Luca Kieser – Pink Elephant

Von der Orientierungslosigkeit der Jugendjahre und der Suche nach Anschluss erzählt Luca Kieser in seinem zweiten Roman Pink Elephant, der mitnimmt in eine schwäbische Kleinstadt und die Zeit um die WM 2006 noch einmal auferstehen lässt.


Talahon, dieses Wort hat es im vergangenen Jahr zum zweiten Platz bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres gebracht. Aus einem Song des kurdisch-syrischen Rappers Hassan stammend, mauserte sich der Begriff zum Sammelnamen für junge Männer mit zumeist arabischen Migrationshintergrund, so weiß es Wikipedia zu berichten. Ein Grund für den Erfolg des Begriffs dürfte seine Prägnanz sein, mit der er eine sonst eher schwer zu definierende Menschengruppe zusammenfasst. E-Scooter, Gürteltasche, viel Gel in den Haaren, Schattenboxen und eine Slang-Sprache, das sind Marker, mit denen der Begriff konnotiert ist und der seither viele Debatten ausgelöst hat.

Hätte es diesen Begriff schon vor achtzehn Jahren gegeben, viele der Protagonisten aus Luca Kiesers Roman Pink Elephant stünden wahrscheinlich unter Talahon-Verdacht, rekrutiert sich doch ein zentraler Teil des Romanpersonals aus migrantischen Kreisen, die man heute mit dem Talahon-Terminus belegt.

Anschluss an Talahon-Kreise

Luca Kieser - Pink Elephant (Cover)

Auch der Ich-Erzähler Vincent sucht und findet Anschluss in diesen Kreisen, obwohl sein erster Kontakt durch Gewalt definiert ist. So äußert er sich im Laufe eines Hacky-Sack-Matches vor dem Chemieraum in der Schule abwertend über die spärliche Barttracht eines Mitschülers Tarek . Das bringt ihm nicht nur eine Kopfnuss und eine Abreibung ein, auch bedeutet es ein Täter-Opfer-Gespräch bei einem Sozialarbeitern mit seinen Peinigern Ali und Tarek.

Daraus erwachsen aber keine verhärtete Fronten, obwohl Gespräche mit der Schulleitung und einer Anzeige bei der Polizei darauf weisen könnten. Stattdessen sucht Vince Anschluss bei Tarek und Ali, die Vince in ihrer Welt aufnehmen. Es ist eine Welt, die konträr zur von spießbürgerlichen Ordnung definierten Welt der schwäbischen Kleinstadt steht, in der Vince bislang aufgewachsen ist und die von einem Bürgermeisterkandidaten namens Boris bis hin zu einem an der Wand hängenden Gemälde mit dem Hölderlin-Turm erstaunlich jener Stadt ähnelt, in der Luca Kieser selbst aufgewachsen ist, nämlich Tübingen.

Stehlen, Prügeln, Döner-Bonuskartenbetrug

Statt Tatort-Abende mit seinen Eltern führen ihn Ali und Tarek in das Rauchen ein, lernt er die Probleme von Ali kennen, der von einem anderen Jungen namens O erpresst und erniedrigt wird. Stehlen, Döner-Bonuskartenbetrug, Prügeleien in Unterführungen und erwachende Gefühle für Tareks Schwester Tahira sind nun neue Elemente in Vincents Leben.

Dann trat Ali neben mich und sagte: „Wir regeln das unten in der Unterführung“

Und während sie dann, wieder ein paar Meter von uns, den Weg nach links hintergingen, leerten wir unsere Taschen: Handy, MP3-Player, Zigaretten, Geldbeutel, Schlüssel, alles in meinen Rucksack.

An der Ecke der Unterführung legte ich ihn ab und blieb stehen. Tarek baute sich in der Mitte der Unterführung auf, streckte den Rücken durch und verschränkte seine Hände vor dem Schritt. Und Ali hockte sich neben meinen Rucksack, zog dabei seine Trainingsjacke aus und murmelte: „Wenn sie mich ficken, Vince-„

„Gehen wir mit drauf“, ergänzte ich und zwinkerte: „Bruder, wir sind Arab Power“.

Luca Kieser – Pink Elephant

Dass es mit der Arab Power im Falle von Vince und auch möglicherweise bei Ali im Gegensatz zum aus Syrien stammenden Tarek gar nicht so weit her ist, das ist nur eine Pointe dieses Romans, der seine Männlichkeitsbilder und die Sprache aus dem Vorbild der im Roman zitierten Deutschrapper Bushido, Massiv oder Eko Fresh zieht.

Der Duft von Axe Deodorant

Könnte dieser Roman duften, er würde stark nach Axe Deodorant riechen, so bin ich mir sicher. Die Pubertät mitsamt dem männlichen Kraftüberschuss, der sich hier im einem latenten Hang zur Illegalität äußert, das Aufsprechen und die Rebellion gegen gesellschaftliche Ordnungen, sie sind Themen, die Luca Kieser umkreist.

Auch wenn alles, was seither passiert war, richtig scheiße war, hatte es doch irgendwie auch sein Gutes. Hier im Viertel hatte alle andauernd Stress, Stress untereinander, Stress mit irgendwelchen Jungs aus anderen Vierteln, Stress mit der nächsten Stadt, mit irgendwelchen Leuten aus Stuttgart. Jetzt endlich hatte auch ich Stress.

Luca Kieser – Pink Elephant

Pink Elephant nimmt die Orientierungslosigkeit der Jugendjahre in den Blick. Wo finde ich Anschluss, wo gehöre ich hin, mit welchen Menschen umgebe ich mich – und welchen Einfluss haben diese auf mich? Diese zentralen Fragen treiben auch Vincent ein, der sich im Spannungsfeld zwischen Arzthaushalt und Modellbahneisenbahn im Keller auf der einen Seite und der Talahon-Welt von Ali und Tarek auf der anderen Seite wiederfindet.

Ein Roman mit langer Reifezeit

Luca Kieser schildert die Konflikte und die jugendlichen Lebenswelten in einem tragfähigen und glaubhaften Ton, der von arabischen Slangwörtern durchsetzt ist und der Vincents Zerrissenheit gut auf den Punkt bringt. Nach dem vielstimmigen und für den Deutschen Buchpreis 2023 nominierten Roman Weil da war etwas im Wasser schlägt Pink Elephant nun andere Töne an, die zeigen, was für unterschiedliche Tonalitäten der 1992 geborene Autor bedienen kann und wie dicht ein Gefüge aus Zeitgeschichte und psychologischer Einfühlung in Figuren aussehen kann, wenn man jahrelang daran arbeitet.

Denn Pink Elephant, so verrät es das Nachwort, hat eine lange Geschichte. Eine Reifezeit von zehn Jahren mitsamt diverser Versionen und Überarbeitungen liegt hinter dem Buch, ehe es nun im Blessing-Verlag erschienen ist. Es ist eine Reifezeit, die sich gelohnt hat, wie die Lektüre von Pink Elephant nun zeigt.


  • Luca Kieser – Pink Elephant
  • ISBN 978-3-89667-760-0 (Blessing)
  • 304 Seiten. Preis: 24,00 €
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Meine besten Bücher 2024

Schnell ging dieses Jahr zu Ende – und auch wenn die weltpolitische Lage von zerbrochener Regierung hierzulande über die Wiederwahl Donald Trumps in den USA bis hin zum gescheiterten Klimagipfel in Baku nur wenig Hoffnungsstiftendes hervorzubringen wusste, so ist doch wenigstens literarisch gesehen dieses Jahr wieder ein höchst vielfältiges und bereicherndes gewesen.

Reinen Eskapismus sollte man dabei allerdings nicht betreiben, denn auch der Buchbranche geht es nicht gut. Schlagzeilen über renommierte Häuser wie den Suhrkamp-Verlag, der einen neuen Eigner bekam, um wieder in sichereres ökonomisches Fahrwasser zu gelangen, weiter schrumpfender mediale Berichterstattung über die Kultur und das Aus von etablierten Fernsehsendungen wie Lesenswert (und damit auch verbunden das Versanden von Debatten über Literatur) dazu noch schrumpfende Kulturetats und damit auch weniger Geld für die wichtige Arbeit von Bibliotheken und Co. – all das lässt nicht unbedingt zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Dennoch will ich mich auch 2025 weiterhin bemühen, so gut ich das neben meiner eigentlichen Arbeit schaffe, hier auf dem Blog der Literatur ein Schaufenster zu geben, auch wenn ich an den Abrufzahlen merke, dass hier ebenfalls das Interesse an der vorgestellten Literatur merklich schrumpft.

Dass sich meine Versuche dennoch eines gewissen Interesses in Form von knapp eintausend Abonnentinnen und Abonnenten erfreuen, motiviert mich weiterhin, dieses Projekt hier nicht einzustellen.

Nach diesen Präliminarien aber nun Vorhang auf für das, um das es anstelle von mir wirklich gehen soll, nämlich die Literatur in Form von diesjährig erschienenen Titel, die für mich ganz besonders herausgeragt haben. Der Klick auf die Cover führt zu den ausführlichen Besprechungen.

Paul Murray – Der Stich der Biene

Paul Murray - Der Stich der Biene (Vorschaubild)

Will man noch einmal eine voluminöse Familiengeschichte lesen, die das Tolstoi’sche Diktum der Familien, die alle auf ihre eigene Art traurig sind, bestätigt? Unbedingt, wenn der Autor dieser Geschichte Paul Murray heißt. Denn er erzählt in Der Stich der Biene literarisch markant von den vier Mitgliedern der Familie Barnes, die im Laufe des Romans höchst lesenswert auseinanderdriften bis hin zur Frage, ob das wirklich noch eine Familie ist, die hier im Mittelpunkt steht.

Nathan Hill – Wellness

Nathan Hill - Wellness (Cover)

Von der ganzen Familie reduziert Nathan Hill in seinem zweiten Streich namens Wellness in seiner erzählerischen Grundkonstellation auf eine Paarbeziehung herunter. Der unterschiedliche Blick auf die Ehe und die Frage, wie eine gelungene Ehe im 21. Jahrhundert aussehen kann, dieser Frage geht der US-amerikanische Schriftsteller in seinem Roman nach, der neben dem genauen Blick auf die Figuren auch durch die stilistische Fülle an Erzählansätzen überzeugt.

Nicole Seifert – Einige Herren sagten etwas dazu

Nicole Seifert - Einige Herren sagten etwas dazu (Cover)

Ilse Schneyder-Lengyel, Ruth Rehmann, Christine Koschel oder Elisabeth Plessen – nie gehört? Kein Wunder, wie Nicole Seifert in ihrem Sachbuch Einige Herren sagten etwas dazu zeigt. Denn obwohl sie alle auf den Tagungen der Gruppe 47 lasen, kennt heute kaum jemand ihre Namen. Warum das so ist, das führt die Literaturwissenschaftlerin Seifert in ihrem Buch sehr lesens- und bedenkenswert aus und zeigt, was uns durch die Marginalisierung dieser Autorinnen alles entgangen ist.

Lucy Fricke – Das Fest

Angesichts der Polykrisen unserer Zeit kann man schon einmal die Hoffnung verlieren. Wie schön, dass es da noch Lucy Fricke gibt. Mit ihrem unnachahmlichen Talent für Menschenzeichnungen macht sie einen Regisseur zu dessen 50. Geburtstag selbst zur Figur in einem von einer Freundin wohlorchestrierten Spiel. Diese bereitete ihm einen Fest-Tag, der eindrücklich unter Beweis stellt, dass es nie zu spät ist, sein Leben zum Guten zu ändern.

Ann Napolitano – Hallo, du Schöne

Ann Napolitano - Hallo du Schöne

Ein modernes Update des Klassikers von Little Women von Louisa May Alcott liefert die Autorin Ann Napolitano in ihrem Buch Hallo du Schöne. Sie erzählt darin von und den vielfältigen Herausforderungen, die das Leben für die vier Töchter einer Chicagoer Familie im 21. Jahrhundert bereithält. Was hält eine Familie im Inneren zusammen? Wie tief kann Verbundenheit reichen und wann stößt sie an Grenzen? Das erkundet Ann Napolitano mit ihren Little Women aus Chicago gelungen.

Uwe Wittstock – Marseille 1940

Uwe Wittstock - Marseille 1940 (Vorschaubild)

Was Flucht eigentlich bedeutet und welchen Einsatz es Fluchthelfer und Flüchtende abverlangte, ihre Leben zu retten, das zeigt Uwe Wittstock in seinem erzählenden Sachbuch Marseille 1940 eindrücklich. Mit Sinn für Komposition und Rasanz schildert er die Schicksale von Franz Werfel, Anna Seghers, Klaus Mann und vielen anderen, deren Fluchtrouten größten teils in Marseille kulminierten – und an deren Rettung ein Mann entscheidend beteiligt war: Varian Fry

Markus Thielemann – Von Norden rollt ein Donner

Der Wolf kommt – oder sind es eigentlich nicht fremde Menschen, die die dort in der Lüneburger Heide auf Ablehnung stoßen? Markus Thielemann hat einen eminent politischen Roman geschrieben, der die bäuerliche Lebenswelt auf dem Land ebenso beleuchtet wie völkisches Siedlungsdenken. Für mich persönlich mein Favorit auf den Gewinn des Deutschen Buchpreises 2024, der dann aber an Martina Hefter ging. Auch in Ordnung, aber dieser literarische Donner, er grummelt immer noch nach.

Samantha Harvey – Umlaufbahnen

Samantha Harvey - Umlaufbahnen (Vorschaubild)

Eine schwerelos schwebende Erzählstimme, die die Astronaut*innen an Bord einer Raumstation begleitet und der es gelingt, fast immersiv das Leben in der Schwerelosigkeit und die doch unentrinnbare Erdanziehungskraft dort oben zu beschreiben. Dieses Kunststück vollführt Samantha Harvey in Umlaufbahnen, die es damit nicht nur zum Gewinn des Booker Prizes, sondern auch zu einem Platz hier in der Liste geschafft hat.

Andrew O’Hagan – Caledonian Road

Andrew O'Hagan - Caledonian Road (Vorschaubild)

Mein Favorit des Jahres, der alles das mitbringt, was ich zu schätzen weiß: ein großer Schmöker, vielschichtiges Romanpersonal von Lords bis zu Möchtegern-Gangstern, dazu der über ein Jahr beschriebene Niedergang eines Public Intellectual, der auch als Niedergang des Britischen Weltreichs gelesen werden kann. Das alles bietet Andrew O’Hagan in seinem famosen Roman Caledonian Road, der mich diesen Sommer wunderbar unterhalten hat und mit dem der britische Autor auf den Spuren großer englischer Gesellschaftsromane wandelt.

Golo Maurer – Rom – Stadt fürs Leben

Rom, die Sehnsuchtsstadt, aber auch als Grund für Verzweiflung und das Mittel der Ironie als letzter Rettungsweg: Ihn beschreitet Golo Maurer in seinem ebenso komischen wie liebevollen Blick auf die ewige Stadt. Müll, nicht erscheinende Busse und dann auch noch Klobrillen, die sich allen Fixierungsversuchen verwehren. Das sind Themen, die den Kunsthistoriker und Bibliothekar umtreiben – und mich grandios unterhielten und dem Abgleich mit der römischen Realität im Sommerurlaub standhielten.

Daniel Mason – Oben in den Wäldern

Daniel Mason - Oben in den Wäldern (Vorschaubild)

Ein Grundstück in Massachusetts ist es, das im erzählerischen Mittelpunkt von Daniel Masons drittem und bislang besten Roman steht. Literarisch klug miteinander verzahnt kombiniert Mason Geschichten von der Zeit der Siedler bis in unsere Gegenwart hinein – und verpackt diese Geschichten in ganz unterschiedliche Stile, die von Übersetzer Cornelius Hartz gekonnt ins Deutsche übertragen werden. So entsteht Oben in den Wäldern ein literarischer Garten, der reiche Frucht bringt.

Maike Albath – Bitteres Blau

Maike Albath - Bitteres Blau (Vrschaubild)

Italien als Gastland der Buchmesse präsentierte sich bemerkenswert rückwärtsgewandt und verbannte die Bücher in eine kleine Kammer am Rande der großen Piazza. Wie staunenswert und präsentabel die Fülle an Stimmen und Themen eigentlich ist, das zeigt Maike Albath, indem sie in Bitteres Blau die neapolitanische Literaturszene in den Blick nimmt und durch diesen kleinen Ausschnitt auf das Große Ganze von der Mafia bis Elena Ferrante blickt.

Tana French – Feuerjagd

Tana French - Feuerjagd (Cover)

Mit soziologisch scharfem Blick erzählt Tana French von dem, was ein kleines Dorf im irischen Hinterland zusammenhält. Doch lässt ein möglicher Goldrausch das komplizierte Gefüge aus Lügen, gegenseitiger Kontrolle und Misstrauen implodieren? Dem geht Tana French in ihrem Roman Feuerjagd nach und gönnt ihrer jugendlichen Heldin Trey und dem pensioneten Polizisten Cal einen zweiten Auftritt, diesmal im glutheißen Sommer, bei dem nicht nur die Sonne vom Himmel brennt.

Percival Everett – James

Percival Everett - James (Vorschaubild)

Welche Chancen in Neuinterpretationen bekannter Kunstwerke liegen, das stellt Percival Everett in James eindrücklich unter Beweis. James erzählt Mark Twains Klassiker Huckleberry Finn noch einmal – allerdings mit einem entscheidenden Kniff. Diesmal steht der Sklave Jim im Mittelpunkt, der von Percival Everett nicht nur seinen richtigen Namen James zurückerhält, sondern vor allem auch eine eigene Stimme. Mit dieser erzählt er uns eine Geschichte, die im Gedächtnis bleibt.

Leo Vardiashvili – Vor einem großen Walde

Leo Vardiashvilis Roman Vor einem großen Walde ist eine hervorragende Einführung in ein Land, das in diesem Jahr die Schlagzeilen dominierte: Georgien. Dessen wechselvolle Geschichte und Zerrissenheit scheint in Vardiashvilis Roman auf, der zugleich von einer Schnitzeljagd auf den Spuren von Hänsel und Gretel erzählt. Nur gibt es hier nicht unbedingt eine Hexe, aber familiäre Geheimnisse, die entdeckt werden wollen.

Scott Preston – Über dem Tal

Ein Jahr, das mit Bauernprotesten begann, endet für mich auch mit einem enorm starken Text aus dem Agrarmilieu, genauer gesagt der Schafzucht. Das Leben von Schafzüchtern am Rande der Legalität ergründet Scott Preston in seinem Debüt Über dem Tal, das mit einer beeindruckenden Sprachmacht aufwartet (übersetzt von Bernhard Robben). Sein Cumbria ist in düstere Farben gepinselt, was das Buch umso eindringlicher macht. Eine echte Überraschung aus dem Nichts, die das Jahr literarisch wirklich enorm stark abgeschlossen hat!

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Daniela Krien – Mein drittes Leben

Wie weiterleben, wenn das eigene Kind gestorben ist? Daniela Krien erkundet es in ihrem Roman Mein drittes Leben einfühlsam und erzählt von Trauer und von der Schwere, einen Neuanfang zu wagen.


Den Entschluss seiner Frau zu einem Umzug kann Richard überhaupt nicht nachvollziehen. Ein ödes Dorf mitten im Nirgendwo der Leipziger Peripherie hat sie sich ausgesucht, um dort einen heruntergekommenen Hof zu bewohnen. Außer der Durchgangsstraße mit rauschendem Durchgangsverkehr gibt es dort nichts, was irgendwie von Aufbruch oder Vorankommen zeugt. Dort möchte man nicht begraben sein, wie Lindas Mann Richard bei der ersten Fahrt durch diese reizlose Ansammlung von Häusern bemerkte. Und auch Linda muss ihm beipflichten – und doch wohnt sie nun dort.

Den Grund für den Um- oder besser Rückzug erläutert Daniela Krien in kleinen Erinnerungsfetzen, die immer wieder den neuen Alltag von Linda durchschießen. Denn ihre Tochter Linda ist gestorben, als sie auf ihrem Rad von einem abbiegenden Laster im Leipziger Straßenverkehr übersehen wurde. Diese Tragödie verwinden Linda und ihr Mann auf unterschiedliche Art und Weise. Denn während für ihn das Leben irgendwie weitergeht, er als Künstler um seinen Ausdruck kämpft, lautet Lindas Antwort auf den Verlust – Rückzug.

Rückzug ins Durchgangsdorf

Daniela Krien - Mein drittes Leben (Cover)

Ihre Stelle in einer Kunststiftung gibt sie auf, sie zieht von zuhause aus, sucht im Durchgangsdorf einen Rückzug, um zu trauern und ihren restlichen Lebensmut gleich mitzubegraben. Doch damit wäre Mein drittes Leben ein reichlich kurzes Buch geworden – und auch das titelgebende Leben nach dem Verlust ihres Kindes und der Distanz zu ihrem Mann hätte nicht stattgefunden.

Doch beobachtet Daniela Krien im folgenden, durch die Ich-Perspektive erzählerisch ganz nah dran an ihrer Protagonistin, wie sie sich zunächst im Dorf einen neuen Alltag und neue Kontakte erschließt – und später auch in Leipzig wieder neu Fuß fasst und so vorsichtig ein neues Leben beginnt, das nicht nur Weiterleben ist.

Mein drittes Leben besticht durch seine genaue Auslotung der Seelenzustände und Verheerungen nach der tödlichen Nachricht des Todes eines eigenen Kindes. Ein Umstand, für den die deutsche Sprache gar kein Wort vorsieht, so wenig dieser Fall eigentlich eintreten soll. Und doch ist es für Linda und ihren Mann so. Wie wenig man darüber kommunizieren kann, wie eine solche Nachricht zum Auseinanderbrechen zwischen zwei Partnern führen kann, das beschreibt Krien eindrücklich.

Ein Neuanfang nach dem Ende

Ihre Sprache dabei ist nicht sentimental, sondern sehr präzise und fasst die Erkundungen der Seelenlandschaft in eine klare Prosa.

Ich blicke aus dem Fenster auf einen zur Hälfte gepflasterten, zur anderen Hälfte mit Rasen bewachsenen Hinterhof, der begrenzt wird von einer mit Efeu überwucherten Sichtschutzwand. Das alte Konzept meines Lebens habe ich endgültig aufgegeben. Schritt für Schritt gehe ich Tag für Tag ein kleines Stück weiter. Mehr ist es nicht, mehr muss es auch nicht sein.

Daniela Krien – Mein drittes Leben, S. 169

Ähnlich wie in diesem Jahr auch Adriano Sack oder Franziska Gänsler hat Daniela Krien ein Buch geschrieben, das der Trauer Raum gibt und das seiner Protagonistin beim Verarbeiten des Verlusts und dem Austesten verschiedener Pfade hin zu einem neuem Stück Lebensweg zusieht. Von Trauer und Schmerz durchsetzt ist der Winter ein starkes Bild, der im Roman nicht nur in Form eines nun anders gefeierten Weihnachtsfestes oder Schuberts Winterreise auftaucht, sondern auch immer wieder ganz konkret auf die Innenwelten Lindas bezogen wird.

Die Sehnsucht nach Sommer ist mir abhandengekommen. Mein innerer Winter lässt sich nicht mit der Leichtigkeit der hellen, warmen Tage in Einklang bringen.

Daniela Krien – Mein drittes Leben. S. 118 f.

Und doch bleibt es auch bei Linda nicht bei einem ewigen Winter. Symbolhaft ist der Garten, in dessen Bewirtschaftung sie einen neuen Lebenssinn findet und der mit seinem Vergehen und Werden auch nach dem scheinbaren Tod im Winter immer wieder die Kraft für einen Wiederbeginn im Frühling findet.

Fazit

Mein drittes Leben zeigt, wie schwer dieser Weg ist – aber dass es ihn gibt, wie verzweifelt und nachtschwarz das Leben auch in Phasen sein mag. Dass das Ganze über Kalendersprüche und banale Binsen hinausgeht, das ist der Verdienst von Daniela Krien, den sie mit diesem Buch leistet. Mit einer stimmigen Dreiklang aus Inhalt, Form und Sprache reiht sich das Buch ein in die Riege bereits genannter Seelenerkundungen, dessen Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2024 durchaus gerechtfertigt ist.


  • Daniela Krien – Mein drittes Leben
  • Artikelnummer 175851 (Buechergilde)
  • 296 Seiten. Preis: 24,00 €
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Anthony Trollope – Weihnachten in Kirkby Cottage

Dem Zauber der Weihnacht erliegt ein jeder – insbesondere, wenn die Liebe eine entscheidende Rolle spielt. So zumindest in Anthony Trollopes viktorianischer Erzählung Weihnachten in Kirkby Cottage, die dieses Jahr mit Illustrationen von Irmela Schautz versehen als Nummer 1542 in der Insel-Bücherei zu entdecken ist.


Nach Weihnachten auf Thompson Hall liegt nun mit Weihnachten in Kirkby Cottage eine weitere Weihnachtserzählung von Anthony Trollope vor, die ursprünglich 1870 als Erzählung in Routledge’s Christmas Annual erschien.

Darin spürt er in bester Tradition viktorianischer Romane der Liebe zwischen zwei jungen Menschen nach. Diese Liebe steht zu Beginn des Romans allerdings vor einer großen Zerreißprobe. Es ist eine Meinungsäußerung, die das Miteinander der Pfarrerstochter Isabel und Maurice auf eine harte Probe stellt.

Weihnachten – ein langweiliges Fest?

Denn im Gespräch mit Isabel trifft Maurice Archer eine Aussage, die die junge Frau auf gar keinen Fall stehen lassen kann. Sein Urteil, dass Weihnachten ein langweiliges Fest sei, trifft bei Isabel auf keinerlei Verständnis, sondern nur große Empörung. Die nachgeschobene Erklärung, dass an diesem Fest nur haufenweise Rindfleisch gebraten und haufenweise Plumpudding gegessen werde, bis die Menschen müde seien und eine Stunde früher als üblich ins Bett gingen, kann und will die Pfarrerstochter nicht folgen.

Anthony Trollope - Weihnachten in Kirkby Cottage (Cover)

Dabei hatte eigentlich alles recht gut begonnen. Mr. Archer soll die Weihnachten im Pfarrhaus in Kirkby Cliffe inmitten von Yorkshire verbringen. Er selbst ist Waise und begütert, hat einen mittelmäßigen Abschluss in Oxford vorzuweisen und verbringt seine Zeit im Ausblick auf ein Erbe, das seinen Besitz mehrensollte. Eine gute Partie eigentlich für Isabel, die als ältere der beiden Pfarrerstöchter noch ledig und durchaus angetan von Maurice Archer ist. Die Zeichen stehen also durchaus gut für ein späteres Glück der beiden.

Doch nun diese Äußerung, die das Miteinander und die Harmonie der Festtage im Kirkby Cottage auf eine Belastungsprobe stellt. Da geraten alle Pläne zum festlichen Schmuck in der Kirche ins Hintertreffen, da geraten alle Gewissheiten bei Isabel Lownd ins Trudeln. In der Folge wächst die Verzweiflung, Maurice spielt gar mit dem Gedanken, per Kutsche nach Afrika zu reisen, um der Schmach des Disputs und der womöglich unmöglichen Liebe zu entkommen. Doch wir sind ja in einer weihnachtlichen Kurzgeschichte zuhause, sodass sich – so viel sei verraten – nach einigen Volten sich alles wieder weihnachtlich harmonisch fügt.

Alles fügt sich im Pfarrhaus Kirkby Cottage

Einen Anteil daran hat auch der Vater, der als lebensweiser und auch geistlicher Ratgeber über allem weltlichen Begehren steht. Mit seinen Worten rückt er alles wieder ins ins rechte Lot, auf dass die Dinge in Kirkby Cliffe ihren Lauf nehmen, der für sie vorgesehen ist.

Man braucht wohl kaum zu erwähnen, dass der Pfarrer viel älter war als Maurice und daher viel mehr von der Welt verstand. Und er war auch nicht verliebt. Zudem war er insofern im Vorteil als er vom Wesen der jungen Damen weit bessere Kenntnis hatte, als ihr Verehrer sie haben konnte.

Anthony Trollope – Weihnachten in Kirkby Cottage, S. 56

Und so löst sich die Apathie Maurice‘ gegen Weihnachten in Wohlgefallen auf, gibt es gar noch kleinere und größere Weihnachtswunder zu bestaunen, an der dann auch Rindfleisch und Plumpudding ihren Anteil haben. Und so geht noch vor dem Abend des Weihnachtsfestes alles so seinen Gang, wie es die Konventionen der Zeit um 1870 und nicht zuletzt auch das Genre der romantischen Kurzgeschichte vorsehen.

Fazit

So ist Weihnachten in Kirkby Cottage ein vorhersehbare, möglicherweise auch kitschige Erzählung, die aber im Angesicht der Weihnachtszeit und ihrer Festtage einen nostalgischen, viktorianischen Glanz verströmt, in den man sich sehr gerne begibt. Die Gestaltung von Irmela Schautz und die Übersetzung von Andrea Ott hat daran auch ihren Anteil, sodass diese kleine weihnachtliche Geschichte nicht nur Freunden viktorianischer Romanzen besonders zur Weihnachtszeit gerne empfohlen sei.


  • Anthony Trollope – Weihnachten in Kirkby Cottage
  • Aus dem Englischen von Andrea Ott
  • Mit Illustrationen von Irmela Schautz
  • ISBN 978-3-458-19542-9 (Insel-Bücherei)
  • 78 Seiten. Preis: 15,00 €
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Scott Preston – Über dem Tal

Als hätten Daniel Woodrell, Ian McGuire und James Rebanks gemeinsame Sache gemacht: der Brite Scott Preston überrascht in seinem Debüt Über dem Tal mit einem sprachmächtigen Noir mit Nature Writing-Anteilen, der die Landschaft Cumbrias feiert und der von Übersetzer Bernhard Robben in ein klangreiches Deutsch übertragen wurde. Eine echte Entdeckung!


Es grenzt an Schottland und England, passt aber zu keinem der beiden Länder wirklich – zumindest der Einschätzung des Erzählers Steve Elliman nach: die Rede ist von Cumbria, das mitsamt seiner rauen Natur und den verschlossenen Bewohnern den Schauplatz des Debütromans von Scott Preston bildet.

Hier lebt der Schafzüchter Steve zusammen mit seinem Vater. Andere Höfe sind weit weg, die einzige Gesellschaft bilden die Herdwick-Schafe, die er zusammen mit seinem Vater züchtet und die die Hügel Cumbrias abweiden. Doch diese jahrhundertealte Praxis gerät schon am Beginn von Über dem Tal aus dem Takt. Denn wir schreiben das Jahr 2001 und die Maul- und Klauenseuche grassiert auch in diesem abgelegenen Teil Englands.

Schafzucht in Caldhithe

Genauso wie andere Höfe in der Nachbarschaft ihres Zuhauses müssen auch die Ellimans ihre gesamte Schafherde keulen. Eindrücklich erzählt Preston von dem brutalen Geschäft, bei dem die Züchter vom Militär „unterstützt“ werden. Scheiterhaufen mit Tieren brennen die ganze Nacht hindurch, die Lebensgrundlage der Züchter löst sich mit den Kadavern der Tiere in öligem, schwarzem Rauch auf.

Scott Preston - Über dem Tal (Cover)

Nicht lange nach diesem einschneidenden Erlebnis stirbt Steves Vater. Der im Vergleich zu den maulfaulen Nachbarin äußerst redebedürftige Mann findet Anschluss auf Caldhithe, dem Hof von William Herne. Dort verdingt er sich erneut als Schafzüchter.

Doch zunächst wollen neue Tiere für die Herde gewonnen werden, womit der Roman in die Gefilde eines Noir-Romans aus dem Hinterland abbiegt, wie man sie aus US-amerikanischer Produktion, beispielsweise von Daniel Woodrell oder Eli Cranor kennt. Denn um in den Besitz neuer Tiere zu gelangen, begeben sich William und Steve auf eine nächtlichen Diebestour, um eine fremde Herde zu stehlen. Dabei leisten ihnen Colin Tinley und dessen Subalterne Schützenhilfe. Damit ist der Weg in die Illegalität markiert, denn alle, die sich im Umfeld von Colin bewegen, werden durch den Kontakt mit ihm auf die falsche Seite des Gesetzes gelockt.

Auch Steve muss das im Lauf des Buchs lernen, wie er in seinem aus der Rückschau heraus erzählten Bericht feststellt. Doch trotz aller Klarsicht gelingt es ihm nicht, sich von Caldhithe zu lösen. Für seinen Verbleib vor Ort gibt es aber auch gute Gründe, die Preston in seinem souverän erzählten Roman an späterer Stelle noch nachführt.

Nature Writing trifft auf Cumbria Noir

Über dem Tal kombiniert das Nature Writing eines Robert MacFarlane, Einsichten in die Welt der Schafzucht, wie sie beispielsweise auch der ebenfalls in Großbritannien Herdwick-Schafe züchtende James Rebanks in seinem Sachbuch Mein Leben als Schäfer schildert. Dabei schreckt Preston auch nicht vor Brutalität zurück, beschreibt detailliert die Keulung der Schafe oder die verhängnisvollen Konsequenzen, die ein Umgang mit Menschen wie Colin Tinley hat.

Abgebunden wird all das aber durch die Sprachmacht Scott Prestons, die im Übersetzer Bernhard Robben einen kongenialen Spielpartner gefunden hat. Über dem Tal ist voll mit Neologismen und urwüchsigen Sprachbildern, die der Vielfalt der Natur dort hoch oben im Norden Englands Rechnung tragen, sodass man selbst durch die Hügelketten und Berghänge zu stapfen meint:

Die Sonne schoss über einem Durcheinander weit entfernter Hügel auf, als wäre sie am Grunde eines Tals gefangen gewesen. Ich versuchte nicht zu blinzeln, als ihr Licht die Breitseite der Fells aufleuchten ließ. Der Höchste war Shinmara, dessen Gipfel oft bis weit in den Frühling hinein weiß blieb. Die Ostflanke war von Steinbrüchen durchrecht, mit Schieferminen, längst erschöpft, der Stein verkauft, für Dachpfannen oder Billardtische verbraucht. Nord- und Südhang fielen zu den Rippenbögen von Brimlaw Haws und Niskr Crag ab, bis sie in den Felsgrund der Irischen See übergingen.

Es hatte Augenblicke gegeben, in denen ich wollte, dass sich all das in Luft auflöste – die Berge, die Wanderwege, die Schafe, die Wandervögel, die Eremiten, der Regen, jetzt aber, in diesem Moment, hätte ich hier sitzen bleiben und meine Knochen zu Steinmandeln werden lassen können.

Scott Preston – Über dem Tal, S. 111

Dazu kommt ein Gefühl für Rhythmus, Sprache, Lakonie und stimmige Vergleiche, die sich in die übrige Welt des Romans großartig einbetten. Den Versuch, nachtschlaffe Schafe zu bewegen, vergleicht Preston etwa mit dem Vergleich, der das Verrücken von Nierensteine zu einer leichteren Aufgabe macht, als diese starren Tiere zu bewegen. Hier schreibt ein Autor, dessen souveränen Umgang mit Sprache auch durch seine vormalige Tätigkeit als Werbetexter und Student für Kreatives Schreiben bedingt sein dürfte.

Souveräne Registerwechsel

Auch als der Roman einen leichten Registerwechsel vollzieht und sich zu einem hochtourigen Thriller entwickelt, behält Scott Preston die erzählerischen Fäden souverän der Hand. Wie er die Natur in die Handlung einbettet und umgekehrt, dann auch noch das Tempo anzieht bis, sich das Ganze in einen atemlosen Thriller kehrt, der in Passagen wie der folgenden gipfelt, das ist schriftstellerisches Können:

Ich ließ das Steuer nach links fliegen, um Boden zu gewinnen, kurvte blindlings, schoss durch die spacken Gassen. Malte die Zäune silbrig, flog haarscharf dran vorbei. Sah auf die Uhr – wir hatten eine Stunde gebraucht. Wäre Noah bei uns gewesen, hätte er jedes verdammte Tier der Welt in seine Arche verfrachten können. Sah einen halben Lorbeerstrauch aus den Kotflügeln ragen, aber wir hatten es geschafft, waren wieder auf der richtigen Straße. Bog donnerte direkt hinter uns her.

Scott Preston – Über dem Tal, S. 153

Es ist eine solche Sprachmacht, wie man sie hierzulande vielleicht am ehesten von Andreas Pflüger kennen dürfte. Prestons Talent für Bilder und Stimmungen verbindet sich mit einem Gefühl für stimmige Charaktere und Landschaften, das mich wirklich beeindruckt hat. Dass es sich bei Über dem Tal um ein Debüt handelt, ist umso bemerkenswerter!


  • Scott Preston – Über dem Tal
  • Aus dem Englischen von Bernhard Robben
  • ISBN 978-3-10-397600-7 (S. Fischer)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €
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