Im wahrsten Sinne tief eintauchen kann man mit Claire Fuller in ihrem neuen Roman Das Gedächtnis der Tiere. Was dem Titel nach wie ein Sachbuch klingt, entpuppt sich als Werk, das Erinnerungen an die Zeit der Pandemie weckt und das von einer Frau erzählt, die vor radikalen Schritten nicht zurückschreckt.
Schon einmal bearbeitete die Britin Claire Fuller das Thema der Endzeit, die in Unsere unendlichen Tage ein Vater gemeinsam mit seiner Tochter in einer Hütte verbrachte. Dieser Roman war das literarische Debüt Fullers, das im Original bereits 2015 erschien und dann sechs Jahre später in der Übersetzung von Susanne Höbel auf Deutsch erschien. Darin erzählte sie von der jungen Peggy, die zusammen mit ihrem Vater acht Jahre in einem Wald hauste, während ihr Vater sie im Irrglauben ließ, die Welt sei untergegangen.
Ganz untergegangen ist die Welt im Roman Das Gedächtnis der Tiere noch nicht, doch sie ist hier kurz davor. Denn ein unbekanntes Virus ist über die Welt gekommen, das die Menschheit dezimiert und die Wissenschaftler vor große Probleme stellt. Die Hoffnung ruhen auf einer wissenschaftlichen Versuchsreihe, für die ein Labor Freiwillige rekrutiert hat. Sie werden mit dem tödlichen Virus infiziert und einem Gegenmittel geimpft, um so eine mögliche Bekämpfung des um sich greifenden Virus zu ermöglichen.
Eine dieser Freiwilligen, die sich auf das Himmelfahrtskommando einlässt, ist Nefeli, genannt Neffy. Zusammen mit den anderen Freiwilligen bekommt ein isoliertes Zimmer zugewiesen und wird unter medizinischer Beobachtung mit dem Virus infiziert.
Doch als Neffy nach überstandener Krankheitsphase nach Tagen wieder erwacht, scheint die Endzeit wirklich gekommen zu sein.
Von der Quarantäne in die Endzeit
Medizinische Angehörige haben die Einrichtung verlassen, einige Mitpatienten scheinen den Versuch in Quarantäne nicht überlebt zu haben und nur eine Handvoll von Überlebenden findet sich nun im Komplex zusammen, während draußen die Welt dem Untergang nahe scheint.
Menschleere Straßen, kollidierte und verlassene Autos, dieses Bild bietet sich den überlebenden Probanden, wenn sie aus den Fenstern des biotechnischen Instituts blicken.
Während bei Nefeli das Vakzin gewirkt zu haben scheint, scheint das Medikament bei den anderen nicht angeschlagen zu haben. Draußen versinkt die Welt im Chaos, drinnen steigt die Spannung — und Nefeli taucht tief ab in ihre eigenen Erinnerungen.
Diese vermittelt uns Claire Fuller teilweise über Briefe, die Nefeli während der Zeit der Isolation verfasst. Dadurch lernen wir die junge Frau besser kennen und erfahren von ihrer Verbindung zu Oktopussen, mit der sie Sy Montgomerys Rendezvous mit einem Oktopus fast Konkurrenz macht.
Wenn die Realität schriftstellerische Fiktionen einholt
Dass die Realität die schriftstellerische Fiktion manchmal schneller einholen kann, als einem lieb ist, davon zeugt auch Das Gedächtnis der Tiere.
Claire Fuller begann nach eigenem Bekunden ihren Roman über die fiktive Pandemie im Jahr 2019, nachdem sie über ihren Sohn von einem medizinischen Versuch in Quarantäne erfahren hatte, der ihr Material für das im Buch beschriebenen Experiment lieferte.
Kurz darauf brach weltweit die Covid-Pandemie aus und zeigte, wie schnell die eigene Fiktion von der Welt da draußen überholt werden kann. Dennoch hielt Fuller an ihrem Projekt fest, dass dann pünktlich zum Abflauen der Pandemie 2023 veröffentlicht wurde — und schon nach den ersten Seiten wieder starke Erinnerungen an die Zeit weckt, die einerseits weit weg erscheint, und dennoch erst kurz hinter uns liegt.
Man muss sich freilich darauf einlassen, auf diese dystopische Welt aus Quarantäne, verlassenen Straßen, toten Menschen und unsichtbarer Gefahr. Dennoch dominiert nicht die Endzeitstimmung dort im medizinischen Labor – sondern die Erinnerung, in die sich Neffy zunehmend versenkt und die uns mit Fortgang der Erzählung ein immer konkreteres Bild von Neffys Werden liefert (Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien).
Das Gedächtnis der Tiere stellt eine kompromisslose Heldin in den Mittelpunkt, die in der Meereswelt vor der Küste ihrer griechischen Heimat den Zustand von Glück gefunden hat. Immer wieder taucht sie ab in diese Welt von früher. Auch mithilfe eines technischen Tools, das ihr ein Mitpatient zur Verfügung stellt, gelingt das in zunehmenden Maße, bis die Vergangenheit fast die Gegenwart überlagert und sich die erzählten Ebenen aueinanderschichten.
Fazit
Zwischen Oktopoden und Isolation, Endzeit und Vergangenheit nimmt uns dieser literarische Tauchgang tief mit hinein in die Wahrnehmung von Nefeli, die sich als widerständige und komplexe Persönlichkeit erweist.
Und Claire Fuller, sie erweist sich mit Das Gedächtnis der Tiere abermals als höchst originelle Autorin, die sich mit jedem Buch wieder ein Stück weit neu erfindet und zuvor nicht gekanntes literarisches Terrain betritt.
- Claire Fuller – Das Gedächtnis der Tiere
- Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
- ISBN 978-3-910372-69-6 (Kjona-Verlag)
- 336 Seiten. Preis: 25,00 €





