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Steffen Mensching – Schermanns Augen

Wie kann das sein? Da schreibt Steffen Mensching den besten Roman des Jahres, ein epochales Gemälde von Europa und Russland in den 30er und 40er Jahren – und kaum einer bekommt es mit? Zeit wird es, das zu ändern – denn Schermanns Augen sind über 800 Seiten Literatur, die im Gedächtnis bleibt. Handlungssatt, bunt und berührend.

Steffen Mensching (Jahrgang 1958, geboren in Ost-Berlin) präsentiert sich auf seiner eigenen, grafisch gewagten Homepage mit der schönen Selbstbeschreibung Autor, Clown, Schauspieler, Regisseur. Seit zehn Jahren steht er dem Theater in Rudolstadt als Intendant vor und ist damit offenbar noch nicht ganz ausgelastet. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er es geschafft hat, diesen Ziegelstein von einem Buch neben seiner Tätigkeit am Theater zu produzieren (wenngleich Mensching laut Interviews über 12 Jahre an dem Buch saß). Die Vorarbeiten zu Schermanns Augen müssen immens gewesen sein, genauso wie die Arbeit mit dem Text selbst. Denn sein Buch ist ein 800-Seiten-Pfünder mit einem bemerkenswert dichtem Textgewebe voller Zeitkolorit, Personen und Anekdoten der europäischen Secession.

Secession und Straflager

Diese lässt Mensching in all ihrer pulsierenden Kreativität und Lebendigkeit wiederauferstehen. Geistesgrößen wie Karl Kraus mit seiner Zeitschrift Die Fackel, der Maler Oskar Kokoschka, Alma Mahler, der Komponist Arnold Schönberg oder der Architekt Adolf Loos – sie wurden zu Taktgebern der 20er und 30er Jahre und prägten in Zentren wie Berlin oder Wien den intellektuellen Rhythmus. Neben unzähligen weiteren kulturell prägenden Gestalten bekommen sie ihren Auftritt – in den Erinnerungen von Rafael Schermann.

Jener Schermann, eine in den buntesten Farben schillernde und glitzernde Figur, lässt wie in 1001 Nacht diese Zeit und zugleich Zeitenwende wieder auferstehen. Die Rahmenbedingung für seine Erzählungen sind dabei von ebenso großer Tristesse wie Bedrohlichkeit. Denn Schermann sitzt 1940 im Gefängnis Artek ein und erzählt in Verhören seine Lebensgeschichte.

Safranowka, ITL 47, genannt Artek II, war ein Nebenlager im Archangelsker Gebiet, hundertfünfzig Kilometer östlich von Kotlas, an der Bahntrasse nach Workuta gelegen. Bis 1935 ein verschlafenes Fünfzig-Seelen-Dorf, windschiefe Hütten und eine baufällige, als Getreidespeicher genutzte Kirche. Dann übernahm das NKWD die Siedlung. Fünf Jahre später lebten hier knapp tausend Häftlinge, Frauen und Männer. Schermann war jetzt einer von ihnen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Warum hat es Schermann in dieses Lager verschlagen? Und das größte Mysterium überhaupt- wer ist dieser Mann überhaupt, der die abenteuerlichsten Geschichten zu erzählen weiß? Welche Geheimnisse hütet der Sträfling?

Er wurde bei einem Halt auf freier Strecke aus dem Transport geholt. Zwei Sträflinge, die zum Beräumen der Gleise eingeteilt waren, schleppten den Ohnmächtigen in Begleitung eines Postens zum Schlitten des Depotverwalters Trufulski. Der lieferte ihn in der Krankenbaracke ab. Ein Greis. Obwohl erst sechsundsechzig. Nicht allein die unbegründete Verlegung, auch der Aufenthalt im Brygidki-Gefängnis, die Odyssee im Viehwagen, Lemberg, Kiew, Charkow, Gorki, Hunger, Durst und Kälte, die Arbeit im Sägewerk der Sondersiedlung Fediakowo hatten Spuren hinterlassen.

(Mensching, Steffen: Schermanns Augen, S. 7)

Die Fragen, die die Herkunft und der Weg Schermanns ins russische Arbeitslager aufwirft, treiben nicht nur die Lagerleitung um. Auch Otto Haferkorn ist von dem polnischen Mitgefangenen fasziniert.

Dieser Otto Haferkorn stammt eigentlich aus Berlin, sitzt aber nun in Artek wegen einer Verurteilung nach Paragraph 58 ein. Als kapitalistischer Spion gebrandmarkt hat er eine ebenfalls eine turbulente und aufwühlende Lebensgeschichte hinter sich. Er dient als Übersetzer in den Verhören Schermanns. Denn als Einziger ist der im ganzen Straflager des Deutschen mächtig und wird so zum Mittler zwischen Lagerleitung und Schermann.

Ein unglaubliches Leben

Es entfaltet sich in der Doppelbiographie von Rafael Schermann auf der einen und Otto Haferkorn auf der anderen Seite ein Bilderbogen, der das 21 Jahrhundert mit all seinen Verwerfungen und Schizophrenien treffend bebildert.

Rafael Schermann bei der Arbeit (Von anonymous/unknown – [1] Narodowe Archiwum Cyfrowe NAC, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18712671)

Während Haferkorn als Schriftsetzer für eine sozialistische Zeitung tätig war, ehe er die Flucht in den Osten antrat, verdingt sich Schermann mit dem Gegenteil der mechanisch erzeugten Schrift. Als Schriftendeuter oder Psychographologe wird er zum bewunderten Star der Gesellschaft, macht die Bekanntschaft aller Reichen und Berühmten, die seine Fähigkeiten bestaunen. Schon als Angestellter einer Versicherung in der böhmischen Provinz gelang es ihm, schier Unglaubliches aus dem Schriftbild seiner Mitmenschen herauszulesen. Familiäre Hintergründe, Beruf, Zukunft – Schermanns Augen bleibt nichts verborgen. Seine Analysen gleichen Hellseherei.

Dieses Talent führt ihn in die Kreise der Wiener Secession. Berlin, sogar Amerika bereist der polnische Sherlock Holmes (so einmal die Schlagzeile einer Zeitung über Rafael Mauritzowisch Schermann). Immer ist er dabei umgeben von den wichtigen und einflussreichen Menschen seiner Zeit.

Einem Zirkuspferd gleich wird Schermann als Attraktion durch die Weltgeschichte gescheucht. Auch die Medizin findet Interesse an seinen Fähigkeit, der Arzt Oskar Fischer publiziert ein Buch über das Phänomen Schermann und seine schriftdeuterischen Fähigkeiten. Doch auch bei Otto bleiben Zweifel – ist dieser Mann nun ein Genie oder ein Hochstapler?

Überleben in Artek II

An seinem neuen Platz im Arbeitslager dient Schermanns Fähigkeit als Faustpfand für das Überleben. Denn im Mikrokosmus des Arbeitslagers, in dem Bäume nach 5-Jahres-Plänen gefällt werden müssen, ist es ein Kunststück, am Leben zu bleiben. Überlebensfeindliche Temperaturen um das Lager herum – und nicht minder gefährliche Mithäftlinge in Artek II. Eindrucksvoll zeigt Mensching, wie die Regeln eines solchen Arbeitslagers wirken. Denn nicht nur die sowjetischen Aufseher führen ein hartes Regiment – auch im Lager selbst hat sich eine ausgeklügelte Hierachie entwickelt. Berufsverbrecher, auch Urki genannt, haben unter der Führung des Lagerpaten ein ebenso brutales wie effizientes System zum Machterhalt entwickelt.

Nicht umsonst leitet Mensching seinen Roman mit einem Zitat Fjodor Dostojewskis ein. Es stammt aus dessen Aufzeichnungen aus einem Totenhaus. Treffender könnten Titel und Zitat auch für Menschings Prosa nicht sein:

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt; ich glaube das ist die beste Defintion für ihn

(Fjodor Dostojewksi)

Dieses Überleben in Extremsituationen beleuchtet der Berliner Autor eindrucksvoll. Beeindruckend dabei, wie, abwechslungsreich und geradezu bestechend Mensching seine Prosa komponiert und rhythmisiert. Mit größter Sprachmacht durchmisst er sicher all diese unterschiedlichen Milieus, mit denen Haferkorn und Schermann im Laufe ihrer unterschiedlichen Leben in Berührung kommen

800 Seiten voller Abwechslung

Auf über 800 Seiten tritt auf keiner einzigen Seite ein Gefühl von Langeweile oder gar Stillstand auf. Beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Rahmenhandlung auf dem beengten Raum des Straflagers 47 spielt. Steffen Mensching gelingt das Kunststück, die Enge und die Atmosphäre voller depravierter Menschen und sozialem Druck zu schildern, und dabei seinen Plot maximal weit und frei zu erzählen. Das ist große Kompositionskunst!

So stilistisch vielfältig, so inhaltlisch vielstimmig ist auch sein Buch. Die Schauplätze reichen von Berlin bis an den Ural, von New York bis Lemberg. Mal ist das Buch ein geradezu barocker Geschichtsbogen in orientaler Tradition, mal trostloser GULAG-Roman. Mal Oral History, mal Märchenbuch. Mal Kultur, mal Politik, mal tief im Osten, dann wieder im Westen. Zudem ist Schermanns Augen auch eine Hymne auf das Schreiben, die Handschrift und all das, was sich damit ausdrücken lässt.

Ein Buch mit hohem Anspruch, allerdings nicht immer einfach zu lesen. Ein Register mit den vielen russischen Termini wäre schön gewesen. Auch erfordert Menschings Eigenart, im ganzen Buch bei den wörtlichen Dialogen auf Anführungszeichen zu verzichten, erhöhte Aufmerksamkeit vom Leser.

Ohne den dichten Buchsatz der Seiten mit Absätzen oder irgendwelchen anderen setzerischen Mitteln aufzulockern entsteht so ein Lesefluss, der keine Ablenkung verzeiht. Dass daneben auch das Personaltableau überbordend ist, scheint auch dem Verlag aufgefallen zu sein. Nicht umsonst liegt dem Buch trotz Leseband noch ein Lesezeichen bei, dass wenigstens das wichtigste Personal von Artek II noch einmal aufführt und ihre Rolle stichpunktartig benennt.

Ein Lob dem Wallstein-Verlag

Vielleicht kann nur ein kleiner unabhängiger Verlag wie der Wallstein-Verlag das Wagnis eines solchen überbordenden Buches eingehen. Im normalen Druchlauferhitzer des Buchmarkts mit den schnell auf Erfolg kalkulierten Titeln dürften Big Player nur abwinken. Zu speziell, zu umfangreich, zu überambitioniert. Gehts nicht auf griffiger und kürzer?

Nein geht es nicht. Hier hat ein Autor seinen Raum bekommen, den er zur maximalen Entfaltung genutzt hat. Der verlegerische Mut, auf Schermanns Augen zu setzen gleicht dem, den Rafael Mauritzowitsch Schermann und sein Übersetzer Otto Haferkorn im Roman immer wieder aufs Neue beweisen. Es sind große Worte, die ich an dieser Stelle gebrauche – aber (natürlich streng subjektiv gesprochen) ein anderer deutschsprachiger Titel diesem Buch Konkurrenz machen kann, halte ich für dieses Jahr nahezu augeschlossen.

Fazit

Dass Schermanns Augen nicht auf der Longlist oder Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 steht, ist ein Skandal. Denn etwas Vergleichbares auf diesem Niveau fand ich in diesem aber auch den letzten Jahren nicht auf dem Buchmarkt. Lob, Ehre und Preise diesem Buch im Dutzend! Ein Herzensbuch, dessen Empfehlung mir hier wirklich ein Anliegen ist. Ein verlegerisches Wagnis, das unbedingt belohnt werden sollte!

 

Quelle des Titelbildes: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1316062

Lutz/Wilhelm/Kellerhoff – Die Tote im Wannsee

Auch wenn man es beim Blick auf das Cover vermuten könnte – hinter Lutz Wilhelm Kellerhoff steckt kein neuer Autor, vielmehr sind es drei Männer, die diesen Krimi zusammen verfasst haben. Martin Lutz und Sven Felix Kellerhoff sind Journalisten und Autoren, die sich in ihren Bücher mit Themen aus der deutschen Geschichte auseinandersetzen.

Für ihren ersten Krimi haben sie sich mit Uwe Wilhelm zusammengetan, der Drehbuchautor und Krimischriftsteller ist (z.B. Die sieben Kreise der Hölle). Als Trio legen sie nun ihren ersten historischen Krimi um den jungen Kommissar Wolf Heller vor, dem noch weitere Bücher folgen sollen, wenn man den Verlagsankündigungen Glauben schenken darf.

Das Buch führt zurück in eines der richtungsweisenden Jahre, das die Bundesrepublik in ihrer jüngsten Geschichte erlebte. Die Rede ist vom legendären 1968. Studentenunruhen, gewaltsame Zusammenstöße auf den Straßen, Unter den Talaren, der Muff von tausend Jahren, Kommune 1. Bewegte Zeiten also, in denen Wolf Heller einen Fall lösen muss, der ihm die Verwerfungen des Jahres 1968 eindrücklich vor Augen führt.

Eine junge Frau wurde mit mehreren Messerstichen ermordet, ihre Leiche anschließend im Wannsee entsorgt. Die Identität scheint zunächst unklar, nur ein roter Schuh ist der Frau geblieben. Doch schon bald verbeißt sich Wolf Heller in eine Spur, die ihn direkt ins Vorzimmer der Kanzlei von Horst Mahler führt. Denn dort hat die junge Frau gearbeitet – doch gibt es eine Verbindung ins Kommunen-Milieu?

Die Tote vom Wannsee ist voll mit Farben und Gerüchen der damaligen Zeit. Lutz, Wilhelm und Kellerhoff erzählen in ihrem Roman nicht nur aus dem turbulenten Leben ihres Kommissars, sondern flechten weitere Erzählstränge in den Roman mit ein. So ist man auch in das Geschehen auf der Täter-Seite eingeweiht und bekommt zudem noch eine weibliche Erzählfigur, die sich im Studentenmilieu bewegt. So decken die drei Autoren auch gleich drei unterschiedliche Seiten des Falls und darüber hinausgehend drei Blicke auf das Jahr 1968 ab.

Sprachlich ist das Ganze solide gelöst, die Spannung entwickelt sich langsam und ist durchaus vorhanden, wenngleich das Buch nicht viel Neues bietet. Am Spannendsten sind die zeithistorischen Hintergründe (inklusive Verbindungen zwischen BRD und DDR zu der Zeit), die Die Tote vom Wannsee behandelt.

Ein solider Krimi mit tollen zeithistorischen Bezügen. Gerne empfohlen, vor allem eingedenk der Tatsache, dass sich die anderen Verlage in Sachen belletristischer Aufarbeitung von 1968 in diesem Jubiläumsjahr bislang vornehm zurückhalten.

 

[Titelbild: By Stiftung Haus der Geschichte – 2001_03_0275.0153, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44807344]

Stefan Thome – Gott der Barbaren

Zurück auf Null. Mit seinem aktuellen Roman Gott der Barbaren betritt Stefan Thome neues Gelände – sowohl formal als auch inhaltlich. Denn sein Buch ist eine Abkehr von den in der Gegenwart angesiedelten Charakterauslotungen Gegenspiel oder Grenzgang. Stattdessen widmet  sich der gebürtige Hesse nun dem historischen Roman, Marke Monumentalepos.

Unbekanntes China

Er betritt hierfür ein (zumindest in der deutschen Literatur) fast vollständiges Terra incognita – nämlich China zur Zeit um 1860. Um dieses Land und seine Menschen herum baut er seinen Roman, der den ganz großen Bogen aufspannt. Er erzählt von deutschen Missionaren, englischen Kriegsherren, chinesischen Rebellen und zeigt ein zerrissenes Land, dem Wunden beigebracht wurden, an denen China noch heute laboriert.

Stellenweise erinnert das an den Reisebericht von Victor Segalen, der Anfang des 19. Jahrhunderts ebenfalls China mit europäischem Blick bereiste und seine Eindrücke unter dem Titel Ziegel &Schindeln publizierte. Dann ist man wieder in einer mit viel Pathos und Pulverdampf inszenierten Schlacht um Nanking dabei, an der auch ein Ridley Scott seine Freude hätten.

Mangelnde Abwechslung kann man Thome wirklich nicht vorwerfen. Seine Ambitionen sind wirklich enorm – nur überspannte er für meinen Geschmack seinen Bogen das ein oder andere Mal deutlich.

Dies beginnt damit, dass er eine fast unübersichtliche Zahl an Akteuren auffährt. Er entscheidet sich für keine Seite, sondern ist permanent in allen Lagern mit dabei, seien es die feindlichen chinesischen Seiten oder auch die englischen Invasoren.

Eine Fülle an Figuren

So ist eine seiner Hauptfiguren ein deutscher Missionar namens Philipp Johann Neumann, von den Chinesen auch Fei Lipu getauft. Enttäuscht vom Verlauf der Revolution 1848 sucht er sein Glück in China. Dort soll er den Chinesen im Rahmen des Basler Mission den christlichen Glauben näherbringen, um die Seelen der Barbaren durch Bekehrung zu retten. Ihn lässt Thome in der Ich-Perspektive von seinen Erfahrungen berichten und macht ihn so zunächst zum Orientierungspunkt in seiner Geschichte. Neumann macht die Bekanntschaft von Hong Jin, der dann mit anderen Chinesen eine wichtige Rolle in der sogenannten Taiping-Revolution einnehmen wird (die nebenbei bemerkt mit 20 bis 30 Millionen Opfer zum größten Bürgerkrieg der Geschichte zählt).

Der Rebellenführer Hong Xiuquan (Quelle: Wikipedia)

Jene Revolution bedroht die Stabilität des chinesischen Kaiserreichs, da sie eine Form des christlichen Glaubens etablieren und den Kaiser stürzen will. Schon bald verlor ich in den chinesischen und europäischen Strategien und Kämpfen den Überblick. Da gibt es den Himmlischen Kaiser, die Hunan-Armee, den Ostkönig oder den Schildkönig auf Seiten der Aufständigen. Ständig wechselt Thome die Seiten, zeigt die Kämpfe um Einfluss und die Herrschaft im Reich.

Wenn das alles gut inszeniert wäre, dann wäre das kein Problem. Allerdings sehe ich bei Gott der Barbaren deutliche Inszenierungsschwächen bzw. eine mangelnde Regie in seinem Werk. Oftmals hätte ich mir eine Hand gewünscht, die mich gekonnt durch das Geschehen leitet. Diese fehlt dem Buch aber größtenteils (bestes Symbol hierfür: Philipp Johann Neumann dem passenderweise eine Pratze abgängig ist). Diesen Eindruck vom Fehlen einer ordnenden Hand hatte ich an vielen Stellen im Werk, das durch die Fülle von Personen und Schauplätzen an Übersichtlichkeit einbüßt.

Das angehängte Personenregister hilft nur bedingt, da Thome seine Figuren nicht kontinuierlich begleitet, sondern immer mal wieder im Geschehen zurücklässt. So kann es sein, dass man über hunderte Seiten nichts von den Figuren hört, ehe diese dann plötzlich wieder auftauchen. Auch ändert Thome von Zeit zu Zeit die Erzählperspektive seiner Figuren; so wechselt er von der Ich-Erzählinstanz zur 3. Person und umgekehrt. Dies sorgte bei mir für zeitweilige Konsternierung. Bei den vielen Schlachten und strategischen Gesprächen fühlte ich mich überfordert, da nicht immer ersichtlich wurde, wer nun gegen wen aus welchen Motiven kämpft.

Zudem schneidet er zwischen seine Kapitel immer wieder fiktive Tagebucheinträge, Briefe oder Berichte, die die Handlung immer noch aus anderen Blickwinkeln beleuchten. Nachdem dieses aber auch nur spärlich erscheinen, braucht man hier wirklich ein gutes Gedächtnis, um diese auch noch in die Handlung integriert zu bekommen.

Chinesische Dörfer

Da wird es dann schon schwierig, auch da die Handlungsorte munter wechseln, von Peking nach England, von Hongkong bis nach Tibet. Auch bin ich einfach nicht firm, was chinesische Handlungsorte angeht. Ganzhou, Hangzhou, Hankou, Suzhou oder Fuzhou – das sind für mich alles chinesische Döfer. Es klingt alles gleich und bekommt für mein Empfinden nicht genug Kontur, um eine klare Unterscheidung hinsichtlich der vielen Schauplätze beim Lesen zu erzielen.

Dankenswerterweise sind die Vorsatzpapiere des Buchs einmal mit einer Karte vom Handlungsort Peking und zum anderen mit einer Karte des damaligen Chinas versehen, um hier wenigstens die Chance einer groben Einordnung des Geschehens zu ermöglichen.

Fazit

Ohne intellektuelle Wachheit und Wendigkeit wird man diesem Buch nur unzureichend beikommen. Diese Erkenntnis steht für mich am Ende dieses monumentalen Buchs. Sein Anspruch und der ambitionierte Plot lassen das Buch zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018 stehen. Zur Entspannung allerdings empfiehlt sich Gott der Barbaren keineswegs.

Ich persönlich bin mehrmals mit dem Buch gescheitert, da es mich einfach mit seiner überbordenden Struktur und seinen verwirrenden Handlungsfäden in die Irre führte. Es sind für mein Empfinden zu viele Charaktere, Themen und Stile und Schlachten, die der gebürtige Hesse aufs Tapet bringt.

Aber man muss Stefan Thome auch Respekt zollen für seinen Willen und die Akribie, ein solches Opus Magnum zu verfassen. In Zeiten von unterambitionierten Plots und der Beschreibung von Milieus, die man selber teilweise besser kennt als die Autoren höchstselbst, ist Gott der Barbaren eine rühmliche Ausnahme, die die Leser fordert.

Das findet im Großen und Ganzen auch Stefan vom Blog Poesierausch, der sich ebenfalls des Titels angenommen hat.

[Stefan Thome: Gott der Barbaren, erschienen im Suhrkamp Verlag. ISBN 978-3-518-42825-2 . 719 Seiten, 25,00 €]

 

Michael Ondaatje – Kriegslicht

Michael Ondaatje ist zurück. Kürzlich wurde sein Roman „Der Englische Patient“ im Rahmen des Man Booker Prize zum besten Buch der letzten 50 Jahre gewählt. Nun kehrt er mit „Kriegslicht“ wieder zu seinen Topoi von Kindheit, Erinnerung und Krieg zurück.

Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.

Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 13

So erzählt es uns der Ich-Erzähler Nathaniel, der in Kriegslicht (Deutsch von Anna Leube) die Erinnerung an seine Kindheit in London während und nach dem Zweiten Weltkrieg heraufbeschwört. Jene beiden möglicherweise Kriminellen, denen die Betreuung von Nathaniel und seiner Schwester Rachel übertragen wird, werden von den Kinder Der Boxer und Der Falter tituliert.

Von einer Betreuung der Kinder zu sprechen, ist allerdings zu hoch gegriffen. Rachel und Nathaniel bleiben sich meist selbst überlassen und werden manchmal von den beiden Erwachsenen für halbseidene Touren eingespannt. So wird das Flussnetz und die Architektur Londons Nathaniel schon bald sehr vertraut, da er immer wieder mit dem Boxer zu Touren aufbricht, bei denen sie Hunde für Rennen schmuggeln und Ähnliches wagen, das die Grenze der Legalität überschreitet. Doch alle Abenteuer im Dschungel der Großstadt Londons können nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine offene Wunde bei den Geschwistern zurückgeblieben ist – das Verschwinden ihrer Eltern.

Der alte Fluss Tyburn verschwand, auch Geografen und Historiker verloren seine Spur. So ähnlich glaubte auch ich, meine sorgfältig verzeichneten Gebäude an der Lower Richmond Road seien gefährlich gefährlich provisorisch,so wie große Gebäude im Krieg verlorengegangen waren, so wie wir Mütter und Väter verlieren

Ondaatje, Michael: Kriegslicht, S. 43

Doch – ohne hier Entscheidendes der Handlung vorwegnehmen zu wollen: Dieser Verlust ist kein dauerhafter. Denn Kriegslicht ist genauso die Geschichte von Nathaniel wie die seiner eigenen Mutter, deren Geheimnisse zentral für die Handlung von Ondaatjes neuem Roman sind. So schafft das Buch den Bogen vom Zweiten Weltkrieg hin zum Kalten Krieg, der aus den Ergebnissen jenes Zweiten Weltkriegs erwächst.

Ondaatjes Buch ist zum Teil eine Spionagegeschichte und zum Teil die Rekonstruktion eines Verlustes. Diese Ambivalenz macht das Buch reizvoll, lässt aber auch etwas Tiefe vermissen. So wird viel angerissen, vertieft wird es hingegen kaum. Dieses fragmentarische Schreiben lässt auch keinen durchgängigen Lesefluss entstehen, vielmehr muss man sich als Leser einen Teil der Geschichte selbst ausmalen. Das ist nicht immer bequem für den Rezipienten, funktioniert allerdings von der inneren Logik des Romans her ganz ausgezeichnet. In die Kategorie Saftiger Schmöker passt dieses Buch so eindeutig nicht (auch wenn der Inhalt dies eigentlich impliziert) – zudem lässt die Länge von gerade einmal 320 Seiten so etwas wie ein tiefes Abtauchen in die Doppelgeschichte kaum erwarten.

Kriegslicht hat unterschiedliche Themenschwerpunkte. So ist das Buch eine Hymne an ein London, das im Zuge von Gentrifizierung und Bauboom völlig zu verschwinden droht. Die Flüsse, die Gebäude, die Geschichte – all das drückt sich in diesem Buch genauso aus wie das Thema des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen. Die Kindheit und die Erinnerung fasziniert Ondaatje ebenso unübersehbar (es sei hier nur an seinen letzten Roman Katzentisch erinnert) – und so liest sich sein neues Buch tatsächlich auch ein Stück weit wie eine Synthese aus dem Englischen Patienten und letzterem Werk. Kein ganz leichtes oder zugängliches Buch, im Gegenteil. Das Sperrige ist hier immer präsent und zeigt einmal mehr, wie wahr das Zitat aus Benedict Wells Vom Ende der Einsamkeit ist

Eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind. Man weiß nie, wann er zuschlagen wird.

Richard Flanagan – Begehren

Der Piper-Verlag meint es ernst mit der Autorenpflege – nun erscheint mit Begehren (Deutsch von Peter Knecht) ein weiteres Buch aus der Backlist des tasmanischen Autors Flanagan, ehe im Herbst mit Der Erzähler Neues vom Meister zu entdecken ist.

Sir John Franklin

Das Buch stellt mehrere Figuren ins Rampenlicht, deren Schicksal Begehren verfolgt. Da ist zum Einen der im Klappentext erwähnte Sir John Franklin, der als Gouverneur von Tasmanien zusammen mit seiner Frau über die Inseln am Ende der Welt herrscht. Auf Van Diemens Land versucht er die einheimische Bevölkerung zu kultivieren und ihnen die westliche Zivilisation nahezubringen – mit katastrophalen Folgen.

Zusammen mit seiner Frau beschließt er, ein Kind der Ureinwohner von Van Diemens Land zu sich ins Haus zu holen, um ihm Erziehung angedeihen zu lassen. Doch der eigentliche Plan entwickelt schon bald eine gefährliche Dynamik, da das Mädchen namens Mathinna das Gefüge im Hause Franklin völlig verschiebt.

Charles Dickens

Eine große Rolle spielt aber auch kein Geringerer als Charles Dickens, den das Schicksal von Franklin im fernen London zu kreativen Schüben verleitet. Ähnlich wie Franklin durch Mathinna erhält auch der englische Romancier und Dichter entscheidende neue Impulse, die sein Leben verändern.

Diese gespiegelte Motivlage macht den Reiz in Begehren aus. Richard Flanagan arbeitet heraus, wie diese beiden Männer auf dem Zenit ihres Schaffens jeweils durch Frauen einen neuen Spin erhalten. Auch wenn sie sich auf den entgegengesetzten Seiten der Weltkugel befinden mögen – vor der Kraft des Begehrens sind beide nicht sicher.

Der Fluch der Kolonialisation

Zudem stellt dieser Roman auch eindrücklich da, mit welcher Ignoranz und welcher Mutwilligkeit indigenes Leben in Tasmanien und Van Diemens Land durch die englischen Eroberer zerstört wurde. Die Figur der Mathinna ist hier stellvertretend für das Schicksal von vielen Zehntausenden zu lesen, denen von den Kolonialherren einfach neue Lebens- und Kulturweisen aufoktroyiert wurden – und das auf Biegen und Brechen. Diese Ignoranz hier so eindringlich vor Augen geführt zu bekommen, das macht betroffen.

Richard Flanagan - Begehren (Cover)

So bietet der Roman einen eindringlichen Blick auf die koloniale Geschichte Tasmaniens und zeigt zudem zwei Männer und ihre Verstrickungen in Liebe, Begehren und Vernunft. Die erzählerische Flughöhe von Tod auf dem Fluss oder Goulds Buch der Fische erreicht der tasmanische Autor hier bei allen Sprüngen durch die Leben seiner Helden nicht ganz, dafür ist es aber definitiv ein Titel, der aus der Backlist nach vorne gehoben gehört. Meine Aufforderung bleibt bestehen: Lest mehr Richard Flanagan – der Autor hat es verdient!

  • Richard Flanagan – Begehren
  • Aus dem Englischen von Peter Knecht
  • ISBN 978-3-492-30840-3, erschienen bei Piper
  • 304 Seiten