Category Archives: Kriminalroman

Don Winslow – City on fire

Ist das noch Troja oder schon Dogtown, dass da brennt? Zum (angeblich) letzten Mal beglückt uns Don Winslow mit einer Trilogie um Rache, Verrat, Mobster, Gewalt und Liebe. City on fire ist eine klassischen Tragödie im Gewand eines Mafiathrillers, der den Auftakt zu einer Reihe um Danny Ryan bildet. Dieser findet sich in einem verzehrenden Kampf zwischen italienischer und irischer Mafia wieder. Nicht ganz so voluminös wie Winslows Zyklus um den DEA-Agenten Art Keller und dessen Kampf gegen das mexikanische Kartell, aber auf dem erfreulich hohem Niveau, das er zuletzt nach den Tiefschlägen mit seinem Kurzgeschichtenband Broken wieder erreichte.


In letzter Zeit machte Don Winslow eher auf dem Feld der Social-Media-Kommunikation denn literarisch von sich reden. Mit seinen Kurzfilmen griff er in den US-Wahlkampf ein, twitterte und positionierte sich lautstark gegen die Politik Donald Trumps. Auch in seinem letzten, 2019 erschienenen Teil der Art-Keller-Trilogie ließ er Trump, dessen Schwiegersohn Jared Kushner und den Rest des damaligen republikanischen Regierungsapparat kaum verfremdet auftreten und zog dabei mächtig vom Leder, um die Bigotterie und Korruption im System mithilfe des fiktionalen Thrillers aufzuzeigen.

Seine politische Positionierung und klaren Ansichten etwa der amerikanischen Einwanderungspolitik an der Grenze zu Mexiko führte er auch in seinem zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichtenband Broken fort. Und auch künftig gedenkt Winslow dieses politische Engagement nicht ruhen zu lassen, vielmehr will er seine schriftstellerische Karriere zugunsten der Verhinderung einer Wiederwahl Donald Trumps aufgeben, wie jüngsten Pressemeldungen zu entnehmen war.

Der Auftakt zu Winslows letzter Trilogie

Bis es nun aber soweit ist, gibt es mit City on fire den Auftakt seiner vielleicht letzten Trilogie zu lesen, die sich wieder etwas von der politischen Agenda Winslows entfernt. Denn anstelle von der gegenwärtigen Politik und Gesellschaft zu erzählen, begibt sich der Autor fast vierzig Jahre zurück, nämlich ins Jahr 1986, genauer gesagt in den August jenes Jahres.

Don Winslow - City on fire (Cover)

Alles beginnt mit einem Clambake, also einem Zusammentreffen beim italienischen Padrone Pasco Ferri am Goshen Beach in Rhode Island. Wenn Ferri einlädt, dann kommen sie alle, egal ob irische oder italienische Mobster. Man trifft sich bei gegrillten Meeresfrüchten und Bier, badet und parliert am Strand.

Es sind friedliche Treffen, genauso wie es eigentlich friedliche Zeiten im kriminellen Milieu sind. Iren und Italiener haben sich miteinander arrangiert, es herrscht der Zustand einer friedliche Co-Existenz. Die Iren kontrollieren die Gewerkschaften und den Hafen, die Italiener Drogen und Glücksspiel. Alles könnte eigentlich in bester Ordnung sein. Doch Ferris Einladung zu seinem Clambake ist neben den jeweiligen Sprösslingen der Anführer auch Pam gefolgt, die neue Freundin von Paulie Moretti. Sie verdreht mit ihrem Sexappeal und Aussehen sämtlichen Männern und Frauen am Goshen Beach den Kopf.

Danny Ryan sieht die Frau dem Wasser entsteigen, sie taucht auf wie ein Bild aus seinem Traum vom Meer, wie eine Vision. Nur dass sie real ist und es wegen ihr Ärger geben wird.

Wie meistens mit schönen Frauen.

Danny weiß das; nur ahnt er nicht, was für einen Wahnsinnsärger diese hier lostreten wird. Wüsste er, was passieren wird, würde er vielleicht zu ihr in die Wellen waten und ihren Kopf unter Wasser drücken, bis sie sich nicht mehr rührt.

Aber er weiß es nicht.

Don Winslow, City on fire, S. 11

Eigentlich ist Pam, die hier Botticelli-gleich den Fluten entsteigt, die Freundin von Paulie Moretti, dem Sohn des italienischen Paten. Doch auch bei Liam Murphy, dem Sohn des irischen Paten, weckt Pam Begehrlichkeiten. Er spannt Paulie Moretti seine Freundin aus – und setzt damit eine blutige Dominokette in Gang. Denn den Verlust seiner Freundin kann und will Moretti nicht hinnehmen, und so entspinnt sich ein tödlicher Kampf, in dem Autobomben und Drive-by-Shootings, viele Tote und noch mehr Leid zu beklagen sind.

Klassischer Tragödienstoff

Es ist ein klassischer Tragödien-Stoff, den Winslow hier verarbeitet. Der Kampf zweier Männer um eine Frau, der anschließende Krieg, Täuschungsmanöver und Verrat mit sich bringt und ganze Reiche in den Abgrund reißt. Die Themen sind die immergleichen, egal ob Trojanischer Krieg oder der Kampf um Dogtown in Rhode Island. Mögen sich auch die Mittel und Worte unterscheiden, die Konflikte, sie bleiben doch gleich. Und so setzt Winslow seinen verschiedenen Kapiteln auch Zitate etwa von Homers Ilias oder Virgils Aeneis voran, um das Klassische seines Stoffs hervorzuheben. Das ist zwar in seiner Überdeutlichkeit nicht besonders subtil, für die ganz feinen Zwischentöne sollte man aber eh zu anderen Autor*innen denn Winslow greifen.

Wo bei Homer das Versmaß und die Abgewogenheit in Form und Inhalt herrschte, so geht Winslow literarisch durchaus rustikaler zu Werke. In der für ihn so typischen atemlos hetzenden Prosa (abermals von der verdienten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragen) beschreibt er die eskalierende Gewalt in Rhode Island, reißt kurz, aber wirkungsvoll die Hintergrundgeschichten seiner Figuren an, lässt seine Figuren und damit die Leser*innen kaum zur Ruhe kommen und kegelt seine Figuren schnell wieder vom literarischen Spielbrett, nachdem er sie zu Beginn sorgsam platziert hat.

Das hat einen enormen Drive, ist mitreißend geschildert und lässt durch den gut gesetzten Cliffhanger am Ende des ersten Buchs schnell auf das zweite Buch namens City of Dreams hoffen, dessen in Kalifornien spielender Beginn schon als Leseprobe dem ersten Teil beigefügt ist. Geht es auf diesem Niveau weiter, wäre der Entschluss Winslows zum Ende als Schriftsteller zugunsten seines politischen Engagements wirklich bedauerlich. Hier schreibt ein echter Könner, der die Welt der amerikanischen Mobster eindrücklich zu schildern weiß und dessen Ideen der Überführung eines antiken Tragödienstoffs ins Mafiamilieu der 80er Jahre plausibel aufgeht.


  • Don Winslow – City on Fire
  • Aus dem Englischen von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-7499-0320-7
  • 400 Seiten. Preis: 22,00 €
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Yonatan Sagiv – Der letzte Schrei

Die Wühlmaus ermittelt. Yonatan Sagiv schickt mit Der letzte Schrei einen neuen Ermittler mit nicht ganz klarer geschlechtlicher Identität und einem Gespür für Fährten, Flirts und Fettnäpfchen auf die Straßen Israels. Auf der Suche nach einem vielversprechenden Teenagerstar blickt er in verschiedene Milieus und lernt die Schattenseiten des Popbusiness kennen.


Prince Connan ist tot. Die größte Gelegenheit meines Lebens rinnt mir durch die Finger, mein Vater betrügt nach siebenundvierzig Ehejahren meine Mutter, überall im Land brennt es, als müsste sich das Erdreich in einem fort erbrechen. Und ich bin hier auf dieser sklerosen Party mit einem Haufen Provinznudeln, die darauf bestehen, Fashion zu sagen statt Mode, und bete wie die allerletzte Miserable, ein Prinz mit flachen Witzen möge kommen und mich aus diesem Elend erretten, in das er mich selbst geworfen hat.

Yonatan Sagiv – Der letzte Schrei, S. 205

Ja, es sind wirklich einige Fronten, an denen Oded Chefer gefordert ist. Die Wühlmaus lebt gerade in der Wohnung eines Freundes, hat sein eigentliches Apartment untervermietet. Für den PR-Spindoctor Binyamin Direktor soll er dem Verschwinden eines Mädchens klären, das im Begriff steht, der neue Star Israels zu werden. Privat ist sein Familienleben auch recht turbulent – und zudem lässt er sich von Männern sehr schnell den Kopf verdrehen. Eine Tatsache, die seiner Objektivität in Sachen Ermittlungen der verschwundenen Teenagerin nicht unbedingt zuträglich ist.

Und so ermittelt sich Oded mal erfolgreicher, mal reichlich unelegant und tappend durch die Welt der Teenagerin und trifft neben all den Ablenkungen auch durchaus auf Spuren, die ihn auf die Fährte ermordeter Transsexueller, viel falschem Schein und vielversprechender Dates bringen.

Ein Krimi mit LGBTIQA+-Hintergrund

Yonatan Sagiv - Der letzte Schrei (Cover)

Immer wieder wird aus verschiedenen Richtungen die Forderung vorgebracht, die Literatur solle diverser werden und die Pluralität der unterschiedlichsten Lebensformen in den Blick nehmen. Der letzte Schrei trägt diesen Forderungen Rechnung und zeigt ein Israel, das so ganz anders ist als das Bild des religiös geprägten Lands, das in unserem Denken noch vorherrscht. Transsexuelle, Diskussionen über gendergerechte Sprache, die Vielfalt von LGBTIQA+-Leben und dessen Repräsentation in der Öffentlichkeit, all das bildet dieser Krimi ab, was Verfechter*innen konservativer Geschlechterlehre verschrecken dürfte.

So referiert ein Charakter über die Fülle der Identitäten und wirft Oded Dinosaurier-Cisgenderbewusstsein vor, da er die Fülle an agender, non-binären, genderfluiden, queeren, bigender, pangender oder non-conforming-Identitäten ignorieren würde (S. 82).

Was in seiner ganzen Theoriehaftigkeit und dem Demühen um Diversität in literarischen Texten schnell dröge oder überfordernd werden kann, wird von Yonatan Sagiv durchaus unterhaltsam und ironisch in seinen Krimi eingebracht und eingebunden.

Zu den spannendsten Aspekten dieses Buchs gehört auch die geschlechtliche Identität ihrer Hauptfigur Oded Chefer. In seinen Zuschreibungen lässt sich die Wühlmaus nicht ganz eindeutig festlegen und entzieht sich mit seinem Verhalten und seinen Schilderungen einer eindeutigen Zuordnung.

Mein Herz fängt heftig an zu schlagen. Jetzt bin ich geliefert. Jetzt hat er mich. Jetzt werde ich die ganze Wahrheit gestehen müssen. Unmöglich, dass, wenn er meine Angaben noch einmal durchgeht, dieser Polizeioffizier nicht über den Namen stolpert. Oded Chefer – der bekannte und gefeierte Privatdetektiv, der die beiden Mordfälle gelöst hat, die in den letzten zwei Jahren das ganze Land in Atem gehalten hatten. Die brillante Ermittlerin, die Schulter an Schulter mit Oberinspektor Yaron Malka dafür kämpft, die die Kriminalität einzudämmen, die auf den Straßen unseres Landes tobt. Und nicht zuletzt die Spürnase de jour der Reichen und Prominenten. Der Mann und der der Mythos. Die Frau und das Mysterium.

Yonatan Sagiv – Der letzte Schrei, S. 157

Geschlechtliche Ambiguität im Krimi

Diese Ambiguität zählt zu den interessantesten Aspekten des Buchs und entwickelt den Gedanken fort, den so schon etwa Tom Hillenbrand in Qube oder Stuart Turton in Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle mit ihren Krimis präsentieren, in denen sie geschlechtlich vielfältige Erzähler*innen wählten und ermitteln ließen. Der entscheide Unterschied ist, dass in diesen Titeln ein Erzähler in mehrere Figuren und Körper schlüpfte, ohne selbst die geschlechtliche Vielfalt mitzubringen, sondern diese nur für einen bestimmten Zeitraum anzunehmen und zu erfahren. Hier geht Yonatan Sagiv nun weiter und vereint das Weibliche und Männliche mit schwankenden Ausprägungen in der Figur des Oded Chefer.

Generell ist festzustellen, dass sich der zeitgenössische Krimi auch hier in Deutschland langsam öffnet und auch Figuren jenseits des binären Denkens zeigt, so auch jüngst der Suhrkamp-Verlag mit Candas Jane Dorseys Drag Cop, der eine ambisexuelle Ermittlerfigur in den Mittelpunkt stellt.

Diesbezüglich ist Der letzte Schrei wirklich modern und innovativ. Ansonsten bietet Yonatan Sagivs Krimi eher konventionelle Genreunterhaltung, die über die übliche Variation der Ermittlungstropen und Erzählansätze nicht hinauskommt. Oded Chefer sammelt Spuren, entdeckt die Hintergründe des Verbrechens, ermittelt in Zusammenarbeit mit der Polizei den Täter und überstellt diesen anschließend der Justiz. Das ist nicht schlecht, aber eben auch nicht viel mehr als Krimiunterhaltung von der Stange – eben aber mit einem ungewöhnlichen Protagonisten. Und mit Israel besitzt dieser Krimi einen Handlungsort, der abseits der populären Krimis von Dror Mishani gegenwärtig auch nicht allzu häufig vertreten ist.

Fazit

Der Verlage Kein & Aber weist mit Ayelet Gundar-Goshen, Yishai Sarid oder Noa Yedlin ja ein eh schon spannendes Literaturprogramm aus dem israelisch-palästinensischen Kulturraum auf. Zu diese Stimmen gesellt sich nun auch Yonatan Sagiv, der einen zwar recht konventionellen Krimi vorlegt, dafür aber mit einem originellen Ermittler überzeugen kann, dem man noch weitere Einsätze gönnt.


  • Yonatan Sagiv – Der letzte Schrei
  • Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
  • ISBN 978-3-0369-5865-1 (Kein & Aber)
  • 400 Seiten. Preis: 25,00 €
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Loraine Peck – Der zweite Sohn

Es ist schon ein paar Jahre her, da Benjamin von Stuckrad-Barre bei seiner Lesetournee zu seinem Buch Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen – Remix 3 in Augsburg Halt machte. Ein Thema, das ihn an jenem Abend umtrieb, war auch das der Autorenbiografien, mit denen viele Verlage ihre Schreibende aus dem Gros herausheben und aufpeppen möchten. So könne man in Autorenviten gerne einmal lesen, dass der Autor oder die Autorin als Blumengroßhändler, Leichenwäscher, Safariguide und Molekularbiologe gearbeitet hätte. Was solche kapriziösen Aneinanderreihungen von Tätigkeiten über die Qualität des Buchs selbst aussagt, das ist ja eher fraglich.

Von exzentrischen Autorenbiografien

Als ich nun Der zweite Sohn, das von Thomas Wörtche bei Suhrkamp herausgegebene Debüt von Loraine Peck in der Vorschau nebst Ankündigungstext sah, musste ich an von Stuckrad-Barres Worte damals in Augsburg denken. Denn diese Vita ist in ihrer Exzentrik gerade zu beispielhaft für das von Stuckrad-Barre bespöttelte Phänomen:

Loraine Peck war Porträtmalerin und Assistentin eines Magiers in Sydney. Nachdem sie einmal zu viel in zwei Hälften gesägt wurde, wechselte sie zum Blackjack an der Goldküste. Barkeeperin und Hummerverkäuferin in den USA führten zu einem Job in der Filmindustrie, bevor sie eine Karriere im Marketing in Australien, dem Nahen Osten, Asien und den USA einschlug.

Der Suhrkampverlag über Loraine Peck

Von Zauberei, Glücksspiel oder Hummern findet sich in Der zweite Sohn dann allerdings keinerlei Spur. Vielmehr ist das Buch ein klassischer Gangster-Thriller, der eine kriminelle Familie und deren Fehden in den Mittelpunkt stellt. Was mit Mario Puzos Paten auf dem Gebiet der italienischen Mafia begann, ist inzwischen wohl überall in verschiedenen Ausprägungen lokalisiert worden. Egal ob in Deutschland (etwa 4 Blocks oder Clemens Muraths Der Libanese) oder Down Under (hier wäre zum Beispiel die ebenfalls von Wörtche herausgegebene und wie Peck mit dem Ned Kelly-Award ausgezeichnete Candice Fox mit Hades zu nennen) – Unterwelt-Familien und deren Machenschaften faszinieren nach wie vor und sind ein fruchtbarer Boden für Thriller.

Eine kroatische Familie in Sidney

Das hat auch Loraine Peck erkannt, die ihre Geschichte im Umfeld einer kroatischen Einwandererfamilie in Sidney ansiedelt. Zusammengehalten von Vater Milan Novak verdient der Clan mit Fischgeschäften, Einwanderern und Drogendeals sein Geld. Rechte Hand von Vater Novak war bislang sein Sohn Milan. Doch dieser wurde bei der Leerung seiner Mülltonne vor dem eigenen Haus erschossen.

Loraine Peck - Der zweite Sohn (Cover)

Es ist nicht der erste Tote aus dem Gangmilieu. Schon zuvor starb ein serbischer Gangster – weshalb Novak annimmt, dass es sich beim Tod seines Sohnes um eine Vergeltungsaktion handelt. Serben und Kroaten können sich eh nicht ausstehen und führen die blutige Fehde aus dem Jugoslawienkrieg einfach auf einem neuen Kontinent fort. Und da nun seine rechte Hand tot ist, liegt für Milan Novak die Lösung auf der Hand. So soll sein zweiter Sohn, Johnny, für Vergeltung sorgen und den Tod seines Bruders sühnen. Doch dieser ist für das brutale Geschäft der Novaks eh nicht wirklich gemacht – muss nun aber eine eigene Lösung finden, um den Konflikt und den Rachewunsch der eigenen Familie zu befrieden.

Seinen Kampf um die Gunst seines Vaters und gegen rivalisierende Banden schildert Loraine Peck dabei nicht alleine aus dessen Perspektive. Sie wählt als Erzählerin auch Amy, die Frau von Johnny. Diese schildert ihren Blic auf das Geschehen und den Novak-Clan mit all seinem autochthonen und ausgrenzenden Denken und Verhalten. Schnell zeigt sich, dass neben dem vordergründigen Konflikt um Johnnys Rolle in der Familie Novak auch noch ein viel gravierenderer Konflikt herrscht – nämlich der um die Ehe von Amy und Johnny.

So muss sich dieser um die kriselnde Beziehung, die Rache seines Bruders und dann auch noch um die Durchführung eines riskanten Raubzugs kümmern. Da kommt dann leider die Charakterisierung der Figuren und die Originalität des Plots manchmal etwas unter die Räder.

Wenig originelle oder überzeugende Figuren

Denn das Personal von Der zweite Sohn wirkt bisweilen wie stark an der Grenze zur Parodie. Der irre Meth-Gangster mit Tattoos und Sprachfehler, die tumbe Gang aus Kroaten voller Muskeln und wenig Hirn, der beständig in seiner Unterwürfigkeit zu seinem Vater verharrende Held mit dem Herz am rechten Fleck, die Ehefrau, die mitsamt ihrem Kind gekidnappt und von ihrem Mann befreit werden muss. Oftmals liest sich Der zweite Sohn wie aus dem Setzkasten für derartige Thriller zusammengeklaubt – und altbekannt.

Vieles ist einfach cartoonesk vereinfacht, nicht alles schlüssig erklärt (so werden die anderen Müllabfuhr-Morde auch schnell eingeführt und dann wieder zur Seite geschoben) und wirken weder neu noch wirklich überzeugend. Da passt auch das Cover in seiner schwarz-weißen Einfallslosigkeit ins Bild, das wirkt, als sei es ganz am Ende eines langen Tages voller Coverentscheidungen und Diskussionen noch durchgewunken worden, um endlich Feierabend machen zu können.

Fazit

Und dennoch gelingt es Loraine Peck in ihrem Debüt auch, Spannung zu erzeugen. Sie beschreibt die Welt der kroatischen Familie Novak, den Kampf Johnnys gegen und mit der Polizei, andere Gangster und um seine Ehe durchaus mitreißend, wenn man sich an den vielen altbekannten Motiven oder allzu schablonenhaften Figuren nicht besonders stört.

Als fein nuanciertes Porträt einer kriminellen Familie in Down Under, deren Struktur und Funktionsweise funktioniert Der zweite Sohn überhaupt nicht. Auch ist Pecks Buch sicherlich kein Anwärter für einen Preis in Sachen Sprache und Figurentiefe. Aber ihr gelingt ein spannender und temporeicher, bisweilen arg cartoonesker Unterwelt-Thriller, der auch Fans von Candice Fox gut gefallen düfte und der sich durch seine beiden Perspektiven des Ehepaars Novak etwas von anderen Thrillern gleicher Bauart unterscheidet.

Dass Peck für ihr Buch den Ned Kelly-Award in der Kategorie „Debüt“ erhalten hat, geht in meinen Augen in Ordnung (Hauptgewinner im letzen Jahr war übrigens Chris Whitaker). Denn auch wenn ihr Buch wenig innovativ ist, so gibt Loraine Peck mit ihrem Buch Versprechen ab, die sie mit folgenden Büchern dann hoffentlich noch einlösen kann. Man darf gespannt sein!


  • Loraine Peck – Der zweite Sohn
  • Aus dem Englischen von Stefan Lux
  • Herausgegeben von Thomas Wörtche
  • ISBN 978-3-518-47229-3 (Suhrkamp)
  • 423 Seiten. Preis: 16,95 €
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Brian Selfon – Nachtarbeiter

Goya? Diesen Namen kannte man bislang wohl nur von Hörbüchern, die unter dem Dach der JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH erschienen. Doch nun hat man sich zur Expansion entschlossen und betritt nun im Frühling 2022 erstmals den Markt des gedruckten Wortes. Einer der ersten Titel aus dem Verlag ist der Titel Nachtarbeiter von Brian Selfon. Darin widmet er sich den dunklen Seiten Brooklyns und erzählt vom florierenden Geldwäscheunternehmen von Shecky Keenan, das plötzlich unter erheblichen Druck gerät.


Henry, Kerasha, Shecky. Sie sind die Nachtarbeiter. Shecky Keenan hat ein ausgeklügeltes System aus Boten, Konten und falschen Spuren geschaffen, mithilfe dessen er Schwarzgeld wäscht. Im Brooklyn zwischen Kunstgalerien, Bars, Armut und Szenekneipen hat er sich damit seine eigene berufliche Lücke geschaffen. Seine Ziehkinder Henry und Kerasha unterstützen Shecky bei seinem Tun und Treiben.

Henry hat ein Problem, seine Gewalttätigkeit zu kontrollieren. Kerasha ist heroinabhängig beziehungsweise gerade auf Entzug. Höchst widerwillig befindet sie sich in Therapie, um die Traumata ihrer Vergangenheit und Herkunft aufzuarbeiten. Und dann ist da noch Emil, ein aufstrebender Künstler, den Henry auf einer Vernissage kennenlernt und der etwas in Henry anrührt. Er will ihn als Boten in das Geldwäschesystem seines Ziehonkels einführen – doch schon nach kurzer Zeit ist Emil tot.

Nachtarbeiter unter Druck

Brian Selfon - Nachtarbeiter (Cover)

Von dieser Tat ausgehend beginnt Brian Selfon seinen Roman, der immer wieder in Zeitsprüngen vor oder zurück von den Hintergründen zum Tod Emils erzählt. Die Nachtarbeit von Shecky steht eh schon unter keinem guten Stern, da immer wieder Konten gesperrt sind und stets das gleiche Auto vor seinem Haus parkt. Es scheint, als hätte jemand das florierende System ins Visier genommen – und jetzt ist auch noch ein Bote tot. Da stellt sich die Frage, wer Shecky ans Leder möchte.

Brian Selfon hat einen Roman geschrieben, der sich auch aus dessen eigener beruflicher Vergangenheit speist. So ist er selbst in der Strafjustiz tätig und war als Ermittlungsanalytiker für das Büro des Bezirksstaatsanwalts in Brooklyn tätig. Dass er sich mit den dunklen Seiten des New Yorker Stadtteils auskennt, das zeigt Nachtarbeiter eindrücklich. Denn ihm gelingt ein Krimi Noir, der sowohl durch sein vielschichtiges Bild der Halbwelt als auch durch den Blick auf seine Figuren überzeugen kann.

Sprünge in der Zeit und der Perspektive

Immer wieder wechselt Selfon die Perspektive, erzählt aus Sicht von Shecky, Kerasha oder Henry, zeichnet ihre Abhängigkeiten und Abgründe nach. Er springt zeitlich hin- und her, zeigt die Verstrickungen der Figuren in ihre eigene Vergangenheit und schildert das alles in einer derben, direkten und schnörkellosen Sprache (Übersetzung durch Sabine Längsfeld).

Man muss genau am Ball bleiben, um die Hintergründe zum Mord an Emil und die mannigfaltigen Probleme der Nachtarbeiter*innen geordnet zu bekommen. Denn neben den drei flirrenden und ambivalenten Figuren gibt es auch noch eine Ermittlerin namens Zera Montenegro, die noch einmal ganz eigene Verbindungen zu dem Fall hat und die langsam in die Handlung eingebunden wird.

Fazit

Wer klassisch erzählte Krimis mit übersichtlichem Personaltableau, klarem Fall und Motiv sowie eine wohlstrukturierte Tätersuche schätzt, der sollte die Finger von Nachtarbeiter lassen. Vielmehr ist das Buch die komplexe Schilderung einer schwierigen Familie, in der das Misstrauen mindestens ebenso groß ist wie der Zusammenhalt. Das Buch ist in manchen Passagen geradezu ein Wimmelbild des nächtlichen Brooklyns, erzählt von halbseidenen Gestalten, Psychotherapiesitzungen und problembeladenen Hauptfiguren. Das ist manchmal unübersichtlich, dann wieder mitreißend und erinnert in seinen besten Momenten an die Erzählungen von Peter Temple oder James Ellroy.

Es ist ein spannender Debütant, den uns Goya hier im ersten Belletristikprogramm präsentiert. Neben dem Noir von Brian Selfon gibt es ansonsten hier noch Erzählungen aus Kanada, Irland oder der deutschen Provinz zu entdecken. Man darf gespannt sein, was hier noch so alles zu erwarten ist!


  • Brian Selfon – Nachtarbeiter
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Längsfeld
  • ISBN 978-3-8337-4425-9 (Goya)
  • 368 Seiten. Preis: 22,00 €

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Arne Dahl – Null gleich eins

Ist es wirklich der letzte Teil der Reihe? In Null gleich eins gibt Arne Dahl dem Affen richtig Zucker und lässt das Ermittlerduo Berger/Blom und die Polizistin Desiré „Deer“ Rosenkvist auf den Spuren eines gerissenen Serientäters noch einmal zu Hochform auflaufen. Ein komplexer Thriller, zwar hanebüchen, aber durchaus spannend und besonders für alle Fans der Serie Die Brücke ein echter Leckerbissen.


Viermal durften Sam Berger und Molly Blom bislang ermitteln. Ein Kind haben die beiden inzwischen, dafür hat im letzten Fall (Vier durch vier) die den Privatermittlern verbundene Polizistin Deer Rosenkvist beide Beine verloren.

Ein Mörder in den Schären

Arne Dahl - Null gleich eins (Cover)

Zwar wurde sie operiert, der Genesungsprozess zieht sich allerdings hin. Und auch wenn sie noch etwas gehandicapt ist, hat Deers Spürsinn nicht gelitten. Sie kommt einer ganzen Reihe von Toten auf die Spur, die immer am 5. des Monats an einem Tatort in den Schären aufgefunden werden. Doch ihre Ermittlungen werden von ihrem Vorgesetzten unterbunden, woraufhin sie sich verzweifelt an Berger und Blom wendet, denn der nächste 5. Tag im Monat naht mit großen Schritten. Und während Deer für ihren Vorgesetzten nun im Fall eines mit einer Axt ermordeten Ex-Mitglied der Hells Angels ermitteln muss, verzweifeln auch Berger und Blog am gerissenen Mörder:

Sie jagten einen Mann, der aus unerklärlichen Gründen an jedem Fünften eines Monats einen nicht identifizierbaren Menschen ermordete und die Leichen an Stränden ablegte, die alle ähnliche Parameter erfüllten. Er tötete sie an einem anderen Ort – aller Wahrscheinlichkeit nach an immer demselben – und transportierte sie dann in einem Wagen und einem Schlauchboot an den jeweiligen Fundort. Es sprach einiges dafür, dass er immer denselben Wagen verwendete und lediglich die Kennzeichen austauschte. Leider wurde es immer unwahrscheinlicher, diesen Wagen zu finden.

(Arne Dahl – Null gleich eins, S. 133)

Das Streben nach dem ewigen Leben

Die Leichen nicht zu identifizieren, der Mörder, der ein Spiel mit falschen Fährten treibt und ein Geheimnis aus der Vergangenheit, das alle Morde doch miteinander verbindet. Aus diesen Grundzutaten strickt Arne Dahl seinen komplexen Plot, der Fans der Serie Die Brücke oder ähnlicher vielschichtigen skandinavischen Krimikost mehr als zufriedenstellen dürfte. Nach Themen wie Menschenhandel oder globaler Sicherheitspolitik ist es diesmal das Thema des Alterns und des ewigen Lebens, das die Grundlage von Null gleich eins bildet.

Vieles in diesem Buch ist Zufall, nicht plausibel hergeleitet, unwahrscheinlich oder gnadenlos überzogen. So ist es etwa ein Banker, der Deer noch Gefälligkeiten schuldet, der dann gleich in die Geschäftsbücher gut abgeschirmter sogenannter LLC-Firmen in Delaware blicken kann, woraufhin die Spur wieder nach Schweden führt. Dort hat die Firma eine Immobilie angemietet, in die Deer dann einbricht, wo sie kurz vor der Entdeckung durch einen Mann steht, der dann aber gleich wieder selber ermordet wird. Das ist natürlich alles in seiner Kausalität furchtbar an den Haaren herbeigezogen – genauso wie die Tatsache, dass Berger und Blom als Zivilisten im Polizeipräsidium Befragungen durchführen dürfen, weil es eine Ausnahme im Gesetzbuch plötzlich erlaubt, wenn es dem Plot dienlich ist. Und doch ist das Buch aufgrund seines schnellen Takts hochspannend, springt zwischen den Ermittlern und dem Mörder hin und gibt ab der ersten Seite ständig Gas und beschleunigt.

Fazit

Wer Krimis vor allem für ihren Realitätsgehalt schätzt und Logiklöcher großzügig umfährt, der wird hier sicher nicht glücklich. Für alle andere Skandinavien-Affine und Arne Dahl-Fans im Speziellen ist Null gleich eins aber ein echter Pageturner, bei dem am Ende die Frage bleibt, ob es das nun wirklich war mit der Reihe um Berger, Blom und Rosenkvist. Oder kommt da etwa doch noch etwas? Ich wäre weiterhin dabei.


  • Arne Dahl – Null gleich Eins
  • Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
  • ISBN 978-3-492-05929-9 (Piper)
  • 464 Seiten. Preis: 17,00 €
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