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Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur

Eine Schule des Sehens, die poetische und geradezu mikroskopische Vermessung des Jahreslaufs der Natur und schriftliche Bewahrung ihres „alderliefest“: die deutsche Erstausgabe des Buchs Ein Jahr in der Natur der US-amerikanischen Autorin Josephine Johnson zeigt eine genaue Beobachterin, sprachmächtige Porträtistin der Natur und damit eine der Gründungsmütter des heute so boomenden Genre des Nature Writing.


Alderliefest, ihr Allerliebstes, an dem das Herz schon am längsten hängt. So bezeichnet die Autorin Josephine Johnson in diesem nun erstmals von Bettina Abarbanell für die Andere Bibliothek übersetzten Buch ihren Garten in Ohio. Wobei das Wort Garten für die hektargroße Natur, die sie ihr eigen nennt, deutlich zu kurz greift. Die Betrachtung der Natur, die Beziehungsnetze und das Werden und Vergehen dort stehen im Mittelpunkt des Werks. Beginnend im Januar arbeitet sich Johnson mit ihren Beschreibungen und Meditationen durch die zwölf Monate im Jahreslauf, illustriert von der Künstlerin Andrea Wan.

Dieses Stück Land, knapp sechzehn Hektar Waldland, hat steile Hänge, zwei Bäche, Tausende von Bäumen und ein Netz aus kleinen Schluchten oder Senken.
Es gibt einen halben Morgen flaches Land, und darauf steht das Haus. Die Fenster, so breit wie die Wände, gehen auf das schmale, von einem Bach mit steilen Lehmufern geformte Tal hinaus. Das Bachbett wächst und weitet sich bei jedem Sturm, mal gen Osten, mal gen Westen. Wenn der Bach sich gen Osten bewegt, unterspült er den Hügel, auf dem das Haus steht. In stürmischen Nächten hört man im rauschenden Wasser die großen Steine knirschen, am Angang der Welt geborene Steine, einst der Grund gewaltiger Ozeane — jetzt von einem kleinen mittelwestlichen Sturm umgewälzt und flussabwärts gerollt und geworfen.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 7 f.

In diese wilde und unberührte Landschaft nimmt uns die 1910 geborene Josephine Johnson mit, die dem Gang der Natur folgt und mit uns ihr alderliefest durchstreift. Von der Kälte und Todesnähe des Winters über das langsam wieder erwachende Grün bis hin zum Jahr auf seiner Höhe reicht diese reiche Beschau von Flora und Fauna.

Eine genaue Beobachterin der Natur

Josephine Johnson - Ein Jahr in der Natur (Cover)

Johnson, die bis heute die jüngste Gewinnerin des Pulitzerpreises ist (mit gerade einmal 24 Jahren gewann sie für ihren Roman Die Novemberschwestern den Preis in der Kategorie Fiktion, vor drei Jahren erschien er ebenfalls im Aufbau-Verlag neu, auch hier zeichnete sich Bettina Abarbanell für die Übersetzung kenntlich), zeigt sich im Buch als genaue Beobachterin, die sogar den kleinsten Lebewesen im Garten, etwa den Blattläusen, viel Aufmerksamkeit zukommen lässt.

Wie diese leben, was die Blattläuse gefährdet und wie sie als Nahrung der Marienkäfer dienen, Josephine Johnson beschreibt es unter anderem und stellt sich damit auch in die Nachfolge eines Alexander von Humboldt und dessen Verständnis der Kreisläufe und Wechselwirkungen der Natur.

Mit dem Naturforscher teilt sie das Interesse auch für die kleinsten Dinge, die sie mit schon fast lexikalischer Ausführlichkeit und Präzision beschreibt. Nicht umsonst ist der Anmerkungsapparat, der nach Monaten und Unterkapiteln gegliedert alle Tiere und Pflanzen aufführt, die in Ein Jahr in der Natur Erwähnung finden, über sechsundzwanzig Seiten lang.
Egal ob Bisamratte, Phoebetyrann, Wisenrispengras oder Birnenblattsauger — allem, dem die aufmerksame Beobachterin in ihrem Garten begegnet, findet Aufnahme im Buch.

Ein Erzählton zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch

Doch nicht nur der genaue Blick auf Flora und Fauna besticht. Es ist auch die ästhetische Gestaltung des Ganzen, die zwischen Lyrik, Essay und Sachbuch einen ganz eigenen Ton findet und von Bettina Abarbanell in ein ebenso vielschichtiges Deutsch übertragen wurde.

An einem Sommermorgen dort oben sind die fernen Berge blau, die Luft ist warm und diesig, voll weißer und gelber Schmetterlinge, die kurz auftauchen und dann wieder weg sind, wie Wolkenfetzen. Die leuchtend orangenen Perlmuttfalter, deren Larven nachts die Wildveilchenblätter fressen und deren Flügel mit Pailletten besetzt sind, schwärmen über die pinkfarbenen und purpurnen Seidenpflanzen, und diese unverschämten Farben sind wunderschön und harmonisch im Sonnenlicht.
Die hohen samentragenden Gräser am Rand der Lichtung biegen sich auf einmal unter dem Gewicht eines Distelfinken, der Samen sammelt, oder eines Indigofinken, dessen Blau keiner anderen Farbe auf Erden gleicht, das seltenste, juwelenähnlichste Blau, als käme ein wilder Edelstein auf Flügeln vorbei.

Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur, S. 125

Liest man Ein Jahr in der Natur, dann ist das wie eine Schule des Sehens — mit einer Lehrerin, die den Blick auf das Kleinste richtet und die von Wissen berichtet, das heute schon fast in Vergessenheit geraten ist.
Damit kann Josephine Johnson als eine frühe Autorin des Genres Nature Writing gelten, die mit ihrem Werk Autoren wie John Muir folgt, und der selbst noch viele weitere Autor*innen bis in die Gegenwart hinein folgen sollten.

Auch Zeitgeist und Prophetie sind enthalten

Und auch Zeitgeist findet sich ein wenig im Buch. Mit ihrer Sorge um die Intaktheit des Kreislaufs der Natur wirkt Josephine Johnson wie eine Prophetin der ökologischen Katastrophe unserer Tage. Sie tritt ein für Parks in den Städten und eine Rückbindung der Menschen auf die Natur, die schon in ihren Tagen Mitte der 1960er Jahre längst verloren zu sein scheint.

Auch steht ihr Schreiben noch unter dem Eindruck des Kriegs. Zwar war 19 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen, aber mit dem Vietnamkrieg tobte derweil auf der anderen Seite der Welt schon der nächste Krieg. Das merkt man Ein Jahr in der Natur auch in Teilen an.

Bisweilen schleicht sich ein fatalistischer Ton in ihre Betrachtungen ein, etwa wenn sie schon zu Beginn des Buchs feststellt, dass heute niemand mehr einen Eichelbaum für seine Söhne pflanzen würde und es bald auch keine Söhne mehr geben würde.
Auch taucht mitten im Text, fast wie ein Fremdkörper, recht unvermittelt eine kurze Reflexion über das Pentagon auf, das sie als Krebs im Körper der Welt oder als Gott Moloch beschreibt, dem Kinder als Opfer vorgeworfen werden — das „größte unnatürliche Desaster der Welt“ (S. 232), so Josephine Johnson.

Fazit

So ist das Buch als Zeitdokument, als neu entdeckter Vorfahre des heute so nachgefragten Genre des Nature Writing als auch als Werk an der Schnittstelle zwischen Naturbetrachtung und Poesie ausnehmend spannend.

Trifft auch der englische Originaltitel The inland island den Charakter dieser intensiven Naturstudie besser als der etwas ungefähre deutsche Titel, so ist Josephine Johnsons Ein Jahr in der Natur doch ein rundum faszinierendes wie auch schön gestaltetes Werk, das uns durch die Ausgabe als vierhundertachtundachtzigster Band der Anderen Bibliothek hier zugänglich gemacht wurde.


  • Josephine Johnson – Ein Jahr in der Natur
  • Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
  • ISBN 978-3-8477-2067-6 (Die Andere Bibliothek)
  • 276 Seiten. Preis: 28,00 €

Steffen Kopetzky – Die Harzreise

Wanderer, kommst du nach Wernigerode… In seinem neuen Buch Die Harzreise schnürt der Autor Steffen Kopetzky die Wanderschuhe, um sich zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Heinrich Heines Die Harzreise abermals auf die Route zu begeben, die Heine einst bereiste und deren Begehung auch zwei Jahrhunderte später noch viele Erkenntnisse über Land und Leute zutage fördert, wie Kopetzkys Buch zeigt.


Auf die Berge will ich steigen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen,
Und die stolzen Wolken jagen.

Lebet wohl, ihr glatten Säle,
Glatte Herren! Glatte Frauen!
Auf die Berge will ich steigen
Lachend auf euch niederschauen.

Heinrich Heine – Die Harzreise, S. 1

So dichtet es Heinrich Heine in seinem 1824 entstandenen und 1826 veröffentlichten Frühwerk Die Harzreise.
Die „Stadt der Würste“, seine Studienstadt Göttingen, wollte er mitsamt der von ihm empfundenen Enge und Rückständigkeit hinter sich lassen und sich ganz in romantischer Tradition hinaus ins Offene begeben. Das Ergebnis seiner Wanderung verarbeitete Heine in seinem Bericht, den der Hoffmann und Campe-Verlag in Hamburg publizierte und der bis heute immer wieder aufgelegt wird.

Nun, zweihundert Jahre später, tut es der Autor Steffen Kopetzky Heine nach und wandert zu Fuß auf jener Route, die der 1797 geborene Heine einst in seiner Harzreise verewigte.

Kopetzky wandert

Steffen Kopetzky - Die Harzreise (Cover)

Auch für Kopetzky geht es aus Göttingen hinaus über Osterode und Clausthal über die Grenze von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt. Von dort führt seine Wanderroute hinauf auf den Brocken, den er besteigt, ehe es über Wernigerode bis nach Rübeland geht, wo Heines Aufzeichnungen der einstigen Harzreise dann abbrechen.

Kopetzky, der mit seinen historischen Abenteuerromanen in letzter Zeit viele Bestsellererfolge erzielte (unter anderem Monschau, Risiko, Atom) und gerne die schnelle Fortbewegungsarten beschrieb, etwa im von eigenen Erfahrung als Schlafwagenschaffner gestützten Großepos Grand Tour, setzt nun auf das entschleunigte Wandern.
Derlei Wanderbeschreibungen kennt man aus der Vergangenheit, etwa von Robert Louis Stevenson, der gemeinsam mit seiner Eselin Modestine die Cevennen durchwanderte, bis hin zu Hape Kerkeling in unseren Tagen, dem mit seinem Buch über seine Wanderung auf dem Jakobsweg einer der größten Bestseller der vergangenen Dekade gelang.

Kopetzkys Wandertour sucht sich nun ihr Plätzchen auf dem Regal der Wanderliteratur zwischen historischem Re-Enactment und gegenwärtiger Betrachtungen des Landes, wie sie auch Heinrich Heine ja schon in der Harzreise und auch im späteren Deutschland, ein Wintermärchen satirisch zu schildern wusste. Den Untertitel Eine Deutschlanderkundung nimmt das Buch nämlich durchaus ernst.

Eine Landschaft im Wandel, ein Land im Wandel

Obschon sich Kopetzky streng wie sein historisches Vorbild Heine fast ausschließlich auf Schusters Rappen auf überschaubaren Etappen fortbewegt, schwingt neben einer Schilderung des Wanderns auch immer eine Betrachtung der Umgebung im weiteren und weitesten Sinne mit. Wandern im Jahr 2026 bedeutet auch, dass man den Wandel in seinen unterschiedlichen Formen überall im Land wahrnimmt.

Das betrifft die Umwelt, deren Leid sich Kopetzky am eindrücklichsten rund um den Brocken zeigt. Dort krankt der Wald am starken Borkenkäferbefall, der zusätzlich zur steigenden Trockenheit den Baumbestand sichtbar dezimiert und so für ein deutlich unerfreulicheres Erscheinungsbild des Nationalparks sorgt, als er sich Heine einst geboten haben dürfte.

Aber auch politisch stellt der wandernde Autor einen Wandel fest. So erlebt Kopetzky den Harz mitsamt seiner Städte und Dörfer ebenfalls in Teilen als bedrohte Gebilde. Des Öfteren tritt ihm das Stadtbild vor allem durch Leerstand und Entkernung bedroht entgegen. Alleine der Zuwanderung ist es geschuldet, dass sich rudimentäre Angebote in Sachen Gastronomie und Hotellerie dort im Harz noch aufrechterhalten lassen.
Auch die studentische Tradition hat sich seit Heines Zeit massiv gewandelt. So erfährt der wandernde Autor bei seinem Aufenthalt im Städtchen Clausthal, dass selbst dort in Mitteldeutschland die Hälfte der Studierenden der örtlichen Technischen Universität mittlerweile aus dem Ausland stammt. Wandel allerorten.

Es sind Erfahrungen, die in krassem Widerspruch zu wohl frappantesten Phänomen eines weiteren Wandels stehen, nämlich den des politischen Klimawandels der Gegenwart.

Bei seiner Harzreise wird der schreibende Wanderer dieser politischen Klimaveränderung in Form von Vertretern und Infostände der AfD ansichtig, deren destruktives Weltbild und Fremdenfeindlichkeit schon ins Denken so mancher Menschen vor Ort eingesickert sind, obgleich sich die Region eine solche Fremdenfeindlichkeit schon alleine aus eigenem Interesse gar nicht leisten kann.

Historisch informierte Wanderpraxis

Zwischen Politik und Geschichte, zufälligen Begegnungen und Überlegungen mäandert Kopetzkys Reisebeschreibung. Dabei ist auch die Vergangenheit immer wieder Thema, etwa wenn der Wanderer ein Bergbaumuseum oder die Historie des Brockens beleuchtet. Angereichert wird das Ganze auch mit einer Prise Bildungsbürgertum, etwa den Überlegungen zu Ernst Jüngers Buch Auf den Marmorklippen in Bezug auf seine Reise oder Verweise auf historische Literatur, etwa Friedrich Gottschalcks Taschenbuch für Reisende in den Harz aus dem Jahr 1806.

Die größte analytische Tiefe hat diese Wanderung nicht — wer sich von dieser Wanderung eine hochdiagnostische Deutschlandvermessung á la Steffen Mau erhofft, der dürfte vom soziologischen Erkenntniswert eher enttäuscht sein.
Unbehagen am AfD-Stand, Bedauern über die sichtbaren Folgen des Klimawandels im Harz und eine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Unbekannten, das sind Dinge, die Kopetzkys Überlegungen berühren und die doch wohl immer noch trotz allen Wandels für große Teile der Leserschaft konsensfähig sein sollten.

Als anregende Wanderungslektüre mit einem Blick auf das Große durch das Kleine funktioniert Die Harzreise aber wunderbar. Dem Pfaffenhofener Autor ist mit seinem Abgleich von Gegenwart und einstiger Heine’scher Wanderlust ein Buch gelungen, für das man vielleicht den Begriff einer bestens informierten historischen Wanderpraxis ersinnen könnte. Sein Buch ist ebenso unterhaltsam, wie es Lust auf eigenes Wandern und Erleben macht – und natürlich auch eine Erkundung des Harzes auf den Spuren der beiden Harzreise-Autoren.


  • Steffen Kopetzky – Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung
  • ISBN 978-3-7371-0256-8 (Rowohlt Berlin)
  • 240 Seiten. Preis: 23,00 €

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien

Mit seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet Paul Ingendaay das blutige Kapitel des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1936 bis 1939 und zeigt, welche Rolle darin die Kultur spielte. Er blickt auf Künstler und Schriftstellerinnen von George Orwell über Simone Weil bis hin zu Pablo Picasso und zeigt, wie sie sich auf ganz unterschiedliche Weise in den Bürgerkrieg einbrachten.


Es ist eines der wohl ikonischsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts — und eine Erinnerung an die Gewalt des Spanischen Bürgerkriegs, dessen Entstehungsgeschichte Paul Ingendaay in seinem Sachbuch Entscheidung in Spanien beleuchtet. Die Rede ist von Pablo Picassos monumentalen Werk Guernica, das an die Kriegsgräuel erinnert, die die Legion Condor über die kleine spanische Stadt am 26. April 1937 brachte.

„Dieses Bild hat Augen, mit denen es unser Tun beobachtet.“ Mit dieser Feststellung über Picassos fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Kunstwerk schließt Ingendaays Werk nach 312 Seiten. Dass Guernica aber auch immens viel Geschichte und Bedeutung in sich trägt, das legt Ingendaay in seinem Sachbuch wieder frei und zeigt, wie sich die Gräuel des Kriegs in Spanien auch in der Kunst und im Leben ihrer Schöpfer*innen wiederspiegelte.

Im Ton einer historischen Schaltkonferenz

Paul Ingendaay - Entscheidung in Spanien (Cover)

Dafür wählt er jenen Erzählton einer historischen Schaltkonferenz, dessen sich auch andere Autoren aus dem Hause C. H. Becks bedienen, allen voran Uwe Wittstock, der in seinem jüngsten Werk die Flucht von Literaten nach Marseille nachzeichnete und dabei von Intellektuellen wie Franz Werfel, Anna Seghers, Hannah Arendt oder Max Ernst erzählte, wie diese durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten in ihrer Kunst behindert und zur Aufgabe ihres bisherigen Lebens gezwungen wurden.

Von dort ist es nicht mehr weit zu Paul Ingendaay, der seine Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ebenfalls mit starkem Fokus auf die Kulturwelt gewichtet und immer wieder von Künstler zu Künstler springt, um den Fortgang des Kriegs und die persönlichen Entwicklungen von Größen wie den Fotografen Robert Capa und Gerda Taro bis hin zu Schriftstellern wie Arthur Koestler nachzuzeichnen.

Ein spanischer Vorgeschmack auf die Brutalität des Zweiten Weltkriegs

Sein Buch liest sich wie eine Vorgeschichte zu jenen Ereignissen, in die der blutige Bürgerkrieg in Spanien dann im Jahr 1939 schließlich enden sollte.
Dass der Spanische Bürgerkrieg dem Zweiten Weltkrieg in Sachen Grausamkeit und Brutalität um nichts nachstehen sollte und schon einen Vorgeschmack auf das gab, was den halben Erdball vier Jahre nach Ausbruch des innerspanischen Konflikts erwarten sollte, das arbeitet sein Werk plastisch heraus.

Paul Ingendaay erzählt die vier Jahre dieses blutigen spanischen Präludiums zum großen Weltkrieg eng chronologisch nach und beginnt mit den Spannungen, die im Spanien der 30er Jahre immer stärker zutage traten, ehe die Militärs um General Franco von den spanischen Exklaven Ceuta aus auf das spanische Festland übersetzen und vom Südwesten aus eine Blutspur durch die Zweite Spanische Republik zogen.

Während die von Stalin und den Kommunisten unterstützen Republikanern die großen Städte Barcelona und Madrid verteidigten, bedeutete der Bürgerkrieg auf dem Land Chaos und unglaubliche Brutalität, die Ingendaay mithilfe historischer Quellen eindrücklich schildert, etwa das Massaker in der Stierarena von Badajoz an der spanisch-portugiesischen Grenze, wo vor den Augen von 3000 Zuschauern als Spektakel unglaubliche Kriegsverbrechen verübt wurden.

Das Schlimmste ist das Massaker nach der Einnahme der Stadt, von dem wieder und wieder erzählt wird. „Noch heute diskutiert man über seine Größenordnung“, schreibt der Historiker Pierre Vilar, „nicht jedoch über seine Abscheulichkeit.“ Der süße Blutgeruch hängt auch eine Woche danach noch in den Straßen. Massenhaft wurden Festgenommene, darunter auch Frauen, mit erhobenen Armen in die Stierkampfarena getrieben. Dort warteten die Maschinengewehre auf sie. Ströme von Blut fließen, als 1800 Menschen innerhalb von zwölf Stunden niedergeschossen werden. „In 1800 Körpern“, schreibt Allen, „steckt mehr Blut, als man sich vorstellen kann.“

Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien, S. 67

Schier endlos scheinende Gewalt

Er blickt auf die schier grenzenlos scheinende Gewalt, die von Truppen Francos ausgeht, nimmt aber auch den Terror der Gegenseite in den Blick, bei dem etwa linke und anarchistische Gruppen Jagd auf Angehörige des spanischen Klerus machten — mit fast 7000 Opfern als Ergebnis dieser Gewalt.

Der berüchtigte rote und weiße Terror der Opponenten ist in diesem Buch ebenso Thema wie die Unterstützung der Kriegsparteien durch Stalin und kommunistische Kampfbataillone auf der einen Seite und die durch die Nationalsozialisten auf der anderen Seite.

Paul Ingendaay zeigt, wie die Unterstützung Hitlers durch Aktionen wie die zynisch „Unternehmen Feuerzauber“ getaufte Luftbrücke, die die Generäle genauso wie zahlreiche Waffenlieferungen aus Deutschland unterstützen sollte — bis hin zu den Massakern aus der Luft durch die Legion Condor, deren Folgen Pablo Picasso später zu seiner Arbeit am Werk Guernica inspirieren sollten.

Neben der historischen Dimension macht vor allem der Blickwinkel der Künste Entscheidung in Spanien so interessant.

Mehr als nur Der große Kampf der Literatur

Der Untertitel Der große Kampf der Literatur 1936 bis 1939 erweist sich dabei als zu kurz gefasst, denn es sind nicht nur alleine Literaten, die im Fokus von Paul Ingendaays Schilderungen stehen.

Natürlich gibt es die Schriftsteller wie den spanischen Dichter und Dramatiker Federico García Lorca, der von den Falangisten kurz nach Ausbruch des Militärputsches in Madrid ermordet wurde, oder die mal beobachtenden (Ernest Hemingway, Martha Gellhorn), mal teilnehmenden (George Orwell) Schriftsteller von außen, für die der Krieg wahlweise Überzeugung oder auch ein großes Abenteuer war.

Aber Entscheidung in Spanien macht ein künstlerisches Panorama auf, das weit über die Dimension der Literaten hinausweist. So haben auch Intellektuelle wie die Philosophin Simone Weil, Politiker wie der junge Willy Brandt oder der Essayist und Denker Miguel de Unamuno ihren Auftritt. Vor allem letzterer ist bis heute für sein Diktum berühmt, das er den Militärs an der Universität von Salamanca, der er vorstand, entgegenhielt: Venceréis pero no convenceréis: Ihr werdet siegen, aber ihr werdet nicht überzeugen.

Sogar Künstler wie Goya oder der eingangs schon erwähnte Pablo Picasso finden Platz in dieser Künstlerschau zu Zeiten des Bürgerkriegs, das eindrücklich zeigt, wie die Kunst und ihre Schöpfer*innen zu Kriegszielen wurden, die sich keine Neutralität leisten konnten oder wollten.

Mal wieder Thomas Mann

Da erweist sich nur DIE Stimme des guten Deutschlands als fast überflüssige Figur in diesem Kosmos, die sich zur Zeit des Ausbruchs des Spanischen Bürgerkriegs auf neutralem Boden befindet, genauer gesagt im schweizerischen Küsnacht.

Dort hat Thomas Mann sein Exil bezogen und erfährt aus der Ferne von den blutigen Ereignissen in Spanien. Immer wieder wird Ingendaay Thomas Mann über die folgenden vier Jahre in seine erzählerische Schaltkonferenz miteinbeziehen und seine Beschäftigung mit den Neuigkeiten aus dem Krieg schildern.

Nach einer Übersättigung an Mann-Biografien (Illies, Lahme, Wißkirchen, Holzer, Breloer, Mittelmeier, etc.) im vergangenen Jahr ist man den biografischen Schilderungen und der Tagebucharbeit doch etwas überdrüssig geworden. Noch einmal Mann im Exil, noch einmal das Kreisen um sich und das Bedenken der Weltlage mit politischer Sensibilität — das ist nicht verkehrt, hätte aber auch im Fall einer Weglassung nicht unbedingt gefehlt.

Fazit

Kann man über eine solche Rahmung wie auch den Untertitel des Buchs natürlich trefflich diskutieren, ist Paul Ingendaays Buch aber im Ganzen eine mehr als lohnenswerte Lektüre, die zugleich eine historische Geschichtsstunde, die Erinnerung an ein hierzulande recht schmählich behandeltes Thema, eine Einführung in die spanische (Kultur)Geschichte des 20. Jahrhunderts und ein eindrucksvolles Porträt von Künstler*innen ist, die mal zu Opfern, mal zu Protagonisten in einem Krieg wurden, dessen Schrecken dieses Buch wieder in Erinnerung ruft.


  • Paul Ingendaay – Entscheidung in Spanien: der große Kampf der Literatur 1936 – 1939
  • ISBN 978-3-406-84363-1 (C. H. Beck)
  • 352 Seiten. Preis: 28,00 €

Titelbild von Jules Verne Times Two / www.julesvernex2.com, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149356484

George Orwell – Zeilen der Zeit

Obwohl in den Jahren 1943 bis 1949 entstanden, lesen sich George Orwells Kolumnen, die der Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff unter dem Titel Zeilen der Zeit in diesem Band erstmalig auf Deutsch versammelt hat, mehr als aktuell. Die Frage des Faschismus, das Erstarken totalitärer Systeme und gesellschaftliche Spannung sind Themen, die der Brite unbeirrt von Gegenwind und politischen Moden in seinen Texten behandelt – aber auch von der Kunst der richtigen Teezubereitung schreibt. Eine Entdeckung!


Wenn man die Redefreiheit kassiert, vertrocknen alle schöpferischen Fähigkeiten.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 50

In Zeiten, in denen erbittert über die Meinungsfreiheit gestritten wird und so manch einer behauptet, man dürfe heute nichts mehr sagen, dabei aber doch eher eine Widerspruchsfreiheit denn eine Meinungsfreiheit für radikale Positionen möchte, da kommen Orwells erstmals ins Deutsche übersetzte Kolumnen gerade zu richtigen Zeit.

Denn in Zeilen der Zeit wird man Zeuge eines steten Kämpfers für die Meinungsfreiheit und den öffentlichen Austausch von Positionen, der es in seinen Texten nicht auf Verbindlichkeit und Zustimmung anlegt, sondern im Gegenteil keinem gepflegten Streit aus dem Weg geht und mit Leidenschaft den Wettkampf um das beste Argument sucht.

Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch

Beginnend im Kriegsjahr 1943 blickt Orwell in seinen Texten auf die Kriegsgräuel und die Stimmung in seiner britischen Heimat, auf die Fehlbarkeit von Kriegsexperten, auf antibritische und antiamerikanische Ressentiments, Zensur und auf besorgniserregende Entwicklungen national wie international.
Wie geht man mit einem Aggressor um, der einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche legt und wie soll ein Frieden ausgestaltet sein, der dauerhaft ist?
Heute, da wir in Bezug auf den Ukrainekrieg wieder die gleichen Fragen debattieren, wirken Orwells Themen und Antworten leider wieder — oder immer noch — höchst aktuell.

Pointiert fasst er seine Ansichten und Positionen in den Texten zusammen und wirkt so manches Mal verzweifelt und fatalistisch ob der Entwicklungen und Ereignisse, derer er Zeuge wird.

Nichtsdestotrotz, wenn ich eine Welt sehe, in der es ein Verbrechen ist, einen einzelnen Zivilisten zu töten, aber völlig rechtmäßig, wenn man tausend Tonnen hochexplosiven Sprengstoff über einem Wohngebiet abwirft, dann frage ich mich schon, ob unsere Erde nicht eine Irrenanstalt ist, die ein anderer Planet als seine Abfalltonne benutzt.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 22

Erstarkender Antisemitismus, die Kriegsgräuel und die Angst, unter der Großbritanniens ob des Vernichtungswillens der Nationalsozialismus leidet, es sind die Themen, die er in der diesen Kolumnen umkreist, die parallel zu den beiden literarischen Solitären 1984 und Die Farm der Tiere entstanden. Auch musste er persönliche Schicksalsschläge wie den Tod seiner Frau verwinden, wie Herausgeber und Übersetzer Lutz-W. Wolff in den Kommentierungen zu den Kolumnen erläutert.

Ein Streiter für das freie Wort

George Orwell - Zeilen der Zeit (Cover)

Niedergeschlagen und fatalistisch sind die Texte allerdings keineswegs. Zeilen der Zeit zeigt einen hellsichtigen und liberalen Beobachter, der unbedingt für das freie Wort und die Debatte einstand. Das unbedingte Eintreten für das bessere Argumente und einen bereichernden Meinungsaustausch fällt über alle Texte hinweg auf. Seine Kolumnen vermitteln den Eindruck eines klugen und debattenfreudigen Kopfes, für den Gegenrede und protestierende Leserbriefe als Reaktionen auf seine Kolumen das Zündmittel waren.

Nicht umsonst ist Zeilen der Zeit das Zitat des Herausgebers der Zeitschrift Tribune vorangestellt, in der der Großteil von Orwells Kolumnen erschien. Dieser bemerkt, dass es sich bei Orwell mit As I please (so der wunderbar egozentrische Titel von dessen Kolumne im Original) wohl um den einzigen Kolumnist des ganzen Londoner Zeitschriftenviertels handeln dürfte, der es erkennbar darauf anlegte, mit seinen Texten Woche für Woche einen möglichst großen Teil seiner Leserschaft vor den Kopf zu stoßen.

Provokant, politisch und debattenfreudig sind seine Texte, aber keineswegs moralinsauer. Denn Orwell mengt in seine Texte auch immer wieder Ironie und Humor. So äußert er sich auf eine Leserinnenbeschwerde, seine Texte seien so voller Kritik, ausführlich über die Rosen bei Woolworth. Auch gehen seine Kolumnen mal der Frage der perfekten Teezubereitung in mehreren Schritten nach (bloß kein Zucker!), mal schildert er seine Wunschvorstellung des perfekten Pubs und bittet um Publikumsbeteiligung ob dieser Frage – oder widmet sich der Betrachtung des Laichverhaltens von Kröten (nicht ohne vor dort wieder auf das das politische große Ganze zu kommen).

George Orwell als Prophet unserer Gegenwart

Hellsichtig auch etwas seine Prognosen über die Zukunft der Medien, die sich Orwell in einem Text in Bezug auf den Totalitarismus ausmalte, die sich aber nun auch in unserer Gegenwart zu bewahrheiten scheint, angefangen von mit KI generierten Kinderbüchern bis hin zu einem kollabierenden Literaturmarkt:

Aber es ist zweifelhaft, ob die große Masse des Volkes in den Industriestaaten das Bedürfnis nach irgendeiner Form von Literatur haben wird. Auf jeden Fall werden die Leute nicht annähernd so viel Geld dafür ausgeben wolen, wie sie für andere Freizeitunterhaltungen auszugeben bereit sind. Wahrscheinlich werden Romane und Erzählungen vollständigen von Filmen und Hörspielen abgelöst werden. Vielleicht wird es auch eine mindere Sensationsliteratur geben, die am Fließband hergestellt wird und keines menschlichen Zutuns bedarf.
Der menschliche Erfindergeist wird sicher bald Maschinen hervorbringen, die selbstständig Bücher schreiben.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. (S. 153)

Man könnte auch selbst leicht fatalistisch werden, wenn man die wahrgewordenen Prophezeihungen Orwells liest und den ausgebliebenen Fortschritt in Sachen Frieden, Fortschritt und Abrüstung sieht, der in den letzten 80 Jahren seit dem Erscheinen dieser Kolumnen ausgeblieben ist.

Die Hoffnung auf Frühling

Dennoch lässt Orwell in diesem lesens- wie bedenkenswerten Buch auch die Hoffnung nicht fahren, wie wir es auch nicht tun sollten, denn der Frühling, er lässt sich nicht verhindern. So formulierte es der Brite im April 1946 und die Hoffnung bleibt, dass sich seine Worte nicht nur in jahreszeitlicher Hinsicht bald bewahrheiten sollen!

Solange man nicht krank , hungrig, voller Angst oder in einem Gefängnis oder Ferienlager eingesperrt ist, bleibt der Frühling immer noch Frühling. In den Fabriken stapeln sich jetzt die Atombomben, die Polizei lauert überall in den Straßen, die Lügen ergießen sich aus den Lautsprechern, aber die Erde kreist immer noch um die Sonne, und — sosehr sie ihn auch hassen — weder die Diktatoren noch die Bürokraten können den Frühling verhindern.

George Orwell – Zeilen der Zeit, S. 190

  • George Orwell – Zeilen der Zeit
  • Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolf
  • ISBN 978-3-15-011577-0 (Reclam)
  • 267 Seiten. Preis: 25,00 €

Rachel Cockerell – Melting Point

Weit mehr als nur die Erforschung ihrer eigenen Familie: Rachel Cockerell liefert mit Melting Point eine Textcollage, die von der jüdischen Sehnsucht nach einem eigenen Land ebenso wie von Theaterrevolutionären und nicht zuletzt von ihrer bemerkenswerten Familie über die Jahrzehnte hinweg erzählt.


Die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, sie beschert nicht nur Archiven hunderte Anfragen im Jahr zu genealogischen Themen, auch der Buchmarkt ist gesättigt von solchen belletristischen Aufarbeitungen. Den Ansatz, den Rachel Cockerell in ihrem Buch wählt, ist allerdings lobenswerterweise ein anderer als das schon recht abgenutzte Prinzip eines Generationenromans.

Cockerell verzichtet völlig auf eine ordnende Erzählinstanz und präsentiert stattdessen hunderte Originalstimmen aus Zeitungen, von Zeitzeugen und ihrer eigenen Familie, aus deren Miteinander langsam eine vielfältige Geschichte wird, die ebenso vom Zionismus wie den wilden Volten des 20. Jahrhunderts erzählt. Das ist sehr spannend, nicht zuletzt, da diese Zeitläufe aus ihrer Familie die gemacht haben, deren Lebenswege wir in Melting Point nachverfolgen dürfen.

Bis es allerdings so weit ist, vergeht fast die Hälft dieses Buchs. Denn Cockerell greift sehr weit aus, um die historischen Läufe zu verdeutlichen, aus denen sich auch ihre Familiengeschichte speist. Alles beginnt bei ihr Ende des 19. Jahrhunderts, als Theodor Herzl seine ersten Zionistenkongresse einberuft.

Die Sehnsucht nach einem Land für das so verstreut lebende und seit biblischen Zeiten nicht mehr wirklich sesshafte Volk bewegt ihn dazu, mit der Suche nach einem Lebensumfeld für Jüdinnen und Juden zu beginnen. Auf den ersten Zionistenkongressen in Basel beschäftigt man sich intensiv mit der Frage nach einem solchen Ort, an dem das Volk Heimat finden könnte. Mit von der Partie ist auch ein heute völlig vergessener Intellektueller, der Herzls Suche nach einem jüdischen Land über dessen Tod hinaus unermüdlich fortführen wird. Sein Name: Israel Zangwill.

Auf der Suche nach einem Land

Rachel Cockerell - Melting Point (Cover)

Schon zu Lebzeiten Herzls wurde auf dem sechsten Zionistenkongress in Basel das Angebot Großbritanniens diskutiert, die den Jüdinnen und Juden ein Territorium in ihrer Kolonie Britisch-Ostafrika im heutigen Uganda zur Verfügung stellen wollten.
Nachdem diese Idee verworfen worden war, betrieb Zangwill zusammen mit dem ITO, der Jewish Territorial Organization, die Suche nach einem geeigneten Land, das nach den Plänen des zionistischen Schriftstellers mal in Mesopotamien, mal in Australien liegen sollte.

Dringlichkeit bekam die Suche durch Pogrome in Russland, etwa in Kischinau, wo die Gewalt der russischen Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbewohner*innen immer häufiger brutal eskalierte.

Mithilfe vieler Quellen und Originalstimmen erzählt sie von der verzweifelten Suche Zangwills nach einem Land – und der rapiden Zunahme von Feindlichkeiten gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht nur in Russland. Auch ist die Bemühung der amerikanischen ITO-Sektion Thema in Melting Point, das den verfolgten Jüdinnen und Juden speziell aus Russland in den USA eine neue Heimstatt geben wollte. Ausgehend vom völlig überlaufenen kulturellen Schmelztiegel New York begab man sich auf die Suche nach neuen Lebensorten für die russischstämmigen Juden.

Im sogenannten Galveston-Projekt wollte man diese Geflüchteten in ebenjenem Küstenort in Texas ansiedeln und ihnen somit einen neuen Lebensraum verschaffen. Prägende Figur bei jenem Bestreben war der Vizepräsident der ITO in Amerika, Dr. David Jochelmann.

Hier findet Melting Point nun endlich den Anschluss an die im Unteritel versprochene biografische Geschichte Rachel Cockerells. Denn bei David Jochelmann handelt es sich um Cockerells Großvater.

Dieser hatte mit seiner ersten Frau einen Sohn, der unter dem Pseudonym Emjo Basshe (zusammengesetzt aus Emmanuel und Jochelmann, dazu der Name seiner Großmutter) zu einem aufsehenerregenden Theatergründer wurde, der zusammen mit Größen wie John Dos Passos im New Playwright-Theater für Aufsehen sorgen sollte. Seine nur kurze Lebensgeschichte von gerade einaml 40 Jahren handelt der kürzere Mittelteil des Buchs ab, ehe sich Cockerell dann im letzten Teil auf ihre eigene Familiengeschichte besinnt, die in der zweiten Ehe David Jochelmanns begründet liegt.

Das kuriose Miteinander der Familien Jochelmann

Vom Überleben im zweiten Weltkrieg in London, vom kuriosen Miteinander der zwei Familien, die Fanny Jochelmann gründeteder auch die Autorin selbst entstammt) sowie der von Sonja Jochelmann erzählt sie – und gibt einen Eindruck vom Schmelztiegel dieser ungewöhnlichen Familien, die allesamt mit ihren insgesamt sieben Kindern nebst Großmutter in einem Haus in London zusammenlebten. Hier zeigt sich eine Polyphonie und ein Chaos, wie es dem Buch auch in seinem Ganzen in seiner collagierten Weise zu eigen ist – und doch zu einer überzeugenden Form findet. Denn spätestens mit der Auswanderung von Sonja und ihrer Familie in das aus britischer Herrschaft übernommene Palästina schließt sich dann der Bogen zu den zionistischen Bemühungen Herzls und Zangwills.

Fazit

Melting Point ist eine hochinteressante Familiengeschichte, die die eigenen biographischen Volten der Familie neben die Volten der Zeit und dem zionistischen Bestreben legt. Daraus erwächst ein Buch, das (in seiner Vielstimmigkeit und registerreichen Sprache hervorragend von Cornelius Reiber und Nina Frey übersetzt) einen Eindruck gibt von der Sehnsucht der Jüdinnen und Juden nach einem eigenen Land und den Gewalterfahrungen, die sie immer wieder ausgesetzt waren.

Ebenso erzählt Rachel Cockerells Buch nach der Frage von Identität und wie sich diese konstituiert. Durch die außergewöhnliche Erzählweise gewinnt ihr Buch und ist ein einsichtsreiches und zeithistorisches Dokument, das belegt, wie sich die Zeit in der eigenen Familie widerspiegelt und umgekehrt. Den Schmelzpunkt, der Weltgeschichte und persönliche Biografien miteinander verbindet und amalgamiert, hier lässt er sich genau besehen.

Nicht nur angesichts des Israel-Palästina-Konflikts eine einsichtsreiche Lektüre, die viel Hintergrund zum Zionismus bietet und mit der persönlichen Perspektive auf einem Komplex blickt, dem man wohl nur durch eine so polyphone Erzählweise gerecht werden kann, die zugleich abwechslungsreich und differenziert ist. Damit leistet Rachel Cockerell wertvolle Arbeit, die unbedingt der Lektüre lohnt.


  • Rachel Cockerell – Melting Point
  • Aus dem Englischen von Nina Frey und Cornelius Reiber
  • ISBN 978-3-8477-2066-9 (Die andere Bibliothek)
  • 456 Seiten. Preis: 28,00 €