Als die Polizei aus Le Havre die namenlose Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman Brandung kontaktiert, fällt sie wie aus allen Wolken. Ein ebenfalls namenloser Toter wurde an einer Mole in Le Havre aufgefunden. Den einzigen Rückschluss auf seine Identität lässt ein Zettel mit einer Telefonnummer zu — es ist die der Erzählerin. Wie kam er der Tote an ihre Nummer und was verbindet ihn mit der Erzählerin? Sie selbst und die Polizei stehen vor einem Rätsel…
Es hatte drei Tage lang gebraucht, um den Toten zu identifizieren, den man in einer Märznacht 1974 im Bahnhof Penn Station in Manhattan aufgefunden hatte. Erst nach Ablauf der drei Tage ließ sich die Identität des Mannes klären, dessen Äußeres verwahrlost und sein Personalausweis derart zerkratzt war, dass die Behörden kaum ein Rückschlusse betreffend seiner Daten wollte. Zur Verblüffung der Nachwelt handelte es sich bei dem Toten um Louis Kahn, einen einflussreichen Architekten, der sich unter anderem mit dem Bau großer öffentlicher Projekte rund um Philadelphia hervorgetan hatte und zu den Stararchitekten der Nachkriegszeit zählte.
Jene Episode um die langwierige Identitätsermittlung kommt der hochgebildeten Erzählerin in Maylis de Kerangals Roman in den Sinn, als sie auf der erste Seite des Romans durch ein klingelndes Telefon aus ihrer Routine gerissen wird.
Der Anruf kam um zwei, ich war gerade nach Hause zurückgekehrt, hatte noch den Mantel an und meine Tasche über der Schulter, schwer wie Stein, ich kramte darin, ohne mein Handy zu finden, leerte schließlich alles auf den Tisch in der Diele, der uns als Ablage dient, aber nichts, ich hielt inne, die Wohnung war verlassen, die Vibration des Telefons deutlich zu hören, aber die Quelle schien fern zu sein, unsituierbar, ich tastete meine Manteltaschen ab, die tief waren und weit untern, voller zerknitterter Zettel, Krümel, Späne, ich spürte es durch den Stoff unter meinen Fingern pulsieren, und als ich es endlich hervorgezogen hatte, zeigte das Display eine Festnetznummer, Vorwahl 02, Westen, ich hob an, ein Mann meldete sich mit „Kriminalpolizei“ und verlangte mich zu sprechen, ich sagte, das bin ich, während ich wie ein Automat auf den nächsten Stuhl zusteuerte, denn es zog mir schon jetzt den Boden unter den Füßen weg, und als ich dann saß, hörte ich zu, wie mich der Beamte mit der neutralen, sachlichen Ausdrucksweise derjenigen, die Verfahren durchführen, aufforderte, im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen: Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.
Maylis de Kerangal, S. 9f.
Eine Leiche in Le Havre
Diese ominöse Angelegenheit ist der Fund einer Leiche im Hafenbereich von Le Havre aufgefunden worden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, was die Identität des Mannes anbelangt. Die einzige Spur ist ein Zettel in seinen Hinterlassenschaften, auf denen eine Telefonnummer notiert ist. Sie ist Nummer der Erzählerin, unter der sie die Polizei kontaktiert hat.
Doch wie kommt der Tote an ihre Nummer und wer ist der Mann? Die Erzählerin, die ihr Geld als Synchronsprecherin verdient, fühlt sich schon bald selbst wie im falschen Film. Denn die Nachricht von dem Toten lässt sie nicht länger ruhen und so begibt sie sich nach Le Havre, um erst bei der Polizei vorstellig zu werden und dann selbst mit einer Suche in der Stadt ihrer Kindheit und Jugend, zu beginnen.
Brandung ist ein Roman, der der Brüchigkeit unserer eigenen Existenz und den spärlichen Spuren nachgeht, die wir manchmal im Leben anderer und der Nachwelt hinterlassen. Die Plötzlichkeit, mit der die Erzählerin aus ihrem Alltag mit Mann und Tochter gerissen wird und die schleichende Unruhe, die die Nachricht um den Toten und ihre Nummer in ihr eigenes Leben bringt, fängt Maylis de Kerangal hervorragend ein.
Die Synchronsprecherin wird selber zu Ermittlerin wie in einem Film, spricht mit der Polizei, forscht in einem Kino nach, in dem sich der Tote offenbar einen Film ansah. Durch diese Ermittlungen wird sie Stück für Stück in ihre eigene Vergangenheit gesogen.
Literarisch bestechend komponiert
Daraus entsteht ein hochreflexives Werk, mit der Maylis de Kerangal eine normannische Version von Patrick Modianos erinnerungsgetränkten Paris-Spazierromanen abliefert, die zugleich auch an Percival Everetts Erschütterung erinnert, wo ebenfalls ein unverhoffter Zettel mit einer Notiz den Alltag eines unbescholtenen Mannes durcheinanderwirbelt und diesen schließlich zum handelnden Ermittler macht.
Doch nicht nur die Handlung macht de Kerangals Roman aus, auch viele weitere Aspekte tragen zum gelungenen Charakter des Buchs bei. So ist Brandung neben seinem leichten kriminalliterarischen Einschlag um die Ermittlung der Identität des Toten auch ein literarisches Stadtporträt Le Havres, das sorgfältig gearbeitet und mit vielen Themen klug durchsetzt ist.
Die in den ersten Sätzen benannten und ausgebreiteten Gegenstände in der Tasche der Erzählerin, sie haben auf den letzten Seiten des Romans noch einmal ihren Aufritt. Auch fließt die Architektur stark in den Roman ein, was sich unter anderem im Aufgreifen von Architekten wie dem eben schon erwähnten Louis Kahn oder Oscar Niemeyer äußert — Brandung steckt so voller Details, die auch eine zweite Lektüre reizvoll machen.
Erzählerischer Rhythmus wie ein Wellenschlag
Neben diesen thematischen Raffinessen besticht Brandung aber auch durch seine sprachliche Kraft und den Rhythmus. Es sind häufig lang gebaute Satzperioden, wie der eingangs zitierte Auftakt zur Geschichte. Sie sind es, die das Tempo des Erzählens bestimmen und die wie die Wellen an die Molen Le Havres schlagen (Übersetzung durch Andrea Spingler).
All diese Elemente machen aus Maylis de Kerangal ein wunderbar komponiertes Buch um Erinnerung und Ermittlung, das Le Havre und dessen manchmal so brutalistischer Architektur und Rauheit ein literarisches Denkmal setzt und das die genaue Lektüre belohnt!
- Maylis de Kerangal – Brandung
- Aus dem Französischen von Andrea Spingler
- ISBN 978-3-518-43278-5 (Suhrkamp)
- 238 Seiten. Preis: 25,00 €




