Category Archives: Literatur

Rónán Hession – Leonard und Paul

Soulfood in Buchform. In Leonard und Paul stellt der Ire Rónán Hession die Freundschaft zweiter introvertierter Männer in den Mittelpunkt. Zwar haben sie es aufgrund ihrer zurückhaltenden Charakteranlage nicht so leicht, finden aber dennoch oder gerade wegen ihrer Unangepasstheit zu ihrem Glück.


Dass wir die Geschichte der Freunde Leonard und Paul hierzulande zu lesen bekommen, verdanken wir der Hartnäckigkeit einer anderen Zweierbeziehung. So beschlossen Torsten Woywod und seine Partnerin Wiebke Meurer nach einem zufälligen Fund des englischen Originals, das Buch auch den deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich machen zu wollen. Kurzerhand gründeten sie einen eigenen Verlag, um das Buch in die Buchläden des Landes zu bringen, beauftragten Andrea O’Brien mit der Übersetzung und brachten das Buch in Eigenregie auf den Markt (mehr zu dieser ungewöhnlichen Geschichte gibt es auch im Interview mit Torsten auf dem Blog Klappentexterin zu erfahren).

Nun liegt das Buch auch in der Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg vor und ist – ich kann es nach der Lektüre nicht besser in Worte fassen – Soulfood zum Lesen.

Vorweg: wer gesellschaftliche Analysen, politisch verhandelte Themen oder sprachlich herausfordernde Problembegehungen sucht, der wird mit Leonard und Paul nicht wirklich glücklich werden. Wer aber gute Unterhaltung schätzt, die einfach mal wieder in eine Geschichte abtauchen lässt, die liebenswerte Charaktere auf ihrem Weg durchs Leben begleitet und wer in diesen schwierigen Zeiten Ablenkung sucht, der wird mit Rónán Hessions Buch sicherlich glücklich werden.

Die Geschichte zweier Außenseiter

Denn seine Geschichte zweier Außenseiter ist eine, die den Wert der Freundschaft feiert und die zeigt, wie sich auch Trauer und Schmerz durch Zuwendung und Mitmenschlichkeit überwinden lassen.

Leonard erfährt dies nach dem Tod seiner Mutter. Bequem hatte er sich eingerichtet im Leben mit ihr, man gab aufeinander acht und Leonard war das, was man ein behütetes Kind nennt, auch wenn er formal dem Kindesalter schon längst erwachsen war. Doch nun, nach dem Tod der Mutter, verliert er, der an Kinokassen infolge von Entschlussschwäche schon mal lieber nach Hause eilt, statt einen Film zu sehen, fast vollständigen den Halt.

Rónán Hession - Leonard und Paul (Cover)

Nur sein Freund Paul ist für ihn da, mit dem er tiefgründige Gespräche über das All führt, mit dem er sich regelmäßig zum Spielen von Klassikern wie Scrabble trifft – und dessen Leben gerade auch vor einem (weitaus kleineren) Umbruch steht. So heiratet seine Schwester, womit sich diese auch ein Stück weit aus dem familiären Verbund löst und nun Paul mit seinen Eltern allein zuhause zurücklässt.

Diese Situation von erfahrenen Lebensumbrüchen lässt sich aber durch die Freundschaft der beiden introvertierten Männer aber gut regeln. Denn sie finden beide zu neuem Glück, wie Hession im Laufe des Buchs zeigt. Leonard, der als Ghostwriter und Redakteur von Kinderbüchern sein täglich Brot verdient, und Paul, der zusammen mit seiner Mutter Menschen im Krankenhaus besucht und zweimal im Monat als Aushilfsbriefträger im kleinen Heimatdorf unterwegs ist, finden zu neuen Umgangsformen, gar eine aufkeimende Liebe steht einem der beiden Männer bevor.

Leonard & Paul & Grace & Shelley

Leonard und Paul ist ein Buch, das die Stille, die Zurückhaltung und das Absagen an Hektik und Oberflächlichkeit feiert. Rónán Hession entdeckt Unbeholfenheit als eine liebenswerte Eigenschaft, verzichtet auf eine Bloßstellung seiner Helden und ist in seinem ganzen Schreiben mitfühlend und mitmenschlich. Es ist eine Lektüre, die gute Laune macht, auch wenn nichts Großes oder Spektakuläres in diesem Roman geschieht – und es ist Lektüre, die mich von ihrer Zugewandtheit und ihrem Sinn für Humor auch an die Schreibe von Freya Sampson erinnerte.

Sie wissen schon, sie wollte absichtlich depressiv klingen, weil sie dachte, dann würde sie sich literarischer anhören, aber ich bin sicher, Sie haben das auch schon bemerkt, es gibt Menschen, die so sehr mit dem Schreiben beschäftigt sind, dass sie darüber vergessen, eine Geschichte zu erzählen. Das macht mich wahnsinnig!

Rónán Hession – Leonard und Paul, S. 291

Diese literarische Weisheit, die Leonard auf der Hochzeit von Pauls Schwester Grace im Gespräch mit einem anderen Hochzeitsgast erfährt, hat Rónán Hession auch für sein Buch beherzigt. Leonard und Paul ist einfach das, was bekanntlich mit am schwersten ist: im besten Sinne „leicht“, da gut gemachte, empathische und eine wärmende Lektüre – genau das Richtige also für kalte Tage, für das Weihnachtsfest und darüber hinaus auch für unsere Zeit.

Fazit

Dass dieses Buch zum auserwählten Kreis der für den Preis „Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels“ nominierten Titel des Jahres 2023 zählt, ist kein Wunder.

Ebenso wie die Entdeckungsgeschichte des Buchs macht auch die Lektüre von Leonard und Paul selbst viel Freude, lässt an das Gute im Menschen glauben, unterhält vorzüglich und leistet Ablenkung in Zeiten, in denen der Blick auf die Nachrichtenlage wenig Grund für Hoffnung stiftet. Insofern ein wunderbares Buch für alle, denen der Sinn nach einer „schönen“ und erbauenden Geschichte steht, nicht nur in diesen dunklen Wintertagen.


  • Rónán Hession – Leonard und Paul
  • Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
  • Artikelnummer 17491X (Büchergilde Gutenberg)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €

Inger-Maria Mahlke – Unsereins

Zu Gast im kleinsten Staat des Königreichs. Inger-Maria Mahlke lässt in ihrem Roman Unsereins die Kaiserzeit um die Jahrhundertwende im kleinen Stadtstaat Lübeck wieder auferstehen, „der Pfau“ alias Tomy Mann inklusive. Leider gerät das Ganze dabei etwas zu arg hanseatisch-trocken.


Schon der Blick in das vorangesetzte Personenverzeichnis des neuen Romans von Inger-Maria Mahlke macht klar, dass hier mit großem Besteck operiert wird. So führt das Verzeichnis allein acht Kinder des im Mittelpunkt stehenden Senators Friedrich Lindhorst auf. Daneben Hausmädchen, Ratsdiener, Lohndiener, Senatoren, Wasserbaudirektoren und dergleichen mehr. Sie alle bewohnen den „Kleinsten Staat“ des Kaiserreichs, der eigentlich gar nicht der kleinste ist, zieht man in Bezug auf die Fläche Bremen oder in Bezug auf die Einwohnerzahl den noch kleineren Staat Köstritz heran. Aber wie es so ist mit der Fassade dort im vom Großbürgertum dominierten Stadtstaat – man möchte etwas sein, und so wird man eben kurzerhand zum kleinsten Staat, um mit irgendetwas herausstechen zu können.

Generell geht es viel um das Sein und Nicht-Sein in Unsereins. Denn Inger-Maria Mahlke beschreibt den Zustand der Entropie, der im ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur das Kaiserreich, sondern eben auch den Stadtstaat und im Innersten auch die Familie Friedrich Lindhorsts erfasst.

Geschichten aus dem kleinsten Staat des Kaiserreichs

Inger-Maria Mahlke - Unsereins (Cover)

Während im Stadtstaat der Sozialdemokrat Theodor Schwartz der elitenzentrierten Politik der alteingesessenen Senatoren und Konsuln entgegenwirkt und sich um den einzigen Platz als Abgeordneter des Stadtstaates bewirbt, geht es auch in der Familie Lindhorst hoch her. Zwischen Ausbildung, Verlobung, Schule, Erwartungen der Eltern, Yokohama, London und Bad Kissing treibt die ganze Familie Lindhorst auseinander. Der finanzielle Status verschlechtert sich zunehmend, man muss Immobilien beleihen, der nach London entsandte Sohn Cord düpiert mit seinen Spekulationen nicht nur die Firma, sondern die eigene Familie. Auflösungserscheinungen aller Orten, den althergebrachte Ständeordnung gerät durcheinander – und nicht einmal ein Kaiserbesuch im kleinsten Staat des Landes kann da etwas retten.

Um diese vielköpfige Familie Lindhorst herum gruppiert Inger-Maria Mahlke weitere Figuren, die den Stadtstaat bevölkern und deren Schicksal immer mal wieder angerissen wird. So verliebt sich der Ratsdiener Isenhagen in seine Nachbarin, deren Pelargonium triste zunächst seine Aufmerksamkeit und sie wenig später sein Herz gewinnt. Homosexuelle und damit verbotene Avancen, geheime Fechtclubs in der Schule, deren Ursprung der der Schüler Georg Presswitz in seinem Geheimversteck auf der Primanertoilette ergründen will – und dann auch noch Presswitz‘ Mitschüler, der „Pfau“ geheißene Mitschüler Tomy mit schriftstellerischen Ambitionen und Sohn der Senatorenwitwe Mann, die bald aus Lübeck nach München ziehen wird.

Leider viel Langeweile

Viele Figuren und Erzählstränge für einen Roman – der dabei doch erstaunlich langweilig ist, um dieses wenig analysescharfe und recht undifferenzierte Erkenntnis gleich vornewegzusetzen. Das hat aber auch seine Gründe.

Wie schon in ihrem rückwärts erzählten Familienroman Archipel, für den sie 2018 den Deutschen Buchpreis zugesprochen bekam, handelt auch Unsereins wieder von den Umbrüchen in Ländern und Leben, erzählt vom Verfall und dem Niedergang des familiären Status einer großbürgerlichen Familie (hier aber eben im Stadtstaat Lübeck statt auf der Insel Teneriffa).

Nur ist in dieser neuen Geschichte Mahlkes nicht nur der Pelargonium trist – auch ihr Erzählen schleppt sich über die Jahre nur voran, statt eine Bindung zum Leser (zumindest in meinem Falle) aufzubauen. Dabei wäre der sich abzeichnenden Abstieg der Senatorenfamilie Lindhorst ja durchaus ein valider Grunde, die Leserschaft mitfiebern zu lassen, ob die Sanierung der Senatorenfamilie noch gelingen kann. Daraus wird aber nichts.

Die Jahre schreiten ins Land, die Schauplätze wechseln – trotz aller äußeren Bewegung fehlt allerdings die innere Bewegung. Die Familie verfällt, während man sich gegenseitig über die wahren Seelen- und Kontozustände täuscht. Man bleibt als unbeteiligter Beobachter dabei außen vor, stellt sich Fragen über den Verbleib mancher Figuren, die für Jahre und damit dutzende von Seiten aus der Geschichte fallen, ehe ihr weiteres Schicksal kurz wieder angeschnitten oder indirekt weitererzählt wird.

Das übergroße Personaltableau erweist sich als zentraler Mühlstein des Erzählens. Nicht einmal Schauplätze wie Kobe und Yokohama in der zweiten Hälfte des Romans können darüber hinwegtäuschen, dass das Buch erzählerisch stagniert und trotz aller Raffinesse der erzählerischen Mittel, die Inger-Maria Mahlke zweifelsohne zur Verfügung stehen, nicht vom Fleck kommt.

Das ist besonders schade, da diese Personenfülle auch das lobenswerte erzählerische Vorhaben zu erdrücken droht.

Ein Gegenentwurf zu den Buddenbrooks

Inger-Maria Mahlke positioniert sich mit ihrem Roman als Gegenentwurf zu Tomy alias Thomas Manns Debüt Buddenbrooks, in dessen Lübecker Bürgertumsporträt für Frauen und Dienerinnen allenfalls ein Platz am erzählerischen Seitenrand war. Was als Vorhaben in Teilen funktioniert, trägt leider aber nicht über die Länge des Buchs. Denn um eine Bindung beispielsweise zum Schicksal des Dienstmädchens Ida aufzubauen, müsste das Erzählen stärker auf sie fokussiert sein, anstatt immer wieder zu anderen Figuren und neuen Handlungssträngen abzuschweifen, ehe sich die Autorin wieder ihrer besinnt.

Dort wo die Gebrüder Mann einst die Kaiserzeit Form ihrer Romane Der Untertan und Buddenbrooks in staunenswerte Literatur gossen, bleibt hier alles leider nur Staffage und Kulisse, in der kein lebendiges Schauspiel stattfindet, trotz des unbestreitbaren Talents Inger-Maria Mahlke. Die Erzählung verharrt, das Personal bleibt (zumindest mir als Leser) fern und echten Drive entfaltet Unsereins leider auch nicht. Insofern bleibe ich etwas enttäuscht zurück, obschon ich mich wirklich auf den Roman gefreut hatte.


  • Inger-Maria Mahlke – Unsereins
  • ISBN: 978-3-498-00181-0 (Rowohlt)
  • 495 Seiten. Preis: 26,00 €

Michael Maar – Leoparden im Tempel

Ob Elias Canetti, der Oger, das wechselhafte Gemüt Virginia Woolfs oder der Teufel bei Thomas Mann – in seinem wiederveröffentlichten Werk Leoparden im Tempel widmet sich Michael Maar abwechslungsreich den von ihm verehrten Schriftsteller*innen und nimmt ihr Werk und ihre exzeptionelle Bedeutung für die literarische Welt in den Blick.


Man könnte es sich leicht machen mit dem eigentlich nicht ganz so neuen Buch Michael Maars. Nach einer Erstveröffentlichung im Berenberg-Verlag vor sechzehn Jahren erscheint Leoparden im Tempel nun als Neuauflage im Rowohlt-Verlag, gehalten im Design seines 2020 erschienen Stil-Opus Magnum Die Schlange im Wolfspelz.

Schon der Blick auf die schmale Seitenzahl macht klar, dass es sich mitnichten um ein Werk handelt, dass an Maars ebenso voluminöses wie kenntnisreiches Literaturbergwerk anschließt. Vielmehr will er sich den von ihm verehrten Schriftstellern widmen, wobei ein Gendern des Untertitels tatsächlich fast überflüssig scheint. Denn von zwölf Schriftstellerporträts ist lediglich eines einer Frau gewidmet, nämlich Virginia Woolf.

Hier zeigt sich, dass in der den sechzehn Jahren seit Erscheinen des Buchs viel Sensibilisierung gegenüber der hier im Speziellen wie auch im Allgemeinen zuvorderst männlichen Kanonbildung stattgefunden hat. So sei nur an die Aktion #frauenzählen, das daraus entstandene Sachbuchprojekt Frauen Literatur von Nicole Seifert oder die hervorragende Kurzporträtsammlung Dichterinnen & Denkerinnen von Katharina Herrmann erinnert, die dem Maar’schen Männerüberschuss und Geniekult entgegenwirken, der sich in diesem Buch äußert.

Porträts von Schriftstellern

Sollte man es sein lassen? Diese offensichtliche Ungleichbehandlung von Schriftstellerinnen als Anlass nehmen, das Buch in die Ecke zu stellen? Das wäre tatsächlich ein Fehler, denn obgleich die nicht zu leugnende maskuline Schlagseite ebenso wie die veraltete Rechtschreibung des Buchs rückwärtsgewandt scheint, gelingt es Maar vorzüglich, seine Verehrung der offensichtlicheren (Thomas Mann, Franz Kafka) und die hierzulande noch immer zu unbekannten Autoren (Anthony Powell, Gilbert Keith Chesterton) begeisternd vorzubringen und Lust auf ihr Schreiben zu machen (obgleich natürlich Größen wie Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Gabriele Tergit oder vergessene Autorinnen wie die gerade wieder neu entdeckte Helga Schubert durchgehend fehlen).

Michael Maar - Leoparden im Tempel (Cover)

Neben solchen Leerstellen merkt man auch den Aufsätze an, dass einige ihrer aufgegriffenen Punkte in der Zwischenzeit etwas anders betrachtet werden müssen. So ist beispielsweise Maars Frage, ob man Giuseppe Tomasi di Lampedusa vielleicht noch mit einer Labelung als Geheimtipp postum die Ehrung verschaffen könnte, die ihm für sein Werk Der Leopard gebührt, in meinen Augen hinfällig. Denn die glänzende Neuübersetzung von di Lampedusa Meisterwerk durch Burkhart Kroeber vor vier Jahren hat doch erheblich Staub von diesem Werk gepustet und dieses neu ins öffentliche Bewusstsein gebracht.

Genauso ergeht es den Klagen, die Maar in seinem Kapitel über Anthony Powell äußert. Dort beklagt er, dass Powell hierzulande völlig unbekannt sei und man ihm dem deutschen Publikum kaum schmackhaft zu machen vermag. Während letztere Beobachtung wahr zu sein scheint, ist die Vermittlungsarbeit doch in der Zwischenzeit weiter geraten (dem Maar auch in dem leicht angepassten Quellenverzeichnis Rechnung trägt, da er dort die 2015 begonnene Neuausgabe von Powells Gesamtwerk unter dem Titel Dance aufführt). So wurde diese Neuausgabe des Werkes im Februar 2016 von Maxim Biller an maximal prominenter Stelle im deutschen Fernsehen vorgestellt, nämlich beim Literarischen Quartett.

Sich verändernder literarischer Zeitgeist

Es sind einige Punkte dieser Art, an denen man feststellen kann, dass sich der literarische Zeitgeist gewandelt hat. So sind neue Blicke und Maßstäbe auf Literatur eingezogen, der Geschmack hat sich gewandelt, kurz: die Zeit seit dem ursprünglichen Erscheinen des Buchs ist nicht stehengeblieben. Das merkt man bei dem Blick auf die Äußerlichkeiten des Buchs durchaus.

Davon unberührt ist aber der Kern von Michael Maars Buch, dem man in seiner ganzen Begeisterung und dem sprudelnden Stil auch Stilblüten wie die folgende gerne verzeiht:

Man merkt seiner [Anthony Powells] Prosa nicht an, dass sie nach Joyce entstand. Um Modeströmungen hat dieser Autor sich nie geschert. Erst jetzt, nachdem sich deren Wasser verlaufen haben, kann man erkennen, wie einsam er herausragt.

Michael Maar – Leoparden im Tempel, S. 111

Jener Kern seiner kurzen Porträts, er gleicht nach wie vor einem brodelnden Magmakern voller heißglühender Lava (um hier einmal den bildhaften und blumigen Stil Maars aufzugreifen). Überraschend seine Erkenntnisse, wenn er etwas die Bedeutung des Teufels im Werk Thomas Manns herausarbeitet oder die ewige Rätselhaftigkeit im Werk Franz Kafkas beschreibt, der es mit seinem Bild der Leoparden im Tempel auch auf den Titel von Maars Buch geschafft hat.

Literaturverehrung, die begeistert

Gelungen stellt Maar auf nur wenigen Seiten die Besonderheiten im jeweiligen Werk der Autoren heraus und erklärt, was ihr Werk so faszinierend und über alle Zeiten erhoben macht. Das tut er in gut lesbaren und nachvollziehbaren Aufsätzen, von denen die Porträts Mann, Nabokov und di Lampedusa in meinen Augen zu den gelungensten zählen.

Aus allen Zeilen spricht die Verehrung Maars, der mit seinen Porträts wie auch später in der Schlange im Wolfspelz seine immense Belesenheit herausstellt. Seine Einführung in das Schaffen der oftmals alles andere als umgänglichen und bescheidenen Autoren macht Lust, sich mit den Werken genauer zu beschäftigen. Er gibt einen Eindruck, wie Literaturvermittlung zu begeistern vermag, wie ein genauer Blick beim Lesen den unverkennbaren Stil zutage treten lässt – und wie man mitreißend davon zu erzählen vermag.

Das wiegt in meinen Augen die klar benennbaren Kritikpunkte an Leoparden im Tempel auf alle Fälle wieder mehr als auf, sodass ich für dieses Büchlein eine große Empfehlung aussprechen möchte. Gerne sei der Band auch als Geschenk allen Literaturfans empfohlen, Ich empfehle im Anschluss an die Lektüre danach dann die Lektüre von Dichterinnen & Denkerinnen, denn dann hat man auch einen ausgewogenen Eindruck von Schriftstellerinnen, die es durchaus auch mit den hier vorgestellten Männern aufnehmen können!


  • Michael Maar – Leoparden im Tempel
  • ISBN: 978-3-498-00398-2 (Rowohlt)
  • 144 Seiten. Preis: 22,00 €
  • Zum Buch bei Yourbookshop

Veronica Lando – Der flüsternde Abgrund

Wenn der Regenwald ruft… Veronica Lando nimmt uns in ihrem Debüt Der flüsternde Abgrund mit nach Granite Creek, einem kleinen Dorf im australischen Regenwald. Hier ist ein Junge verschwunden – und das nicht zum ersten Mal. Der Regenwald habe ihn wie viele Menschen zuvor in seine Fänge gelockt, heißt es. Der Journalist Callum Haffenden mag das nicht glauben und steht bei seiner Suche nach dem Verschwundenen schon bald vor der Frage, welche Abgründe hier gefährlicher sind – die des Waldes oder die der Menschen?


Für Menschen wie ihn ist der australische Regenwald nicht gemacht. Das muss der preisgekrönte Journalist Callum Haffenden schnell feststellen, als er wieder in seine Heimat nach Granite Creek zurückkehrt. Der Anlass ist ein bestürzender. Denn wie schon einige Male zuvor ist erneut ein Junge im Regenwald verschwunden. Man munkelt von der Legende des flüsternden Waldes, der die Menschen zu sich lockt und sie dann im steinernen Abgrund seiner Felsen zerschellen zu lassen. Kinder wappnen sich mit klingelnden Armbändern, um der Versuchung des Waldes zu widerstehen. Und auch Callum spürt die Anziehung des Waldes, als er sich der Suche nach dem verschwundenen Jungen anschließt.

Dabei sind dauerbeschlagene Brillengläser noch das kleinste Hindernis. Undurchdringliche Fauna, mörderische Kasuare, giftige Pflanzen – und dann auch noch das lockende Felsenmeer, das immer wieder zu rufen scheint, wenn der Wind günstig steht. Sie alle erschweren Callum und den Freiwilligen die Suche. Die wahren Motive Callums, die ihn für die Suche die lange und sehr beschwerliche Reise aus dem tasmanischen Hobart antreten lassen, enthüllt Veronica Lando allerdings erst langsam.

Verschwunden in Granite Creek

Veronica Lando - Der flüsternde Abgrund (Cover)

Vor Ort versucht Callum Licht ins Dunkel zu bringen. Warum war der Junge im Wald campen, wo doch ein Hurrikan aufzieht und Dauerregen und die menschenfeindliche Umgebung des Regenwaldes doch eigentlich keinen Grund für einen längeren Aufenthalt im Freien liefern? Hat eventuell Callums alter Feind, der Vater des Jungen seine Hände im Spiel? Als dann auch noch in Callums Hotelzimmer eingebrochen wird, mehren sich die Zeichen, dass jemand überhaupt nicht daran gelegen ist, dass die Wahrheit über den Jungen und die Geheimnisse von Granite Creek ans Tageslicht gelangen.

Der flüsternde Abgrund von Veronica Lando ist ein Krimi, der für ein Debüt einen hohen Formwillen an den Tag legt (dem die Autorin literarisch tatsächlich auch entsprechen kann). So ergänzt sie die Handlung um Callums Suche nach der Wahrheit mit Rückblenden, die aus Ich-Perspektive Geschehnisse vor dreißig Jahren erzählen. Diese Rückblenden verschmelzen langsam mit der Gegenwart, ehe alles in einem sturmumtosten Showdown kulminiert, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig überlagern.

Während sie Callums Sicht auf den verschwundenen Jungen Stück für Stück dekonstruiert, indem immer mehr dunkle Flecken auf seiner in eigentlich so reinen Weste auftauchen drängen dazu gegenläufig immer mehr familiäre Geheimnisse und Wahrheiten in Granite Creek ans Tageslicht. Das ist alles wohldosiert und aufeinander abgestimmt. Mehrere, gut eingearbeitete Wendungen halten die Spannung hoch und lassen mit Callum miträtseln.

Vermisstensuche, Nature Writing und Familiengeheimnisse

Mit der Figur des ornithologisch begeisterten Callum bringt Lando zudem eine gehörige Prise Nature Writing ins Buch, ist die Natur des australischen Regenwaldes doch neben Callum der zweite große Hauptdarsteller. Von Säulengärtnern bis zur Flecken-Rußeule gibt es jede Menge Vögel zu entdecken, mit der man auch gut in Elizabeth Hargreaves‘ Spiel Flügelschlag punkten könnte.

Diese Verschmelzung von Natur, Suche nach einem vermissten, dörflichen Legenden und familiären Geheimnissen erinnert in dieser Kombination etwas an ihren australischen Landsmann Kyle Perry. Mit dessen Debüt Die Stille des Bösen ist dieses Debüt ebenbürtig (was deutlich für beide Autor*innen aus Down Under spricht und wieder einmal kriminalliterarisch deutlich das übertrifft, was sich hierzulande so auf den Bestsellerlisten tummelt).

So gelingt Herausgeber Thomas Wörtche hier erneut eine tolle Entdeckung für das von ihm kuratierte Krimiprogramm bei Suhrkamp. Hier ist eine kriminalliterarische Stimme aus Australien zu lesen, deren reifes und souverän gestaltetes Krimidebüt auf weitere Werke diesen Kalibers hoffen lässt.

Von dem Flüstern dieses Buchs kann man sich gerne in die Seiten hineinlocken lassen – man wird es im Gegensatz zu einigen Figuren im Buch nicht bereuen!


  • Veronica Lando – Der flüsternde Abgrund
  • Aus dem australischen Englisch von Karen Witthhun
  • ISBN 978-3-518-47366-5 (Suhrkamp)
  • 370 Seiten. Preis: 18,00 €

Vorschaufieber Frühjahr 2024

Zweimal im Jahr nehme ich mir die Verlagsvorschauen vor und sichte hunderte von neuen Büchern hinsichtlich Titeln, die aus der Masse herausstechen und die meine Aufmerksamkeit wecken. Das Hauptkriterium hierbei ist ein sehr subjektives – mein Geschmack und meine Neugier. Große Häuser, unabhängige Verlage, bekannte Stimmen oder Debüts – all das versucht diese Übersicht in drei Kategorien zu bündeln – vielleicht macht das ein oder andere hier aufgeführte Buch euch ja auch Lust, sich etwas genauer damit zu beschäftigen oder es auf eure Listen zu packen.

Falls dem so sein sollte: der Link hinter den jeweiligen fett gesetzten Buchtiteln führt zur Verlagshomepage, auf der die Bücher und ihre Autor*innen genauer vorgestellt werden – und nun viel Vergnügen beim Entdecken und Stöbern!

Belletristik National

Ronya Othmann – Vierundsiebzig (Rowohlt). Sebastian Guhr – Der Spanische Esel (Berenberg). Julja Linhof – Krummes Holz (Klett-Cotta). Deniz Ohde – Ich stelle mich schlafend (Suhrkamp). Dana von Suffrin – Nochmal von vorne (Kiepenheuer Witsch)

Franziska Gänssler – Wie Inseln im Licht (Kein & Aber). Kristin Höller – Leute von früher (Suhrkamp). Kathrin Schumacher – Liste der gebliebenen Dinge (Leykam). Maria Leitner – Hotel Amerika (Reclam). Hank Zerbolesch – Gorbach (Steidl).

Belletristik International

Ann Napolitano – Hallo du Schöne (aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Dumont). Eleanor Catton – Der Wald (aus dem Englischen von Melanie Walz. btb). Aleksandar Hemon – Die Welt und alles was sie enthält (aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Claassen). Anthony Passeron – Die Schlafenden (aus dem Französischen von Claudia Marquardt. Piper). Paul Murray – Der Stich der Biene (aus dem Englischen von Wolfgang Müller. Kunstmann).

Audrey Magee – Das Habitat (aus dem Englischen von Nicole Seifert. Nagel und Kimche). Uri Jitzchak Katz – Aus dem Nichts kommt die Flut (aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Hoffmann und Campe). Hari Kunzru – Blue Ruin (aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind). Patrícia Melo – Die Stadt der Anderen (aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Unionsverlag). Teju Cole – Tremor (aus dem Englischen von Anna Jäger. Claassen)

Percival Everett – James (aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser). Elizabeth Graver – Kantika (aus dem amerikanischen Englisch von Juliane Zaubitzer. mare) Danya Kukafka – Notizen zu einer Hinrichtung (aus dem Englischen von Andrea O’Brien). Anjet Daanje – Der erinnerte Soldat (aus dem Niederländischen von Ulrich Faure. Friedenauer Presse). Maria Borrély – Das letzte Feuer (aus dem Französischen von Amelie Thoma. Kanon).

Elsa Morante – La Storia (aus dem Italienischen von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski. Wagenbach). Richard Russo – Von guten Eltern (aus dem Englischen von Monika Köpfer. Dumont). Claire Fuller – Jeanie und Julius (aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Kjona). Leo Vardiashwili – Vor einem großen Walde (aus dem Englischen von Wibke Kuhn. Claassen). Barbara Kingsolver – Demon Copperhead (aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. dtv).

Daisy Hildyard – Notstand (aus dem Englischen von Esther Kinsky. Suhrkamp). Sarah Winman – Das Fenster zur Welt (aus dem Englischen von Elina Baumbach. Klett-Cotta). María José Ferrada – Der Plakatwächter (aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Berenberg). Isaac Rosa – Ein sicherer Ort (aus dem Spanischen von Luis Ruby. Liebeskind). Carlos Fonseca – Austral (aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Wagenbach).

Maria Messina – Das Haus in der Gasse (aus dem Italienischen von Ute Lipka. Friedenauer Presse). Liz Nugent – Die seltsame Sally Diamond (aus dem Englischen von Kathrin Razum). Terhi Kokkonen – Arctic Mirage (aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. Hanser Berlin). Svetlana Lavochkina – Carbon. Ein Lied von Donezk (aus dem Ukrainischen von Diana Feuerbach. Voland & Quist). Nana Kwame Adjei-Brenyah – Chain-Gang All-Stars (aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Hoffmann und Campe).

Spannung

Ron Rash – Der Friedhofswärter (aus dem Englischen von Sigrun Arenz. Ars Vivendi). Adam Morris – Bird (aus dem Englischen von Conny Lösch. Edition Nautilus). Lavie Tidhar – Maror (aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp). Susanne Tägder – Das Schweigen des Wassers (Tropen). Gary Philips – One-Shot Harry (aus dem Englischen von Karen Gerwig. Polar).