Monthly Archives: Januar 2019

Louise Penny – Hinter den drei Kiefern

Mit ihrem Chief Superintendent Gamache widmet sich Louise Penny einer auf dem deutschen Buchmarkt etwas unterrepräsentierten Region: dem kanadischen Süden, genauer gesagt, der Region Québec. Dort spielt ihre Reihe um den Leiter der Sûreté du Québe (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

Leider ist Hinter den drei Kiefern nicht der erste Band der Gamache-Reihe. Dieser erste Fall heißt Das Dorf in den roten Wäldern und erscheint nun im Februar bei Kampa. Diese Publikationschronologie stellte sich für mich als etwas unglücklich heraus, da durch den Einstieg mitten in der Serie die Bezüge unklar sind. So gerät die Einführung des titelgebenden Dorfes Three Pines und all seiner Bewohner etwas ruckelig. Es braucht seine Zeit, bis man sich im französischen Dorf gleich hinter der frankokanadisch-amerikanischen Grenze einfindet.

Als erzählerischer Rahmen dient Louise Penny eine Gerichtsverhandlung im sommerlich-stickigen Montreal. Dort sitzt Chief Superintendent Gamache im Zeugenstand eines Mordprozesses. Der Staatsanwalt nimmt den Ermittler kräftig in die Zange und so erfahren wir als Leser in Rückblenden, was sich im Dörfchen Three Pines zugetragen hat. Ausgangspunkt dabei ist eine Halloween-Feier, die das ganze Dorf Kopf stehen lässt.

Ein Cobrador de frac in Three Pines

Denn plötzlich steht auf dem Dorfanger eine mysteriöse Gestalt mit Maske und schwarzem Cape. Auch am nächsten Tag steht diese noch auf dem Hügel. Und dem übernächsten. Allmählich wird den Dorfbewohnern doch mulmig, denn es scheint, als hätte sich ein echter Cobrador de frac in Three Pines niedergelassen. Ein Schuldeneintreiber, der Menschen besucht, die Schuld auf sich geladen haben, und sie durch seine bloße Anwesenheit beschämt, ehe sie ihre Schulden zugegeben und beglichen haben. Im Dorf greift Unruhe um sich. Wer hat so schwere Schule auf sich geladen, dass ein leibhaftiger Cobrador de frac Three Pines besucht?

Nach der eingangs erwähnten holprigen Einführung in den Prozess, die Geschehnisse an jenem Halloween-Abend und die Dorfgemeinschaft nimmt Hinter den drei Kiefern dann Fahrt auf. Mit ein bisschen zu viel an Geraune und Andeutungen macht Louise Penny den Leser*innen schnell klar, dass etwas Schlimmes im Dorf geschehen sein muss.

Trotz der Überakzentuierung des Foreshadowing entfaltet der Krimi gut seine turbulente Handlung, die durch die Rückblenden einen stimmigen Rhythmus besitzt. Louise Penny weiß zu erzählen und dreht mit Fortschreiten des Buchs das Ganze von einem vermeintlichen cozy Krimi hin zu einem Thriller. Ohne zu viel verraten zu wollen: in Three Pines geht es dann doch erstaunlich bleihaltig zu.

Guter Krimi mit kleinen Abstrichen

Auch wenn es für mich Sätze wie diesen nicht gebraucht hätte „Ich werde die Frage zulassen. In der Verhandlung geht es um Tatsachen, aber Empfindungen sind auch Tatsachen“ (S.60) (nein, sind sie mitnichten), ich auf das viele detailliert geschilderte Essen verzichten könnte und ein bisschen weniger Geraune goutiert hätte: Insgesamt ist Hinter den drei Kiefern ein wirklich prima Krimi mit einem sympathischen Städtchen, das der eigentliche Hauptdarsteller ist.

Zwar wäre es in meinen Augen einfacher gewesen, man hätte die Reihe chronologisch begonnen. Aber auch für sich alleine genommen kann Louise Pennys Buch gut bestehen. Und alle, die Gamache von Anfang an kennenlernen wollen, die können dann ja bis Februar warten. Dann bekommen sie auch die Erklärung dafür, wie es Gamache nach Three Pines verschlagen hat.


Weiter Besprechungen des Titels finden sich hier: Constanze Matthes hat das Buch auf ihrem Blog Zeichen und Zeiten besprochen. Genauso sind auch andere Blogger*innen verfahren. So sei an dieser Stelle noch auf die Besprechung von Nana verwiesen. Und auch Die Tipperin hat sich des Buchs angenommen.

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Jürgen Goldstein – Die Entdeckung der Natur

Etappen einer Erfahrungsgeschichte

Die Reihe Naturkunden zählt in Hinsicht Form und Funktion zum Schönsten, was man momentan auf dem deutschen Buchmarkt so findet. Als Herausgeberin und zugleich Gestalterin ist Judith Schalansky für die Reihe verantwortlich. Den Inhalt liefern verschiedene namhafte Autoren wie etwa Eva Meijer, Robert MacFarlane oder Jean-Henri Fabre. Die Themen dieser bei Matthes & Seitz verlegten Reihe sind so vielfältig wie die Natur selbst, die in diesen Büchern abgebildet wird. Egal ob Nashörner, Symbiosen, Algen oder verlorene Wörter aus dem Bereich Flora und Fauna – zu fast allen Themen der zoologischen und botanischen Welten gibt es hier erkenntnisreiche Bücher.

Wie man diesen einleitenden Worten vielleicht entnommen hat: auch ich bin ein großer Freund dieser außergewöhnlichen Reihe. Daher habe ich mich ad fontes aufgemacht und mich einem der ersten Bände dieser Reihe gewidmet. Genauer gesagt ist es der Band 3 der Naturkunden, der hier im Mittelpunkt stehen soll. Es handelt sich um das Werk Die Entdeckung der Natur – Etappen einer Erfahrungsgeschichte von Jürgen Goldstein. Goldstein lehrt als Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau und begegnete mir zum ersten Mal vor zwei Jahren. Damals stand sein Buch Blau – Eine Erfahrungsgeschichte auf der Nominierungsliste für den Bayerischen Buchpreis. Zwar bekam das Buch damals nicht den Preis verliehen – persönlich hätte ich ihm den Preis allerdings zugesprochen.

Das damalige Leseerlebnis weckte in mir den Wunsch nach mehr Literatur von Goldstein, da er sich in seinem Werk als kenntnisreicher, fein beobachtender und auch literarisch sehr versierter Autor zeigte, der in seinem Buch einen vielgestaltigen Zugang zu seinem Thema schuf. Auch in die Entdeckung der Natur gelingt ihm das einmal mehr.

Der Mensch macht sich die Natur untertan

Die Grundidee hinter seinem Buch ist die Frage, wie der Mensch die Natur im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat. Wie hat sich die Wahrnehmung geändert – und welche Faktoren haben das beeinflusst? Goldstein geht dieser Frage nach, indem er ausgehend vom 14. Jahrhundert mit der Besteigung des Mont Ventoux durch den Dichter Petrarca den Bogen bis in die Neuzeit schlägt, hin zu Personen wie Reinhold Messner und Chris McCandless.

Diesen Bogen schafft er, indem er sich 17 Episoden aus der Geschichte herausgreift, an denen sich beispielhaft ein wandelnder Blick auf die Natur ablesen lässt. Er nimmt berühmte und weniger berühmte Menschen in den Blick, die besondere Naturerfahrungen erlebten, und die diese dann in Berichten festhielten, darunter etwa Georg Forster oder Peter Handke. Goldstein gelingt in seinen Episoden eine stimmige Mischung aus Nacherzählung und Originalberichten, die uns als Leser die damaligen Erfahrungen und Erlebnisse nacherleben lässt.


Humboldt und Bonpland am Fuß des Vulkans Chimborazo, Gemälde von Friedrich Weitsch (1810)

Zu den von ihm geschilderten Episoden zählt die Besteigung des Brockens durch den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe im Jahr 1777. Aber auch die Besteigung des Matterhorns durch Edward Whymper, die Reise Maria Sybilla Merians nach Surinam oder die fast geglückte Besteigung des Chimborazo durch Alexander von Humboldt 1802 sind Thema. Generell lässt sich festhalten, dass Goldstein eine maximale Bandbreite an Reise- und Erlebniserfahrungen einfängt. Von Bergbesteigungen bis zu Reisen in exotische Länder wie Amazonien, von Eiswüsten bis hin nach Tahiti. Würden Bücher Bonusmeilen sammeln, der Entdeckung der Natur wäre ein Platz in der Senatourlounge gewiss.

Erkenntnisreiche Episoden mit Kreisschluss

Diese oben schon angesprochene Mischung aus Originalberichten und Nacherzählung ist eine gute Idee, da sie eben ad fontes zu den Eindrücken der Menschen vordringen lässt. So zeigt Goldstein, wie die ersten Wahrnehmungen der großen Entdecker noch stark vorbelastet waren vom eigenen Wissensstand der damaligen Zeit. So konnte Kolumbus seine Entdeckungen rational und sprachlich nur unzureichend verarbeiten – zu verstellt war der eigene Blick. Doch das Sensorium der Menschen wandelte sich im Lauf der Zeit – bis man wieder bei sich selbst ankam.

Eindrucksvoll illustriert Goldstein den Kreis, den die Wahrnehmung der Natur schloss. Galt eins das Streben nach Erfahrung und Eroberung der Natur als verrufen (der Kirchenvater Augustinus drängte darauf, dass die wahren Wunder in uns Menschen lägen), so setzte ab dem 14. Jahrhundert eine gegenläufige Entwicklung ein. Berge wurden bezwungen, Meere überquerte, neue Länder entdeckt. Doch spätestens mit der Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff durch Reinhold Messner waren alle möglichen unerkannten und unmöglichen Entdeckungen hinfällig geworden. Alles ist zur Variation und Wiederholung geraten. Goldstein konstatiert:

Der Kreis schließt sich. Der Mensch ist bei seinem Vordringen in die Natur wieder bei sich selbst angekommen. Hatter er vor der allmählichen Entdeckung und Erschließung der Natur, wie sie mit Petrarca eingesetzt haben mag, zu wenig von ihr gekannt, scheint er nun zu viel von ihr gesehen zu haben. Hatten die ersten Entdecker noch vor lauter Büchern im Kopf kaum etwas anderes aufnehmen können als das, was sie bereits wussten, sind es nun die imaginierten Bilder, die wir von den entlegensten Erdteilen besitzen, die sich vor die Wahrnehmung schieben und die Frische von tatsächlichen Eindrücken verderben. Die Südsee? Zum Klischee verkommen. Die schneebedeckten Berge? Ein Panorama für Skifahrer.

Goldstein, Jürgen: Die Entdeckung der Natur, S. 273

Geschickt montiert, nachgerade brillant

Die Entdeckung der Natur steckt voller Erkenntnis. Welche Gedanken befielen die Entdecker*innen damals? Was ließ sie zweifeln, war zu immer neuen Ufern aufbrechen? Die Episoden sind klug gewählt. Goldstein gelingt es, diese Schlaglichter auch in einen übergreifenden Kontext gut einzubetten. Seine Nacherzählungen sind hochspannend, im Zusammenwirken mit den Originalberichten entwickeln sie oftmals eine hypnotische Wirkung, nachgerade brillant. Besonderes Highlight für mich waren die Schilderungen der Chimborazo-Besteigung durch Alexander von Humboldt und Fridtjof Nansens Arktisexpedition. Meisterhaft, wie Goldstein uns auf die Berge und in die Extremgebiete dieses Planeten mitnimmt.

Die Entdeckung der Natur ist daneben auch ein Buch, das meinen eigenen ästhetischen Horizont wirklich geweitet hat. Das Buch weckte neue Lust auf die Reiseberichte der behandelten EntdeckerInnen, auf ihre Schriften und ausführlichere Biographien. Vor allem Alexander von Humboldts Schriften werden vielleicht auch auf diesem Blog noch ein Thema sein, nicht zuletzt, da dieser große Entdecker in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiern würde. Goldsteins Buch bietet hierfür eine wunderbare Einführung. Dass es ebenso toll gestaltet ist, muss bei dieser Reihe nicht eigens erwähnt werden.

Oder um es kurz zu machen: auch dieses Buch selbst ist eine Entdeckung!

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Maya Angelou – Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Gerne wird das Internet ja als Ursache für den vermeintlichen Untergang des gedruckten Wortes verteufelt. Ulrich Greiner beklagte zuletzt in der Zeit, dass alles Lesen ins Internet abwandere. Alle nur noch auf Twitter, Snapchat, Instagram, niemand schaue mehr ein Buch an, so die gängigen Vorurteile.

Besonders die jungen Leute, die könnten sich ja gar nicht mehr auf die Komplexität eines geschriebenen Textes einlassen. Das Internet und die neuen Medien als Sargnagel des Buches und der Literatur überhaupt. Dieser mindestens so alberne wie hanebüchene Evergreen der Untergangsprophet*innen, er ist doch nicht totzukriegen. Immer wieder wird er gerne geschmettert, allen voran vom obersten Schwanensänger Manfred „Digitale Demenz“ Spitzer in der leicht schrillen bis endgültig ins Alarmistische kippenden Leadstimme

Dass sich Internet und anspruchsvolle Lektüre nicht ausschließen – und im Gegenteil: sich sogar wechselseitig hervorragend befruchten können, das beweist einmal mehr das Feuilleton-Kollektiv 54Books. Denn die Mitglieder dieser Gruppe haben nun auch einen eigenen Lesekreis ins Leben gerufen. Auf Twitter wird unter dem Hashtag #54reads eine monatliche Lektüre gelesen, besprochen und diskutiert. Los ging es im Januar mit dem Titel Ich weiß, warum der gefange Vogel singt von Maya Angelou.

54Books gründet seinen eigenen Lesekreis

Episoden aus dem Süden der USA

Als ich drei war und Bailey vier, waren wir in der muffigen kleinen Stadt angekommen. An unseren Handgelenken hingen Zettel, die jeden, den es interessierte, davon in Kenntnis setzten, dass wir Marguerite und Bailey Johnson jun. aus Long Beach, Kalifornien, waren, unterwegs nach Stamps, Arkansas, c/o Mrs Annie Henderson.

Unsere Eltern hatten sich entschlossen, ihrer katastrophalen Ehe ein Ende zusetzen, und Vater schickte uns nach Hause zu seiner Mutter.

Angelou, Maya: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt, S. 11

So beginnt das Schicksal Mayas und ihrem Bruder Bailey, mit dem sie bei ihrer Momma aufwächst. Dort im Süden der USA wird Maya in der schwarzen Gemeinschaft zwischen Baumwollpflückern, Tante-Emma-Laden und Episkopalkirche groß. In insgesamt 36 Kapiteln, grob gegliedert nach dem Heranwachsen Mayas, wirft Angelou einen bestechend klaren Blick auf den Süden der USA und seine gesellschaftlichen Probleme.

Aus der Perspektive eines kleinen Kindes zeigt sie, wie offen sie und ihre schwarzen Mitmenschen Rassismus erfuhren. Das reicht von der Anrede und der verweigterten sozialen Teilhabe bis hin zur Gefahr durch den Ku-Klux-Klan. Sie nimmt uns als Leser mit in die Gottesdienste der Episkopalkirche, beschreibt in Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Manier Abenteuer, die ihr Bruder und sie gemeinsam erlebten und zeichnet autobiographisch das Bild einer starken Persönlichkeit, für die Aufgeben und ein Sich-Einfügen in die herkömmlichen Rollen und Muster keine Option ist.

Denn Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt ist auch ein Dokument des Strebens und des Empowerments. Aus Arkansas heraus schafft es Maya Angelou zur zweitbesten Schülerin ihres Abschlussjahrganges. Ihr Durchsetzungswille führt sie nach dem Abgang von der Schule schließlich bis nach San Francisco, wo sie es mit Beharrlichkeit zur ersten farbigen Straßenbahnschaffnerin San Franciscos bringt.

Ihre Klarheit und ihr Willen beeindrucken doch sehr. Immer wieder ist man erstaunt, wie unprätentiös und sich auch selbst wenig schonend ihre Beschreibungen sind. Besonders an die Nieren gehen die Kapitel 11-13, in denen Angelou aus kindlicher Perspektive ihre Vergewaltigung durch den Freund ihrer Mutter und den anschließenden schamvollen Gerichtsprozess beschreibt. Hier zeigt Angelou klar die erniedrigenden Momente, die der sexuelle Missbrauch und der folgende Missbrauchsprozess für sie bedeutete.

Auch macht es betroffen, dass trotz der exakt 50 Jahre, die seit dem Erscheinen des Buchs 1969 vergangen sind, viele Probleme immer noch existieren und nur wenig Besserung herrscht, was offenen und verdeckten Rassismus in den USA angeht. Dies sorgt auch in diesem Fall, dafür dass man das Buch als hochaktuelles Memoir lesen kann und sollte. Angelou schafft es, über ihre eigene Autobiographie und die darin geschilderten Erlebnisse, Grundprobleme der USA treffend zu beleuchten und zu illustrieren.

Stärken im Inhalt, Schwächen in der Übersetzung

Eine Frage darf dann aber doch gestellt werden: wenn der Suhrkamp-Verlag schon mit Blurbs von Barack Obama, Oprah Winfrey und James Baldwin aufmacht und das Buch als „ihr epochemachendes Werk“ anpreist: warum war man dann zu geizig, um dem Buch eine neue Übersetzung zu spendieren? Dieser Punkt störte mich gerade zu Beginn des Buchs dann doch sehr.

Gerade bei James Baldwin sieht man ja, was eine gute Neuübersetzung (die natürlich, by the way immer wieder notwendig ist) ausmachen kann. Hier gelang es Miriam Mandelkow, den Sound von Baldwins Prosa (Von dieser Welt bzw. Beale Street Blues) mit allen Soziolekten für uns im 21. Jahrhundert nachvollziehbar und dabei ebenso gut lesbar darzustellen.

Warum man sich im Falle von Angelou mit einer Übersetzung aus dem 20. Jahrhundert zufrieden geben sollte, das leuchtet mir nicht wirklich ein. Immer wieder merkt man dieser Übersetzung Harry Oberländers ihre Antiquiertheit an, wenngleich erst knapp 40 Jahre seit dem Erscheinen dieser Übersetzung bei Stroemfeld/Roter Stern vergangen sind.

Dass sich in diesen 40 Jahren unsere Sprache und der Einfluss des Amerikanischen weiterentwickelt haben, dafür ist dieses Buch ein starker Beweis. So liest man etwa auf Seite 11, dass die mitreisenden Schwarzen „Esspakete“ mit sich führen (hier hat sich doch eher der Begriff des Lunchpakets durchgesetzt). Mayas Großmutter erteilt auf Seite 177 den Auftrag „süße Kartoffeln“ zu rösten (die geschmackliche Globalisierung der Süßkartoffel und damit verbunden der Eingang in den Wortschatz fand erst in den letzten Jahren statt).

Besonders evident wird das alles bei einem letzten und besonders eindrücklichen Begriff, nämlich dem der Armweißlumpen, der immer wieder mal im Text auftaucht. Im Original schreibt Maya Angelou von Powhitetrash, also einer Kontraktion aus poor und white trash. Dass jener Begriff des White Trash auch Eingang in unseren (anglisierten) Sprachschatz gefunden hat, macht diese krude Übersetzung dann noch obskurer, als sie eh schon ist. Hier wäre es doch eine geschicktere Entscheidung gewesen, eine Neuübersetzung zu wagen, die auch den sprachlichen Entwicklungen der letzten vier Dekaden Rechnung trägt.

Fazit

Von dieser unglücklichen Entscheidung des Verlags abgesehen, bleibt doch der Inhalt unberührt ein wirklich starkes Memoir. Angelous geschilderte Episoden reichen von nett bis hin zu eindringlich und bewegend in den stärksten Momenten des Buchs, die mit einer neuen Übersetzung sicherlich noch herauspoliert werden könnten.

Ohne den digitalen Lesekreis unter der Federführung von Tilman Winterling wäre mir dieses Buch ansonsten sicher entgangen, vor allem, da ich mich in letzter Zeit wirklich umfassend mit dieser Materie beschäftigt hatte (hier, hier, hier oder hier) und etwas übersättigt war.

So zeigt sich mit dem Literaturkreis und dem Buch im Speziellen einmal mehr, was die Verschränkung von Analogem und Digitalem im besten Fall bewirken kann. Austausch, Diskussion und Bereicherung während der Lektüre. Nimm das, Manfred Spitzer!

Die ganze Diskussion kann man im Übrigen hier nachverfolgen. Und Michelle Janßen hat auf ihrem Blog Büchnerwald ebenfalls eine Besprechung verfasst.

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Betty Smith – Ein Baum wächst in Brooklyn

Besucht man meine Wahlheimatstadt Augsburg, dann kommt man als Tourist um einen Besuch des Rathauses nicht herum. Höhepunkt des Rathauses ist der sogenannte Goldene Saal, ein prunkvoller Raum voller Malereien und Stuck mit über 14 Meter Deckenhöhe. In der Mitte jener Decke prangt ein großes Gemälde, das der Maler Johann Matthias Kagerer geschaffen hat.

Eines dieser unter dem Titel Sapientia, also Weisheit, firmierenden Teilgemälde hat eine schöne Botschaft. So zeigt Kagerer allegorisch, dass jede Generation die vorige übertreffen soll, was das Streben nach guten Taten und Bildung angeht. Schlauer, Strebsamer, Mildtätiger, Besser – der Hunger nach Fortschritt ist es, an den die Betrachter*innen des Gemäldes erinnert werden soll. Ein durchaus guter Vorsatz, der mich zu Betty Smiths Roman Ein Baum wächst in Brooklyn bringt.

Tatsächlich ist es jenes Streben nach Bildung, Teilhabe und sozialem Aufstieg, das das Leben von Francie Nolan beherrscht, der Heldin von Smiths 1943 erschienenem Roman. Sie wächst im ärmlichen Einwanderermilieu Brooklyns auf, genauer gesagt im jüdisch geprägten Viertel Williamsburg. Dort entflieht sie ihrem tristen Alltag, indem sie die lokale Bücherei aufsucht und sich zur anschließenden Lektüre auf die Feuerleiter ihres Appartements zurückzieht. Dort verbirgt sie die Krone eines im Hinterhof wachsenden Baumes, sodass Francie bei ihrer Lektüre der Welt gleich auf zweifache Weise entfliehen kann.

Der große Wunsch nach Mehr

Mit jenem titelgebenden Baum hat Betty Smith eine schöne Metapher gefunden, die dieses Streben und Wachsen ihrer Protagonistin wunderbar spiegelt. Ist Francie doch in ihrer Familie stark verwurzelt, so ist es dann der Wunsch nach mehr, der dann zu einer Ausprägung und Ausdifferenzierung ihrer Persönlichkeit führt. Allmählich geht der kindliche Blick über zu einer erwachsenen Perspektive auf das Leben. Der Ernst des Daseins, er erfasst auch Francie. Es ist das große Talent von Betty Smith, dass ihr Roman ob dieses großen biographischen Bogens von der Geburt bis hin zum Erwachsenenstadium nie an Spannkraft verliert (immerhin umfasst Ein Baum wächst in Brooklyn über 620 Seiten).

Betty Smith

Dass dem so ist und Betty Smith so präzise ihr Milieu durchmisst und schildert, das liegt auch in ihrer Biographie begründet. So entstammt die Autorin selbst einem Einwandererhaushalt. Ihr beiden Eltern kamen aus Deutschland und suchten in den USA ihr Glück. So lautete der Kindername von Betty Smith Elisabeth Lillian Wehner. Mit einem jüngeren Bruder und Schwester wuchs sie ebenfalls in Williamsburg auf. Einige Umzüge folgten, ehe sich die Familie dann in Brooklyn niederließ. Dort wurde Smith auch zu einer fleißigen Nutzerin der Bücherei – hier zeigen sich also schon deutliche die Kongruenz zwischen ihrer Heldin Francie und Smiths eigener Vita.

Eine präzise Milieustudie

Es gelingt Betty Smith in Ein Baum wächst in Brooklyn nicht nur ausgezeichnet, den Lebensweg von Francie Nolan nachzuzeichnen. Über ihre Lebensumstände und Träume schafft es die Autorin wunderbar, das Einwanderermilieu Brooklyns zu skizzieren. Wie ein Wimmelbild zeichnet sie die Straßen des Molochs, der von hart arbeitenden Menschen bevölkert wird. Inmitten von jüdischen Bäckern, irischen Metzgern, gewerkschaftlich organisierten Kellnern, wahlkämpfenden Demokraten, Schrottsammlern und unzähligen anderen Arbeitern und Ethnien wächst Francie heran. Über sie wirft man einen Blick in Gewerkschaftsbüros, Kneipen, Fabriken und Schulen und bekommt einen Eindruck davon, wie es um 1910 zugegangen sein muss in den Straßen Brooklyns.

Sozialromantik oder verklärender New-York-Kitsch herrscht bei Smith allerdings nie. Stattdessen ist ihr Roman auch ein präziser Blick hinein in die prekären Verhältnisse, in denen die meisten Einwanderer gefangen waren. Die Passagen, die die Sparanstrengungen von Francie und ihrer Mutter illustrieren, lesen sich nach wie vor eindringlich und durchaus aktuell. Auch ist das Streben nach Emanzipation und Anerkennung bis heute von Gültigkeit geprägt und lässt vergessen machen, dass über 75 Jahre vergangen sind, seit Ein Baum wächst in Brooklyn erschienen ist.

Ein zeitloses Buch

Smiths Roman ist im besten Sinne zeitlos. Ihre Erzählstimme ist auch nach über 74 Jahren klar und frisch (einen großen Anteil daran hat sicherlich auch ihr Übersetzer Eike Schönfeld), der Ton ist hervorragend gewählt und in der Übersetzung ebenso getroffen. Genau dasselbe gilt für die Themen des Buchs, die generationenübergreifend bis universell sind. Dieses Streben nach Mehr, der Wunsch nach dem eigenen Glück und der Versuch, seiner eigenen Herkunft zu entkommen – dieses Themen und sind und werden immer aktuell sein.

Das alles macht aus Ein Baum wächst in Brooklyn ein zeitloses Buch. Ein Buch, von dem man sich einfach gut unterhalten lassen kann. Ein Buch, in dem man, wenn man möchte, aber auch tiefergehende Schichten finden kann. Ein Buch, das viele Ebenen besitzt und einem Schaufenster gleich den Blick in eine vergangene Epoche mit nicht vergehenden Themen öffnet.


Bildquelle Betty Smith: https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=33476806)

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Stefan Zweig – Vergessene Träume

Nach Zweigs bekanntem Miniaturenband Sternstunden der Menschheit widmet sich Band Zwei der Salzburger Ausgabe nun den Erzählungen des jungen Stefan Zweig aus den Jahren 1900-1911.

Dabei präsentiert dieser Sammlungsband verschiedene Erzählungen aus Jugendjahren, die schon in der Anlage das ganze literarische Wirken in sich tragen oder vorzeichnen. Möchte man die Ursprünge von Zweigs Themen und Erzählkosmos finden – Vergessene Träume liefert aufschlussreiche Einblicke.

Auch das Nachwort der Herausgeber Elisabeth Erdem und Klemens Renoldner bestätigt diesen Eindruck. Es zeigt sich in diesem Band, wie Zweig schon als Maturant an seinen Novellen arbeitet und zwischenmenschliche und historische Themen im Gewand der kurzen Erzählungen bearbeitet.

Am bekanntesten aus dieser jugendlichen Schaffensperiode dürfte die Erzählung sein, die den Schluss dieses Bandes bildet: Brennendes Geheimnis erzählt die Geschichte einer sommerlichen Affäre zwischen einem alleinstehenden adligen Hotelgast und einer Dame, die ebenfalls im Hotel weilt, allerdings mit Kind. Aus Sicht des Kindes beleuchtet Zweig die Romanze, die sich zwischen Mann und Frau entspinnt – und zeigt auch gesellschaftlichen Umbrüche und Codes, die vom Kind nicht verstanden werden.

Neben einigen Novellen, die aus kindlicher Perspektive bestimmte Sachverhalte aufgreifen, gibt es auch andere Erzählungen, die als Vorabeiten zu späteren Werken gelten können. So zeigt Das Kreuz etwa die Bearbeitungsform der historischen Miniatur, einer Form, zu der Zweig immer wieder zurückkehren wird (man denke nur an seine Sternstunden der Menschheit). Auch ist die jüdische Identität auch ein Thema, das sich schon in den jugendlichen Arbeiten Zweigs wiederfindet (Im Schnee oder Die Wunder des Lebens)

Erzählungen mit großer thematischer Vielfalt

Vergessene Träume zeigt eine erstaunliche Vielfalt an schöpferischen Themen, derer Zweig sich annimmt. Über dessen Werke hinaus lassen sich auch Brücken zu anderen Autoren und Werken schlagen, so erinnert beispielsweise die Erzählung Ein Verbummelter an Herman Hesses Unterm Rad. Bis hinein in die Gegenwart reichen die Spuren, die Zweigs Oeuvre hinterlassen hat. So ist es die Erzählung Scharlach, die an Robert Seethalers Der Trafikant denken lässt. Überhaupt sind schon diese Erzählungen aus Anfangstagen ein Beweis, wie aktuell und stilistisch lesenswert Zweigs Prosa ist.

Es sind nur kleine Ausrutscher, die die Lektüre manchmal stolpern. So liest sich die erste Erzählung Vergessene Träume durch die Überfrachtung an Adjektiven und Stilfiguren reichlich holprig. Manchmal ist der Ton schwülstig, ein ander Mal reichlich pathetisch. Hier zeigt sich auf interessante Art und Weise, wie Zweig zu seinem Ton fand und sich selbst ausprobierte. Auch ein großer Autor ist manchmal nicht vor Kitsch gefeit, das zeigt Vergessene Träume auf unterhaltsame Art und Weise.

Um die Erzählungen herum gruppiert sich – wie schon im ersten Band der Ausgabe – ein umfangreicher Editionsapparat mit Quellenangaben, Vermerken zur Versionshistorie und biographischen Bezügen. Auch die Urtexte werden, wenn vorhanden, stets mit angegeben. Eine ausführliche Bibliographie rundet den Appendix ab. Das ist vorbildlich gemacht und lässt schon einmal für den folgenden Band Drei der Salzburger Ausgabe hoffen!

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