Emma Cline – In die Schweiz

Zum Suizid In die Schweiz. In ihrem neuen Roman blickt die US-amerikanische Autorin Emma Cline ins Innerste eines begüterten Mannes, der nach einer Demenz-Diagnose seinem Leben ein Ende setzen will. Mit dem Privatjet geht es dafür in die Schweiz – und tief hinein ins zerklüftete Gebirge des eigenen Erinnerns.


Wo befindet sich das größte Turmzifferblatt Europas? Nach der Lektüre von Emma Clines neuem Roman weiß man es.
In Zürich nämlich, denn dort prangt am Turm St. Peter das mit achteinhalb Metern Durchmesser größte Zifferblatt, das mit seinen Maßen sogar den Big Ben in London schlägt.

Überhaupt, an Uhren und der damit verbundenen Symbolik der verstreichenden Zeit mangelt es in In die Schweiz nicht. Dass Cline ihre Geschichte zum entscheidenden Teil in der Uhrennation Schweiz ansiedelt, ist wirklich hochsymbolisch zu lesen. Denn die Zeit von Clines Protagonist David Hastings läuft ab, er will dort in der Schweitz seinem Leben unter professioneller Aufsicht ein Ende setzen.

Früher war er als hochdekorierter Manager gefragt, steuerte Betriebe durch unruhige Zeiten und lebte als Führungskraft ein Leben im Luxus. Doch ein kognitiver Test bei einem medizinischen Check-Up förderte eine beunruhigende Diagnose zutage. So versagte ihm sein Gedächtnis beim Memorieren mehrere Begriffe den Dienst. Beim Einzeichnen einer Uhrzeit in einem vorgedruckten leeren Ziffernblatt scheiterte er völlig. Verstört muss er zur Kenntnis nehmen, dass er sich keine Dinge mehr merken kann. Rapide verschlechtert sich seine Gedächtnisleistung, sein Geist verabschiedet sich von allem, was diesen früher ausgemacht hat.

Ein Erinnerungsvermögen in Fetzen

Emma Cline - In die Schweiz (Cover)

Nur noch in Fetzen ist Davids Erinnerungsvermögen vorhanden, was Emma Cline durch eine ebenso fragmentierte Erzählweise gleich von Anbeginn an nachbildet und damit auch für uns Lesende erfahrbar macht (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl).

Man muss sich selbst erschließen, in welchen Lebensumständen sich David befindet, wie er zu dem dienstbaren Geist Cody steht, der ihm als Assistent zur Seite steht. Die Absätze in In die Schweiz sind nämlich mitunter nur ein paar Zeilen lang, ehe Davids sprunghafter Geists weitereilt oder sich mit der nächsten Wahrnehmung oder Erinnerung befasst.

Wie der Manager zu seiner Tochter oder seinem Enkel Rainer steht, welche Erfahrungen sein Leben prägten, all das erschließt sich durch das pointillistische Erzählen Clines erst langsam, als David vor seiner Reise in die Schweiz noch einmal nach Großbritannien fliegt, um dort Abschied zu nehmen von einer Welt, die er in entscheidenden Teilen eigentlich bereits vergessen hat.

Ein unsteter Geist – und ein unstetes Erzählen

Immer wieder drängen verschüttete Erinnerungen und einst auswendig gelernte Schulwissen wie der Merksatz The quick brown fox jumps over the lazy dog oder das sequenzierte Schicksal der Frauen Heinrichs VIII. nach oben (Geschieden, geköpft, gestorben – geschieden, geköpft, überlebt). Solche Erinnerungspartikel schwemmt der Geist Davids neben musikalischen Zitaten wie Gustav Mahlers 9. Sinfonie – der bedeutungsschwangeren Abschiedssinfonie – nach oben.
Zudem neigt David auch zu Verballhornungen. Das Großmünster in Zürich ist für ihn ein Großmonster, die Dienstleisterin für den assistierten Suizid, den er in der Schweiz anstrebt, ist nur noch der „Ghul“ für ihn.

All das wirbelt in de Wahrnehmung des Mannes umher und macht literarisch nachvollziehbar, wie die Geistesleistung dieses früheren so alerten Managers stetig schwindet und alles in Frage stellt.

Irgendjemand hatte ihm mal gesagt: Man soll eine Party genau dann verlassen, wenn man bei sich denkt, das man sich prächtig amüsiert. Danach nämlich, hatte derjenige gesagt, konnte die Nacht nur noch den Bach runtergehen.

Es gab weitere Voraussetzungen, hatte Ghul erklärt, neben den medizinischen Unterlagen, den ärztlichen Bescheinigungen. Heiklere, mehr Geschick erfordernde. Hier glänzte Cody, hier erwies er sich als unentbehrlich.
Ghul brachte einen Brief. Es musste ein Brief von David sein, darin bestand der ganze Sinn.

Emma Cline – In die Schweiz, S. 42

Die feinen Unterschiede

Doch nicht nur auf formaler Ebene ist In die Schweiz das bisher ambitionierteste Erzählwerk Emma Clines. Wie schon in Die Einladung stellt die US-Amerikanerin auch hier wieder ihren Sinn für soziale Unterschiede und verrutschende soziale Ebenen unter Beweis.
Wie sich David langsam von den Annehmlichkeiten seines früheren elitären Lebens inklusive Privatjet verabschieden muss, wie er nun ohne Betreuung fast nicht mehr handlungsfähig ist und trotzdem in manchen Momenten noch sein ehemals so scharfer Geist aufflackert, das ist bestrickend gut erzählt.

Meisterhaft führt Cline das in einer zentralen Szene zusammen. Dort weilt David nun in einem Luxushotel, wie es einst Standard für ihn war, allein an der Hotelbar. Den Weg vom Flirt mit einer jüngeren Prostituierten an der Bar bis hin zum gemeinsamen Aufsuchen von Davids Hotelzimmer unter der Vorspiegelung eines besseren kognitiven Zustands, als er David eigentlich zu eigen ist, das ist bestechend erzählt und zeigt Clines Gespür für die feinen Unterschiede im Sozialleben ihrer Figuren.

Verbunden mit einer wagemutigen Erzählweise und einem unbequemen Thema wir aus In die Schweiz ein Buch, das den Höhepunkt von Clines bisherigem literarischen Schaffen markiert.
Wie sich die junge Autorin hier in den Geist und die Lebenswelt eines Dementen einfühlt und plastisch davon zu erzählen weiß, das ist enorm beeindruckend.

Dass Switzy, so der schöne Originaltitel des Buchs, in diesem Jahr für den Booker Prize nominiert wurde, wird auch im Deutschen in der wendigen Übertragung von Nikolaus Stingl klar nachvollziehbar und lässt vorfreudig auf kommende Werke der US-Amerikanerin schauen!


  • Emma Cline – In die Schweiz
  • Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
  • ISBN 978-3-446-28837-9 (Hanser)
  • 384 Seiten. Preis: 25,00 €

Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse

Nutzer, die am Boden liegen, Nutzer, die per Teebeutel den Verkehr dirigieren und Nutzer, die übergriffig werden. In ihrem Roman Besondere Vorkommnisse lässt die kanadische Autorin Martha Baillie eine Bibliotheksangestellte Bericht erstatten und gibt einen Eindruck, mit welchen vielfältigen Herausforderungen sich Bibliotheken im 21. Jahrhundert auseinandersetzen müssen.


Als ich vor zwei Jahren in Hamburg auf der BiblioCon, früher auch bekannt unter dem Namen Bibliothekartag, sprach Professor Carsten Brosda als lokaler Bildungssenator ein Grußwort. In diesem erinnerte er an den kürzlich zuvor verstorbenen Soziologen Oskar Negt, den er mit dem Ausspruch zitierte, dass Demokratie die einzige Staatsform sei, die immer wieder gelernt werden müsse. Und diese Orte – so Brosdas Gedanke – seien eben Bibliotheken, an denen dieses Lernen und demokratische Teilhabe unmittelbar erlebbar wären.

Liest man Martha Baillies Roman Besondere Vorkommnisse, so fügt sich dieser Roman in diese These bestens ein, nicht nur aufgrund des Zitats von Ray Bradbury, das dem Roman vorangestellt ist und der mit dem Ausspruch zitiert wird, dass es ohne die Bibliothek keine Zivilisation gäbe. Ihr Roman zeigt den Lern- und Begegnungsort Bibliothek und untermauert die These der zivilisationsstiftenden Kraft von Bibliotheken, indem sie das vielfältige Leben in einer Bibliothek schildert – und die Bindungskräfte zeigt, die ein solches Haus auf ganz unterschiedliche Menschen ausübt.

Eine Bibliothekarin berichtet

Martha Baillie - Besondere Vorkommnisse (Cover)

Erzählt ist Baillies Roman in Form von Berichten, wie sie das Formblatt verlangt, das dem Buch vorangestellt ist. Mithilfe solcher Formblätter soll das Serviceteam der Bibliothek besondere Vorkommnisse protokollieren, etwa wenn störendes Verhalten, Diebstähle aus der Bibliothek oder Vandalismus festgestellt wurde. Dass es solche Fälle in der Allan Gardens Public Library zuhauf gibt, das zeigt der Erzählbogen des Romans dann auch sehr deutlich, da dieser aus 144 Berichten geformt ist, die sich alle in ihrer Länge unterscheiden.

Manche der Berichte sind kurze, nur wenige Zeilen lange Notate, andere erstrecken sich über mehrere Seiten und geben einen Eindruck davon, mit welchen Herausforderungen sich Bibliotheken in diesen Tagen auseinandersetzen müssen, da sie sich von reinen Buchausleihstationen zu Begegnungsorten wandeln.

Es sind Erkenntnisse, die auch ich persönlich im Laufe meiner nun auch schon über dreizehn Jahre dauernden Tätigkeit im öffentlichen wie wissenschaftlichen Bibliotheksdienst machen durfte. Verhaltsoriginelle bis verhaltensauffällige Nutzer scheinen diese Häuser magisch anzuziehen, was in Kanada nicht anders ist, wie man nach der Lektüre von Martha Baillies Buch feststellt.

Das absonderliche Treiben in der Allan Gardens Public Library

Die im Beratungsdienst tätige Bibliothekarin Miriam listet darin feinsäuberlich das bisweilen doch recht absonderliche Treiben in der in Toronto beheimateten Bibliothek auf. Man darf davon ausgehen, dass Martha Baillie hierbei auch reichlich aus ihrer eigenen bibliothekarischen Erfahrung geschöpft hat.
Denn Baillie ist seit über dreißig Jahren für die Toronto Public Library tätig, unter anderem als Geschichtenerzählerin in Schulen und Geflüchtetenunterkünften und dürfte von daher auch viele der Situationen kennen, die sie in Besondere Vorkommnisse schildert.

Nutzer, die Angestellte der Lüge bezichtigen, weil sich die Ordner zur Berufsinformation als schwarz und nicht lila entpuppen, Nutzer, die nach bibliothekseigenem Toilettenpapier für den Privatgebrauch verlangen, wunderliche Kunden wie der „Schachzausel“ oder ein Paar, das mit einem Rollstuhl die Bibliothek aufsuchen, wobei zunächst ein Nutzer seine Partnerin im Rollstuhl schiebt, um nach der Ausleihe dann die Rollen zu wechseln.

Durch ihren Auskunftsdienst steht Miriam an vorderster Front, wenn Suchbegehren, Einsamkeit und erschreckend oft auf der pure Irrsinn an ihrem Schalter anbranden. Skurrile Begebenheiten ereignen sich dort in der Bibliothek, davon legen die Berichte eindrücklich Zeugnis ab. Es kommt aber auch zu latent bedrohlichen Szenen, wie sich im Lauf des Buchs zeigt. Denn nicht nur, dass Baillie ihre Geschichte mit einer sich anbahnenden Romanze versieht, auch lässt ein Nutzer Miriam an unterschiedlichen Orten in der Bücherei immer wieder Notizen zukommen, die sich auf die Oper Rigoletto beziehen. Wer hinter diesen Stalkingattacken steckt, es ist ein Rätsel, das die Spannung in Baillies Buch hochhält.

Liest man Besondere Vorkommnisse, bekommt man einen Eindruck von den sozialen Randfällen und psychologischen Ausnahmezuständen, die den meisten von uns im täglichen Leben selten so geballt gegenübertreten dürften, wie es im Auskunftsdienst bei Bibliotheken der Fall ist. Welche Arbeit diese leisten und wie wichtig sie als Bildungs-, Aufenthalts- und Begegnungsorte sind, das wird aus Baillies Schilderungen deutlich.

Fazit

Zwischen Hausverweisen, Übergriffen, Suchanfragen und Kontaktbedürfnissen muss sich Miriam im Alltag hindurchmanövrieren und zeigt, dass bibliothekarisches Arbeiten weit mehr ist, als nur das passende Buch oder die nächste Ermahnung zur Einhaltung von Stille parat zu haben. Wie sich das Tätigkeitsfeld von Bibliotheken gewandelt hat und welche wichtige Grundlagenarbeit diese Begegnungsorte für unsere Gesellschaft leisten, Besondere Vorkommnisse führt es eindrucksvoll vor Augen!


  • Martha Baillie – Besondere Vorkommnisse
  • Aus dem kanadischen Englisch von Ludger Tolksdorf
  • ISBN 978-3-8031-3393-9 (Wagenbach)
  • 208 Seiten. Preis: 24,00 €

Kevin Barry – Das Herz im Winter

Outlaws der Liebe. In seinem Western Das Herz im Winter lässt der Ire Kevin Barry zwei Verliebte in Montana gemeinsam durchbrennen. Einen richtigen Plan haben sie dafür aber nicht…


Es ist eine schöne Klammer, die sich um die zweijährige Absenz des Liebeskind-Verlags auf dem deutschen Buchmarkt schließt. Denn vor zwei Jahren schickte man mit dem Western Letztes Gefecht am Saber River von Elmore Leonard das Lesepublikum in eine Publikationspause.
Das passte zu dem Verlags, der sich mit Autoren wie James Carlos Blake, Bruce Holbert oder Thomas Willmann wie kein anderer um den zeitgenössischen Western verdient gemacht hat. Die kontinuierliche Pflege und Weitung des Westerngenres beherrscht man bei Liebeskind, weswegen dieser letzte Ritt in den Sonnenuntergang mit Leonards Western da nur konsequent war.

Und nun reitet wieder eine mit Cowboyhut bekleidete Gestalt auf einem Pferd, sowohl auf dem Cover des neuen Verlagsprogramms von Liebeskind als auch auf dem Äußeren von Kevin Barrys neuem Roman, mit dem er nach Stationen bei Klett-Cotta und Rowohlt nun hoffentlich zu einem neuen Zugpferd im Verlagsstall von Liebeskind wird, so ist es zumindest zu hoffen.

Montana 1891

Kevin Barry - Das Herz im Winter (Cover)

Die neue Heimat bei Liebeskind passt gut, denn mit seinem historischen Western fügt sich der 1969 im irischen Limerick geborene Autor aufs Beste ins Portfolio des Verlags ein.
In Das Herz im Winter nimmt er uns mit ins kleine Städtchen Butte in Montana, durch das der Taugenichts Tom Rourke im Jahr 1891 taumelt. Zwar prosperiert das Städtchen aufgrund der Kupfervorkommen, die dort gefördert werden, aber auch das Laster floriert.

Tom treibt ohne richtigen Job durch die Tage, verfasst gegen Bezahlung kleine Formen wie Briefe für seine irischen Landsleute, die des Lesens und Schreibens nicht mächtig sind. Hauptsächlich aber gibt er sich den Drogen hin und bedröhnt sich, auch um die nagenden Schulden zu vergessen, die er in allen Saloons von Butte schon aufgehäuft hat und die bei jedem Gang durch die Stadt auf ihn lauern.

Auf seine Weise war er ein ganz schlechter Kunde. Dem falschen Himmlischen Bud McIntyre schuldete er Kohle für Dope; auch den echten Himmlischen war er Geld für Dope schuldig; im Board of Trade, im Southern Hotel, im Open-All-Night, im Pay Day und in der Alley Cate hatte er offene Rechnungen, wie auch in seinem Zimmer im Zagreb Boarding House, mit eindrucksvollen Zahlungsrückständen.

Kevin Barry – Das Herz im Winter, S. 22

Tom und Polly auf der Flucht

Doch als er nun bei einem seiner Hilfsjobs in einem Fotoatelier der jungen Polly Gillespie ansichtig wird, ändert sich sein Leben schlagartig. Denn obgleich diese eigentlich zur Anfertigung von Fotos zusammen mit ihrem jüngst geehelichten Mann, einem Minenaufseher, im Studio ist, ist auch Toms Interesse an der jungen Frau geweckt. Ein Interesse, das wechselseitig ist.

Denn die begonnene Affäre in Butte ist den beiden nicht genug. Sie beschließen, gemeinsam aus dem Bergarbeiterstädtchen zu fliehen. Zwar reißen sie nicht alle Brücken hinter sich ab, dafür wird noch ein Haus in Brand gesteckt, ehe es losgeht mit ihrer Flucht. Mit einem Pferd, 600 Dollar und ein wenig Proviant in den Satteltaschen geht es los auf ihrer Flucht, für die sie eigentlich keinen richtigen Plan haben, wie sich schnell zeigen soll.

So irren sie durch die Wälder Montanas, begegnen anderen Outlaws und Métis dort im Grenzland zwischen den USA und Kanada – doch auch der gehörnte Ehemann will Rache und schickt Männer hinter dem flüchtigen Liebespaar her…

Großes (Western)Kino

Das Herz im Winter ist ein auf den Punkt reduzierter Western, der die raue Natur dort in Montana ebenso gelungen einfängt, wie er die Jagd zwischen den liebenden Outlaws und ihren Jägern. Auf gerade einmal 215 Seiten stellt Kevin Barry unter Beweis, dass auch jenseits des Atlantiks ganz großes (Western)Kino geschrieben wird.

Immer wieder wechselt der Ire die Perspektive, blickt aus Sicht von Polly und Tom auf ihr Miteinander, lässt die Jäger reüssieren und die beiden dem Schicksal dann doch wieder ein Schnippchen schlagen. Stets hat Das Herz im Winter Tempo und verfügt über hervorragendes Timing, was die Flucht und die Jagd nach den beiden anbelangt, ohne dabei den dramatischen Bogen zu überspannen oder zu viel Seiten für Nebensächliches zu verschwenden.

Es erinnert bisweilen an den ebenfalls großartigen Roman Dusk des Tasaniers Robbie Arnott oder an die vielen anderen hervorragenden Western aus dem Hause Liebeskind.
Rau, ungeschönt und explizit, aber auf hoffnungsfroh und dramatisch, all das trifft auf Das Herz im Winter von Kevin Barry zu, der sein Outlaw-Pärchen auf eine Reise ins Ungewisse schickt.

Fazit

Nach der Lektüre bleibt zu konstatieren, dass Kevin Barry mit diesem von Thomas Überhoff aus dem Englischen übersetzten Buch ein Einstand nach Maß in seinem neuen Verlag gelingt. Und auch dem Liebeskind-Verlag beschert Das Herz im Winter ein stimmiges Comeback, das zudem das Verlags-Portfolio in Sachen moderner Western gelungen ausbaut. So darf es weitergehen!


  • Kevin Barry – Das Herz im Winter
  • Aus dem Englischen von Thomas Überhoff
  • ISBN 978-3-95438-182-1 (Liebeskind)
  • 216 Seiten. Preis: 23,00 €

Luca Kieser – Simsalabim, Simon Brenner

Das Phlegma seines ermittelnden Namenskollegen legt Simon Brenner alias Luca Kieser in seinem neuen Roman Simsalabim, Simon Brenner nicht an den Tag. Dafür taucht der ermittelnde Schriftsteller oder schreibende Ermittler tief in die linke Szene Baden-Württembergs zu Beginn der 2010er Jahre ein.


Man kann nicht behaupten, dass es Luca Kieser an Themen für sein Erzählen mangele. So legte er 2023 mit Weil da war etwas im Wasser seinen tentakulären Debütroman im österreichischen Picus-Verlag vor, der ihm gleich auf Anhieb einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 einbrachte.

Seinen zweiten Roman ließ der Gewinner des FM4-Wortlautwettbewerbs mit Pink Elephant schon im Jahr darauf folgen. Darin erzählte er von der Suche nach Orientierung und Anschluss eines Mittelschicht-Kindes im Taumel des Sommermärchens 2006. Es war und ist ein Roman, der den penetranten Duft eines Axe Deosprays versprüht, so intensiv schildert Kieser darin das pubertäre Wechselbad der Gefühle, das sein Protagonist Vincent durchlebt.

Nun liegt mit Simsalabim, Simon Brenner der dritte Roman von Kieser vor, mit dem er sich altersmäßig von der Pubertät nun zum Studienalter voran gearbeitet hat. Angesiedelt im südwestdeutschen Raum zwischen Tübingen, Heidelberg und Leimen erzählt das Buch eine doppelbödige Geschichte, die uns Luca Kieser präsentiert.

Luca Kieser ermittelt als Simon Brenner

Luca Kieser - Simsalabim, Simon Brenner (Cover)

Er selbst ist Erzähler und Hauptfigur – und wird gleich zu Beginn des Romans identitär gleich noch weiter aufgespalten. Denn der junge Polizist namens Luca Kieser erhält beim LKA Stuttgart-Cannstatt eine ganz spezielle Mission. Als verdeckter Ermittler soll er unter dem Namen Simon Brenner die linke Studentenszene für seinen Führungsoffizier Wolfang infiltrieren.

Wir schreiben das Jahr 2010 und man ist nervös beim LKA, denn an den Universitäten regt sich Protest gegen die Studiengebühren, Hörsäle werden besetzt. Da kommt Simon Brenner gerade recht, der sich hineinzaubern soll in die linke Szene.

James Bonds Q lässt in dieser schwäbischen Version eines Undercover-Einsatzes grüßen. Per falschem Ausweis und Uhr mit Aufnahmefunktion, später dann per Wanze soll Luca Kieser die Szene infiltrieren und wichtige Erkenntnisse gewinnen. Denn in Tübingen und Heidelberg wird der Aufstand geprobt – oder zumindest reichlich diskutiert.

Dass die Befürchtungen von Protesten aus dem linken Milieu nicht ganz aus der Luft gegriffen warne, zeigte sich im fraglichen Jahr dann ja auch tatsächlich Ende September. Denn mit dem sogenannten Schwarzen Donnerstag im Rahmen den Protesten gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 zeigte sich, dass linke Protestkultur auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.

Wachsamkeit gegen links

Liest man Luca Kiesers neuen Roman, so umweht einen auch immer etwas Nostalgie. Die Fiebrigkeit der Behörden ob linker Umtriebe, die Proteste im linken Milieu, die Diskussionen in Student*innenvetretungen bis hin zu Ausschreitungen in den Straßen von Brüssel, es wirkt alles so weit weg, obschon faktisch seit den beschriebenen Vorgängen lediglich fünfzehn Jahre vergangen sind (und sein Roman sich an wirkliche Ereignisse anlehnt).

Aber die Gefahr, die die Behörden in Kiesers Roman den schwäbischen Linken zu Beginn der 2010er Jahre zurechnen, sie ist längst durch das Erstarken der rechten Kräfte abgelöst worden, die ein destruktives Verhalten der bestehenden Ordnung an den Tag legen, gegen das sich das linke Milieu auch in Kiesers Buch recht lächerlich ausnimmt. Rechter Zerstörungslust in dieser Tage steht in Kiesers Roman ausführliches Theoretisieren von links gegenüber, bei dem sämtliche Ideen zur Änderung der bestehenden Ordnung eh keine Marktreife erlangen.

Während die Bilder linker Proteste in Brüssel schon längst von den infernalischen Bildern wütender Bauern im Brüsseler Europaviertel abgelöst wurden, die dort ihre Gülle verspritzen und Barrikaden entzündeten, ist mit dem Reichsbürgermilieu, mit rechtsextremen Fundamentalisten und einer erstarkenden politischen Rechten in den Parlamenten kurz vor der absoluten Mehrheit hierzulande längst eine deutlich wirkmächtigere Gegenbewegung von der Straße bis in den Plenarsaal entstanden, bei der die beschworene Gefahr einer linken Revolution aus heutiger Sicht eher possierlich wirkt.

Der Zaubertrick des Verdeckten Ermittlers

Diese gewisse Harmlosigkeit des Ganzen passt zum Erzählton des Buchs. Geschildert wird Simsalabim, Simon Brenner von Luca Kieser nämlich in einem mündlichen, sehr jugendlichen Tonfall, der den Regeln der Grammatik nicht immer vollständig folgt und der an das Erzählen seines letzten Romans Pink Elephant anschließt.

Jedenfalls glaubten natürlich alle, es wegen meinem großen Bruder, dass ich am Ende zur Polizei bin. Oder dass es mir irgendwie in die Wiege gelegt worden ist, ich meinem von unserem Vater her. Die Wahrheit ist aber, als Kind habe ich zum Zirkus gewollt, Zaubern und diese ganze Nummern. Es ist dann leider nur so gewesen, dass ich bei meinem ersten Auftritt im Zambaioni so nervös gewesen bin, ich habe glatt vergessen, die Innenseite vom Zylinder zu zeigen, bevor ich, Simsalabim, eine glitzernde Girlande herausgezaubert habe. Und danach die Hände nicht ausschütteln, von mir aus. Sich nicht verbeugen, geschenkt. Den Trick aber gar nicht erst herzeigen?
So was geht gar nicht.

Luca Kieser – Simsalabim, Simon Brenner, S. 20

Ganz so furios und radikal wie der Tonfall der Simon Brenner-Krimis von Wolf Haas, die auch Luca Kieser alias Simon Brenner während seiner Einsatzzeit als verdeckter Ermittler liest, ist die Sprache bei ihm nicht.

Das fügt sich ein in das Gesamtbild des Buchs, das auf allen Ebenen leider etwas zu harmlos bleibt. Denn obschon der Roman in einer geschilderten Vorlesungsszene die Anpassungsfähigkeit einer maritimen Hydra beschreibt, die sich, einmal nach links umgestülpt, einfach ihre Zellen von innen nach außen wandern lässt und sich so komplett wandelt, so fehlt dem Roman etwas von dieser tierischen Konsequenz.

Zwar kämpft Simon als Verdeckter Ermittler mit seinen Gefühlen während des Einsatzes, schwankt nicht nur sprachlich zwischen seinem neuen Dasein als Simon Brenner und seiner Existenz als Polizist Luca Kieser, darf auf Hausdächer und in Besprechungsräumen mit linken Studenten sitzen, sieht andere VE bei Protesten, aber weder die Milieudurchdringung noch die persönliche Dissoziation ist in einer überzeugenden Tiefe ausgeführt.

Selbst die finale Konfrontation mit den von ihm Bespitzelten, die am Anfang des Buchs steht, bleibt harmlos. Dieser Zauber ist trotz eines beständig beschworenen Simsalabim thematisch wie in der Ausführung leider ein literarischer Trick, der zumindest in meinen Augen nicht so recht zu funktionieren mag.


  • Luca Kieser – Simsalabim, Simon Brenner
  • ISBN 978-3-89667-782-2 (Blessing)
  • 336 Seiten. Preis: 24,00 €

Dana Vowinckel – Anton und Alma

Vom komplizierten Werden einer Liebe, vom Finden der eigenen (religiösen) Identität und von der steten Unruhe unserer Gegenwart erzählt Dana Vowinckel in ihrem zweiten, voluminösen Roman Anton und Alma.


Es gibt verheißungsvollere Vorzeichen für eine unbeschwerte Beziehung als den Nachnamen, den Dana Vowinckels Heldin Alma trägt – besonders in der Konstellation, die Vowinckel ins Zentrum ihrer Geschichte stellt.
Denn Alma geht eine Beziehung mit dem jungen Juden Anton ein, was nicht nur in Sachen Nachnamen zu einer komplizierten Angelegenheit wird. Alma trägt nämlich den Familiennamen Bormann und ist tatsächlich auf eine, wenngleich ebenso entfernte wie nebulöse Art und Weise mit Martin Bormann verwandt. Jenem Martin Bormann, der als Hitlers Trauzeuge fungierte und als einer der obersten NSDAP-Funktionäre Verantwortung für die systematische Ermordung jüdischer Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus trug.

Doch diese familiengeschichtliche Verstrickung in die NS-Zeit ist ebenso zeitlich weit zurückliegend wie nebulös, die religiösen Ansichten stehen zunächst eh nicht im Fokus von Alma und Anton. Nach einer anstrengenden Anbahnungsphase ihrer Beziehung in Berlin und einer große Verliebtheit folgt später der Zusammenzug und damit verbunden die Erkenntnis, wie kompliziert und herausfordernd Beziehung sein kann.

Während Alma ihre universitäre Karriere zugunsten einer „richtigen“ Arbeit aufgibt, hadert Anton mit seinem akademischen Vorankommen. Eine produktive Richtung für eine Doktorarbeit will sich nicht zeigen, stattdessen umkreisen seine Gedanken und akademischen Versuche die angebliche Massenkonvertierung der Chasaren im Vorderen Orient.

Diese sollen im 8. und 9. Jahrhundert massenhaft zum Judentum konvertiert sein, der Intellektuelle Arthur Koestler beschrieb dieses Ereignis beispielsweise in seinem Buch Der dreizehnte Stamm. Doch nicht nur, dass der Wikipediaeintrag zu diesem angeblichen Ereignis davor warnt, dass es durch Belege nicht ausreichend dokumentiert sei, auch für Antons Betreuer fällt diese mythenumrankte Massenkonversion eher die Kategorie Phantasma denn eine solide Grundlage für wissenschaftliches Arbeiten.

Eine Beziehung zwischen Auf und Ab, Israel und Berlin

Dana Vowinckel - Anton und Alma (Cover)

Doch nicht nur mit dem akademischen Vorhaben geht es nicht wirklich voran. Auch die Frage nach Kinder oder dem künftigen Plan für das eigene Leben überfordert Anton, sodass er lieber die Beziehung aufgibt und nach New York entweicht, wo er für einen Schriftsteller tätig wird, während sich Alma in Berlin zunehmend für das Judentum und dessen religiöser Vorstellungswelt begeistert.

So umkreist Anton und Alma die Frage der religiösen Selbstfindung und der Ausprägung der eigenen Identität. Wie findet man als Paar zusammen, wie lebt man Seite an Seite und entwickelt gemeinsame Ziele – oder scheitert genau an diesen Fragen?

Liest man den Roman, konfrontiert einen die Lektüre mit jenen Fragen aus nächster Nähe insbesondere da Dana Vowinckel aus den Perspektiven der beiden jungen Liebenden auf die Beziehung blickt.

„Ist doch okay jetzt“, sagte Ariel „Es ist geschafft.“
Anton schüttelte den Kopf. „Ich fühl mich schuldig“, sagte er.
„Ach, du“ sagte Arie. „Ist halt eine riesige Kacke alles“.
„Ja“, sagte Anton. „Alles wegen Alma“.
„Ach, Alma“, sagte Ariel.
„Ach, Alma“, sagte Anton.

Dana Vowinckel – Anton und Alma, S. 529

Neben der persönlichen Ebene fließt auch die Frage des jüdischen Selbstverständnisses und das Einwirken äußerer Faktoren auf die Beziehung ein, der man heute gar nicht entkommen kann. Das Verhältnis zu Israel, das Erstarken des Antisemitismus und Ereignisse wie das Attentat von Halle oder dem 7. Oktober 2023 bilden die Folie, vor deren Hintergrund sich die Beziehung von Anton zu Alma entfaltet.

Vowinckels widerständige Romanze gibt einen Eindruck davon, wie enorm komplex jüdischen Lebens in Deutschland dieser Tage ist. Man kann sich gar nicht von der Frage der eigenen jüdischen Identität freimachen, selbst wenn man sich als Beteiligter gar nicht darüber definiert, so eine der Lehren des Romans.

Die unentrinnbare Frage jüdischer Identität heute

Beleuchtete schon Vowinckels Debüt Gewässer im Ziplock diese Thematik im Spannungsfeld von Tochter und jüdischem Vater zwischen Berlin, Jerusalem und Chicago, so führt Anton und Alma die literarische Auseinandersetzung mit diesem Thema fort. Das Auf und Ab einer modernen Beziehung trifft auf die Frage jüdischer Identität. Wie lebt und liebt man als Jude im Deutschland von heute, wenn alles mit Bedeutung und potentiellen Fallstricken aufgeladen ist?

Wie schon in ihrem ersten Roman blickt Dana Vowinckel auch hier über den Schauplatz Berlin hinaus und etabliert ein Spannungsfeld, das sich zwischen Israel, Deutschland und den USA eröffnet und in dem all diese Fragen verhandelt werden, versetzt mit vielen popkulturellen Zitaten von Gary Shteyngart bis zu Ottessa Moshfegh.

Das funktioniert als moderne Liebes- und Leidensgeschichte sehr gut. Einzig etwas anstrengend ist die penetrante sexuelle Note von Vowinckels Erzählen. Dauernd wird ineinandergerutscht, masturbiert oder gefingert. Natürlich mag das alles Teil einer Beziehung sein, speziell einer Beziehung im Werden, wie sie hier geschildert wird. Aber die Erwähnung des Paarungsverhaltens auf jeder zweiten Seite wird mit zunehmender Lauflänge von über 540 Seiten dann doch etwas penetrant und anstrengend, da sie dem Erzählen nicht gleichsam Tiefe verleiht.

Fazit

Eine Beziehung dieser Tage, sie ist deutlich mehr als Kennenlernen, Zusammenziehen und Glücklichsein, insbesondere wenn qua Herkunft das jüdische Erbe mit in eine solche Beziehung hineinspielt, das ist die Botschaft von Anton und Alma.
Mit viel Platz für das komplizierte Miteinander, für Trennung und Anziehung, Sex und Religion konjugiert Dana Vowinckel diese Beziehung bis zu ihrem dramatischen Finale furioso durch und steht damit auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2026.


  • Dana Vowinckel – Anton und Alma
  • ISBN 978-3-518-43297-6 (Suhrkamp)
  • 542 Seiten. Preis: 26,00 €