Vorschaufieber Frühjahr 2026

Das Jahr geht den Tagen mit den längsten Nächten entgegen, die Temperaturen fallen unter die Null-Grad-Marke, das Ende des Jahres rückt näher. Grund genug, sich mit verheißungsvollen Büchern zu beschäftigen, die im Fühling des kommenden Jahes erscheinen, wenn die Tage wieder länger werden und die Temperaturen in angenehmere Höhen klettern.

Wieder einmal ist es eine bunte Mischung geworden, die Titel vorstellt, die die großen Themen des Lebens ebenso wie die kleinen bearbeiten. Es finden sich lange Erzählungen neben der kurzen Form, neue Stimmen stehen neben eingeführten Namen, dazu reicht der Bogen von kleine Independent-Verlagen hin zu den großen Verlagshäusern.

Eingeteilt ist das Ganze wieder einmal in die Kategorien National, International und Krimis. Die Links hinter den Covern und Titeln führen zu den Verlagsseiten, die weiterführende Informationen über die Bücher bereitstellen – verbunden mit der Bitte, im Fall eines käuflichen Erwerbs der Titel den lokalen, unabhängigen Buchhandel anstelle von digitalen Monopolisten zu bedenken.

National

Petra MorsbachOrion (Penguin). Ulrich WoelkHellere Tage (C. H. Beck). Johann Reißer – Pulver (Frankfurter Verlagsanstalt). Nadine Schneider – Das gute Leben (S. Fischer). Cihan AcarCasino (Hanser Berlin).

Lukas RietzschelSanditz (dtv). Thomas Hettche Liebe (Kiepenheuer & Witsch). Hannah Häffner – Die Riesinnen (Penguin). Robert SeethalerDie Straße (Claassen). Walter Fabian Schmid – Schattenwurf (Nagel & Kimche).

Wilhelm Bartsch – Meckels Messerzüge (Wallstein). Gabriele Reuter – Das Tränenhaus (Reclam). Iwan Heilbut – Zugvögel (Claassen). Regina Denk – Der Fährmann (Droemer). Nicola Denis – Wo die Kaffeekirschen leuchten (Friedenauer Presse).

International

Liz MooreDer andere Arthur (aus dem Englischen von Cornelius Hartz, C. H. Beck). Andrew O’HaganMaifliegen (aus dem Englischen von Manfred Kempf und Gabriele Kempf-Allié, Claassen). Karine TuilDie Liebeshungrigen (aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch, dtv). Safae el Khannoussi – Oroppa (aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel, Hanser). Pilar Adón – Von Vieh und Vögeln (aus dem Spanischen von Susanne Lange, Wallstein).

R. C. SherriffVor uns die Zeit (aus dem Englischen von Rainer Moritz, Unionsverlag). Radka Denemarková – Schokoladenblut (aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann & Campe). Megan Hunter – Tage des Lichts (aus dem Englischen von Judith Schwaab, C. H. Beck). Robbie ArnottDusk (aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Piper). Lucie Rico – GPS (aus dem Französischen von Milen Adam, Matthes & Seitz Berlin).

Hal Ebbott – Unter Freunden (aus dem Englischen von Jan Schönherr, Claassen). Carys DaviesDas Pfarrhaus (aus dem Englischen von Eva Bonné, Luchterhand). Elspeth Barker – O Caledonia (aus dem Englischen von Verena von Koskull, Piper). John Horne Burns – Galleria Umberto (aus dem Englischen von Gregor Hens, Die Andere Bibliothek). Xu Zechen – Der große Kanal (aus dem Chinesischen von Daniel Fastner, Matthes & Seitz Berlin)

Rachel Khong – Real Americans (aus dem Englischen von Tobias Schnettler, Kiepenheuer & Witsch). Colin Walsh – Kala (aus dem Englischen von Andrea O’Brien, Gutkind). Alice Brito – Die Frauen der Fonte Nova (aus dem Portugiesischen von Markus Sahr, Weidle). Dario Ferrari – Die Pause ist vorbei (aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann, Wagenbach). Rabih Alameddine – Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter) (aus dem Englischen von Werner Löcher-Larence, C. H. Beck).

Krimis

Garry Disher – Zuflucht (aus dem Englischen von Peter Torberg, Unionsverlag). Daniel Faßbender – Heaven’s Gate (Diogenes). Mary Roberts Rinehart – Die Villa am Meer (aus dem Englischen von Eva Sobottka, Oktopus). Henry Wise – Holy City (aus dem Englischen von Karen Witthuhn, Polar Verlag). Ken Jaworowski – What about the bodies (aus dem Englischen von Lea Dunkel, Pendragon).

Gaspard Koenig – Humus

Gaspard Koenig hat ihn geschrieben, den Roman, der einem unterschätzten Tier endlich den Platz in der Literatur zuerkennt, den es verdient. Die Rede ist vom Regenwurm. Zwei unterschiedliche Freunde haben in ihm den Sinn ihres Lebens ausgemacht. Für die Verwirklichung dieses Lebenssinns zahlen sie allerdings einen hohen Preis, zur Freude der Leser*innen von Humus.


Die Debatten über die agrikulturelle Ausrichtung des Landes und den Konflikt zwischen der Landbevölkerung und den Stadtbewohnern, sie flammten bei uns zuletzt im vergangenen Jahr auf, als die Bauernproteste für Aufsehen sorgten und nicht nur hierzulande Straßen blockierten und erhitzte Debatten auslösten. Bis nach Brüssel führte die Bauernschar der Weg, die dort im Europaviertel (mist)haufenweise Dünger und Gülle verspritzten und so ihrem Unmut auch olfaktorisch Luft machten.

Auch in Frankreich kennt man diese Debatten, die der Philosoph Gaspard Koenig in einen ebenso leichtfüßigen wie gegenwartsschweren Roman verwandelt hat, der auf den Titel Humus hört.

Der Regenwurm als Retter

Von jenem Humus ist allerdings anfänglich noch nichts zu spüren, als die gegensätzlichen Arthur und Kevin sich zu spüren – im Gegenteil. Statt Erde und Äcker bietet sich die nahe Paris gelegene AgroParisTech als großes Stahl- und Betonskelett dar, in der die Natur nur in Vorlesungen Thema ist. So ist es auch in den Vorlesungen des Regenwurmexperten Marcel Combe, der in seinen Vorträgen den Studierenden die Welt unter ihren Füßen aufschließt, die durch Betonversiegelung und kalte Architektur zumindest am Campus kaum mehr erlebbar ist.

Wie Sie wissen, sind es die Regenwürmer, die die Grundlage des Bodenlebens schaffen. Durch ihre ununterbrochene Verdauung, die sie jeden Tag das Äquivalent ihres eigenen Körpergewichts verzehren lässt, zersetzen sie organische Materie in biogene Stoffe, von denen sich wiederum die Pflanzen ernähren. Man schätzt, dass Regenwürmer pro Jahr und pro Hektar dreihundert Tonnen Material verschlingen und wieder ausscheiden. Ja, recht gehört, dreihundert Tonnen! Die Erde, über die Sie laufen, die Erde, die uns mit Nahrung versorgt, besteht in der Tat zu einem Großteil aus so entstanden organisch-anorganischen Verbindungen, mit anderen Worten aus Regenwurmscheiße. Genau deshalb vermutete der große Charles Darwin, dass uns Regenwurm das wichtigste Tier der Evolution ist. Ohne ihn bricht alles zusammen.

Gaspard Koenig – Humus, S. 10

Zwischen bäuerlicher Scholle und Startups

Gaspard Koenig - Humus (Cover)

Bewegt von den Erkenntnissen über die Wichtigkeit des Regenwurms und der von ihm geleisteten Arbeit, beschließen die beiden Freunde, die Kraft des Wurms zu nutzen und ihn zu fördern. Die Wege, auf die sie dieser Gedanke bringt, führt Arthur und Kevin allerdings maximal weit auseinander.

Während Arthur zusammen mit seiner Partnerin Anne den heruntergekommenen Hof seiner Familie naturnah umbauen will und so ein Gegengewicht zu den pestizidgedüngten umliegenden Äckern schaffen will, stolpert Kevin mitten hinein in die Welt der Startups, in die ihn seine Idee eines Wurmkomposters befördert.

Als seine findige Geschäftspartnerin Philippine das Geschäft mit dem von Würmern kompostierten Bioabfalls immer größer aufzieht, kommt Kevin in den Kontakt mit Start Ups und Risikokapitelgebern, wird mitten hineingesogen in sein Projekt namens Veritas, das sich immer größer ausnimmt, Philippine und Kevin bis ins Silicon Valley führt und dem Wurmfreund schon bald über den Kopf zu wachsen droht.

Greenwashing und Vorschriftendschungel

Gaspard Koenig hat einen Roman geschrieben, der die so unterschiedlichen Lebens- und Karrierewege von Arthur und Kevin als Ausgang nimmt, um über unser Verhältnis der Natur, das Greenwashing und unseren Ressourcenverbrauch nachzudenken. Gelungen skizziert und karikiert er die Welt der Hochfinanz und der sinnentleerten Kapitalgeber auf der einen Seite, die bäuerliche Gängelung durch Bürokratie und Vorschriften auf der anderen Seite.

Souverän übersetzt durch Koenigs Stammübersetzer Tobias Roth ist Humus ein Roman, der die ländliche Renitenz feiert und die verfahrene Situation zeigt, in der es weder Arthur im Kleinen auf seiner heimischen Scholle noch Kevin in der Hochglanzwelt der Startups vermögen, ihren eigentlichen Zielen der Förderung des Regenwurms nahezukommen. Im Gegenteil, lustvoll beobachtet Koenig, wie sich seine Figuren immer mehr im undurchdringlichen Dickicht von Vorschriften oder im Spiegelkabinett der hippen Techunternehmer verrennen und aus dem Ganzen einen Ausweg nehmen, der sie mitten hinein in eine Welt führt, gegen die sich die Bauernproteste in Brüssel oder Paris noch sehr harmlos ausnehmen.

Fazit

So ist Gaspard Koenigs Roman ein hochaktuelles Buch, das durch die vordergründige Distanzierung der beiden Freund und die dahinterliegenden Ähnlichkeiten in ihren Lebenswegen viel erzählt über unser Verhältnis zur Natur und die zunehmende agrikulturelle Entgrenzung, der wir kaum wieder Herr werden können. Und auch wenn man Koenigs Hintergrund als Philosoph dem Buch durchaus anmerkt, ist Humus das Gegenteil eines theorieschweren Romans, sondern treibt mit Tempo und flotten Fußes seinem Höhepunkt entgegen, der das Buch nachdrücklich in Erinnerung bleiben lässt.

Sachkundig versteht es Koenig, von der Welt der Kleinbauern wie auch den obersten Ministerkreisen und der Hochfinanz zu erzählen. Nur ob es mit den Regenwürmer gut ausgeht, das darf an dieser Stelle nicht verraten werden…


  • Gaspard Koenig – Humus
  • Aus dem Französischen von Tobias Roth
  • ISBN 978-3-7518-1036-4 (Matthes & Seitz Berlin)
  • 378 Seiten. Preis: 26,00 €

Julia R. Kelly – Das Geschenk des Meers

Wieder einmal zeigt sich die unverbrüchliche Wahrheit der Sentenz Don’t judge a book by it’s cover. Denn was dem Titel und der Aufmachung nach den Anschein einer leicht kitschigen Erzählung erweckt, erweist sich im Inneren als deutlich interessanter, als es von außen wirkt. Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly bietet im Inneren ein gut komponierter Geschichte, die sich als raue Erzählung von Trauer, Mutterschaft und Schmerz erweist.


Skerry ist ein kleines Fischerdörfchen an der Küste Schottlands. Hier setzt Julia R. Kellys Erzählung im Winter des Jahres 1900 an, als der Fischer Joseph einen Fund macht, der ihn aus der Bahn wirft. Dem Tode nahe findet er einen Jungen, der am Fuße der Klippen angespült wurde. Als er ihn ins Dorf bringt, sorgt das für viel Aufsehen und löst besonders bei der Dorflehrerin Dorothy Erschütterung aus.

Er geht mitten auf der Straße. Als sie erkennt, was er trägt, entfährt ihr ein Schrei, wie von einem verletzten Tier. Josephs Gesicht ist bleich, vom Schock gezeichnet, wie ihres jetzt wohl auch. Das Haar des Jungen auf seinen Armen ist dunkelsilbern, der Körper schlaff, die Haut grau. Er ist tropfnass, die Kleider kleben ihm am Körper. Und dann hört sie, wie die anderen Frauen nach Luft schnappen, spürt, wie sie sich zu ihr wenden. Mrs Brown fasst sie mit ihrer rauen roten Hand am Arm, und Dorothy dreht sich um. Sie begreift, dass die Ladenbesitzerin ihren Namen sagt, aber in ihren Ohren ist ein Rauschen, denn sie hat es schon gesehen –

Der eine kleine Fuß, noch in seinem braunen Stiefel, und der andere, der blau und kalt und nackt herabhängt.

Julia R. Kelly – Das Geschenk des Meeres, S. 9 f.

Kinder im Meer, Kinder aus dem Meer

Julia R. Kelly - Das Geschenk des Meeres (Cover)

Die Erschütterung von Dorothy und Joseph Mannes wird durch die Vorgeschichte plausibel, die die zweite erzählerische Ebene des Romans bildet. Denn einst war Dorothy auch selbst Mutter eines Kindes, das auf den Namen Moses hörte, das aber nicht vom Wasser gegeben, sondern vom Meer genommen wurde. Bis heute beschäftigt Dorothy dieser Verlust, ehe nun Joseph mit jenem Kind in den Armen auftaucht, das auf so fatale Weise ihrem damals verschwundenen Jungen gleicht.

Auf Bitten des Pfarrer übernimmt Dorothy die Pflege des Kindes, das dem Tod um Haaresbreite entgingt. Stück für Stück kräftigt Dorothy den Jungen durch ihre Zuwendung – und auch ein Stück weit sich selbst, wobei sie im Inneren viele Kämpfe mit sich ausficht. Die Trauer um den eigenen Verlust paart sich mit den nie verschwundenen Muttergefühlen, die dieser Junge auf Neue in ihr weckt. Zudem treten viele Erinnerungen an ihre eigene Mutterschaft und die besondere Bindung zum Fischer Joseph hervor, die Julia R. Kelly souverän durch den Wechsel zwischen Rückblenden und Gegenwart miteinander verschmilzt.

Komplexe Figuren und eine souveräne Erzählhaltung

Stück für Stück schält sich ein Bild des Dorflebens dort heraus, das trotz des schmalen Personenensembles und begrenzten Schauplatzes viel Raum lässt für ein Gespinst aus Intrigen, Verzweiflung und Missverständnisse, in denen sich Kellys Figuren mal lockerer und mal fester verstrickt haben.

Der Autorin gelingt das Kunststück, gleich in ihrem Debüt eine erstaunlich komplexe Frauenfigur in den Mittelpunkt zu stellen, die sie in ihrer Zerrissenheit zwischen der unnahbaren Fassade des Äußeren und einer ganzen Fülle von Trauer und Schmerz im Inneren proträtiert. Aber auch die anderen Figuren sind Kelly wohlgeraten, da sie alle angenehm lebensnahe Ambivalenz auszeichnet. Und auch wenn schon viele Seiten in Das Geschenk des Meeres vergangen sind, so halten die Figuren doch immer noch neue Facetten und Überraschungen bereit.

Fazit

Verbunden mit einer Sprache, die großes Gespür für das Raue und Herbe in der Landschaft wie in den Figuren beweist (Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Feldmann), wird aus Julia R. Kellys Debüt ein vielschichtiger Roman, der im Gewand einer historischen Erzählung von den Fährnissen und Untiefen von Mutterschaft und Bindungen erzählt.

Das macht das im Hamburger mare-Verlag erschienene Buch ein wenig selbst zu einem literarischen Meer – schön und poetisch an der Oberfläche, im Inneren dann aber mit überraschend viel Tiefe und auch dunklen Tönen.


  • Julia R. Kelly – Das Geschenk des Meeres
  • Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
  • ISBN 978-3-86648-748-2 (mare)
  • 352 Seiten. Preis: 25,00 €

José Rizal – Noli me tangere

Das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse dürfte in Buchhandel und Bibliotheken für einiges Stirnrunzeln und Grübeln gesorgt haben. Ein Thementisch mit prominenten Stimmen und Romanen der Philippinen? Gar nicht so einfach, denn nicht nur geografisch sind uns Philippinen recht fern. Auch literarisch findet das Land im Buchhandel hierzulande so gut wie gar nicht statt.
Der Insel-Verlag präsentiert nun mit Noli me tangere einen Klassiker aus der philippinischen Literaturgeschichte aus dem Jahr 1887, bei dem nicht nur die Handlung höchst dramatisch ist. Auch die Geschichte ihres Verfassers José Rizal könnte einem Roman entsprungen sein…


Im März 1887 erschien Noli me tangere des philippinischen Schriftstellers José Rizal, das in seinem Heimatland nach nur wenigen Monaten auf den Index gesetzt wurde. Gedruckt worden war es aber nicht dort, sondern in Berlin, wo es mit einer Auflage von gerade einmal 2000 Exemplaren erschien. Dennoch war die Sprengkraft des Buches für die Machthaber des südostasiatischen Inselstaats so immens, dass sie die Verbreitung des Buchs stoppen wollten – ohne großen Erfolg, wie wir heute wissen.

Warum aber die Bestrebungen der Machthaber, dieses Buch auf den Index zu setzen und schon alleine den Besitz des Buchs zu bestrafen? Dies liegt in der Schonungslosigkeit begründet, mit der José Rizal im Gewand des Romans die Zustände auf den Philippinen zeigte und kritisierte.

Alles beginnt im Roman mit der Wiederkehr eines verlorenen Sohns. Juan Crisóstomos Ibarra y Magsalin ist aus Europa zurückgekehrt in sein philippinisches Heimatdorf. Wie sein Schöpfer hat auch er Aufenthalte in Deutschland und Polen hinter sich und hofft nun auf Informationen über das Schicksal seines Vaters, den er dort zurückließ.

Rückkehr auf die Philippinen

Zu seiner großen Bestürzung muss er feststellen, dass sein Vater gestorben ist – und das im Gefängnis, was für einen Mann seines gesellschaftlichen Ranges und Standes eigentlich undenkbar war. Warum dem so ist, das muss Ibarra gleich zu Beginn seiner Rückkehr feststellen. So spielten Kolonialherren, die aus Spanien stammenden Mönche und Machthaber, eine entscheidende Rolle beim traurigen Schicksal seines Vaters, wie ihm ein Freund erklärt.

„Wie Sie selbst wissen“, begann er, „war Ihr Vater der reichste Mann in der Provinz, und obwohl viele Menschen ihn liebten und achteten, wurde er von anderen gehasst und beneidet. Wir Spanier, die wir auf die Philippinen kommen, sind leider nicht das, was wir sein sollten; das gilt genauso für einen Ihrer Großväter wie für die Feinde Ihres Vaters. Der ständige politische Wechsel, der Sittenverfall in den höchsten Kreisen, die Günstlingswirtschaft, die geringen Reisekosten und die kurze Dauer der Reise seit dem Bau des Suezkanals sind an allem schuld. Was aus Spanien hierherkommt, ist hoffnungslos verkommen, und wenn einer darunter ist, der etwas taugt, hat ihn das Land bald verdorben. Nun denn, Ihr Vater hatte unter den Priestern und anderen Spaniern sehr viele Feinde.

José Rizal – Noli me tangere, S. 32 f.

Schon hier zeigt sich die Kritik an den Kolonialherren, die die Handlung von Noli me tangere im Folgenden vertiefen wird. Die herablassende Haltung des spanischen Klerus, bei dem Franziskaner, Jesuiten und Dominikaner entscheidenden Einfluss auf die philippinische Bevölkerung auszuüben versuchen, Bürgermeister und Machthaber, deren Frauen sich nicht zu schade sind, um sich auf offener Straße in unflätigster Gossensprache zu beschimpfen und bekämpfen – und eine Hoffnungslosigkeit, die den Kampf der Philippiner für mehr Selbstbestimmung kennzeichnet. José Rizal beschreibt all das in seinem Roman, der von zwei Vorhaben erzählt, die Crisóstomo Ibarra nach der Schreckensnachricht vom Tod seines Vaters vor Ort verwirklichen will.

So möchte er mit dem Bau einer Schule vor Ort die Lebensverhältnisse verbessern und durch Bildung auch anderen die Chance auf ein Vorankommen im Leben bieten, wie er sie selbst erfahren hat. Und dann ist da auch noch María Clara, um deren Hand er anhalten will. Doch in Sachen Schonungslosigkeit bleibt sich José Rizal auch hier treu und man verrät nicht allzu viel, wenn man feststellt, dass es um die Chancen dieser beiden Vorhaben eher schlecht bestellt ist, ehe Noli me tangere in einem eindrücklichen Finale endet…

Schonungslose Kritik an Macht und Klerus

José Rizal - Noli me tangere (Cover)

Noli me tangere kritisiert sehr offen und engagiert die Missstände auf den Philippinen Ende des 19. Jahrhundert. Die Machthaber und der nach Einfluss strebende Klerus, die Überheblichkeit der Spanier gegenüber der einheimischen Bevölkerung und die Brutalität, mit der jede Form von Souveränitätsbestrebung bekämpft wird: liest man José Rizals Roman, wird auch hundertvierzig Jahre seit seinem Erscheinen klar, warum das Buch den Mächtigen ein Dorn im Auge war.

Auch lässt sich im Lauf der Lektüre eine gewisse Kongruenz zwischen Verfasser und seinen Figuren ist nicht nur im Handeln, sondern auch im Sprechen und Denken feststellen. Denn in engagierten Debatten über den Freiheitskampf und die wütende Anklage gegen die heuchlerischen Mönche hört man auch immer wieder José Rizal selbst, der mit Crisóstomos Ibarra nicht nur biografische Wegmarken wie die des Aufenthalts in Europa teilt.

Durch den Aufenthalt in Europa erklärt sich im Übrigen auch der Umstand, dass Noli me tangere einst in Berlin gedruckt wurde. Nach Studienaufenthalten in Spanien war es Deutschland, das Rizal im Anschluss bereiste und wo einige Zeit verbrachte. Nach einem Aufenthalt in Heidelberg (wo heute noch eine Straße nach ihm benannt ist) führte ihn seine Reise nach Berlin wo er dann das 1884 in Spanien begonnene Werk mithilfe der finanziellen Unterstützung durch einen Freund drucken lassen konnte.

Zwar wurde das Buch ja postwendend verboten, davon ließ sich José Rizal allerdings nicht aufhalten, sondern verfasste mit El Filibusterismo sogar noch ein weiteres Buch, das auf den Geschehnissen von Noli me tangere aufbaute und den Versuch eines gewaltsamen Umsturzes beschrieb. Wenig überraschend landete das Buch ebenfalls auf dem Index – und sein Verfasser nach seiner Rückkehr auf die Philippinen im Gefängnis, nachdem er zuvor von den Machthabern „nur“ in Verbannung geschickt worden war.

Eine Botschaft über den Tod hinaus

Am 30. Dezember 1896 wurde José Rizal in Manila dann hingerichtet, was aber die Verbreitung seines Werks und seiner Botschaften nicht stoppen konnte, im Gegenteil. So wurden seine Werke in den 1950er-Jahren zur Pflichtlektüre auf den Philippinen, die sich zwei Jahre nach Rizals Hinrichtung für unabhängig erklärten und von den spanischen Kolonialherren lossagten.

Heute ist der 30. Dezember der Rizal-Tag, an dem die Philippinen ihrem Nationalhelden gedenken, dessen Denken und Handeln immer wieder deutlich aus Noli me tangere herauslesen lässt.

Und auch wenn man dem Buch eine sprachlich etwas frischere Übersetzung als die Annemarie del Cueto-Mörth gewünscht hätte, so ist die Übersetzung und die Zugänglichmachung dieses Textes doch eine große Freude, erlaubt uns dieses Buch doch den Blick in eine koloniale Welt, der Machtmechaniken von Rizal hellsichtig und scharf kritisiert wurde. Zudem lässt das Buch die Geschichte der Philippinen etwas besser verstehen und ist für Bibliotheken wie auch den Buchhandel definitiv ein Gewinn, denn Noli me tangere macht die literarische Welt zumindest etwas weiter.


  • José Rizal – Noli me tangere
  • Aus dem philippinischen Spanisch von Annemarie del Cueto-Mörth
  • Mit Nachworten von Lieselotte Kolanoske und Filomeno V. Aguilar Jr.
  • ISBN 978-3-458-64546-7 (Insel)
  • 542 Seiten. Preis: 28,00 €

Eric Puchner – Weißes Licht

Eine Love triangle steht im Mittelpunkt des Romans Weißes Licht von Eric Puchner. Darin erzählt er von den unerwarteten Volten des Lebens im Hinterland von Montana und zeigt dabei Erzählhandwerk, das dem anderen junger amerikanischer Erzähltalente wie Nathan Hill nahekommt.


Montana ist vielleicht nicht der erste Ort, der Menschen einfällt, um dort zu heiraten, insbesondere wenn sie eigentlich in Los Angeles leben. Für Cece und ihren Bald-Mann Charlie steht die Entscheidung aber schnell fest. Im Sommer wollen sie dort im Norden der USA sein, um sich im Kreis ihrer Liebsten auf dem familieneigenen Grundstück von Charlies Eltern das Jawort zu geben.

Sie liebte diesen Ort genauso sehr wie Charlie. Beide liebten ihn dermaßen, dass sie beschlossen hatten, hier zu heiraten, mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt. Einige ihrer Freunde regten sich darüber auf- es war teuer, per Flugzeug von einer der beiden Küsten anzureisen und auch nicht ganz einfach -, aber das war Cece egal. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.

Eric Puchner – Weißes Licht, S. 14

Bevor es soweit ist, reist Cece schon einmal alleine nach Montana. Sie will die Vorbereitungen überwachen, eine Linedance-Band engagieren und sicherstellen, dass alles nach Plan läuft. Charlie, der als Kardioanästhesist in Los Angeles arbeitet, hält dort derweil noch die Stellung. Als Ansprechpartner vor Ort hat er seinen besten Freund Garrett ausersehen, der die Betreuung von Cece übernehmen soll.

Dass Garrett nach Charlies Bekunden sein bester Freund ist, kann Cece nach den ersten Kontakten allerdings noch nicht nachvollziehen, im Gegenteil. Sie fremdelt mit dem Hinterwäldler, der am lokalen Flughafen das Gepäck abfertigt, auf einer gemeinsamen Wanderung in der Wildnis von Montana die Nerven Ceces gehörig strapaziert und zu allem Überfluss von Charlie auch noch als Zelebrant ihres gemeinsamen Jaworts der beiden vorgesehen ist.

Eine Hochzeit mit Hindernissen

Eric Puchner - Weißes Licht (Cover)

Doch nicht nur ein Norovirus wirbelt die Hochzeitsfeierlichkeiten durcheinander, auch in der Beziehung von Cece, Charlie und Garrett tut sich im Zuge der Hochzeit Entscheidendes, wovon Eric Puchner nach dem ersten großen Sprung des Jahres über einige Jahre hinweg erzählt. Immer wieder bedient sich der Dozent für Kreatives Schreiben im Folgenden dieser Sprünge, mithilfe derer er sich durch das ganze Leben von Garrett, Cece und Charlie bewegt.

Ihr gemeinsamer Lebensweg, Trennendes wie Verbindendes steht im Mittelpunkt des Romans, der aus dem Miteinander der drei Figuren seine emotionale Spannung zieht. Freundschaft, aber auch plötzliche wie langsame Tode sind Themen in diesem Roman, der auf die letzten Meter dann sogar noch in eine Art Climate Fiction kippt, wenn Puchner die Schönheit Montanas mit der Zerstörung der Idylle durch den Klimawandel kontrastiert – was auf der Schauplatzebene das Motiv der Zerstörung von Idyllen fortführt, das auch im Beziehungsdreieck seiner Figuren eine große Rolle spielt.

In der Tradition von Callan Wink vermisst Eric Puchner die Schönheit der Natur Montanas, zeigt Garretts Naturverbundenheit und das Gefühl von Heimat und Bindung, das mit dem Seegrundstück von Charlies Familie für Puchners Figuren verbunden ist, ebenso wie er ein feines Gespür für die Brüche und Unwägbarkeiten des Lebens beweist.

Berührend, aber kein Kitsch

Weißes Licht ist ein berührender Roman, der aber nicht in Kitsch abgleitet und der immer wieder auch ein tolles Gespür für Humor zeigt, wie ihn auch andere Schriftsteller von Puchners Generation an den Tag legen, etwa Nathan Hill, der ähnlich gekonnt Tiefe, Witz, Menschenbeobachtungen und lange Zeitläufe im Leben seiner Figuren zu faszinierenden Romanen schmiedet.

Beschreibungen von den Auswirkungen von Suchterkrankungen stehen hier neben großartig komischen Szenen, etwa der, als Großartig etwa die Szene, in der Cece inzwischen eine Buchhandlung im verschlafenen Nest Salish eröffnet hat und als idealistische Buchhändlerin eine renommierte Schriftstellerin in die Einöde Montanas gelockt hat, wo diese nun vor leeren Stühlen liest. Cece hat sich in ihrer Aufregung derweil statt aufputschender Substanzen versehentlich ein Schlafmittel einverleibt und so gleitet der Abend sehenden Auges ins Desaster ab…

Fazit

Die Mischung von Ernst und Leichtigkeit, großer Tragik und Unbeschwertheit macht das Lesegefühl von Weißes Licht aus, das so wieder mal ein echter Schmöker mit Tiefgang aus der amerikanischen Romanschule geworden ist. Sauber übersetzt von pocaio und Roberto de Hollanda wohnt man hier einem literarischen Debüt bei, das auf weitere tolle Taten dieses Kalibers hoffen lässt!


  • Eric Puchner – Weißes Licht
  • Aus dem Englischen von pocaio und Roberto de Hollanda
  • ISBN 978-3-446-28454-8 (Hanser Blau)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €