Category Archives: Historischer Roman

Lyndsay Faye – Der Teufel von New York

 Der Polizist von New York

Ein junger Polizist inmitten des Big Apple – und das im Jahre 1845: Immigranten drängen in die schmutzige Metropole und ein Mörder geht um, der seine Opfer unter den Kindern in Bordellen sucht. 
Nachdem sein Laden nach einer Explosion im Big Apple nicht mehr ist, ist Timothy Wilde gezwungen sich eine neue Verdienstmöglichkeit zu suchen. Seinem Bruder kommt da die neugegründete Polizeibehörde New Yorks recht, in die er Timothy steckt. Und prompt fällt diesem natürlich auch sein erster Fall im wahrsten Sinne vor die Füße, als er über ein blutbesudeltes Mädchen stolpert.
In der Folge ermittelt sich Timothy gegen alle Widerstände einmal quer durch ein New York, das brodelt, dampft und mörderische Abgründe offenbart …



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Christoph Poschenrieder – Das Sandkorn

Eine Ménage-à-trois

Christoph Poschenrieders Talent für Sprache ist bewundernswert. Nach seinem tollen Erstling Die Welt ist im Kopf und dem nicht minder geschickt konstruierten Der Spiegelkasten legt er nun mit Das Sandkorn ein Werk vor, das sich mit den beiden vorhergehenden Monographien mindestens messen lassen kann.

In seinem neuesten Roman erzählt der Münchner Autor von Jacob Tolmeyn, der in Berlin verhaftet wird, als er Sand in den Straßen der Stadt ausstreut. Im Verhör, das als Rahmenhandlung fungiert, erzählt Tolmeyn seine Geschichte, die zurück nach Italien führt. Dort sollte er nämlich zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Beat Imboden die Werke der Staufer dokumentieren und kartografieren. Doch der Auftrag wird durch das Auftauchen der Italienerin Letizia, die die beiden Männer vor Ort unterstützen soll, mehr als verkompliziert. Denn ehe sie sich versehen finden sich die drei Charaktere in einem Geflecht aus Anziehung, Begehren und Tabus verfangen. Allmählich entspinnt sich im Verhör das ganze Ausmaß der Beziehungen zwischen den drei Menschen. Die Rollen, die sie im Drama spielen, werden klarer.

Poschenrieder ist ein großartiger Autor, dessen fein ziselierte Sprache wirklich Hochachtung verdient. Er schafft ein eindrückliches Porträt eines jungen Mannes, für den die Liebe grobe Fallstricke bereithält, das er in eine tolle sprachliche Form gießt.

Mit Das Sandkorn ist Christoph Poschenrieder ein in formaler und stilistischer Hinsicht wirklich großartiger Roman gelungen. Eine mediterran-lockere Atmosphäre durchzieht das Buch, welche die Gerüche und Geräusche so kurz vor dem großen europäischen Weltenbrand 1914 vortrefflich einfängt.

Fazit

Ein Leckerbissen für jeden Liebhaber guter Geschichten, die im Gedächtnis bleiben. Und für Liebhaber von ästhetisch ansprechenden Sprache natürlich ebenso!

John Williams – Butcher’s Crossing

Zurück zur Natur

Nach dem großartigen Stoner, DER Wiederentdeckung des Jahres 2012 hat sich nun der Deutsche Taschenbuchverlag eines weiteren Werkes John Williams angenommen. Butcher’s Crossing erscheint von Bernhard Robben makellos ins Deutsche übertragen als Hardcover und erhebt Jean Jaques Rousseaus Diktum „Zurück zur Natur“ zum Leitmotiv.

Der Roman erzählt von Andrews, einem jungen Studenten an einer Elite-Universität, der dieser gleich zu Beginn des Buchs den Rücken kehrt und in die amerikanische Einöde aufbricht. Er begibt sich ins titelgebende „Butcher’s Crossing“, einem kleinen Wildwest-Dörfchen inmitten der Ödnis. Dort will er der Büffeljagd nachgehen und rekrutiert sich ein Team aus erfahrenen Jägern. Einer dieser Jäger berichtet nämlich von einer sagenhaften Büffelherde, die er in den Bergen Colorados gesehen haben will. Andrews finanziert das wahnwitzige Vorhaben und gemeinsam brechen die vier Männer auf, um die Büffel zu erlegen und ihr Fell anschließend gewinnbringend zu veräußern.

Das Leben – ein großer Kampf

Doch wer John Williams Stoner gelesen hat weiß, dass seine Charaktere in den Büchern immer gegen Widerstände und Wirrnisse ankämpfen müssen. In Butcher’s Crossing ist dies die Natur, die den Glücksrittern eindrucksvoll in die Parade fährt. Gekonnt beschreibt Williams Metzeleien und den Überlebenskampf gegen die Elemente. Das Blutbad, das die Männer unter den Büffeln anrichten vermag der Autor genauso eindrucksvoll zu beschreiben wie die Überlebenskämpfe, als Schneefall im Tal Leib und Leben bedroht.

Butcher’s Crossing ist voller bitterer Erkenntnis und zeigt eindringlich, wie schnell der Wandel der Zeit Opfer von den Menschen verlangt. Am Ende muss auch Andrews erkennen, dass man zwar gescheiter, aber auch gescheitert sein kann. John Williams ist auch mit „Butcher’s Crossing“ ein großartiger Roman gelungen, für dessen Veröffentlichung man dem Deutschen Taschenbuchverlag danken sollte!

Volker Kutscher – Märzgefallene

Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

2014 jährte sich das Geschehen des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal – Volker Kutscher hat dem Gedenken nun einen weiteren Roman hinzugefügt, der die Erinnerung an die damaligen Ereignisse wachhält – im Gewand eines Kriminalromans.

 

maerzgefallene„Märzgefallene“ ist der fünfte Fall, den der Berliner Kommissar Gereon Rath lösen muss. In Berlin steht die Machtergreifung der Nazis infolge des Reichstagsbrandes kurz bevor, als ein ermordeter Obdachloser entdeckt wird. Die Spuren des Mordes führen zurück in die Gräben des Ersten Weltkrieges. Bei seinen Ermittlungen gegen den Willen der neuen gleichgeschalteten Polizeispitze stößt Gereon Rath auf weitere Opfer. Verbindendes Element scheint ein Einsatz einer Gruppe von Soldaten im französischen Hinterland zu sein, die für die Aktionsplan „Alberich“ eingesetzt wurden.

Während die Nazis in ganz Deutschland die Macht übernehmen muss sich Rath auf die Suche nach einem Mörder und einem Motiv begeben. Seine Recherche führt ihn bis nach Bonn und Wuppertal, wo er den Ursprung der Mordserie ergründen will, während sich Raths Arbeitswelt in der Mordkommission drastisch ändert.

So düster wie in „Märzgefallene“ der Gereon-Rath-Serie ist bislang noch kein Titel von Volker Kutscher ausgefallen. Gelungen integriert er die damaligen Ereignisse des Reichstagsbrandes, die Machtergreifung Hitlers, Bücherverbrennung und das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in die Krimihandlung. Eindrücklich zeigt er, wie sich die Privat- und Arbeitsverhältnisse innerhalb kurzer Zeit änderten und mit welchen Widerständen exemplarisch Gereon Rath und seine Verlobte Charly Ritter zu kämpfen hatten. Hierbei widersteht Kutscher auch der Versuchung, seinen Helden Rath moralisch zu überzeichnen. Vielmehr steht er für die eigentlich apolitisch Schweigenden, die die Lage infolge der Machtergreifung systematisch verkannten bzw. nicht erkennen wollten.

Im Moment ist die Reihe um Rath im deutschsprachigen Raum eine der besten Kriminalserie, die sowohl durch ihre Ambitionen als auch durch Inhalte besticht. Bemängeln muss ich – weniger an diesem Titel, eher generell – das sich Volker Kutscher thematisch wiederholt (schon wieder eine Mordserie in Berlin, die ihre Ursprünge in der Vergangenheit hat). Die Fälle, mit denen sich Gereon Rath herumschlagen muss, ähneln einander vom Aufbau inzwischen sehr.

In „Märzgefallene“ ist Kutscher in meinen Augen jedoch der ausgeklügeltste Plot bisher gelungen. Kein heiterer Wohlfühl-Krimi, aber eine lohnende Anschaffung, die auch noch einmal die Ereignisse des Ersten Weltkriegs wachruft und die Anfänge des Dritten Reichs anschaulich beleuchtet.

Joe R. Lansdale – Das Dickicht

Im Dickicht

Joe R. Landale - Das Dickicht

Joe R. Landale – Das Dickicht

Schon der Titel von Joe R. Lansdales neuem, bei Tropen erschienenen Roman macht deutlich, dass es finster wird in dem Buch. Wie in den meisten seiner Bücher wird auch diese neue Geschichte aus den Augen eines Kindes erzählt, das im Laufe des Buches Bewährungsproben bestehen muss und heranreift. Der Erzähler von „Das Dickicht“ ist der junge Jack Parker, dem im Laufe des Buches fast alles genommen wird. Verliert er zunächst infolge einer Pocken-Epidemie seine Eltern, muss er dann auch noch mitansehen, wie bei einer Flussüberquerung sein Großvater erschossen und seine liebreizende Schwester Luna von Halunken entführt wird.
Doch Jack wäre kein Lansdale-Charakter, wenn er sein Schicksal nicht in die eigenen Hände nehmen würde. Kurzerhand klemmt er sich hinter die Spur der Entführer und bekommt im Lauf seiner Reise immer mehr (meist skurrile) Unterstützung – dazu zählen ein ausgewachsener Eber, ein farbiger Kopfgeldjäger und ein Lilliputaner.

Was sich auf dem Papier nach einer allzu hanebüchenen Mischung anhören mag, funktioniert bei Joe R. Lansdale wieder ausgezeichnet – auf 330 Seiten erzählt er eine spannende und sehr düstere Geschichte, die insgesamt zu den heftigeren Erzählungen aus Lansdales Feder zählt. Stellenweise liest sich „Im Dickicht“, als hätten sich Quentin Tarantino und Mark Twain zusammengetan, gerade wenn die Kopfgeldjäger wieder auf Opfer der Entführer von Jacks Schwester stoßen, geizt der texanische Autor nicht mit Details. Wer sich an diesen Einsprengseln nicht stört, bekommt wieder eine ganz typische Lansdale-Erzählung mit Spannung, Humor und tollen Szenen aus einem vergangenen Texas sowie einen Entwicklungsroman der etwas anderen Art.