Elspeth Barker – O Caledonia

Die Wiederentdeckung eines britischen Klassikers. Dank der Übersetzerin Verena von Koskull und dem herausgebenden Piper-Verlag lässt sich nun auch hierzulande Elspeths Barkers einziger Roman O Caledonia wieder oder ganz neu kennenlernen.
Dieser hat in der vorliegenden Ausgabe sogar ein Vorwort der irisch-britischen Autorin Maggie O’Farrell erhalten, die sich darin zu ihrer Verehrung von Werk und Autorin bekennt und preisgibt, sich mit jemandem alleine aufgrund von der Nennung von O Caledonia als dessen Lieblingsbuch Freundschaft geschlossen zu haben. Das macht neugierig…


O Caledonia ist der seltene Fall eines Werks, das das einzige einer Autorin bleiben sollte. Keine nachgelassenen Frühwerke, Korrespondenzen oder Essays, mit denen Verlage manchmal das Oeuvre von Autor*innen zu strecken versuchen, stattdessen wirklich nur ein Roman und das war es.

So fällt die Werkbilanz der hierzulande völlig unbekannten Schottin Elspeth Barker aus, die eigentlich als Journalistin wirkte und deren Roman O Caledonia im Jahr 1991 erschien und in der Folge vier Literaturpreise gewann. Vor fünf Jahren folgte eine Neuauflage des Buchs passend zum 30. Jahrestag seit Erscheinen dieses „modernen schottischen Klassikers“, wie es die Literaturkritikerin Melanie Reid in ihrem Artikel anlässlich des Jubiläums ausdrückte.

Die Autorin Maggie O’Farrell, die wenige Jahre später mit ihrem Buch Judith und Hamnet die Vorlage für den in diesem Jahr für mehrere Oscars nominierten Film Hamnet von Chloe Zhao liefern sollte, steuerte damals ein Vorwort zur Neuauflage bei, das auch der deutschen Ausgabe vorangesetzt ist.

Wiederauflage eines Klassikers

Darin stellt sie die Autorin und ihre persönliche Bindung zu ihr vor und spart nicht mit Lobesworten für das Werk, für das sie auch die Verlegerin Alexandra Pringle zitiert. Diese kaufte das Buch einst auf der Basis weniger Probeseiten ein und stellte fest, dass sie von Elspeth Barker ein perfektes Werk bekommen hatte, das gar keiner Überarbeitung durch ein Lektorat mehr bedurfte.

O Caledonia ist Barkers einziger je veröffentlichter Roman. „Dieses strahlende Wunder geschrieben zu haben“, sagt Pringle, „ist genug für ein ganzes Leben.“
Zwar haben wir das umfassende Werk ihres jahrelangen journalistischen Schaffens, doch dieses Buch ist ihr einziges gedrucktes Stück Prosaliteratur. Ein literarischer Phönix sozusagen: kostbar, hinreißend, einzigartig. Bitte behalten Sie das im Kopf, wenn Sie es lesen.

Maggie O’Farrell in ihrem Vorwort zu: Elspeth Barker – O Caledonia, S. 10 f.

Tatsächlich schillert Barkers Roman in so vielen dunklen Farben wie das Gefieder einer Dohle, die in O Caledonia eine zentrale Rolle spielen soll.
Alles beginnt dabei mit dem Tod der Heldin Janet, die dahingestreckt in der Eingangshalle des Familienanwesens, eines Schlosses im Nirgendwo namens Auchnasaugh aufgefunden wird.

Wieso das junge Mädchen zu Tode kam und warum sich in der Dorfgemeinschaft die Meinung hält, das Mädchen sei alleine selbst schuld an ihrem Tod, das beleuchtet Elspeth Barker im Folgenden, wobei der Roman alles andere als ein Krimi ist. O Caledonia ist vielmehr ein zeitgenössischer Roman in der Tradition des Gothic Novel, wie ihn zuletzt auch Anjet Daanje mit Das Lied von Storch und Dromedar vorlegte.

Vom Pfarrhaus ins heruntergekommene Schloss

Elspeth Barker - O Caledonia (Cover)

Schauplatz des Ganzen ist zunächst noch klassischerweise ein schottisches Pfarrhaus, in dem Janet zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aufwächst. Auch wenn ihr Vater im Krieg ist, bleibt die Welt dort draußen ausgesperrt. Der Großvater wirkt als Priester, die Mutter zieht Janet und die ihr nachfolgenden Geschwister auf — und wenig später geht es dann nach dem Kriegsende mitsamt dem zurückgekehrten Vater in das heruntergekommene Schloss nach Auchnasaugh.

Dort kündet nicht nur der auf dem Fenster des Treppenhauses abgebildete sterbende Kakadu von Exzentrik, sondern er nimmt bereits das Ende vorweg, das Janet erwarten wird.

Der Wind umheult das Haus, das in seinem bröckelnden Charme an das Hotel Majestic aus James Gordon Farrells Troubles erinnert.
Als eine Variation des für das Genre typische Motiv des mad woman in the attic haust eine nicht minder exzentrische Cousine im Haus, die wiederum für Janet zum Vorbild wird. Denn schnell stellt sich heraus, dass auch Janet eine eigensinnige junge Frau ist, die über eine blühende Fantasie und eine Geschick zur Manipulation ihres Umfelds verfügt. Egal ob Mitschüler oder die Kinder einer anderen Familie, die Janet kurzerhand in den wuchernden, giftigen Bärenklau außerhalb des Hauses stößt – Janet fügt sich ein in die Riege der großen, unangepassten Frauenfiguren, die die Literatur bereichern.

Barker mengt hier klassische Elemente des Gothic Novel, grotesken Humor, einen kindlichen Blick und Elemente des Coming of Age sowie Themen von Familie, patriarchalen Strukturen und gesellschaftlicher Mechanismen, denen sich Janet entgegensetzt, zu einem furiosen und sprachlich höchst eindringlichen Werk.

Eine großartige Übersetzungsleistung Verena von Koskulls

Die Übersetzerin Verena von Koskull hat sich nach der deutschen Erstübersetzung durch Elfie Knoll-Stemeseder aus dem Jahr 1995 das Ganze noch einmal vorgenommen und das Buch in ein ebenso schillerndes wie funkelndes Deutsch übertragen. Es ist ein gewandtes und stimmiges Deutsch, das Barkers Auge fürs Detail und ihre Sprachmacht aufs Schönste für uns erlebbar beziehungsweise erlesbar macht.

Danach sprachen nur doch die Spökenkiekerinnen, die Fischweiber, die Hebammen, die Tratschmäuler über sie und ergingen sich in endlosen Schuldzuweisungen: irgendjemand musste schließlich schuld sein, und dem Mörder konnte gewiss niemand die Schuld geben. Sie knatschten und tuschelten, gehässig wie der grauplige Wind, der ihnen die Kopftücher ins Gesicht peitschte, wenn sie sich an der Bushaltestelle des Dorfes drängten, trist wie der Wind, der Hagel durch den Schornstein spuckte, wenn sie in den kalten Stuben ihrer einsamen Katen zum Sonntagnachmittagstee beisammensaßen, eine aufgeschlagene Bibel neben der tickenden Uhr und süße, vom boshaften Funkeln verkohlter Rosinen gesprenkelte Sodabrötchen auf schneeweißen Zierdeckchen.

Elspeth Barker – O Caledonia, S. 17 f.

So kann man hier ganz tief eintauchen in die schottisch-schaurige Welt, die auch das Großwerden als große Grässlichkeit begreift, gegen die sich Janet mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel wehrt und sich so in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat.

Schön, dass man das nun auch hierzulande nachvollziehen und diesen Genre-Widerborst kennenlernen kann — es lohnt sich, ebenso wie die Kritik Julia Rosches auf dem Übersetzungs-Blog Tralalit.
Darin befasst sie sich eingehender mit den Qualitäten von Verena von Koskulls Übertragung und den Unterschieden zur ersten deutschen Fassung. Ein bereichernder Blick auf die Arbeit von Übersetzer*innen und deren viel zu oft unsichtbare Arbeit, die hier dankenswerterweise in den Fokus gerückt wird.


  • Elspeth Barker – O Caledonia
  • Aus dem Englischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-8270-1511-2
  • 237 Seiten. Preis: 24,00 €

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten

In seinem Buch Die Buchhandlung der Exilanten – Paris 1940: Zuflucht und Widerstand blickt der Autor Uwe Neumahr auf die Zeit der Besatzung in Paris und erzählt von zwei Buchhändlerinnen, die das literarischen Leben dort auch unter widrigsten Umständen entscheidend prägten.


Schlendert man durch das Viertel rund um die Pariser Sorbonne, dürfte man schnell über einen Buchladen stolpern, dessen Name so gar nichts Französisches an sich hat. Shakespeare and Company heißt der Laden, der in der Rue de la Bûcherie beheimatet ist und der mit seinen verwinkelten Gängen, den bis an die Decke reichenden Regalen und seinen antiquarischen Beständen jenes Ideal verkörpert, das viele Menschen in Sachen der Buchhandlung ihrer Träume haben dürften.

Der Name der 1951 gegründete Buchhandlung ist dabei eine Hommage an die originale Buchhandlung Shakespeare and Company, die einst von der aus den USA stammenden Buchhändlerin Sylvia Beach ein paar Straßen weiter in der Rue de l’Odéon gegründet worden war.
Nach deren Tod im Jahr 1962 benannte der Buchhändler George Whitman seine eigene Buchhandlung als Erinnerung und Referenz an das Wirken seiner Landsfrau ebenfalls in Shakespeare and Company um.
Auch der Name seiner eigenen Tochter ist eine Referenz an die legendäre Buchhändlerin. Sie, die heutige Inhaberin des Ladens, hört ebenfalls auf den Namen Sylvia und führt mit ihrem Wirken das fort, was Sylvia Beach im Jahr 1919 in Paris begann, nämlich Menschen für (anglophone) Literatur zu begeistern.

Eine Amerikanerin in Paris

Sylvia Beach - Shakespeare and Company (Cover)

Verfasste Sylvia Beach selbst schon ein Büchlein über ihre Zeit mit Shakespeare and Company, so fasst der Schriftsteller Uwe Neumahr seinen Blick in Die Buchhandlung der Exilanten deutlich weiter. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die in Beachs Memoiren ausgespart werden, sind doch eigentlich die spannendsten, wie der Autor nicht nur im Nachwort schreibt, sondern auch vor allem in seinem Text zeigt.
Nicht nur, dass Beachs Buchhandlung zur Zeit der Besetzung von Paris während des Zweiten Weltkriegs in große Gefahr geriet, auch für ihre Besitzerin galt das, fand aber in ihren schriftlichen Erinnerungen dann kaum Platz.

Und auch wenn Aufmachung und Titel von Neumahrs Buch anderes suggerieren: Shakespeare and Company ist nur die eine Hälfte des Buchs, ebenso wie Sylvia Beach nicht die ist, die im Sachbuch im alleinigen Fokus steht.
Einen ergänzenden, mindestens ebenso wichtigen Teil spielt auch die Buchhändlerin Adrienne Monier, mit der Sylvia Beach nicht nur die Liebe zu den Büchern verband.

Die 1892 geborene Monnier betrieb ihren Buchladen La Maison des amis des livres ebenfalls in der Rue de l’Odeon und leistet Sylvia Beach bei ihrem unternehmerischen Start als Buchhändlerin wichtige Starthilfe. Später wurden die beiden Frauen sogar ein Paar und prägten das literarische Leben der Stadt und weit darüber hinaus, bis zur Zeit des Einmarschs der Nationalsozialisten in Paris.

Die Beziehung zweier Buchhändlerinnen und ihrer Häuser

Uwe Neumahr schreibt im Vorwort zu seinem Buch dazu:

Im Herzen der Stadt befand sich ihre 1915 gegründete Buchhandlung La Maison des Amis des Livres, gegenüber in derselben Straße, in der Rue de l’Odéon 12, Sylvia Beachs wenig später eröffnete amerikanische Buchhandlung Shakespeare and Company. Auf diese Weise konnten die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten. Grenzüberschreitungen waren Programm der beiden Frauen, nicht nur wegen ihrer Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Konventionen und ihrer sexuellen Identität, sondern auch durch die künstlerische Avantgarde, die sie bevorzugten. André Gide, Paul Valéry, Pablo Picasso, Eric Satie, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren ebenso gern gesehene Gäste der beiden Buchhandlungen wie Ernest Hemingway, T. S. Eliot, Gertrude Stein oder James Joyce. Die Rue de l’Odéon wurde zum Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler, denen Paris und die lebendige Atmosphäre um die beiden
Frauen zum Mittelpunkt ihres Schaffens wurden.

Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten, S. 9

So erzählt der Schriftsteller, dem mit seinem Sachbuch Das Schloss der Schriftsteller vor drei Jahren ein großer Bestsellererfolg gelang, von der Entstehung und Wechselwirkung der beiden Buchhandlungen und von ihrer Rolle für das kulturelle Leben, das sich im Spannungsfeld der beiden Häuser entfalten konnte.

Die Szene der Odéonisten

Uwe Neumahr - Die Buchhandlung der Exilanten (Cover)

Nicht nur, dass quasi alles, was im kulturellen Leben der Stadt Rang und Namen hatte, sich bei den beiden Buchhändlerinnen die Klinke in die Hand gab: auch beeinflussten sie mit ihrem eigenen publizistischen Schaffen, der Förderung von Nachwuchs wie auch der Herausgabe von Literaturzeitschriften den literarischen Zeitgeist.
Im Falle von Sylvia Beach reichte das so weit, dass sie für die Erstveröffentlichung von James Joyce‘ epochemachendem Werk Ulysses sorgte, für das sich zunächst kein Verlag hergeben wollte und dessen Autor wie auch sein Werk zu einer Prüfung für Sylvia Beach wurden.

Davon, aber auch den belastenden Jahren während der Okkupation Frankreichs erzählt das Buch, das über Adrienne Monier und Sylvia Beach auch die ganze Szene der sogenannten Odeonisten in den Blick nimmt. Die zunehmenden Schwierigkeiten, unter denen vor allem Sylvia Beach als US-amerikanische Ausländerin litt, der grassierende Antisemitismus, das Spannungsfeld zwischen Widerstand und Kollaboration, die Restriktionen für die Zivilbevölkerung bis hin zur Befreiung Paris‘ nach dem D-Day und die Zäsur, die das Erlebte für die ganze Szene der Odeonisten bedeutete, davon erzählt Uwe Neumahr umfassend und sehr quellenreich.

Der breitbeinige, frauen- und erlebnissüchtige Hemingway, die verzweifelten Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, sie alle haben ihren Auftritt im Buch und lösen den Buchtitel der Exilanten wirklich ein. Darüber hinaus ist das Buch auch so spannend, weil Neumahr von den verschiedenen Überlebensstrategien und Anpassungen erzählt, etwa der ebenfalls in einer lesbischen Beziehung lebenden Getrude Stein, die die Okkupationszeit nicht nur durch einflussreiche Gönner überstand, sondern sich auch durch die Übersetzung der Reden von Marschall Petain ins Englische selbst versichern wollte.

Auch die jüdische Fotografin Gisèle Freund, die mit ihrer Arbeit das Bild der Literaten von Paris mitprägte und nach dem Einmarsch der Nazis gezwungen war, bis nach Argentinien zu fliehen, spielt eine große Rolle in diesem Porträt einer ganzen euorpäisch-amerikanischen Künstlergeneration.

Fazit

Von all diesen Schicksalen, von den unterschiedlichen Lebenswegen durch das dunkle Kapitel der Nazizeit und von der lebhaften Kulturszene erzählt Die Buchhandlung der Exilanten neben seinem hauptsächlichen Fokus auf Sylvia Beachs und Adrienne Monniers Buchhandlungen. Dadurch gelingt Neumahr ein breit angelegtes und informatives Panorama der damaligen intellektuellen Szene.


  • Uwe Neumahr – Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand
  • ISBN 978-3-406-84494-2 (C. H. Beck)
  • 320 Seiten. Preis: 26,00 €

Petra Morsbach – Orion

Zu den lebensprägenden Figuren zählen neben der eigenen Familie sicherlich auch Lehrkräfte, denen man im Laufe seines Lebens begegnet. Sie beeinflussen junge Menschen im Positiven wie auch im Negativen entscheidend — und eine von ihnen steht im Mittelpunkt des neuen Romans Orion der großen Schriftstellerin Petra Morsbach.
Bei ihr ist es eine Deutschlehrerin, deren Leben der Roman beschreibt und dabei auch immer von dem erzählt, was stets in ihrem Leben war und ist: die Literatur.


Welche Rolle spielt Literatur in einem Leben? Kann sie einem zu einem besseren Menschen machen? Diese vieldiskutierte Frage schwingt auch im neuen Roman von Petra Morsbach mit.
Sie, die sich in ihren Büchern schon mit Vertreten der Kirche und Justiz beschäftigte oder aus dem Tempel der Hochkultur berichtete, nimmt mit Orion einen weitere gesellschaftsprägenden Berufsstand in den Blick, nämlich den der Lehrkräfte.

Nora heißt die Ich-Erzählerin, die zunächst in einem Akt der Selbstanalyse auf jene Person zurückblickt, die in ihr die Liebe zum geschriebenen und manchmal auch zum gesungenen Wort geweckt hat. Es handelt sich um ihre Oma Auguste, bei der die Erzählerin in Kindheitstagen kurzzeitig einquartiert wurde.

Dort auf dem Land, wo Auguste in ihrem Zuhause das regelmäßige Singen von heute kaum mehr bekanntem Liedgut wie Abendstille überall, Zogen einst fünf Schwäne oder Flandern in Not praktizierte, wurde in der Erzählerin zum ersten Mal das Gefühl von Halt geweckt, das einem Texte geben können und die damit zu Lebensbegleitern werden können.

Die stete Anwesenheit von Literatur

Petra Morsbach - Orion (Cover)

Auch in Noras Leben wird die Literatur immer präsent sein, wird mal Lebensratgeber, mal Trost oder Vermittlerin von universellen Erkenntnissen sein, wie uns die Lehrerin auf den folgenden knapp 400 Seiten Lebensrückblick zeigt.

Dabei ist das Leben von Morsbachs Heldin eigentlich kein spektakuläres, eher das Gegenteil dessen. Neben ihrem Studium jobbt sie als junge Frau im Münchner Hauptstaatsarchiv, wo sie ihren späteren Mann mit dem schönen Namen Dr. Theseus Dellendrücker kennenlernt. Ein Kind, eine Trennung sowie viele Jahre im Staatsdienst sollen folgen.

Als Deutschlehrerin übt sich Nora in der Heranbildung von kritisch denkenden Jugendlichen, was ihr mal schlechter und mal besser gelingt. Drei Krisen gilt es in ihrer beruflichen Laufbahn zu überwinden, ehe sie sich krankheitsbedingt in den Vorruhestand zurückzieht und sich in einem Leben ohne Leistungsdruck üben kann.

Die Kunst der Charakterisierung

Das klingt auf dem Papier nach einer nicht sonderlich fesselnden Angelegenheit, erweist sich in der Praxis dann aber auch hier als das wirkliche Gegenteil. Petra Morsbach gelingt es nämlich, mit viel psychologischem Feingefühl und einem scharfsinnigen Blick nicht nur Nora, sondern auch die Figuren zu zeichnen, die der Lehrerin begegnen und die sie umgeben.

Egal ob ihr Mann Dr. Theseus Dellendrücker, ihr gemeinsamer Sohn Aeneas, genannt Enni, oder die Kollegen aus dem Lehrerkollegium am Gymnasium: sie alle werden zu komplexen, widersprüchlichen Figuren, deren Lebensbahnen Nora mal enger umkreist oder auch nur kurz passiert, ganz so wie das Sternenbild des Orion, das ihr Enni zwar in seinen Jugendtagen erklärt, das dann aber wieder für lange Zeit aus dem Aufmerksamkeitsbereich der Lehrerin verschwindet, ehe sie ihm in einer späteren Lebenszeit wieder ansichtig wird.

Auch wenn manche Menschen und Ereignisse Nora dabei mal näherkommen oder sich auch rasch wieder aus dem Nahbereich der Lehrerin entfernen, allen Figuren ist gemein ist, dass Morsbachs Heldin sie alle mit präzisem literarischen Strich und viel psychologischem Feingefühl pointiert einfängt.

Als Beleg sei an dieser Stelle nur ein kleiner Auszug zitiert, der das Miteinander oder besser gesagt das Gegeneinander im Kollegium aus Noras Sicht beschreibt. Im vorliegenden Fall blickt sie zurück auf das Verhältnis ihres einstigen Kollegen Lenny und dessen Rivalität zu seinem Vorgesetzten Dr. Kraxenberger, genannt Kraxi.

Lennys einzige Vertraute war Elsie, die Sekretärin. Dabei tyrannisierte er sie: Sie musste zum Beispiel jeden Morgen Schlag neun Uhr fünfzehn eine heiße Tasse Dallmayr-Kaffee auf seinen Tisch stellen, egal, ob er da war oder nicht. Die Bohnen kaufte sie von ihrem eigenen Geld, da er es trotz Hinweis meist vergaß. Einen Kaffeestreik wollte sie aus Furcht vor Lennys Rache nicht riskieren. Irgendwie kam sie mit ihm zurecht. Lenny rief sie ab und zu in sein Büro, um ihr sein Herz auszuschütten. Wenn Kraxi sie dort antraf, befahl er sie zum Diktat. Dann war Lenny eifersüchtig. „Hat das Arschloch Sie wieder vollgelabert?“

Es ist erstaunlich, wie viel Schieflage ein Kollektiv verträgt. Alle taten so, als sei es normal. Vielleicht ist die Schieflage der Normalzustand? Wir lehrten die Kinder eine Moral, die wir selbst nicht aufbrachten, und doch war Schule, und sie lernten etwas. Ich selbst hatte Schieflage in meiner Ehe praktiziert, und doch war es eine Ehe (was sonst?) gewesen und sogar eine Familie. Die Kluft zwischen Modell und Wirklichkeit füllten wir mit Worten, und obwohl diese Worte vor allem die Abweichungen behandelten, hielten sie das Modell zusammen. „Lenny hat sich verbarrikadiert.“ „Uli hat wieder zu tief in die Flasche gekuckt.“ Jeder gab das, was er zu geben hatte, bis er zu einem bestimmten Stichtag in den Ruhestand geschickt wurde und verschwand.

Petra Morsbach – Orion, S. 164 f.

Eine Frau mit hellsichtigem Blick

Auch Orion zeigt wieder Morsbachs hellsichtigen Blick auf Menschen und die Fähigkeit zur Analyse, die Nora sich und ihrem Umfeld zukommen lässt. Die Widersprüche und menschlichen Makel, Nora betrachtet sie abgeklärt und lebenserfahren.

Das Wichtigstes Mittel dieses Erkenntnisgewinns, der Schärfung des Blicks und dem Abgleich mit der eigenen Erfahrung ist für Nora stets die Literatur, in die sich die Deutschlehrerin versenkt und die auch der Text immer wieder zitiert.

Gibt ihr Gottfried von Straßburgs Tristan Halt während ihrer Affäre, spendet ihr der antike Philosoph Sextus Empiricus mit seinen Weisheiten Trost und Inspiration nicht nur für ihre Ethik-Unterricht, liefert Anna Achmatovas Lyrik Zuversicht oder stiftet die Lektüre eines antiken Mythos wie dem des Gilgamesch-Epos ob seiner Gewalt und der scheinbaren Unentrinnbarkeit derselbigen auch Irritation, so ist Nora immer im Gespräch mit der Literatur und findet vor allem in der Antike viel Allgemeingültiges für ihr Denken und Wahrnehmen.

Alles andere als Buchkitsch

Orion vermeidet dankenswerterweise jegliche Art von gefühligem Buchkitsch, sondern lässt die simple Feier von Wohlfühl-Literatur weit hinter sich. Vielmehr begreift die Schilderung des Lebens der Leserin Nora Literatur als essenziellen Lebensbegleiter, der auch Gewissheiten infrage stellen kann. Und auch wenn sie nach ihrem Abschied von der Schule das analytische Lesen sein lassen kann und tief eintaucht in die Welt der Literatur, so ist das Lesen für sie immer mehr Erkenntnisinstrument denn Weltflucht.

Zudem ist ein weiteres Thema in Noras Leben wie auch in Petra Morsbachs Schreiben erneut präsent. Es ist das Thema von Macht und Machtmissbrauch, das Nora im Lehrerkollegium erfährt und das ihr später wieder in der Beschreibungen anderer begegnen wird.

Wie schon in ihrer letzten Veröffentlichung, drei Essays, die unter dem Titel Der Elefant im Zimmer – Über Macht und Machtmissbrauch im Jahr 2020 erschienen, umkreist auch dieses Buch immer wieder die Frage, wie man sich Unrecht widersetzen kann und welche Erfahrungen man damit macht.
Morsbach, die auch in realiter nicht nur als Mitglied der Akademie der Schönen Künste in München immer wieder vernehmbar Kritik nicht scheut, zeigt hier anschaulich, wie auch im Kleinen große Fragen verhandelt und entschieden werden.

Fazit

Das Buch bindet diese Themen organisch in das Leben Noras ein und weist damit über eine reine Lebensbeschreibung oder Feier von Lesen hinaus.
Morsbach hat ein genaues Auge für die privaten wie beruflichen Herausforderungen im Leben ihrer Lehrerin, grundiert mit ihrem psychologischen Scharfblick und dem Talent zu präzisen Charakterentwürfen.

Orion ist ein Roman, der danach fragt, was uns Menschen prägt und wie wir unsere Mitmenschen prägen — und findet vor allem in der Literatur Antworten.
Mit diesem Buch pflanzt die so kluge und diagnostisch treffsichere Petra Morsbach neun Jahre nach Justizpalast einen weiteren hell strahlenden Stern auf ihre literarischen Himmelskarte und schreibt ihren Kosmos komplexer Charakterstudien lesenswert fort.


  • Petra Morsbach – Orion
  • ISBN 978-3-328-60073-2 (Penguin)
  • 410 Seiten. Preis: 26,00 €

Titelbild: „München, Ludwigstrasse – Bayerisches Hauptstaatsarchiv (1)“ by Pixelteufel is licensed under CC BY 2.0.

Karine Tuil – Die Liebeshungrigen

Kulminationspunkt Cannes. In ihrem neuen Roman Die Liebeshungrigen blickt Karine Tuil auf einen abgewählten französischen Präsidenten und sein Umfeld und schildert einen möglichen #metoo-Skandal, der spät, dafür aber umso spektakulärer an der Croisette in Cannes einschlägt..


Liest man den neuesten Roman der Französin Karine Tuil, so wird man unweigerlich an das politische Personal der Grande Nation unserer Tage erinnert. Sie besetzt ihr Buch mit einem ehemaligen Präsidenten namens Dan Lehmann, der als Linker mit großen Erwartungen in sein Amt an der Sputze der Republik gestartet war . Ein großes politisches Werk glückte ihm allerdings nicht und so wurde er nach nur einer Amtszeit abgewählt und hadert bis heute mit dem damit einhergehenden Machtverlust.

Nicht einmal seine Frau, eine glamouröse Schauspielerin mit deutschen Wurzeln, kann ihn über den Machtverlust hinwegtrösten. Zuflucht hat dieser Dan Lehmann im Alkohol gefunden, der zunehmend seinen Alltag dominiert. Sein Versuch einer zweiten Karriere als Schriftsteller, die er mit einer Romanbiografie über Karl Marx wagte, hat nicht nur einer platten erotischen Szene wegen wenig Gnade bei Publikum und Kritik gefunden.

Ein Ex-Präsident im freien Fall

Nicht besser wird das Ganze, da ihm auch noch eine Aussage in einem Prozess über Wahlkampfspenden ins Haus steht. Bei solchen markanten biografischen Strichen kann man sich schon einmal an Nicolas Sarkozy und seine Ehefrau Carla Bruni erinnert fühlen, der jüngst mit der Nachricht der Anfertigung eines Buchs über jene zwanzig Tage im Gefängnis auffiel, die er infolge des Prozesses um die illegale Finanzierung seines Wahlkampfs durch Muammar Al-Gaddafi verbüßte.

Dieser Dan Lehmann ist eine wehleidige Figur, der seine Tage mit Trinken und einem Diktiergerät verbringt, in das er seine Weisheiten und Erkenntnisse spricht, wie Karine Tuil ausführlich zeigt.

Sicher, einige Vergünstigungen waren ihm geblieben: eine jährliche Pension in Höhe von 75.000 Euro, zu der sich ein Monatsgehalt von 13.500 Euro gesellte, das er als Mitglied des Verfassungsrats erhielt; zwei Polizeibeamte, die rund um die Uhr für seine persönliche Sicherheit sorgten; ein Dienstwagen mit zwei Fahrern: ein dreihundert Quadratmeter großes Büro in der Rue de Ponthieu, inklusive mehrerer Mitarbeiter. Doch das alles wog nicht die brennende Enttäuschung darüber auf, dass er keine wichtigen, das Schicksal der Nation betreffenden Entscheidungen mehr fällen durfte, dass er nicht für eine zweite Amtszeit gewählt worden war, dass er nicht hatte überzeugen können.

Karine Tuil – Die Liebesbedürftigen, S. 37

Um ihn herum gesellen sich langsam weitere Figuren aus seinem unmittelbaren Umfeld hinzu.
Da ist Hilda Müller, die Schauspielerin, mit der Lehman eine gemeinsame Tochter hat. Wo Lehman unter dem Machtverlust leidet, ist es bei ihr der Verlust ihrer bisherigen Arbeit als vielbeachtete Aktrice. Kein Regisseur will sie als Frau an der Seite eines gescheiterten Präsidenten mehr besetzen.

Ein komplexes Personengefüge

Karine Tuil - Die Liebeshungrigen (Cover)

Den Ausweg aus der Krise verheißt ihr der anstehende Film eines gefeierten Regisseurs, der Hilda als Arbeiterin besetzen will. Geschrieben hat die Buchvorlage ausgerechnet Marianne, die Ex-Frau von Dan, mit der er zusammen drei Kinder hat. Diese beiden führt Karine Tuil ebenso als Erzählfiguren ein, wobei das Ganze zusätzlich verkompliziert wird, da nicht nur Hilda eine Affäre mit dem Regisseur beginnt, sondern auch Mariannes Tochter Leo für den Regisseur schwärmt.

Angesichts der komplexen Ausgangslage überrascht es nicht, dass Karine Tuil einige Zeit braucht, um die Figuren mitsamt ihrer Abhängigkeiten auf dem Spielfeld zu platzieren und diese aufeinander auszurichten.

Was dann folgt, ist ein Roman, der unbarmherzig auf den Kulminationspunkt Cannes zuläuft. Mitleidenschaft, so der Titel der Buchverfilmung, kennt hier nämlich jeder und keiner. Während die Figuren alle voreinander Dinge verheimlichen, mal näher aufeinander zutreiben und sich wieder entfremden, hat es der Film derweil in die Auswahl zu den Filmfestspielen an der Croisette geschafft.

Kulminationspunkt Cannes

Dort innerhalb und außerhalb des Kinosaals treffen alle Figuren aufeinander und es entwickelt sich ein verhängnisvolle Dynamik. Denn obwohl er sich filmisch mit der Frage von #metoo auseinandersetzen wollte, umfloren den Film und vor allem seinen Regisseur nun in realiter plötzlich Vorwürfe von überzogener Gewalt und Machtmissbrauch, die sich im Rahmen der Vorführung der Films dort in Cannes nun Bahn brechen.

Wie schon ihr vorletzter Roman Menschliche Dinge verhandelt auch Die Liebeshungrigen wieder die Fragen von Macht und Einfluss, deren Aushandlungsmittel hier fast ausschließlich Sex und Affären sind. Während auf der Leinwand und unter der Sonne Cannes die größten Illusionen gepflegt werden, sieht die Realität deutlich ernüchternder aus.

Nach außen wahrt man die Fassade, postet seinen vermeintlich glamourösen Alltag, während Lehman, der von seiner Frau ein Auftrittsverbot für den Roten Teppich erhalten hat, in der Villa eines befreundeten Unternehmers am Pool säuft oder eine Schauspielerin, die in Mitleidenschaft lediglich die Rolle des Körperdoubles spielt, verzweifelt Zutritt zu den wichtigen Veranstaltungen und Netzwerktreffen zu erhalten versucht, während sie in der günstigsten Absteige nächtigen muss.

Alle Figuren taumeln hier auf eigene Weise durch die Handlung, was einen Gesellschaftsroman im besten Sinne ergibt.
Denn nicht nur, dass Karine Tuil in die Sphären der großen Politik und der Filmwelt vorstößt (besonders schön hier die kleine Referenz an die Übersetzerin und Buchpreis-Gewinnerin Anne Weber, die einer Filmproduzentin ihren Namen leihen darf), besonders interessant wird der Roman neben seiner Figurenkonstellation voller Abhängigkeiten und gesellschaftlichen Schichten besonders durch die mannigfaltige Brechung der Frage von Macht, Machtausübung und Machtverlust.

Machtverlust und Machterhalt

Begehren und Sex sind bei ihr eigentlich nie reiner Selbstzweck, immer wieder wird darüber die Frage von Macht verhandelt. Anders als im schon erwähnten Roman Menschliche Dinge kommt Tuil hier zu überzeugenderen Schlüssen und schont ihre Figuren nicht. Konsequent blickt sie auf das Miteinander ihrer Personen, das viel zu oft ein Gegeneinander ist und bei dem die Autorin an Dramatik nicht spart (vielleicht sogar den ein oder anderen Strich zu dick aufträgt, insbesondere im Finale).

Im Falle von Die Liebeshungrigen tritt auch der seltene Fall auf, dass der deutsche Titel dem französischen Original fast überlegen ist (Übersetzung des Textes aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch).

Großartig mehrdeutig zu lesen ist dieser Titel, den die deutsche Übertragung für den sperrigeren französischen Originaltitel La guerre par d’autres moyens gefunden hat, schließlich klingen in ihm schon die Sehnsucht nach Liebe und der Hunger nach ihr an, die in Tuils Buch dann auch schlüssig ausgedeutet werden.

Fazit

Die Liebe und das Geliebtwerden, es wollen hier fast alle Figuren. Vor allem aber wollen sie Macht — und das ergibt einen hochaktuellen, gesellschaftlich relevanten Roman, wie ihn in dieser Form wohl nur französische Autor*innen hinbekommen.

Die Liebeshungrigen erzählt unterhaltsam von Süchten und Verlangen und blickt von ganz oben nach ganz unten. Süchte und Verlangen fängt Tuils Buch erfreulich facettenreich ein und verstrickt ihre Figuren mit viel erfreulich viel erzählerischer Lust in einem Gespinst der Abhängigkeiten und Konflikte.


  • Karine Tuil – Die Liebeshungrigen
  • Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch
  • ISBN 978-3-423-28522-3 (dtv)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €

Percival Everett – Ausradiert

Ist das ne schwarzes Ding? Percival Everett schreibt mit Ausradiert eine Satire auf den Literaturbetrieb und unsere Voreingenommenheiten – und stellt dabei eine für ihn ganz typische Figur in den Mittelpunkt dieses schon fast hyperaktiven Romans.


Es gibt wahrscheinlichere Orte, um literarische Entdeckungen zu machen, als die Literaturabteilung der amerikanischen Supermarktkette Walmart. Aber ebendort erblickt Percivals Held, der hochgebildete Literaturprofessor und Schriftsteller Thelonious „Monk“ Edison einen Roman, der sein bisherig recht erfolgloses Dasein als Schriftsteller auf den Kopf stellen soll.

In der eigenwilligen Abteilung „Afroamerikanische Literatur“ entdeckt er den Roman Ghettoleben der Autorin Juanita Mae Jenkins, der zum absoluten Bestseller geworden ist. Allein die Taschenbuchrechte des Buchs haben sich für eine halbe Million verkauft und die Kritik überschlägt sich, wie Percival Everett mit viel Wonne beschreibt. So stößt Monk in Atlantic Monthly auf folgende „Rezension“:

Juanita Mae Jenkins hat ein Meisterwerk afroamerikanischer Literatur geschrieben. Man kann tatsächlich die Stimmen der Menschen hören, die ihren Weg durch die Erfahrung gehen, die man Schwarzes Amerika nennt.
Die Geschichte beginnt mit Sharonda F’rinda Johnson, die ein typisches schwarzes Leben in einem namenlosen Ghetto lebt. Sharonda ist fünfzehn und mit ihrem dritten Kind schwanger, vom dritten Vater. Sie lebt mit ihrer drogensüchtigen Mutter und ihrem geistig zurückgebliebenen, Basketball spielenden Bruder Juneboy. Als Juneboy aus einem fahrenden Auto von einer rivalisierenden Gang getötet wird, die Kugel durchschlägt außerdem seinen angebeteten, von Michael Jordan signierten Basketball, sieht Sharonda den Kummer ihrer Mutter und beschließt, die Dinge zu ändern.
Sie prostituiert sich, um genug Geld für Tanzstunden im Gemeindezentrum zu verdienen. Im Stepptanzkurs bemerkt der Produzent einer Broadway-Show ihr Talent und entdeckt sie. Sie steigt an die Spitze auf, kauft ihrer Mutter ein Haus, doch ihre Herkunft holt sie ein und sie fällt zurück auf den Boden der Tatsachen.

Percival Everett – Ausradiert, S. 61 f.

Ein Englischprofessor liefert ab

Perical Everett - Ausradiert (Cover)

Thelonious Edison hat zwar auch schon mehrere Bücher geschrieben, diese von griechischer Geschichte und Philosophie durchsättigten Romane sind aber wahres Kassengift und haben sich weder dem Publikum noch der Kritik erschlossen. So schlägt sich der hochgebildete Mann, der einst immerhin an der Harvard-Uni studierte, nun als Professor mit befristeten Seminaren an Unis in Kalifornien und Minnesota durch.

Eine besondere Rolle spielt dabei auch seine Hautfarbe. Denn Thelonious ist Schwarz und fügt sich damit in eine ganze Riege von Schwarzen Professoren und nerdigen Figuren ein, mit denen Percival Everett seine Romane bevorzugt besetzt.
Das reicht vom Geologieprofessor Zach Wells in Erschütterung, bis hin zu Wala Kitu, dem Experten für Nichts, der in seinem zuletzt auf Deutsch veröffentlichten Roman Dr. No auf den Spuren von Ian Flemings James Bond wandeln durfte.

Mit dem prekären Dasein als Geisteswissenschaftler und verkannter Dichter ist aber schon bald Schluss in Ausradiert. Denn, inspiriert von Jenkins‘ Ghettoleben, haut nun auch der Englischprofessor unter Pseudonym in die Tasten und gibt dem Affen ordentlich Zucker. Er setzt nicht nur eins, sondern mindestens gleich zehn auf den klischeestrotzenden Roman von Juanita Mae Jenkins drauf. Bei Monk gibt es einen Auftritt im Unterschichten-TV, eine Autoverfolgungsjagd, Misogynie und derbste Sprache, wie Everett recht deutlich zeigt, indem er einen langen Teil aus Monks‘ Werk mit dem sprechenden Titel Fuck zitiert.

Ein literarischer Witz wird ernst

Sein Agent ist erschüttert ob dieses literarischen Ausfalls, den ihm sein sonst so feinsinniger und vergeistigter Autor präsentiert. Dabei bleibt es aber nicht lange.

Es war Mitte Juli und Washington eine große, dampfende Suppenschüssel. Ich saß im Arbeitszimmer und hantierte mit der Klimaanlage. Dann nahm ich das schwere schwarze Telefon und rief meinen Agenten an. Er erkannte sofort meine Stimme und sage ohne große Umschweife: „Bist du wahnsinnig geworden?“

Percival Everett – Ausradiert, S. 170

Denn das Entsetzen über die Qualität des vorgesetzten Schunds weicht bald ungläubigem Staunen über die Reaktion der Buchbranche auf dieses Machwerk. Aus dem Witz wird ernst, als es erst einen hochdotierten Vertrag über dreihunderttausend Dollar für den „Roman“ und eine Positionierung als Spitzentitel hagelt, dem die millionenschwere Recht an der Verfilmung folgen, plus ein Talkshowauftritt und eine begeisterte Öffentlichkeit für dieses „echte“ Buch Schwarzer Lebenswelt.

Eine Satire auf den Literaturbetrieb und seine Mechanismen

Mit viel Spielfreude und Lust an der Satire nimmt Percival Everett hier den Literaturbetrieb, seine Mechanismen und prägenden Figuren aufs Korn. So begnügt er sich nicht nur mit dem Aberwitz von Monks literarischem Harakiri, er lässt den Schriftsteller dann sogar noch zum Jurymitglied eines Literaturpreises werden, dessen Juroren sich ebenfalls der Faszination von Fuck entziehen erliegen.
Dazu gesellen sich schräge Aphorismen, immer wieder eingestreute Dialoge mit Figuren wie Paul Klee, Alain Resnais und Mark Rothko, Briefe, wild fabulierte Romanauszüge, Vorträge und mehr, die das wilde Durcheinander bilden, das Ausradiert ausmacht.

Zudem verhandelt auch dieses, eigentlich aus dem Jahr 2001 stammende Buch, wie auch die späteren Titel immer wieder die Frage Schwarzer Identität. Die Faszination für die billigsten Abziehbilder und Klischees über Schwarzen Leben, die offenkundigen und subtilen Mechanismen des Rassismus, Ausradiert erzählt auch alles das temporeich mit.

Im Gegensatz zu den bisher im Hanser-Verlag erschienenen, stets von Nikolaus Stingl übersetzten Bücher leistete hier Jens Seeling die Übersetzungsarbeit, in dessen eigenem Verlag das Buch ursprünglich 2008 erschien und nun vom Hanser-Verlag zum Start des ersten eigenen Taschenbuchprogramms noch einmal neu aufgelegt wird. Ihm gelingt ein guter Job, die zwischen Ghetto- und akademischer Hochsprache changierenden Duktus ins Deutsche zu übertragen.

Nicht zuletzt die Ocar-Preisverleihung vor zwei Jahren dürfte für die Wiederveröffentlichung auch eine Rolle gespielt haben. Denn damals erhielt der Film American Fiction einen Preis für das beste adaptierte Drehbuch. Der Film basiert auf dem vorliegenden Roman Erasure bzw. American Fiction.

So können jetzt Filmfans ebenso wie die wachsende Fangemeinde von Percival Everett preisgünstig ein Frühwerk entdecken, in dem schon alles angelegt ist, was seine späteren Werke immer wieder verhandeln werden.


  • Percival Everett – Ausradiert
  • Aus dem Englischen von Jens Seeling
  • ISBN 978-3-446-28622-1
  • 346 Seiten. Preis: 14,00 €