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Donatella di Pietrantonio – Die zerbrechliche Zeit

Schicksale am Fuße des Dente del lupo. In ihrem mit dem diesjährigen Premio Strega ausgezeichneten Roman Die zerbrechliche Zeit erzählt Donatella di Pietrantonio von prägenden Erlebnissen auf einem Campingplatz in den Abruzzen, die in einer Mutter durch die Heimkehr ihrer Tochter wieder wachgerufen werden.


Dente del lupo, Wolfszahn, so wird der Berg in den Abruzzen geheißen, der in Donatello di Pietrantonios Buch alles überragt. Am Fuße dieses Berges liegt ein Grundstück, das der Vater seiner Tochter Lucia überschreiben will. Früher befand sich auf dem Grundstück ein Campingplatz, nun aber hat die Natur dort am Berg mit der Rückeroberung des Gebiets begonnen. Längst haben die Schäfer und ihre Herden dem Dente del lupo wieder einen Lebensraum abgetrotzt und beweiden Flächen dort oben. Eine Schärfe besitzt der Berg aber immer noch, wenngleich eher in psychologischer Hinsicht. Denn einst schlugen Ereignisse dort oben Wunden in Lucias Seele, die im Lauf des Romans wieder aufbrechen.

Denn nicht nur, dass ihr Vater ihr das fragliche Grundstück mit den Überresten des Campingplatzes vermachen will. Auch ihre Tochter Amanda ist auch Mailand heimgekehrt, kurz bevor die Corona-Pandemie das ganze öffentliche Leben zum Erliegen brachte.

Rückkehr zum Dente del lupo

Ich habe sie zu viel allein gelassen in der Großstadt. Bei ihrer Rückkehr war sie eine andere. Ich glaubte, sie sei von ihren neuen Freundschaften in Anspruch genommen, aber sie existierten nur in meiner Fantasie.

Nach ihrer Abreise füllte ich meine Tage mit Patienten, suchte in der Arbeit Betäubung. Daheim kam zu der kalten Hälfte des Ehebetts Amandas leeres Zimmer. Sie waren im Abstand von wenigen Monaten gegangen, Vater und Tochter. Mein Mann, unser Kind. Im November habe ich den Heizkörper abgestellt und die Tür des Zimmers, in dem sie aufgewachsen war, geschlossen. Habe mich dem Winter gestellt.

Sie muss frei sein, sagte ich mir, deshalb bestieg ich keinen Zug. Innerlich fühlte ich mich schwach, beschränkte mich auf die Alltagsdinge, mehr wagte ich nicht. Ich wollte nicht, dass sie sag, wie es mir ging. Ich habe die Angst gezähmt, die ich um sie hatte. Ein Ort, den sie sich so sehr gewünscht hatte, konnte ihr nichts Böses tun.

Donatella di Pietrantonio – Die zerbrechliche Zeit, S. 65

Langsam versucht Lucia zu ergründen, was Amandas Heimkehr und ihre charakterliche Veränderung verursacht hat. Die Suche nach den auslösenden Momenten fördert dabei auch aus Lucias eigener Jugend Erinnerungen zutage und bringt Dinge zum Vorschein, die vor allem mit dem Campingplatz zu tun haben, auf dem Lucia einst ihre Sommer verbrachte.

Das Leben von Mutter und Tochter

Donatella di Pietrantonio - Die zerbrechliche Zeit (Cover)

In zwei Rückblenden verschränkt di Pietrantonio das gegenwärtige Leben von Mutter und Tochter mit dem Sommer vor vielen Jahren, als ein Vorfall im Dorf für Aufsehen sorgte und der Erinnerungen an Fälle männlicher Gewalt wachruft. Diese Gewalt, sie dauert an und setzt sich wie ein Kontinuum bis zum heutigen Tag fort – und das nicht nur in Italien, sondern auch in unserer Gesellschaft. Liest man Die zerbrechliche Zeit, werden Assoziationen geweckt, etwa jüngst an die grauenvollen Ereignisse, die zwei amerikanischen Touristinnen nahe Schloss Neuschwanstein widerfuhr.

Donatello di Pietrantonios Roman öffnet den Raum für derlei Themen und Gedanken. Es ist ein präziser Roman, in dem die schreibende Kinderzahnärztin Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft und verknotet – und langsam wieder entspinnt. Das erfordert ein langsames und genaues Lesen, denn Die zerbrechliche Zeit ist gesättigt von Atmosphäre und Schwebungen, die zwischen den Charakteren und den Zeilen herrschen (übersetzt von Maja Pflug).

Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren

„Es geht nicht nur um das, was du siehst“. Dieser Satz, den Lucias Vater bei der Begehung des familieneigenen Besitzes auf dem Berg äußert, er lässt sich auch auf Pietrantonios Roman übertragen. Denn die äußere Handlung in der Gegenwart ist alles andere als spektakulär, vielmehr geht es um das Innere, um Seelenlandschaften und die Gefahren, die sich Frauen heute wie einst ausgesetzt sehen.

Filigran und durchdacht werden die Themen von di Pietrantonio in einen genauen Erzählton gekleidet, was mich persönlich in einigen Passagen an das ebenfalls so verdichtete Erzählen Maja Haderlaps erinnerte. Mit Sinn für Verletzlichkeit, Präzision und einem Fokus auf den Auswirkungen von Gewalt erzählt Die zerbrechliche Zeit von einer Mutter und Tochter und arbeitet Erinnerungen und kontinuierliche Gewalt als Themen des Romans gekonnt auf.

Die Auszeichnung mit dem Premio Strega ist mehr als gerechtfertigt, vor allem in einer Zeit, in der Frauenrechte und Gleichberechtigung nicht nur in Italien sondern weltweit in Gefahr geraten und die Gesellschaft in alte, patriarchale Rollenmuster zurückzufallen droht. Hier braucht es Romane wie den von Donatella di Pietrantonio, um aufzurütteln, zu sensibilisieren und Diskussionen anzustoßen. Dass die Autorin dabei nicht nur mit der Relevanz ihres Themas sondern auch der literarischen Ausgestaltung überzeugt, macht Die zerbrechliche Zeit noch einmal wertvoller!


  • Donatella di Pietrantonio – Die zerbrechliche Zeit
  • Aus dem Italienischen von Maja Pflug
  • ISBN 978-3-95614-621-3 (Kunstmann)
  • 224 Seiten. Preis: 22,00 €

Gian Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos

Es ist ein Plan, der an Absurdität kaum zu überbieten ist. Der junge Francesco „Cesco“ Magetti soll im beschaulichen Asti nichts weniger als eine Karte zeichnen, die Die Eisenbahnen Mexikos verzeichnet – auf Befehl von ganz oben. Und so macht sich der junge Mann darin, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs eine solche gewünschte Karte zu zeichnen, ohne jemals in Mexiko gewesen zu sein. Gian Marco Griffi macht aus dieser Ausgangslage einen Roman, der das Absurde, aber auch das Brutale und Gewalttätige in Zeiten des Faschismus grell ausleuchtet.


Asti ist eine Stadt im Norden Italiens, die man hierzulande sicherlich am ehesten für ihren Rot- und vor allem für ihren Schaumwein kennt. Im Piemont gelegen ist die Stadt nicht nur der Wohnort von Gian Marco Griffi – auch seinen Roman Die Eisenbahnen Mexikos siedelt er in dieser Stadt an.

Man tritt Asti nicht zu nahe, wenn man die Stadt nicht unbedingt als den Nabel der Welt bezeichnet. Regional gewiss von Bedeutung, weltpolitisch aber eher zu vernachlässigen ist die Stadt, die heute gut 73.000 Einwohner zählt. Bei Gian Marco Griffi konzentriert sich das ganze Schicksal allerdings auf jenen Ort, an dem der junge Cesco Magetti im Jahr 1944 beim Kommando der Republikanischen Nationalgarde der Eisenbahnen seinen Dienst tut.

Zahnweh und Zweiter Weltkrieg

Die Republik liegt in Schutt und Asche, die Nazis haben das Land besetzt, die Männer wurden zum Militärdienst eingezogen und um Cesco herum lösen sich alle Gewissheiten auf. Das ist für den jungen Mann dabei noch nicht einmal das Schlimmste. Denn zu allem Überfluss peinigt ihn Zahnweh, das ihn den Großteil des Romans über beschäftigen wird.

Es war eine üble Zeit. Ennio war desertiert, Luigi Bocca hatten sie versehentlich ins Ohrläppchen geschossen, Lehrer Pozzi hatte drei Finger seiner rechten Hand verloren und fluchte jedes Mal, wenn er zum Schreiben mit der linken herumfuhrwerken musste. Der König hatte Reißaus genommen, in den Zügen kamen Fahrgäste abhanden, der Barbier Gianni hatte ebenfalls Reißaus genommen, war auf irgendeinen Hügel gestiegen, um die Republik zu bekriegen, und im Viertel liefen alle mit ungemachtem Bart herum. Auch Pietro war desertiert, das Kino Gran Cinema Vittoria war geschlossen worden, mein Zahnarzt Grandi saß wegen Verrats im Gefängnis Le Nuove in Turin, und ich hatte seit drei Tagen Zahnweh.

Gian Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos, S. 9

Eigentlich aber sind die Zahnschmerzen das kleinste Problem des Nationalgardisten. Denn der bedauernswerte Magetti ist das Ende einer Befehlskette, die ihren Anfang in den obersten Kreisen der nationalsozialistischen Führung nahm. Schwer in die Defensive geraten meinen die Nazis nun aufgrund einer der vielen kuriosen und absurden Unwahrscheinlichkeiten in diesem Buch, das ausgerechnet im von Italien maximalweit entfernten Mexiko eine Wunderwaffe liegen soll. Ein geheimnisvoller Ort birgt sie, auf Karten findet er sich nicht. Ein Problem, das Cesco Magetti für die Machthaber lösen soll.

Eine Karte für die Eisenbahnen Mexikos

Gian Marco Griffi - Die Eisenbahnen Mexikos (Cover)

Die Anfertigung einer Karte, die diesen Ort ebenso wie die Eisenbahnen Mexikos beschreibt, endet bei ihm in so unmexikanischen Städtchen Asti. Als letzter Empfehlsempfänger in der Delegationskette macht er sich nun daran. die gewünschte Karte zu zeichnen. Über die Stadtgrenzen von Asti ist er allerdings nie wirklich hinausgekommen. Südamerikanischen Boden hat er erst recht nie betreten. Und so versucht er nun händeringend in der Provinz das zu beschaffen, was seine Vorgesetzten von ihm erwarten. Die Jagd nach hilfreichen Hinweisen gerät dabei aber zu einer Verkettung von Unwahrscheinlichkeiten und Absurditäten, die ihn zu Eisenbahndepots, Buchsammlern, in die Bibliothek und auf den Friedhof von San Rocco führt.

Dies bleibt beileibe nicht die einzige Verkettung von Ungemach und Schicksal. Die Eisenbahnen Mexikos ist voll von derlei wechselweise komischen und tragischen Verstrickungen, die die Figuren umfangen. Egal ob die Hintergründe für den absurden Plan der mexikanischen Eisenbahnkarte, die Jagd nach einem hilfreichen Buch oder die Befehlsketten der Nationalsozialisten – Gian Marco Griffi spürt mit viel Platz, Zeit und Detailfreude diesen Ketten nach.

Ausführlich erzählt er vom Wahnsinn, der mit dem Krieg einhergeht. Neben Himmelfahrtskommandos wie Cesco Auftrag als Kartograph sind es auch die Nazis, deren Gebaren der Roman auf komische, aber keineswegs lustige Art und Weise beschreibt, Immer schimmert durch alle Absurditäten, Fantastik und komische Momente auch die Brutalität des Kriegs durch. Egal ob in einer besondere Nazi-Entwicklungsabteilung in einer abgelegenen Villa im Elbtal oder dem Disput zweier golfspielender Soldaten auf dem Golfplatz.

Eine Mischung aus Absurdität, Verzweiflung, Komik, Gewalt und Slapstick

Es ist diese eigenwillige Mischung aus Absurdität, Komik, Verzweiflung, Gewalt und Slapstick, die Die Eisenbahnen Mexikos kennzeichnet. Immer wieder nimmt der Roman neue erzählerische Anläufe, nimmt unterschiedliche Perspektiven ein und lässt Originale wie einen Kornett spielenden Totengräber ihren Auftritt.

Ein stringentes und glaubwürdiges Leseerlebnis ist dieser 2023 für den Premio Strega nominierter Roman nicht immer. Vielmehr sind es die Grenzbereiche von Absurditäten und Wahnsinn, die Gian Marco Griffi hier in seinem fast barocken und sprachlich höchst vielfältigen (und von Verena von Koskull hervorragend aus dem Italienischen übersetzten) Roman ausführlich erkundet. Halb Odysseus, halb Sisyphos schickt er seinen zahnschmerzgeplagten Helden Cesco Magetti auf eine Reise, die man so schnell nicht vergisst.


  • Francesco Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos
  • Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-546-10084-7 (Claassen)
  • 800 Seiten. Preis: 36,00 €

Maria Messina – Das Haus in der Gasse

In dieses Haus möchte man wirklich nicht einziehen. Mit großem Geschick für psychologische Schwingungen und Konflikte inszeniert Maria Messina in Das Haus in der Gasse das problembehaftete Zusammenwohnen höchst unterschiedlicher Menschen in einem düsteren Haus irgendwo in einer sizilianischen Stadt. Es ist nichts weniger als die Wiederentdeckung einer vergessenen italienischen Autorin!


Sie zählt zu den vergessenen Autorinnen der italienischen Literaturgeschichte: Maria Messina. Früh konnte sie den Kritiker Giuseppe Antonio Borgese mit ihren Erzählungen begeistern, viel Ruhm war ihr aber nach den schriftstellerischen Erfolgen zeit ihres Lebens nicht beschert. Nicht einmal biografische Eckdaten oder Details ihres Lebens haben sich erhalten, wie Christiane Pöhlmann in ihrem kenntnisreichen Nachwort zu Das Haus in der Gasse ausführt.

So war lange Zeit der funktionale 1. Januar des Jahres 1944 als Sterbedatum von Marina Messina festgelegt, ehe sich nach einem Fund der Sterbeurkunde der 19. Januar als wirkliches Todesdatum von Messina datieren ließ. Kaum ein Fitzelchen von Information über die Schriftstellerin hatte Bestand. Das im toskanischen Pistoia aufbewahrte Archiv der Schriftstellerin war durch einer Bombardierung zerstört worden. Und so verlieren sich die Spuren Maria Messinas in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, der zum Zeitpunkt ihres Todes schon längst Chaos und auflösenden Strukturen über das ganze Land gebracht hatte. Nicht einmal ein gravierter Grabstein erinnerte lange Zeit an die Autorin aus dem Süden Italiens.

Die vergessene Maria Messina

Maria Messina - Das Haus in der Gasse

Erst der ebenfalls in Sizilien geborene Autor Leonardo Sciascia sorgte für eine Wiederentdeckung der Autorin – die allerdings auch nicht von langer Dauer war. Auch die Welle der (Wieder)Entdeckung der feministischen Literatur in Italien sorgte allenfalls für ein kurzer Strohfeuer, das die Werke Maria Messinas für die die damaligen Leser*innen zu entfachen wussten. Denn nicht nur, dass Messina aufgrund ihrer kaum zu greifenden Biografie wenig Interesse weckte und schon gar nicht als markantes Vorbild taugte – auch ihr Werk selbst entzog sich griffigen Schlagwörtern und Parolen, die der damalige Zeitgeist bevorzugte, wie Pöhlmann im Nachwort ausführt.

Denn bewusste Botschaften, klare Einordnungen und eindeutige Figurenzeichnungen gibt es in Das Haus der Gasse nicht. Vielmehr erweist sich Maria Messina als Meisterin für Psychologie in ihren Figuren und erzählt eine Geschichte, die weniger in einer konkreten Zeit und Ort verhaftet ist, als vielmehr das Allgemeine im menschlichen Zusammenleben herausarbeitet und in den Mittelpunkt stellt.

Das Zusammenleben im Haus in der Gasse

Schauplatz des 1921 entstandenen Romans ist das titelgebende Haus in der Gasse, irgendwo in einer italienischen Stadt nahe des Meeres. Hier lebt Don Lucio, ein von seiner Familie gefürchteter Pedant. Ob Pantoffel, Zitronenwasser, Pfeife zum Rauchen oder die Massage seines Kopfes – alles muss zur rechten Zeit erfolgen und darf nicht vom gewohnten Gang abweichen.

Einst ehelichte Don Lucio Antonietta, deren Vater sich mit Schulden überhäuft hatte, die er Don Lucio als Gesandten des Barons, zurückerstatten musste. Aus diesem Schuldverhältnis ergab sich ein – natürlich – regelmäßiger Kontakt mit Don Lucio, dem auch bald der Antrag für die junge Antonietta erwuchs. Schon kurz nach dem Auszug Antonietta brach das restliche familiäre Gefüge zuhause zusammen. Der Vater starb, die Familie verstreute sich in alle Winde, nur die jüngere Nicola brauchte Obdach, das sie ebenfalls im Haus in der Gasse fand.

Immer und ewig einander gleich und bedrückend verstrichen die Stunden im Haus in der Gasse.

Maria Messina – Das Haus in der Gasse, S. 149

Und so verstricken sich im Laufe des Romans nun die Figuren gegenseitig in Neid, Rivalität und Begehren. In der stets untergründig bedrohlichen und angstgesättigten Atmosphäre des Hauses wachsen die Kinder von Don Lucio und Antonietta heran. Nicola übernimmt ebenfalls Betreuung und Hausarbeiten und bewegt sich im Spannungsfeld der Eheleute, während Don Lucio sie begehrt, im Gegensatz zu seinen Gefühlen für seine Schwägerin seine Kinder aber mit Distanz und Härte erzieht.

Neid, Rivalität, Enge und Kälte

Eindrücklich schildert Maria Messina das komplizierte Miteinander aus Anziehung und Abstoßung, Kälte und aufflackernder Liebe. Mit viel Gespür für psychologische Schwingungen, Rivalität und Verbrüderung beziehungsweise Verschwesterung inszeniert sie den Alltag der Familie, der sich wenig spektakulär ausnimmt, dafür umso eindringlicher die weiblichen Perspektiven im Haushalt unter einem despotischen Hausherren schildert.

Man verlässt das Haus so gut wie nie, Spaziergänge oder Ausflüge ans nahegelegene Meer gibt es nicht, sie sind Don Lucio verhasst. Alles was Freude bringt, ist in diesem Haushalt verpönt. Liebe und Wärme findet sich so gut wie gar nicht, nur die Enge umgibt Messinas Figuren. Folglich wirbeln die Gedanken Nicolas auch durcheinander, als ihre Schwester Don Lucio ein Mädchen gebärt:

Warum musste es in diesem traurigen Haus zur Welt kommen?

Aber als sie die rosigen, fest geschlossenen Fäustchen betrachtete, bekam sie auch mit dem Eindringling Mitleid.

Wenn es nur ein Junge wäre, sagte sie sich. Sein Los wäre einfacher. Frauen sind zum Dienen und zum Leiden geboren. Zu nichts anderem.

Maria Messina – Das Haus am Ende der Gasse, S. 76

Die Selbstaufgabe, Kasteiung und Verleugnung jeglicher eigenen Ansprüche oder Entfaltung von Frauen unter einer patriarchalen Herrschaft, sie nimmt Maria Messina in diesem Roman so gnadenlos und zeitlos in den Blick, dass sich Das Haus in der Gasse auch in unseren Tagen frei von Staub und Sentiment liest.

Hoffentlich eine dauerhafte Entdeckung

Dass Maria Messina nun in einer dritten Welle der Wiederentdeckung endlich der verdiente Ruhm und postume Bekanntschaft zukommt, das bleibt zu hoffen, schreibt doch hier eine Autorin mit genauem Blick für die Anhängigkeiten von Frauen und dem komplizierten Miteinander von Menschen, grundiert von tiefgreifendem psychologischen Gespür für Zwischenmenschliches.

Zumindest der herausgebende Verlag der Friedenauer Presse unter Christian Döring und Christiane Pöhlmann, die nicht nur als Autorin des Nachworts fungiert, sondern auch die vorliegende, sehr präzisen Übersetzung durch Ute Lipka durchgesehen hat, haben ihren Verdienst zweifelsohne erbracht.

Jetzt ist es an den Leserinnen und Lesern, diese Autorin neu zu entdecken. Im Jahr, in dem Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, stehen die Zeichen dafür gut – es wäre allen Beteiligten von Herzen zu wünschen!

Ein Hinweis sei an dieser Stelle auch noch zum Beitrag der Kulturzeit gegeben, in der sich die Literaturkritikerin Ursula März dem Werk nähert und Hinweise gibt, warum Maria Messina so gründlich vergessen wurde.


  • Maria Messina – Das Haus in der Gasse
  • Aus dem Italienischen von Ute Lipka
  • Durchgesehen und mit einem Nachwort versehen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-7518-8017-6 (Friedenauer Presse)
  • 210 Seiten. Preis: 22,00 €

Maike Albath – Bitteres Blau

Von Ermanno Rea bis Elena Ferrante, vom Overtourism bis zu Roberto Savianos Anklage gegen die Gomorrha: in ihrem Buch Bitteres Blau schließt uns die italophile Literaturexpertin Maike Albath die vielgestaltige Stadt nicht nur literarisch auf. Ihr gelingt eine wunderbare Einführung in das Wesen Neapels, die zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse gerade recht kommt. Schließlich ist Italien in diesem Jahr das Gastland der Messe und Albaths Buch die beste Vorbereitung auf Land und Leute am Golf von Neapel.


Wer eintauchen möchte in die vielfältige literarische Landschaft Italiens, für den sind die Werke von Maike Albath ein wunderbarer Führer und Wegbegleiter. Schließlich beschäftigte sie sich in ihren allesamt im Berenberg-Verlag erschienenen Büchern eingehend mit der Literaturszene des Landes, und das vom Süden in Sizilien bis hin in den Norden nach Turin.

Nachdem sie uns schon die Hauptstadt Rom aufschloss, ist es nur konsequent, sich nun endlich Neapel zu widmen. Schließlich prägend die Autorinnen und Autoren, die dieser Stadt entstammen, bis heute das Bild der italienischen Literatur.

Neapel und seine Gesichter

Fast am Ende widmet sich Maike Albath DER Autorin, die zuletzt Neapel wieder auf die literarische Landkarte hob, und das sogar weltweit. Die Rede ist von Elena Ferrante, um die sich – durch geschicktes Marketing und enthusiastische Leserstimmen bestärkt – das sogenannte Ferrante-Fieber entspann. Wer war die Autorin, die über Neapel und die Frauen in dieser Stadt schrieb? Die Kulturberichterstattung rätselte, die Bücher florierten und wurden vielfach gelesen, besprochen und empfohlen.

Maike Albath - Bitteres Blau (Cover)

Die Entstehung dieses Ferrante-Fiebers zeichnet Albath in einem ihrer zahlreichen im Buch versammelten Feuilletons nach, ebenso wie sie auch auf das Werk, dessen Bezüge und das Rätselraten um das Pseudonym Elena Ferrante eingeht. Gelungen schafft sie es, die Faszination dieser Autorin zu schildern und die wiederkehrende Motive und Fragen im Schaffen Ferrantes nachzuzeichnen, von Meine geniale Freundin bis hin zu Das lügenhafte Leben der Erwachsenen.

Aber nicht nur mit großen Namen der Gegenwart beschäftigt sich Maike Albath in ihren Texten. Auch die hierzulande so gut wie unbekannten Autorinnen und Autoren stellt sie auf den vorhergehenden Seiten ihres Buchs in den Mittelpunkt.

Matilde Serao, Curzio Malaparte und Elena Ferrante

Es sind Texte, die als Einführung in die Geschichte Neapels ebenso gut funktionieren, wie sie Türöffner in die Welt der Literat*innen in dieser Stadt sind. Hierzulande unbekannte Namen wie der von Ermanno Rea, der zunächst als Fotograf, dann als Autor zum Chronisten der Stadt Neapel wurde oder die produktive Kolumnistin und Autorin von über 70 Romanen, Matilde Serao, der Albath in der Kapitelüberschrift die Zuschreibung eines Vesuvs in Menschengestalt verpasst. Sie lassen sich in Bitteres Blau entdecken, ebenso wie ihr Buch zur Entdeckung von hierzulande nur semibekannten Namen wie Curzio Malaparte oder Domenico di Starnone einlädt.

In der ärmsten Stadt Italiens sind die Übergänge zwischen Gegenwart und Vergangenheit stets ebenso fließend wie die zwischen Jenseits und Diesseits. Und auch die Texte von Albath selbst sind es.

Was die bekannte Nusscreme der Firma Ferrero mit dem Overtourism in Neapel zu tun hat, lässt sich aus ihrem Buch ebenso erfahren wie der morbide erscheinende Brauch der „Heiligen Seelen im Fegefeuer“. Bei diesem adoptieren Bewohner des Viertels Sanita einzelne Totenschädel aus den unter dem Viertel gelegenen Katakomben, reinigten sie und pflegten sie als Symbol einzelner Seelen, die noch im Limbus des Fegefeuers verharren mussten. Ein paganer Ritus, der die in Neapel besonders ausgeprägte Faszination für das Jenseits untermauert, wie Albath in ihrem Buch zeigt.

Verwischte Grenzen

Bitteres Blau verwischt die Grenzen zwischen Soziologie, Literaturgeschichte, Porträts, urbanen Erkundungen und Gesellschaftsanalyse. Bestes Beispiel ist Albaths Feuilleton über Roberto Saviano. In diesem schildert sie seine schriftstellerische Karriere, die mit Enthüllungen über die Camorra begann und die ihm seine Freiheit kostete und ständigen Polizeischutz bescherte. Darüber hinausgehen widmet sie sich aber auch den von Saviano adressierten Problemen des Organisierten Verbrechens, das nicht nur Neapel die Stadtviertel durchdrungen hat.

Immer wieder gelingen ihr in ihren Texten Querbezüge, etwa wenn sie im letzten Kapitel des Buchs die Buchhandlung Dante & Descartes und ihren Besitzer Raimondo di Maio porträtiert. Diesem gelang nicht nur das Kunststück, als einziger in Italien einen Gedichtband von Louise Glück im Portfolio zu haben, als diese den Literaturnobelpreis errang. Auch war und ist die Buchhandlung unter di Maio ein literarischer Taktgeber und Kommunikationsort, den unter anderem auch Roberto Saviano nutzte, um von dort Fahnen zu verschicken und der dort auch Kenntnis von der Bedrohung seines Lebens erhielt, den die zuvor abgesendeten Fahnen und das schlussendlich gedruckte Buch über die Camorra fortan für ihn bedeuten sollte.

Fazit

So webt Maike Albaths einen kenntnisreichen und neugierig machenden Teppich voller Geschichte, Geschichten und Verweisen, der in seiner Vielgestaltigkeit der mindestens ebenso vielgestaltigen Stadt Neapel Rechnung trägt. Bitteres Blau macht Lust, die Gassen Neapels zu erkunden und tiefer in das literarische Gewirr und Durcheinander dieser Stadt einzutauchen, durch das Maike Albath hier so kundig zu führen weiß!


  • Maike Albath – Bitteres Blau: Neapel und seine Gesichter
  • ISBN 978-3-949203-90-9 (Berenberg)
  • 352 Seiten. Preis: 26,00 €

Golo Maurer – Rom – Stadt fürs Leben

Was ist nicht schon alles über die Ewige Stadt geschrieben worden. Als Ziel der Grand Tour, Magnet für Touristen, Bildungsreisende und Künstler*innen seit jeher ist eine schon eine unmöglich zu überblickende Fülle an Büchern über die italienische Hauptstadt geschrieben worden. Braucht es da noch ein weiteres Buch über die Faszination Rom? Unbedingt, wenn der Verfasser des Ganzen Golo Maurer heißt.

Denn er legt mit Rom – Stadt fürs Leben einen persönlichen Blick auf jene Stadt vor, die ihn ebenso begeistert, wie sie ihn mit ihren Eigenheiten manchmal schier den Verstand zu kosten scheint. Aber selbst alle Verzweiflung ist hier doch auch nur eine etwas geartete Form von Rom-Liebe, an der er seine Leserinnen und Lesers enorm vergnüglich und sprachlich burlesk teilhaben lässt und mit der er auf den Spuren von Ferdinand Gregorovius wandelt.


Strenggenommen ist ja schon eigentlich fast alles über die Stadt am Tiber geschrieben worden, mit ihren Nebeneinander von Kirchen, Kunstwerken, dolce vita und sprezzatura. Alleine in diesem Herbst erscheinen dutzende Publikationen, die sich – besonders bedingt durch den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse – mit dem Zauber Roms befassen. Auch Golo Maurer fügt sich in diese Riege an Titeln ein, ragt aber zugleich mit seinem persönlichen Blick auf die Stadt aus dieser Riege heraus.

Denn ihm gelingt mit Rom – Stadt fürs Leben eine großartige Einführung in das, was es heißt, Römer zu sein in einer Stadt, die mit ihren Eigenheiten von Zeit zu Zeit herausfordert, verzweifeln lässt, aber am Ende immer beglückt. Kundig und mit einem bewundernswerten Sinn für Sprache, Timing und Übertreibung lässt er uns alle an diesen Emotionen teilhaben, die die Ewige Stadt hervorzurufen im Stande ist.

Parolacce, ÖPNV und Marmortische

Golo Maurer - Rom - Stadt fürs Leben (Cover)

Dabei lässt Maurer bei seinem persönlichen Blick so gut wie nichts aus. Einführung ins Parolacce, den Gebrauch von Schimpfwörtern, über die Tücken des Öffentlichen Personennahverkehrs in der Hauptstadt bis hin zum Lebensgenuss, reichend vom Zauber der Marmortische in Trattorien bis hin zum Barbier.

Acht Kapitel nebst Vor- und Nachrede bilden den Korpus dieses Buchs, das beginnend mit dem Historie Roms und ihren Hügeln über Themen wie die römische Politik bis hin zu den „Römischen Idyllen“ führt. Darin beschreibt Maurer seinen eigenen Blick auf das Leben in Rom in einem sprachlich höchst eleganten und mit Humor punktenden Erzählstil.

Mal ist es die Verzweiflung, wenn der Bus Assoziationen zu Herman Melvilles Moby Dick weckt, gleicht schließlich das Ausharren nach dem legendären Wal an Bord der Pequod dem Warten auf der Haltestelle, wenn sich keine Sichtung des begehrten Fahrzeugs einstellen mag. Mal lässt er sich über die unerschütterliche Liebe der Italiener zum Plastik und dessen Nicht-Entsorgung aus. Sein Groll über das Land, in dem nicht nur die Zitronen blühen, sondern ebendiese gleich in Plastik eingestretcht werden, ist nicht nur durch den Blick des Deutschen auf die Eigenheiten der Römer höchst komisch.

Abrechnung und Hommage

Rom – Stadt fürs Leben ist so nicht nur eine Abrechnung und Hommage an das Leben in der Ewigen Stadt, es ist auch ein schönes Mittel, sollte man von einem akuten Anfall von Sehnsucht auf das Dolce Vita in der italienischen Hauptstadt heimgesucht werden. Man schlendert mit dem Autor durch die Trattorien oder wird bei einer wagemutigen Wanderung von Rom nach Neapel (die in Ton und Gestus an die großen Abenteuer der Grand Tour vergangener Zeiten gemahnt) sogar gefährlichen Raubtieren ansichtig.

Liest man Maurers Buch, mag man zwar von manchen Aspekten des Lebens dort auf den Hügeln Roms abgeschreckt sein – umso größer ist aber die Begeisterung für die Stadt, hat man dieses Buch beendet. Es weckt Sehnsucht und zeigt uns Deutschen auf, wie es gehen kann, mit der Kunst des schönen Lebens.

Unterhaltsam, sprachlich elegant, hochkomisch, ehrlich sind die Betrachtungen von Leben und Leben Lassen, vom Wandel in der Stadt und der Faszination für sie, die sich doch seit jeher erhalten hat und dies gewiss noch lange tun wird. Nicht nur im Zuge des Gastlandauftritts als Einführung in das römische Leben dieses modernen Gregorovius ist dieses Buch höchst lesenswert!


  • Golo Maurer – Rom – Stadt fürs Leben
  • ISBN 978-3-498-00380-7 (Rowohlt)
  • 336 Seiten. Preis: 28,00 €