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Thilo Krause – Elbwärts

Von der Heimkehr in die ostdeutsche Provinz, von der schwierigen Vaterrolle und von einer bedrohlichen Flut: Thilo Krause in Elbwärts über die späte Aufarbeitung der eigenen Kindheit.


Der Rückzug in die ostdeutsche Provinz als Handlungsort für die Aufarbeitung der eigenen Kindheit – er hat in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur Konjunktur. Neben ellenlangen Titeln ist diesen Büchern eine recht ähnliche thematische Gemengelage zueigen. Medial breit (und etwas am Thema vorbei) besprochen wurde zuletzt Lukas Rietzschels Debüt Mit der Faust in die Welt schlagen. Auch Manja Präkels Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß wäre in dieser Reihe zu nennen, das 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Und nun legt der in Zürich lebende Lyriker Thilo Krause einen weiteren Roman vor, der sich nahtlos in das Strickmuster der obigen Romane einpasst. Zwei Freunde, die in der ostdeutschen Provinz (hier in der Sächsischen Schweiz) aufgewachsen sind. Eine schleichende Entfremdung, ein Wegzug des erzählenden Protagonisten. Nun eine Rückkehr an den Ort der Kindheit. Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte, das Offenlegen der Brüche in der eigenen Biografie und der Versuch der Ergründung, was da so alles schiefgelaufen ist. Im eigenen Leben, in dem der Freunde und vor Ort, wo meist die Themen Landflucht, der Niedergang der Wirtschaft und das Erstarken von Neonazis dominieren.

Diesen Musters bedient sich auch Elbwärts. Dabei ist Krauses Erzähler einer, der in der erzählten Gegenwart für mich merkwürdig schwammig bleibt. Er hat zusammen mit seiner Frau Christina und „Der Kleinen“ ein altes Haus in seinem Heimatort bezogen. Im Garten rauschen die Obstbäume, drunten im Dorf die Elbe. Einen Job hat er keinen, vielmehr streift er barfuß durchs Dorf und die umliegenden Wälder. Seine Frau renkt die Knochen und Wirbel der Dorfbewohner ein, er bringt die gemeinsame Tochter in den Kindergarten. Trotz des beschaulichen Aufgabenumfangs ist er dieser Aufgabe allerdings nicht gewachsen. Er vergisst die Tochter im Kindergarten, während er die Wälder und Gesteinsformationen durchstreift und beklettert. Immer wieder imaginiert er sich bei diesen weltvergessenen Ausflügen zurück in seine Kindheit.

Erinnerungen an eine Kindheit in der Sächsischen Schweiz

Von dieser erzählt Krause mithilfe von Rückblenden. Von Vito, seinem besten Freund damals, mit dem er die Berge der Sächsischen Schweiz erklomm. Mit dem er sich die Zeit bei den Pionieren vertrieb oder Kaulquappen aus dem örtlichen Teich rettete. Und davon, wie Vito sein Bein verlor. Wie dieser blieb. Und wie sich der Erzähler davonmachte, weg von diesem Ort, der mit so vielen Erinnerungen versehen ist.

Thilo Krause - Elbwärts (Cover)

Nun ist er wieder da. Entzweigerissen vom Wunsch nach Kontakt mit Vito und der Angst genau davor. Er durchwandert die Wälder, philosophiert mit dem tschechischen Busfahrer und versteckt sich vor den Neonazis, die in den Wäldern ihre Lager abhalten. Während er in der Natur wie in seinem Element scheint, entgleitet ihm sein Familienleben aber zusehends. Und dann ist da auch noch die Elbe, die anschwillt und nicht nur viel Wasser mit sich führt, sondern auch die Verhältnisse vor Ort durcheinanderwirbelt.

Elbwärts ist im Kern ein nostalgisches Buch, das noch einmal die Gefährlichkeit einer Kindheit in der Provinz heraufbeschwört. Damals, als man ganze Nachmittage nur mit seinem besten Freund Abenteuer erlebte. Als die Eltern nicht wussten, wo man sich herumtrieb und in welche Gefahren man sich begab. Und demgegenübergestellt die Frage nach Vaterschaft heute.

Dabei arbeitet Krause die ganzen Paradoxien im Wesen des Erzählers (und damit in fast aller unser Wesen heraus). Früher durchlebte man diese Abenteuer, setzte sich und anderen beim Spielen großer Gefahren aus und berauschte sich daran. Eine solche Gefahr würde man seinen eigenen Kindern heute freilich verbieten. Auch der Erzähler würde es kaum zulassen, dass sich seine Tochter jemals in eine solche Lage brächte, wie er es tat.

Im Gegenteil, er überbehütet sein Kind fast, nimmt es extra aus der Kindergartengruppe heraus, um mit ihm zu Mittag zu essen. Dann aber wieder vergisst er die Schließzeiten der Kita, schläft beim Klettern ein. Eine widersprüchliche Figur, schwankend irgendwo zwischen Nostalgie, dem Wunsch nach Versöhnung und einer Depression. Die Frage nach Vaterschaft verhandelt Elbwärts auf interessante (und manchmal anstrengend) Art und Weise.

Bildstarke Prosa von Thilo Krause

Gesellschaftlich ist Elbwärts wohl wenig relevant beziehungsweise kann außer den eingangs bereits abgesteckten Themenfelder wenig Neues erzählen. Für die Situation vor Ort interessiert sich der Erzähler nicht wirklich. Er versteht auch die Bewohner vor Ort nicht und umgekehrt. Das gesellschaftliche Setting ist hier einfach gesetzt (und schon vorher ähnlich behandelt worden). Vom Land und von der Zeit erzählt Elbwärts in meinen Augen weniger, wenngleich das der Klappentext suggeriert.

Malerisches Vorbild: Caspar David Friedrich

In der Zeichnung der widersprüchlichen Figur des Erzählers hingegen ist Krause stark, genauso wie in puncto Sprache, in die das Buch gekleidet ist. So ist sein Erzählton von lokaler Verbundenheit geprägt (häufig etwa das regionale Verb krauchen). Seine Sätze sind zumeist kurz und präzise. Die voherigen lyrischen Veröffentlichungen merkt man dieser Prosa an. Seine Schilderungen der Felslandschaft und der darin erlebten Abenteuer lesen sich (unterstützt durch das tolle Cover) bildstark. Nicht zuletzt erzeugt das Krause auch dadurch, dass er das Kopfkino dadurch anwirft, indem er selbst auf die Romantik und Maler rekurriert, die ähnliche Beschreibungen wie er selbst schufen, allen voran Caspar David Friedrich.

Sprachlich ordne ich Elbwärts klar vor den Werken Rietzschels und Präkels ein. Und auch in Belang auf Vaterschaft, Nostalgie und Sehnsucht ist Krauses Buch in meinen Augen interessant. Für mich funktioniert die (wahrscheinlich bald wieder einsetzende) mediale Überformung dieses Romans hin zu einem Erklärbuch der ostdeutschen Zustände nicht. Was aber die sonstigen Aspekte des Werks angeht, ist das hier wirklich gut gemacht und hat mich überzeugt.


  • Thilo Krause – Elbwärts
  • ISBN 978-3-446-26755-8 (Hanser)
  • 208 Seiten, Preis: 22,00 €

Augustus Rose – Philadelphia Underground

Kann das gutgehen? Ein Thriller über Kunst, eine junge Ausreißerin, Lost Places, Drogen, Diebstahl und Marcel Duchamp? Was nach einer zugegeben recht wirren Mischung klingt, geht im Fall von Augustus Rose‚ Debütroman Philadelphia Underground dann doch wirklich gut. Ein Roman, der auch Leser von Donna Tartt oder A. G. Lombardo interessieren dürfte.


Der Weg des großen Künstlers von morgen, er führt ihn in den Untergrund. Dieses Zitat wird Marcel Duchamp zugeschrieben. Visionärer Künstler, Schöpfer von sogenannten Readymades (wie etwa dem berühmten Urinal), Gemälden und Installationen wie seinem letzten Werk Etats Donnés, der seine Sammlung dem Philadelphia Museum of Art vermachte. Jener Duchamp scheint auch immer wieder den Weg Lees zu kreuzen. Diese lebt entfremdet von ihrer eigenen Familie in Philadelphia. Untergeschobene Drogen haben sie ins Jugendgefängnis gebracht. Von dort bricht sie aus – und wählt den Weg in den Untergrund. Sie taucht unter, bricht in Wohnungen ein, verdingt sich als Diebin und kommt schließlich in einer Wohngemeinschaft unter. Dort lernt sie Tomi kennen, der sie in die Gemeinschaft der Urban Explorer, kurz Urbex, einführt. Gemeinsam durchstreifen sie verlassene Gebäude, auch Lost Places genannt, und brechen unter anderem in das Kunstmuseum von Philadelphia ein. Dort lernt Lee durch Tomi die Kunst Marcel Duchamps kennen.

Auf den Spuren der Société Anonyme

Augustus Rose - Philadelphia Underground (Cover)

Doch es ist nicht nur die Kunst Duchamps, die Lee beschäftigt. Auch die sogenannte Société Anonyme treibt sie um. Jene Gesellschaft, die ursprünglich von Duchamp, Man Ray und Katherine S. Dreier gegründet wurde, scheint dieser Tage in Philadelphia auferstanden zu sein. Immer wieder tauchen Jugendliche völlig abgestumpft und entrückt nach Drogenexzessen auf. Die Société scheint hinter diesen Vorkommnissen zu stecken. Und Lee ist ebenfalls in ihr Visier geraten. Die Mitglieder jener omniösen Organisation haben die Jagd auf Lee eröffnet. Doch was wollen sie von ihr? Der Gang in den Untergrund scheint für die junge Frau angeraten.

Es ist eine wirklich wilde Mischung, die Augustus Rose in seinem Debüt hier anrührt. Eine Geheimgesellschaft, drogenvernebelte Kinder, die in Philadelphia auftauchen, eine Ausreißerin auf der Flucht, eine Schnitzeljagd durch und unter der Stadt und über allem schwebend Marcel Duchamp. Wie soll so etwas zusammenfinden? Nach der Lektüre von Philadelphia Underground kann ich konstatieren, dass Rose das Kunststück gelingt, ähnlich wie in der Kunst Marcel Duchamps, scheinbar Widersprüchliches zusammenzufügen, sodass ein überzeugendes Kunstwerk entsteht.

Ein Kunstwerk, zusammengebaut aus Widersprüchlichem

Im Kern ist Philadelphia Underground eine wilde Räuberpistole, an der man sich die Freude über den Text durch ein genaues Überprüfen der Realität verleidet. Vielmehr sollte man sich wie bei der Betrachtung von Kunst einfach einlassen auf Lee und das große Abenteuer, das ihr bevorsteht. Dieses Buch ist Konzeptkunst im Sinne Duchamps, die mitreißt, die in Bunker und Röhren unter Philadelphia entführt. Die eine Coming of Age-Geschichte ist, ein großes Abenteuer mit einer Prise Momo gegen die grauen Männer. Action gepaart mit Kunstbetrachtungen, die Stadt Philadelphia als großes Abenteuerspielplatz und nicht zuletzt auch eine etwas unorthodoxe Einführung in das Schaffen Duchamps. Was hier vielleicht etwas theoretisch klingt, wird im Buch zu einer spannend zu lesenden und immer wieder überraschenden Geschichte, die zum originellsten gehört, das ich dieses Jahr bislang in die Finger bekam. Und einer, die ich bei nächster Gelegenheit gleich noch einmal lesen möchte.

Fazit

Was ist nun Philadelphia Underground von Augustus Rose? Wie sollte man es auf einen Nenner bringen? Ich würde sagen, dieses Buch ist originell, eigen, eine Hommage an die Kunst Marcel Duchamps – literarische Konzeptkunst, leicht zugänglich, inspirierend. Ein Buch, das sich dem Thema der Kunst und der Kunstvermittlung auf außergewöhnlichen Wegen nähert.


  • Augustus Rose – Philadelphia Underground
  • Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
  • ISBN 978-3-492-05797-4 (Piper-Verlag)
  • 464 Seiten, Preis: 22,00 €

Kristof Magnusson – Ein Mann der Kunst

Es könnte nicht passender sein: der dritte Roman des Übersetzers und Schriftstellers Kristof Magnusson heißt Ein Mann der Kunst. Dieser erscheint bei Kunstmann. Dort veröffentlichte der deutsch-isländische Autor bereits seine Bücher Arztroman und Das war ich nicht. Nun wendet er sich dem Genre des Künstlerromans und der Persiflage des Bildungsbürgertums zu. Gelingt Kristof Magnusson hier große Kunst?


Es hätte alles so schön sein können. Zusammen mit dem Direktor des kleinen, aber feinen Frankfurter Museums Wendevogel macht sich der illustre Förderkreis des Museums auf eine Busreise zur Burg Ernsteck. Dort lebt zurückgezogen von der Welt der Malerfürst mit dem großartigen Namen KD Pratz. Ein gefeierter Künstler, der irgendwo zwischen Richter, Baselitz und Polke changiert. Legendenumwoben und seit einer kurzen Liason mit Marina Abramovic auch in den Klatschspalten zuhause.

Dass KD Pratz dem Museum Wendevogel fast freundschaftlich verbunden war, war außergewöhnlich, galt er doch gemeinhin als schwieriger Mensch. Inzwischen Ende sechzig, war er einer der letzten verbliebenen Old-School-Künstler, der sich von Anfang an jeglicher Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb verweigert hatte und allgemein als sperrig galt und zu keiner Gefälligkeit bereit, kurz: er war offenbar ein ziemliches Ekel.

Magnusson, Kristof: Ein Mann der Kunst, S. 9

Jenem KD Pratz möchte das Museum einen eigenen Anbau widmen, in dem die Werke des renommierten Malers präsentiert werden. Doch zuvor gilt es neben der Förderung durch Bund und Land auch den Förderkreis ins Boot zu holen. Und so hat der Direktor (beziehungsweise seine Assistentin) eine Reise für die Mitglieder des Vereins organisiert. Ein Ausflug ins sommerliche Rheingau, bildungsbürgerliche Ausflüge und als Höhepunkt ein Blick ins Atelier auf des Meisters Burg. Jede Menge Goethe-Zitate und erlesene Gespräche inklusive. So der Plan.

Doch dass ein solches Wochende auch eskalieren kann, ganz egal wie gut es geplant ist, das erfahren auch die Mitglieder des Fördervereins rasch. Denn KD Pratz stellt eindrücklich unter Beweis, dass die Gerüchte über seine Weltabgewandheit und Misanthropie alles andere als Gerüchte sind.

Ein Wochenende eskaliert

Erzählt wird die Reise von einem der Gruppe relativ außenstehenden Mann: Constantin Marx. Dieser ist eigentlich Architekt und nutzt das geplante Wochenende, stressigen Abstimmungen mit Bauherren und Firmen zu entkommen. Seine Mutter ist wie er selbst Mitglied im Förderverein und bewundert seit jeher KD Pratz. Als Ideengeberin eines eigenen KD-Pratz-Anbaus ist sie nun natürlich Feuer und Flamme, ihr Idol einmal aus nächster Nähe zu erleben.

Kristof Magnusson - Ein Mann der Kunst (Cover)

Die Turbulenzen und Komiken, die diese Reise birgt, schildert Constatin aus der Ich-Perspektive. Er wirft einen sezierenden Blick auf die Reisegesellschaft, die aus einem gescheiterten Kurator, einer überqualifizerten Assistentin, einem pensionierten Pfarrersehepaar oder auch einem millionenschweren Finanzier mit Einstecktuch besteht. Die Eigenheiten dieser Menschen und das hochkomische Zusammenwirken zwischen Bildungsbeflissenheit und gegenseitiger Ablehnung birgt jede Menge komisches Potenzial. Und Magnusson schöpft das voll aus.

Wie sich die Gruppe selbst zerlegt, wie der schwierige Malerfürst die Ansichten der Förder*innen erschüttert, wie sich das Bildungsbürgertum teilweise selbst demaskiert – hier lässt es sich mit großer Lust und Laune geschildert beobachten. Als Persiflage auf den Künstlerroman und das Bildungsbürgertum funktioniert Ein Mann der Kunst ganz hervorragend. Dass Magnusson dabei eher mit dem großen Pinsel malt, das ist bei seinem Thema verständlich. Seine Figuren sind größtenteils eher Karikaturen – aber diese sind wirklich gut gezeichnet. Der deutschen Literatur gebricht es eh an Autor*innen, die niveauvolle und lustige Satiren schreiben können. Hier liegt nun endlich wieder ein gelungenes Beispiel vor, wie das gehen kann. Keine ganz große Kunst. Aber mindestens mittelgroße!


  • Kristof Magnusson – Ein Mann der Kunst
  • ISBN 978-3-95614-382-3 (Kunstmann)
  • 236 Seiten, 22,00 €

Robert Seethaler – Der letzte Satz

Der Meister der literarischen Verknappung ist wieder zurück. Zwei Jahre nach seinem polyphonen Totengesang gibt es nun eine neue Erzählung des österreichischen Romanciers Robert Seethaler. Diesmal konzertriert er sich auf eine historisch verbürgte Figur, die er in Der letzte Satz zu Wort kommen lässt – Gustav Mahler.

Dieser befindet sich auf der Überfahrt nach Amerika. Die Kaiserkabine auf einem Schiff der Norddeutschen Lloyd AG ist für ihn gebucht. Ein eigner Schiffsjunge steht für den Maestro auf Abruf bereit – doch Mahler kann all den Komfort und Luxus überhaupt nicht genießen. Bluthusten und andere körperliche Gebrechen quälen den zeitlebens mit einer schwächlichen Konstitution geschlagenen Komponisten und Dirigenten. Während er an der Reling des Schiffs steht, fliegen seine Gedanken davon.

Erinnerungen an sein verstorbenes Kind peinigen ihn; die schwierige Beziehung zu seiner Frau Alma treibt ihn genauso um wie entscheidende Wegmarken seines Lebens, die er in Gedanken noch einmal passiert. Modellsitzen für Rodin, das für damalige Verhältnisse megalomanische Konzert der Tausend, seiner 8. Sinfonie, die er in der eigenes umgebauten Konzertsaal in München vor 3000 Zuhörern aufführte oder auch seine musikalischen Siege und Niederlagen. Eine große assoziative Revue eines musikalischen Lebens ist es, die Seethaler uns Leser*innen hier in denkbar verknappter Form darbietet.

Rückblick auf ein Künstlerleben

Hierfür durchbricht er die Rahmenhandlung auf dem Schiff für Einschübe und Rückblicke, die allmählich das Bild eines hochtalentierten, aber auch gequälten Arbeiters ergeben, der weniger Musik-Genie, denn wirklicher Tonarbeiter war. Der mit seinem Wirken, seiner Ehe und seiner Religion haderte.

Robert Seethaler - Der letzte Satz (Cover)

Den Mythos des komponierenden und dirigierenden Talents, dem die Einfälle nur so zuflogen, Seethaler bricht es bewusst. Hier liegt ein Künstlerroman vor, der seine Figur nicht verklärt, sondern auch ihre Kämpfe und ihr Scheitern nicht verschweigt.

Das ist gut gemacht und liest sich absolut flüssig weg. Nach gerade einmal 125 großzügig gesetzten Seiten ist dieses Mahler-Porträt schon am Ende angelangt. Die letzte Reise des österreichischen Musikers, sie findet ihr Ende. „Und das war gut, denn es war Zeit zu gehen“ (S. 126). Mit diesem letzten Satz endet Der letzte Satz.

Bei aller literarischen Kunstfertigkeit, die Seethaler zweifelsohne zueigen ist. So sehr wie im Trafikanten oder auch in Ein ganzes Leben rührt Mahlers Schicksal dann aber doch nicht an. Denn für ein wirklich ergreifendes Porträt bleibt Seethaler viel zu sehr an der Oberfläche und wagt zu wenig Introspektion.

Fehlende Widerhaken

Im Gegensatz zum Vorgängerroman Das Feld ist dieses Buch nun schon wieder fast zu einfach zu lesen. Man fliegt förmlich durch die Seiten und damit durch Mahlers Leben, immer eng entlang der tatsächlichen historischen Begegebenheiten. Aber was bleibt am Ende von der Lektüre? Für mich leider nicht allzu viel, das von diesem Buch in Erinnerung bleiben wird. Als biographischer Roman ist es etwas dünn, als Künstlerroman ebenfalls nicht wirklich ausgearbeitet. Eine Studie über einen innerlich zerrissenen Mann vielleicht? Oder doch eher eine biographische Skizze?

Egal was dieses Büchlein ist. Unterhaltsam ist es auf alle Fälle und sprachlich auf dem gewohnt knapp-souveränen Seethaler-Niveau. Auch wird das Buch sicher die Leser*innen wieder für sich einnehmen und die Bestsellerlisten erklimmen, was dem Österreicher und seinem Verlag ja zu wünschen ist. Aber die literarischen Widerhaken, die das Buch langfristig in meinem Kopf verankern, sie fehlen mir hier leider. Leider nur ein sprachlich ansprechendes Porträt von Stationen aus dem Leben des Meisters, in dem für mich nicht genug Musik drin ist.

Eine andere spannende Stimme (die sich auch mit meiner deckt) gibt es bei Aufklappen,


  • Robert Seethaler – Der letzte Satz
  • ISBN 978-3-446-26788-6 (Hanser)
  • 128 Seiten. Preis: 19,00 €

Karine Tuil – Menschliche Dinge

Eine Familie, die auseinanderfliegt. Eine mögliche Vergewaltigung, ein Prozess. Karine Tuil betrachtet in ihrem neuen Roman Menschliche Dinge und blickt tief hinein in die Abgründe von Macht und Machtmissbrauch. Ein höchst aktuelles Buch, gesellschaftliche relevant und doch mit einem Schluss, der mich unzufrieden zurückließ.


Die Französin Karine Tuil ist eine Spezialistin, was das Durchleuchten von Gesellschaften im Kleinen angeht. Meist beschränkt sie ihre Erzählungen auf ein kleines Ensemble von Figuren, in deren Konflikten und Problemen allerdings die Sollbruchstellen unserer modernen Gesellschaft offenbar werden. In ihren beiden Roman Die Gierigen und Die Zeit der Ruhelosen war das schon so. Und in Menschliche Dinge ist das nicht anders.

Karine Tuil - Menschliche Dinge (Cover)

Sie erzählt diesmal von einer Familie, die auf den ersten Blick alles hat. Er, Jean Farel, scheinbar soignierter und gnadenloser Interviewer, der sie in seiner Sendung schon alle hatte: Präsidenten, Entscheider, Wirtschaftsbosse. Und nun soll ihm auch noch der Verdienstorden der Ehrenlegion verliehen werden. Seine Frau, Claire, deutlich jünger, als meinungsstarke Leitartiklerin erfolgreich und in eine wilden Affäre mit einem jüdischen Lehrer verstrickt. Und schließlich ihr Sohn, Alexandre, ausgezeichneter Absolvent von Eliteschulen, nun ein Engagement bei Google anstrebend.

Doch so arriviert, mächtig und gut vernetzt sie alle auch sein mögen – sorgenfrei sind sie deswegen keinesfalls. Jean gilt bei seinem Sender als Auslaufmodell und alter, weißer Mann von vorgestern. Claire droht sich in ihrer Affäre zu verlieren. Und Alexandre löst im sinnentleerten Alkohol- und Drogenrausch auf einer Party eine folgenschwere Katastrophe aus, die seine Familie noch weiter entzweien wird, als es ohnehin schon der Fall ist.

Macht und Machmissbrauch

Aus Sicht ihrer drei Hauptfiguren, der Familie Farel, schildert Karine Tuil zunächst deren Leben, ehe die zweite Hälfte des Romans dann ihren Ausgang in der von Alexandre ausgelösten Katastrophe nimmt. Auf einer Fete soll er die Tochter von Claires Affäre vergewaltigt haben. Für ihn war alles nur ein Partyspiel, für Alexandres Opfer eine klare Vergewaltigung.

Die verschiedenen Sichtweisen auf Alexandre und seine Tat werden im folgenden, ausführlich geschilderten Prozess offenbar. Durch diesen Prozess wirft Karine Tuil auch einen klaren Blick auf den Komplex von Macht und Machtmissbrauch. Ist Alexandre ein skrupelloser Vergewaltiger, der aufgrund seiner Stellung kein Nein akzeptieren kann? Oder hat die #metoo-Bewegung zu einer Überempfindlichkeit in Sachen sexualisierter Gewalt und Gleichstellung gesorgt? Die Figuren in Menschliche Dinge haben da ganz unterschiedliche Ansichten, die alle ihren Raum bekommen. Die Anhörungen und Plädoyers arbeiten diese sehr deutlich heraus. Hier kann Karine Tuil auch ihre Herkunft als Juristin nicht verhehlen.

Die destruktive Macht des Sex

Im Gegensatz zu anderen Büchern, wie etwa Bettina Wilperts nichts, was uns passiert, blickt Karine Tuil allerdings über das Thema der Vergewaltigung und die Suche nach der Wahrheit hinaus. Die gesellschaftliche Analyse infolge der #metoo-Bewegung und der Umgang von Eliten untereinander sind ihre Themen. Genauso spielt auch der Sex und seine destruktive Rolle zwischen den Geschlechtern eine Rolle. Nicht von ungefähr lautet der erste Satz des Buchs:

Sex war unbestreitbar der wirksamste Brandbeschleuniger, löste das ultimative Inferno aus – Schluss mit der Maskerade: das hatte Claire Farel verstanden, als sie mit neun Jahren den Zerfall ihrer Familie miterlebte, weil ihre Mutter der magnetischen Anziehungskraft eines Medizinprofessors verfallen war, den sie auf einem Kongress kennengelernt hatte; sie hatte es es verstanden, als sie, schon im Beruf, zusah, wie Personen des öffentlichen Lebens in kürzester Zeit alles verloren, was sie sich über Jahre hinweg aufgebaut hatten: Position, Ruf, Familie – gesellschaftliche Strukturen, die nur unter großen Mühen und mit Zugeständnissen-Lügen-Versprechungen, der Dreieinigkeit der haltbaren Ehe, stabil geblieben waren, sie hatte erlebt, wie sich die klügsten Vertreter der politischen Klasse für lange Zeit, manchmal sogar für immer, ins Aus beförderten, für nichts als ein flüchtiges Abenteuer, das Ausagieren einer Fantasie, den unbezwingbaren Drang des sexuellen Begehrens – alles, sofort.

Tuil, Karine: Menschliche Dinge, S. 11

Eine schwierige Conclusio

Das ist zweifelsohne gesellschaftlich höchst relevant. Doch auch wenn das Buch nach den Silvesterereignissen von Köln einsetzt, eine Linie von der Affäre um Bill Clinton bis hin zu Harvey Weinstein zieht und intellektuell auf der Höhe der Zeit agiert: der Schluss von Menschliche Dinge enttäuschte mich doch sehr.

Die Conclusio dieses Romans driftet für mich sehr unangenehme Richtung á la Svenia Flaßpöhlers Die potente Frau ab. Ohne zuviel vorwegzunehmen ist es am Ende eine App namens Loving, die sich in der Zukunft großer Beliebtheit erfreut. Die vom normalen Dating und Zwischenmenschlichen verunsicherte Menschen können für sich hier dann einen virtuellen Kontakt anbahnen, der genau ihren Wünschen und Vorlieben entspricht.

Dieser Epilog bedient für mich in der Konsequenz dann wieder dieses alberne Narrativ, dass #metoo den ganzen Flirt, das Spiel mit den Erwartungen und letzten Endes sogar die Erotik getötet habe. War das Buch zuvor wirklich nuanciert und ließ verschiedene Sichtweisen nebeneinander stehen, so ist es dieser Schluss eben nicht.

Ein enttäuschendes und plattes Ende für einen zuvor umso überzeugenderen Roman. Da nützt auch sämtliches Zitieren von Simone de Beauvoir, Georges Bataille, Martin Buber und Susan Sontag zuvor wenig.

Fazit

Menschliche Dinge ist ein Buch, das Debatten auslösen könnte. Eines, das dahingeht, wo es wehtut. Das eine Pluralität von Sichtweisen zulässt und das dadurch auch nicht jedem oder jede gefallen wird. Das Buch ist auch die Analyse einer Gesellschaft, die durchaus mit Widersprüchen behaftet ist. Und nicht zuletzt ist Menschliche Dinge ein Innenbericht aus der Welt der Eliten, die eben doch nicht so heil ist, wie man es gemeinhin annehmen könnte.


  • Karine Tuil – Menschliche Dinge
  • Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff
  • ISBN: 978-3-5461-0002-1 (Claassen)
  • 384 Seiten, 22,00 €