen dominiert, die nach dem Platzen der Finanzblase nicht mehr weiter gebaut wurden. Der lokale Bauunternehmer hat seine Mitarbeiter ausgeschmiert und nun brodelt es im Dorf. Doch auch zwischenmenschliche Konflikte treten immer mehr zutage, sodass am Ende dieses Erzählreigens eine Entführung und sogar ein Mord stehen werden. Wie es dazu kam erschließt sich Stück für Stück aus den einundzwanzig Geschichten, die damit die Gesichter der Wahrheit bilden.

Nach seinem sehr guten Erstling Die Sache mit dem Dezember gibt es nun Nachschlag von Donal Ryan . Abermals kam die Übersetzerin Anna-Nina Kroll zum Einsatz, die den Titel The spinning wheel als Die Gesichter der Wahrheit ins Deutsche übertrug. Sie hat es recht gut geschafft, den Slang der irischen Landbevölkerung ins Deutsche zu übertragen. Chorisch berichten die Protagonisten Ryans, die meist kein Blatt vor den Mund nehmen und so Zeugnis vom Niedergang eines ganzen Landes geben.

Dass bei einundzwanzig Geschichten auf 240 Seiten keine große Tiefe oder Profilschärfe in puncto Figurenzeichnung zu erwarten ist, das ist klar. Dafür gelingt es Ryan aber schnell, von Geschichte zu Geschichte zu wandern und sein Spinnrad der Fiktion von Speiche zu Speiche zu drehen – ein Panoptikum des Niedergangs, schnell auf ein wenig mehr als 250 Seiten erzählt.