Johanna Sebauer – Popóm

Ceci, n’est pas un Popóm. Johanna Sebauer konfrontiert einen recht durchschnittlichen Mann aus heiterem Himmel mit seinem Doppelgänger – und macht aus der tollen Idee leider viel zu wenig.


Mit Johanna Sebauer schreibt sich eine Autorin in die österreichische Literaturgeschichte ein, die sich besonders dem Skurrilen und Außergewöhnlichen verschrieben hat. So erzählte sie in ihrem Debüt Nincshof von einem Dorf in der österreichisch-ungarischen Grenzregion, das kurzerhand verschwinden will und dabei allerlei Anstrengungen unternimmt, um sich von der übrigen Welt abzukapseln. Ein Jahr nach ihrem Debüt nahm sie im Jahr 2024 beim Wettlesen im Rahmen des Bachmannwettbewerbs teil.

Mit ihrem Text Das Gurkerl errang Sebauer den 3sat-Preis sowie den BKS-Bank-Publikumspreis als auch das Stadtschreiber-Stipendium der Stadt Klagenfurt. Der Biss in eine Essiggurke zeitigt hier ungeahnte Folgen, da dieser zunächst nur einen Spritzer säuerlichen Gurkensafts auslöst, dann aber in großen Turbulenzen münden.

Nachts im Kiosk

Auch Popóm, ihr zweiter Streich in Sachen Roman, weist wieder jene skurrile Ideen auf, die schon jetzt wie ein Markenzeichen des Sebauer’schen Schreibens sind. Da ist Hendrik Popóm, der eines Tages beim abendlichen Einkaufen auf seinen Doppelgänger trifft.

Es war Abend, frühe Nacht. Im Kiosk lief deutscher Rap aus den 90ern, die Bodenfliesen waren frisch gewischt und glänzten noch leicht feucht, ein Mitarbeiter füllte Bier im Kühlschrank nach. Man stimmte sich ein auf die Nachtgestalten, die hier jeden Augenblick einrauschen würden, herdenweise. Ich wanderte durch die Regalreihen, ließ mir Zeit, studierte die Ecke mit den teuren Süßigkeiten aus aller Welt und das Regal mit den verstaubten Weinflaschen. Ich griff nach einer Packung Sonnenblumenkerne, las auf der Rückseite die Produkthinweise in einer mir unbekannten Sprache, schlenderte vorbei an Hygieneprodukten und Fertiggerichten in abenteuerlichen Geschmacksvariationen, mein Kopf nickte sanft zum Beat. Schließlich fand ich Anjas gewünschte Schokolade und die Limo, nahm noch eine Dose gerösteter Pistazien für mich selbst, wollte mich aufmachen Richtung Kasse, doch dann. Direkt vor mir.

Johanna Sebauer – Popóm, S. 5

Er, das ist Hendrik Popóm. Er sieht – obgleich etwas älter als der Ich-Erzähler mit seinen fast 30 Jahren, ähnlich aus wie er und löst in ihm das starke Gefühl von Ähnlichkeit aus. Eine Verfolgung des Unbekannten folgt ebenso wie eine erste Kontaktaufnahme. Immer wieder wird Popóm Popóm begegnen, bis er sogar dessen Zuhause und Arbeitsstelle ausgemacht hat, wo Popóm Pfeifen verkauft.

Das ist natürlich ein schöner Bezug auf René Magritte und dessen Symbolismus, allen voran die berühmte Abbildung einer Pfeife unter dem schönen Titel „Ceci n’est pas une pipe“, die nicht nur Magrittes Bild ziert, sondern auch das Covermotiv des Romans von Johanna Sebauer ziert.

Der doppelte Popóm

Johanna Sebauer - Popóm (Cover)

Aber obschon das Cover Kunst schreit und das eingeführte Doppelgänger-Motiv ja die Kunst- wie auch Literaturgeschichte von Fjodor Dostojewski bis hin zu Theodor Storm prägt, so ist Popóm selbst leider kein allzu überzeugendes Kunstwerk.

Natürlich lädt eine Doppelgängergeschichte immer ein zu Reflektionen: was stimmt, was ist Fantasterei, wer ist der echte Doppelgänger, was erkennt man alles in der Spiegelung des Individuums? Solche Fragen interessieren Johanna Sebauer leider nur peripher. Vielmehr konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die in Hendriks Umfeld enden und neu beginnen.

Seine Freundin trennt sich von ihm, um mit einem griechischen DJ aus Thessaloniki durchzubrennen. Dafür gibt es in seiner Werbeagentur eine neue, recht verschlossene Mitarbeiterin namens Fritzi, die Henriks Interesse weckt und die auf seine außerdienstlichen Angebote von Treffen eingeht. Auch der andere Popóm weckt seine Neugier, bis hin zur Obsession, wenn er diesem nachschleicht oder rennend durch die Straßen der Stadt verfolgt.

Leider ist das alles recht schal und zu keinem Zeitpunkt zwingend. Dass es natürlich ein gutaussehender Südländer mit musikalischem Talent ist, der dem recht schluffigen Hendrik die Partnerin abspenstig macht, dass sich Fritzi als lesbisch herausstellt und in Hendrik nur einen Gesprächspartner sieht, obschon er sich derweil Hoffnung auf deutlich mehr macht, na ja. Es sind zumeist Klischees, die Sebauer aufbietet – und auch aus der Doppelgänger-Idee macht sie recht wenig.

Es plätschert ohne Esprit dahin

Nicht nur, dass das Umfeld von Hendrik die Ähnlichkeit zu seinem Doppelgänger Popóm recht kaltlässt, auch entwickelt die Geschichte keinerlei spannende Ideen oder neue Erzählansätze.
Man hängt ab im Pfeifengeschäft des anderen Popóms, dieser entwickelt sprachliche Eigenheiten und zwischen missinterpretierten Dates am verstaubten Sushi-Förderband und Wohnungseinzug plätschert die Handlung vor sich hin und verärgert ob des nicht genutzten Potenzials.

Selbst die Dialoge, die Johanna Sebauer aus dem übrigen Text ausgegliedert hat, plätschern ohne Esprit dahin. Dass die Sprache keinen besonderen Sound oder gar Drive entwickelt, fügt sich ins restliche Bild ein.
Zwar gibt es ein paar schöne Austriazismen wie das Adjektiv „patschert“, sonst aber bietet Popóm sprachlich wenig auf, das das Buch besonders oder gar erinnerungswürdig machen würde.
Kein literarisches Spiel mit dem Doppelgänger-Motiv, kein besonderer Sprachrhythmus oder Klang, der die Literatur aus Österreich sonst gerne einmal kennzeichnet. Die weltbilderschütternde Schlag, sich plötzlich selbst gegenüberzustehen und sich in einem anderen zu erkennen, er ist nur im perkussiven Po-Póm im Nachnamen ihres Helden angelegt, im Buch vernimmt man ihn leider kaum.

Das ist ausnehmend schade, denn die Anlage von Popóm böte ja durchaus die Möglichkeit, auf den Spuren großer Literaten und Künstler zu wandern. So ist das Präsentierte leider deutlich zu wenig, als dass es in irgendeiner Form überzeugen könnte.

Ganz anders sieht das beispielsweise der Literaturkritiker Carsten Otte. Er bescheinigt Johanna Sebauer mit ihrem Popóm in seiner Kritik ein „humoristisches Meisterstück mit literaturphilosophischem Tiefgang“.


  • Johanna Sebauer – Popóm
  • ISBN 978-3-7558-0079-8 (Dumont)
  • 224 Seiten. Preis: 24,00 €

Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen

Mit Von Göttern und Menschen wandelt Sarah Iles Johnston auf den Spuren von Gustav Schwab und Co. und liefert das, was der Untertitel des Buchs schon verheißt. Sie erzählt bekannte Mythen in leicht verdaulicher Form für die Gegenwart nach und schlägt dabei den Bogen von der Erschaffung der göttlichen Welt bis hin zur Odyssee.


Wenn es eine Form der Erzählung gibt, die nie aus der Mode zu kommen scheint, dann sind es Mythen und Sagen. Schon seit antiken Zeiten erfreuen sie sich größter Beliebtheit, wurden immer wieder umgeformt und neu interpretiert. Auch Sarah Iles Johnston weist in ihrem Buch Von Göttern und Menschen schon im Vorwort auf die Unvergänglichkeit dieses mythologischen Schatzes hin.

Was fasziniert uns – und früher die Griechen – so an diesen Geschichten? Ein Grund ist sicher ihre bedeutende kulturelle und soziale Leistung. Mythen erklären und bestätigen die Ursprünge wichtiger Institutionen wie etwa das Rechtssystems in Athen. Sie helfen, Verhaltensregeln zu vermitteln, etwa die, dass sich Gastgeber und Gäste mit gegenseitiger Ehrerbietung behandeln. König Lykaon hielt sich nicht an diese Regel und wurde prompt von Zeus in einen Wolf verwandelt.

Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen, S. 17

Von Göttern, Sterblichen und Helden

Sarah Iles Johnston - Von Göttern und Menschen (Cover)

Ihren Überlegungen zur Bedeutung der Mythen und Sagen lässt sie dann nach dem ausführlichen Vorwort tatsächlich jede Menge dieser Mythen folgen.

Eingeteilt in drei Hauptkapitel widmet sich Johnston zunächst der Welt der Götter, in der sie die mythologische Schaffung der Erde, das Mit- und vielmehr Gegeneinander der einzelnen Götter, Giganten, Erinnyen, Nereiden und Co beschreibt, ehe sie sich dem Spannungsfeld zwischen Göttern und Sterblichen widmet. Den letzten und umfassendsten Teil des Buchs bilden dann die Erzählungen der Helden. Neben bekannten Namen wie Herakles, Theseus oder Ödipus sind es die großen Linien von Krieg und Vertreibung, die Sarah Iles Johnston im dritten Teil nachzeichnet.
So beschreibt die Professorin für klassische Philologie als eines der letzten Großkapitel den Trojanischen Krieg, der dann in die Odyssee übergeht, die den Schluss des Buchs bildet.

Eingeteilt in kleinere Erzählportionen fächert sie so das komplizierte Gefüge von Helden und Göttern auf, die immer wieder ins Geschehen eingreifen, etwa wenn der Meeresgott Poseidon Odysseus die Rückkehr in seine geliebte Heimat verwehrt oder der Wettstreit der Göttinnen den Trojanischen Krieg auslöst.

Es sind kurze Kapitel, die fast durchgängig einen Umfang von vier bis fünf Seiten aufweisen und die dadurch trotz der manchmal recht unübersichtlichen Personenkonstruktionen gut zu konsumieren sind. In den insgesamt 140 Kapiteln finden sich bekannte Motive wie Iason und das Goldene Vlies, die Prüfungen Ödipus‘, Phaeton und sein Sonnenwagen oder der Minotaurus in seinem Labyrinth.
Ebenso lässt sich in Von Göttern und Menschen aber auch viel Neues und Unbekanntes entdecken, wie etwa die Jagd nach dem Kalydonischen Eber durch Meleagros oder die Geschichte der Argonautin Atalante oder die Geschichte der Äpfel der Hesperiden.

Namen wie der von Iphigenie, Orion oder Herakles erhalten hier eine Geschichte, die über die bloße Kenntnis ihrer Namen hinausreicht. Mustergültig listet das beigefügte Register in der Folge auch über dreiundzwanzig Seiten hinweg alle Figuren auf, die in den Geschichten Erwähnung gefunden haben und verweist auf alle Kapitel, in denen sie ihren Auftritt haben Übersetzung aus dem Englischen Heike Schlatterer).

Sagen mit Sinn für Action, Timing und Kontext

Mit Sinn für Action und Timing erzählt Johnston mit einem heutigen Blick von der einstigen Welt, wobei sie eng am philologischen Urmaterial bleibt, was auch die umfangreichen Quellen und Erläuterungen im Anhang des Buchs belegen.
Die Professorin erlaubt sich aber auch einen kritischen Blick auf Themen wie Vergewaltigung oder Misogynie, die untrennbarerer Teil vieler Sagen sind, die von ihr kontextualisiert, aber nicht ausgespart werden.

Gegenwärtig ist auch der Erzählton, der viele Erzählungen rafft oder auf ihren Kern reduziert. Da schreien Figuren schon einmal mit Panik in der Stimme, sind kurz weg oder es findet sich durchaus das ein oder andere Splatterelement in der Neuerzählung.

Überhaupt, manche der von Sarah Iles Johnston nacherzählten Sagen wirken wie Vorläufer zu modernen Action- oder gar Horrorfilmen, etwa die Prüfungen des Theseus, bei der er sich mit wirklich monsterhaften Gegnern herumschlagen muss, die ihn in schon einmal in ihr Zuhause einladen mit dem Plan, diesen während seines Schlafs in einem Bett auf passende Größe zurechtzusägen. Dennoch ist das Ganze nicht krampfhaft in die Jetztzeit geholt, sondern modernisiert das jahrhundertealte Erzählgut auf vorsichtige Art und Weise.

Neben der den Geschichten eingeschriebenen Gewalt und Racheorgien ist aber vor allem die kulturelle Prägekraft der Geschichten stupend. Wie kam das Rote Meer zu seinem Namen, wie ergründen sich die Namen einiger Sternbilder? Liest man die Nacherzählung der Sagen, dann wird klar, wie uns in unseren Vorstellungen auch heute noch diese Sagen prägen.

Fazit

So modernisiert Von Göttern und Menschen den ewig strahlenden Sagenschatz unserer Kultur und blickt zugleich auf die Urmythen, die von Auguste Lechner über Gustav Schwab bis hin zu den TikTok-kompatiblen Nacherzählungen der Mythen, etwa von Madeline Miller oder Referenzen zu diesen wie Game of Thrones nicht aus der Mode kommen und es wohl auch nicht werden, viel zu einflussreich ist die ihnen innewohnende Kraft. Das führt Sarah Iles Johnstons Buch deutlich vor Augen.


  • Sarah Iles Johnston – Von Göttern und Menschen. Die griechischen Mythen neu erzählt
  • Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
  • ISBN 978-3-406-82709-9 (C. H. Beck)
  • 558 Seiten. Preis: 36,00 €

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies

Ein Kinderwunsch zieht in Ron Rashs Roman Mit einem Fuß im Paradies weite Kreise. Aus verschiedenen Perspektiven blickt der US-amerikanische Autor auf das Geschehen im ländlichen South Carolina, das aus dem Sehnen nach einem Kind erwächst und erweist sich dabei einmal mehr als Spezialist für zwischenmenschliche Abgründe


Vor zwei Jahren stellte der im fränkischen Cadolzburg beheimatete Ars Vivendi-Verlag mit Ron Rash wieder einmal seinen Spürsinn für erzählerische Talente und gute Bücher unter Beweis. Der Friedhofswärter hieß das Buch, das ein schon fast shakespeare’sches Geflecht von Liebe, Lüge und Täuschung aufbot und von einem jungen Paar erzählte, das durch die Intrige seiner Eltern auseinandergebracht werden sollte.

Damit erschloss der unabhängige Verlag Ron Rash erstmals für den deutschen Buchmarkt und erhielt dafür einiges an Aufmerksamkeit. Nun setzt der Verlag diese Arbeit fort und präsentiert mit Mit einem Fuß im Paradies ein Frühwerk, genauer gesagt das Debüt des 1953 geborenen Autors und Universitätsprofessors.
One foot in eden stammt aus dem Jahr 2002 und liegt nun erstmals in der Übersetzung von Gottfried Röckelein vor (wofür sich der Verlag nun löblicherweise dafür entschieden hat, auch den Übersetzer prominent auf dem Cover auszuweisen).

Ein Vermisster in South Carolina

Ron Rash - Mit einem Fuß im Paradies (Cover)

Obgleich Rash sein Debüt diesmal in South Carolina statt in North Carolina (wie im Fall des vor zwei Jahren erschienenen Friedhofswärters) spielen lässt, sind es auch hier die 1950er Jahre, die den zeitlichen Rahmen der Geschichte bilden. Und auch der Erzählansatz den Rash später weiter verfolgen sollte, ist hier schon angelegt. Verschiedene Ich-Erzähler blicken nacheinander auf das Geschehen und ergeben so allmählich das erzählerische Ganze, das tief in zwischenmenschliche Abgründe blickt.

Alles beginnt mit einer Vermisstenanzeige, die den Bezirkssheriff Will Alexander erreicht. So ist Holland Winchester verschwunden, der sich in der Gegend schon einen Ruf als Quertreiber erarbeitet hat.
Für Sheriff Alexander ist der Fall klar: Winchester muss vom Farmer Billy Holcombe ermordet worden sein, denn dessen Frau hatte ein Affäre mit Winchester. Dass Winchester und nicht Billy Holcombe der Vater des gemeinsame Kind des Farmerpaars ist, es ist ein offenes Geheimnis und wäre ein gutes Motiv, das hinter dem Verschwinden Winchesters stecken könnte.
So macht sich der Sherriff auf die Suche nach dem Vermissten, der eigentlich nur tot sein kann.

Mord aus Eifersucht, Billy, das hätte deine Verteidigungsstrategie sein können, dachte ich und folgte ihm durchs seichte Wasser. Du hättest gestern zu mir ins Büro kommen, dich stellen und mit offen und ehrlich alles über Holland und deine Frau sagen sollen. Dann wärst du wahrscheinlich noch glimpflich mit einem „Verbrechen aus Leidenschaft“ davongekommen, Billy, auch wenn es ein Kriegsheld war, den du umgebracht hast. Aber jetzt hast du es vermasselt. Du hast dein Verbrechen vertuscht. Und nun sieht alles nach Planung aus, nach Vorsatz.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 47

Ein Mord ohne Leiche

Bei der Suche nach dem Vermissten gibt es allerdings nur ein Problem – Holland ist nicht aufzufinden, weder als Lebender noch als Toter. Zwar weisen alle Indizien auf die Ermordung Winchesters hin, aber weder eine Durchsuchung des Flusses noch eine Suche in den umliegenden Wäldern und Feldern führt zu einem Ergebnis. So steht der Sheriff vor einem Problem: keine Leiche, keine Mordermittlung und auch kein Prozess.

Während sich der Sheriff in die Suche nach Winchesters Leiche verbeißt, blickt Ron Rash derweil dann aus den Augen des Farmers und später auch seiner Frau auf das Geschehen, das im Verschwinden des Quertreibers mündete. Dabei fügt sich Strich für Strich zu einem Bild von Enttäuschung, von unerfüllten Kinderwünschen und einer Dorfgemeinschaft zusammen, in der viele viel zu viel voneinander wissen, und das Entscheidende dann doch unausgesprochen bleibt.

Alle Ich-Erzähler blicken aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das gleiche Geschehen und schaffen es trotz viel Gemeinsamkeiten nicht, zu einem förderlichen Miteinander zu kommen. Weit stehen der Farmer, seine Frau und der ermittelnde Sherriff vor der eindrucksvoll geschilderten Weite der Natur auseinander. Mit ihrem Handeln setzen sie alle den letzten Satz des Romans eindrucksvoll in die Tat um: Dies war ein Ort für die Verlorenen.

Untiefen in verschiedenen Formen

Von dieser Verlorenheit, dem Unausgesprochenen und dem Willen einer physischen Lösung für psychologische Bedürfnisse erzählt Rash anschaulich. In Mit einem Fuß im Paradies wird eben nicht nur der Fluss mit seinen Untiefen durchsucht, sondern auch der Autor lotet die Untiefen in den zwischenmenschlichen Beziehungen aus.
Dabei kommt auch wieder sein Talent für die Inszenierung des Schauplatzes zum Tragen. Die von Dürre geplagten Landschaft, die Schönheit der Natur, die Gefahr, aber auch die Unbeschwertheit, die sie bieten kann, all das fängt sein Buch bravourös ein.

Einmal hatten Travis und ich als Kinder im Wolf Creek geangelt. Es war Oktober gewesen, die Zeit, wenn die Süßwasserforellen zum Laichen in die Bäche schwimmen. Wir hatten am Creek-Zufluss gleich zwei Forellen gefangen, stattliche Männchen mit hakenförmigen Kiefern, deren Flecken an beiden Seiten leuchteten und groß waren wie Stechpalmenbeeren. Travis und ich hatten uns den Bach hinaufgearbeitet und unsere schweren Fischgalgen hinter uns hergezogen. Eine Untiefe noch, dann machen wir kehrt, hatten wir uns immer wieder vorgenommen, da wir wussten, wer an der Quelle dieses Baches lebte. Aber Fische zu fangen war einfach zu schön. Also machten wir weiter.

Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies, S. 59

Fazit

Schon dieses Debüt zeigt einen genauen Beobachter, der weiß, dass im Spannungsfeld zwischen den Menschen und ihren Wünschen die interessantesten Geschichten entstehen. Mit einem Fuß im Paradies ist ein starkes Buch, das anschaulich illustriert, welche großen Folgen aus einem kleinen Kinderwunsch erwachsen können. Dieses Werk macht Lust auf weitere Übersetzungen des US-Amerikaners.

Und tatsächlich gäbe es da noch einiges zu entdecken. Mit Kurzgeschichten, Lyrik und weitere sechs unübersetzte Romanen ist das übrige Oeuvre von Ron Rash tatsächlich noch äußerst reichhaltig und bietet sicherlich noch einige Glanzlichter auf. Das lässt sich nach nun zwei Proben aus dem Werk des US-Amerikaners auf alle Fälle sagen.

Es wäre dem Ars Vivendi-Verlag zu wünschen, dass sich die beharrliche Arbeit in Sachen Autorenförderung dann auch weiter auszahlt!


  • Ron Rash – Mit einem Fuß im Paradies
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
  • ISBN 978-3-7472-0766-6 (Ars Vivendi)
  • 252 Seiten. Preis: 24,00 €

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas

Sagenfigur, lebend. In ihrem Roman Michaela Kohlhaas holt Heike Geißler den Mythos um den widerständigen Pferdehändler in die Jetztzeit und erzählt von einer Frau, die sich aus dem Trott des Alltags ausklinkt und inmitten der Metropole Leipzig den Aufstand probt. Mit ihrem Handeln stellt Michaela Kohlhaas die Systemfrage und wird zur Außenseiterin.


Zwei Rappen sind es, die in Heinrich von Kleists zum Klassiker gewordenen Novelle aus dem Jahr 1810 die Handlung in Gang setzen und schließlich zur Entleibung ihrer Titelfigur führen. Entwendet vom Junker Wenzel von Tronka will Kohlhaas um jeden Preis Gerechtigkeit für die entführten Pferde und vergisst dabei schon bald jegliche Verhältnismäßigkeit.

Ganz so radikal wie der Kleist’sche Kohlhaas in seinem Gerechtigkeitsfuror ist Heike Geißlers Michaela Kohlhaas da zunächst noch nicht. Unter den Augen einer Freundin, der Erzählerin des Buchs, praktiziert sie ein Quiet Quitting der etwas anderen Art. Ihren Job als Stellvertreterin des Friedhofchefs lässt sie ruhen und überträgt die Aufgaben wiederum ihrem Stellvertreter, um fortan auf festes Dach und alle Annehmlichkeiten einer bürgerlichen Existenz zu verzichten.

Was brauchte die beispielhafte Frau also für einen Anlass? Brauchte sie einen Anlass? Brauchte sie einen Motor, brauchte sie etwas, das ihr die Taschen füllte, bis sie platzen? Brauchte sie einen Sturm und das Regenwasser, das von den sanierten Dächern all der gut genährten ehemaligen Gutshäuser des Umlands abprallte, den weiten Weg in das Zentrum der Stadt überstand und auf dem Boden vor ihrem Bett landete? Die Anlässe waren ganz selbstverständlich da. Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun. Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 34 f.

Michaela Kohlhaas vs. Tronka

Heike Geißler - Michaela Kohlhaas (Cover)

Einen Impuls zu diesem widerständigen Leben, das sie fortan führen wird, gab ihr ebenfalls ein von Tronka. Geißlers Tronka ist allerdings Galerist, der die Gentrifizierung Leipzigs mit freundlicher Unterstützung des Bürgermeisters gezielt vorantreibt. Die Kohlhaas will da aber nicht mitmachen. Sie fordert vom Galeristen wie auch im Vorzimmer des Bürgermeisters Gerechtigkeit – denn sie ist mindestens in dem Umfang Besitzerin von Grund und Boden, wie es der Galerist auch ist. So zumindest ihre Auffassung, die sie inhaltlich wie optisch immer stärker zu einem Paria macht.

Zwar ohne Pferde, damit ausgestattet mit einem Planwagen vagabundiert sie durch Leipzig, verzichtet auf übermäßige Körperpflege und erinnert mit ihrem Auftreten an die Brecht’sche Mutter Courage (den Augsburger Dichter zitiert Geißler dann auch prompt auf den ersten Seiten, hier ist es allerdings das bekannte Moritat von Mackie Messer, das die Kohlhaas auf den Lippen trägt).

Ähnlich wie in Lukas Bärfuß‚ Text Hagard werden wir in der Folge Zeuge, wie sich eine Frau binnen kurzen von der Gesellschaft loslöst, die wiederum nicht ganz von ihr lassen kann. Denn das neue Kohlhaas’sche Leben ist für viele zu provokant, als dass man sie ihr Leben leben ließe.

So wird ihr als Bewohnerin einer Datsche der Strom von den Mitbürgern abgestellt, kurze Zeit landet Michaela Kohlhaas in einem Käfig oder wird zu einer Talkshow eingeladen. Man schwankt zwischen Ekel, Ablehnung und Faszination für die Frau, die mit einem Schwert bewehrt durch Leipzig und das Umland zieht. Und auch die Erzählerin kämpft mit ihren Sympathien und dem Unverständnis für die neue Michaela Kohlhaas, die Land und Menschen durcheinanderbringt.

Unbeirrbare Heldin, schwankender Erzählton

Da ist es nur konsequent, dass Heike Geißler ihr Erzählen ebenfalls schwanken lässt. Zwischen kurzen Kommentierungen ihrer Ich-Erzählerin und langen, personalen Passagen, die von Kohlhaas‘ Werden erzählen. Und einem Tonfall, der den Brückenschlag zwischen Kleist’schem Historismus und Gegenwart wagt. Lange Sätze, ein betulicher Duktus, manchmal geradezu altertümliches Erzählhandwerk – und dann wieder gebrochen mit den stilistischen Mitteln der Moderne.

Es wirkte manchmal so, als gehörte Michaela Kohlhaas auf eine spezifische Art zur Stadt. Man sprach über sie, man kannte sie, aber man beschäftigte sich nicht weiter mit ihr, es gab viele wie sie, so lautete die öffentliche Meinung, es gab viele grölende, stinkende Frauen mit zerschlissener Kleidung und kruden Ideen. Sie war nur die mit dem größten Gefährt.

Heike Geißler – Michaela Kohlhaas, S. 151

Damit bildet Heike Geißler im Tonfall ihres Erzählens das ab, was auch ihr Roman bebildert. Beispielhaft eine Szene, in der Michaela Kohlhaas mit ihrem Karren einen Defekt hat. Repariert wird das schadhafte Rad auf dem Leipziger Stadtfest stimmigerweise von einem Schmied, der in einer Art mittelalterlichem Re-Enactment am Lagertreiben im Herzen der Stadt beteiligt ist.
Während hier der historische Rahmen aufgebaut wird, bricht ihn Heike Geißler gleich wieder, als sie ihre Michaela Kohlhaas während der Reparatur aus dem Zelt des Schmieds hinaus zum Einkaufen schickt, namentlich in das dem Lager gegenüberliegenden Kaufhaus Sport Scheck, wo die Rebellin ein neues Paar Schuhe ersteht.

Gegenwart und Vergangenheit liegen bei diesem Erzählen nur eine Turnschuhbreite auseinander. Das macht den Reiz dieses Erzählens aus, das manchmal auch wirklich sperrig ist und mit seinem teilweise schon fantastisch wirkenden Setting zwischen Sozialkritik und Literaturgeschichte durchaus herausfordert.
An einigen Stellen wirkt es, als deute Heike Geißler mit ihrer Heldin das aus, was sie zuletzt in ihrem mit dem Bayerischen Buchpreis gekrönten Essay Verzweiflungen umkreiste – nur diesmal mit literarischen Mitteln in Romanform.

Fazit

Heike Geißler ist mit Michaela Kohlhaas ein Text gelungen, dessen Adaption man quasi schon vor sich auf den Theaterbühnen der Republik sehen kann. Viele Ansatzpunkte für unterschiedlichste Inszenierungen bieten sich an. Als kapitalismuskritisches Stück, als Kommentar auf Revoluzzer und Möchtegern-Revoluzzer wie Reichsbürger, die an der Systemfrage letztlich scheitern, oder als Zeitgeist-Analyse – Michaela Kohlhaas bietet viele Lesarten

Weniger aufständisch, dafür nicht minder beharrlich lässt sie ihre Heldin durch ein Land ziehen, das sie nicht mehr versteht und das auch sie nicht mehr versteht. In einem Ton, der sich auf Kleists Erzählen rückbesinnt, aber auch von kapitalismuskritischen Geist getragen ist, begleitet man diese Heldin, die zeigt, dass es nicht viel braucht, um als Revoluzzerin zu gelten und die soziale Norm zu sprengen.


  • Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
  • ISBN 978-3-518-43280-8 (Suhrkamp)
  • 253 Seiten. Preis: 24,00 €

Andrew O’Hagan – Maifliegen

Oh, bittersüße Nostalgie. In Maifliegen blickt der schottische Journalist und Autor Andrew O’Hagan zurück auf eine Jugend in Schottland und fragt sich, was von jener Zeit bleibt…


Morrissey und seine The Smiths, Orchestral Manoeuvres in the Dark oder die Specials : es ist eine ganze Playlist des Britpops und -rocks der 80er Jahre, die einem wieder im Ohr klingt, wenn man sich an die Lektüre von Andrew O’Hagans Roman Maifliegen macht (Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié).

Ein Wochenende in Manchester

Andrew O'Hagan - Maifliegen (Cover)

Ausgangspunkt des Ganzen sind die Erinnerungen von James, der sich noch einmal seine Jugendzeit vor Augen führt. Aufgewachsen in einer schottischen Kleinstadt verband ihn schon immer eine Freundschaft mit Tully Dawson, die zusammen einige Freunde um sich scharten, mit denen sie ihre Liebe zum Fußball und zur Musik teilten.

Prägend und zentraler Teil dieser Jugenderinnerungen war eine Reise, die die Tully und Dawson zusammen mit einem Freund nach Manchester unternahmen. Für ein Wochenende wollten sie die Stadt unsicher machen, junge Frauen kennenlernen, trinken, feiern und viel Musik hören. In Kaschemmen, Musikclubs und Plattenläden erlebten die Teenager eine Art Initiation fürs Erwachsenenleben, ehe sie der Alltag in Schottland wieder einholen sollte.

Bis hierhin lässt sich Andrew O’Hagan Roman wie ein rückblickender, nostalgiegeschwängerter Jugendromans an, den auch Benedict Wells oder Joey Goebel in leicht abgewandelter Form hätten schreiben können. Was Maifliegen aber über diese Beschau einer britischen beziehungsweise schottischen Jugend hinaushebt, ist der Cut in der Mitte des Buchs.

Dreißig Jahre später

Denn Andrew O’Hagan bricht diese Feier von Musik und Freiheitsdrang ab, um den zweiten Teil des Romans dreißig Jahre später anzusetzen. Im Jahr 2017 lernen wir den Ich-Erzähler James als Erwachsenen kennen, dem nicht viel von seiner rebellischen Adoleszenz geblieben ist. Eines Abends bekommt er eine Nachricht von Tully, den ihn aus seiner mittlerweile so eingeübten Routine reißt.

In der U-Bahn waren die Scheiben beschlagen. Ich saß in einem leeren Abteil, und vor meinem inneren Auge erschien die rote Leuchtreklame des Hotels Britannia, damals, vor vielen Jahren, zusammen mit Tully. Zuhause legte ich die Krawatte ab und goss mir einen Whisky ein. Tully arbeitete inzwischen als Lehrer. Fachleiter für Englisch. Vor vielen langen Wintern hatte er die Abendschule besucht, ganz wie beschlossen. Und jetzt unterrichtete er im East End von Glasgow, und die Schüler liebten ihn. Ich hatte eine Weile nichts von ihm gehört, und seine Nachricht beunruhigte mich. Ich versuchte, mir einen Fluss in den Highlands vorzustellen oder ein loderndes Torffeuer, als das Display aufleuchtete. „Tullygarwan, Townland von Ulster“, sagte ich. „Was liegt an?“
„Ach, Noodles.“
Einen Augenblick lang herrschte Stille.
„Lass dir Zeit.“
„Ich bin am Marsch, Mann, total im Arsch. Eigentlich wollte ich es dir gar nicht sagen.“

Andrew O’Hagan – Maifliegen, S. 168

Die Nachricht, die Tully seinem Jugendfreund dann übermittelt, zieht James dann wirklich den Boden unter den Füßen weg. Aber nachdem die beiden ja schon in Jugendzeiten unter Beweis gestellt haben, dass ihre Freundschaft tragfähig ist, will James auch Tullys letzten Wünsche noch übermitteln und beginnt so, für seinen Freund entscheidende Dinge in die Wege zu leiten.

Was bedeutet Freundschaft?

Maifliegen ist eine Hymne auf die Freundschaft und das Leben, das viel zu schnell wieder vorbei ist. Mit der zweiten Hälfte des Romans verschafft Andrew O’Hagan dem Text eine Tiefe, die der erste Teil für sich alleine nicht einlösen kann. Denn dann gesellt sich zur Nostalgie auch die Frage von dem, was von uns und unseren Bindungen bleibt, was dem Text eine ganz eigene Dramatik verleiht.

Dieser Roman ist indes bereits der zweite Auftritt von Andrew O’Hagan auf dem deutschen Literaturmarkt. Vor zwei Jahren gelang ihm und dem herausgebenden Ullstein-Verlag mit Caledonian Road ein wirklich großer Gesellschaftsroman der britischen Gegenwart, der sämtliche sozialen Schichten ausleuchtete und mit dem im Mittelpunkt stehenden – oder besser taumelnden — Intellektuellen Campbell Flynn auch sein humoristisches Potenzial entfaltete.

Ganz neu ist Maifliegen nun aber nicht, vielmehr erschien das Werk als Mayflies im Original bereits im Jahr 2020 und liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Den gesellschaftlichen Anspruch von Caledonian Road hat dieses Buch nicht und will ihn auch gar nicht haben. Vielmehr ist O’Hagans Buch der konzentrierte Blick auf eine Freundschaft zwischen Jugend und Alter und die Frage, was Freundschaft trägt und was sie bestenfalls aushalten kann.

Das macht aus dem Buch eine kleine Preziose, der hoffentlich auch etwas der Aufmerksamkeit vergönnt ist, die Andrew O’Hagans Caledonian Road bereits beschieden war.


  • Andrew O’Hagan – Maifliegen
  • Aus dem Englischen Gabriele Kempf-Allié und Manfred Allié
  • ISBN 978-3-550-20447-0 (Ullstein)
  • 334 Seiten. Preis: 24,00 €