Category Archives: Kriminalroman

Pascal Engmann – Der Patriot

Was, wenn aus Worten Taten werden? Wenn die Lügenpresse-Rufe plötzlich zu Konsequenzen führen? Das spielt der Journalist Pascal Engmann in seinem Debüt Der Patriot durch.

Angesiedelt ist sein Roman in einem Schweden der Jetztzeit, das deckungsgleich mit den herrschenden Verhältnissen erscheint. Stefan Lövfen ist der Ministerpräsident Schwedens. In der Opposition treiben die Schwedendemokraten, eine Art schwedischer AfD die Regierung vor sich her. Großes diskursbestimmendes Thema ist die Einwanderungsthematik, die die Menschen beschäftigt. Das Klima ist aufgeheizt – da wird eine Zeitungskolumnistin in ihrem Zuhause ermordet.

In ihren Meinungsbeiträgen äußerte sie sich asylfreundlich und warb für Verständnis und Toleranz. In dem erhitzten gesellschaftlichen Klima machte sie sich damit auch Feinde. Jede Menge Feinde. Doch wer wollte die Journalistin tot sehen?

Schweden rückt nach Rechts

Aus der Identität des Mörders macht Pascal Engmann keinen Hehl. Schon auf den ersten Seiten wird erklärt, wer hinter dem tödlichen Anschlag auf die Journalistin steckt. Und auch in der Folge erzählt der schwedische Autor immer wieder gleich aus der Tätersicht, so dass das Rätselraten in diesem Roman entfällt. Das Spannungsmoment in Der Patriot generiert sich eher aus der Frage, welche Opfer sich der Täter als nächstes sucht. Zudem ist das Interessanteste die Frage, wie das Klima in der Gesellschaft im Lauf der Geschichte verändert, beziehungsweise, wie leicht ein Rechtsruck in der Gesellschaft geschehen kann.

Doch jeder Schurke bedingt natürlich eines Gegenspielers, und so führt Engmann August Novak ein, der früher in Schweden lebte. Heute ist er in Chile untergetaucht und versieht für einen russischen Gangster seinen Dienst. Doch nach einigen Geschehnissen in Chile verschlägt es ihn wieder in seine alte Heimat. Er wird in die Geschehnisse um die „Patrioten“ gezogen, die weiterhin Jagd auf die Vertreter der „Lügenpresse“ machen.

Die Figur des August Novak ist ein gutes Beispiel für das, woran der Roman etwas krankt. Denn die Figuren, die den Krimi bevölkern, sind mir zu wenig ausgestaltet und besitzen keinerlei Tiefe und wenig Glaubwürdigkeit. So hat August Novak in Chile eine schwangere Geliebte, die dann grausam ermordet wird. Wenige Tage später, nach seiner Rückkehr, ist er dann schon wieder in tiefer Liebe zu seiner Exfreundin entbrannt, die er über zehn Jahre nicht gesehen hat. Die schwangere Geliebte ist kein Thema mehr. Bei einer glaubwürdig gestalteten Figur erwarte ich da schon etwas mehr innere Widersprüche und Komplexität.

Auch die anderen Figuren sind nicht wirklich rund, bzw. eher Funktionsträger als wirklich lebensnahe Figuren. So ist es die junge und skrupellose Zeitungsjournalistin, die sich nach oben schläft. Die „Patrioten“ im Roman sind verblendete Rassisten, deren Motivation für mich nicht wirklich schlüssig erklärt wird. Das Personal ist wirklich nicht die Stärke dieses Buchs.

Ein Journalist schreibt einen Thriller

Zudem krankt der Plot ab und zu an einer gewissen Thesenhaftigkeit. Dass Pascal Engmann Journalist war, das merkt man dem Text im Guten wie im Schlechten an. In guten Momenten erinnert das Debüt an seinen schwedischen Landsmann Joakim Zander, in schlechten Momenten verliert sich Engmann dann in Inneneinsichten von Zeitungsredaktionen und Blattmachern. Auch verliert sich das Finale in einem zeitweise recht peinlichen Stirb-Langsam-Getöse, das deutlich über das Ziel hinausschießt.

Dabei liest sich Engmanns Geschichte selbst schon wie ein Krimi. So schrieb Engmann für die Zeitung Expressen. Nachdem massive Drohungen gegen ihn und Kolleg*innen geäußert wurden, zog sich Engmann aus diesem Beruf zurück. Ergebnis der Emigration von seinem Brotberuf ist dieser Roman, der ja durchaus sehr hellsichtig ist.

Dies macht dann auch die Qualität aus, die über die Makel in der Figurenanlage auch ein Stück weit hinwegsehen lässt. Hier schreibt ein Autor ganz eng entlang der Realität. Stets hat man während der Lektüre den Eindruck, dass ein Eintreten des Plots durchaus im Rahmen des Möglichen liegt.

Zwar beschränkt sich bei uns die Agitation gegen die vermeintliche Lügenpresse auf Brüller vom rechten Rand und das Pöblen in den sozialen Netzwerken. Ein Umschwung im gesellschaftlichen Klima liegt aber durchaus im Rahmen des Möglichen. Vor allem, da sich die Presse als Vierte Säule der Macht ja ständigen Angriffen sogar von höchsten Stellen ausgesetzt sieht. So führen permanente Betitelungen als fake news langfristig zu einem Klima, das ich auf keinen Fall möchte. Wie dieses Klima aussieht, davon gibt Der Patriot eindrucksvoll Zeugnis. Insofern ein wirklich lesenswertes Buch mit Schwächen – doch aufgrund seiner Aktualität dann wieder empfohlen!


Diesen Beitrag teilen

Louise Penny – Hinter den drei Kiefern

Mit ihrem Chief Superintendent Gamache widmet sich Louise Penny einer auf dem deutschen Buchmarkt etwas unterrepräsentierten Region: dem kanadischen Süden, genauer gesagt, der Region Québec. Dort spielt ihre Reihe um den Leiter der Sûreté du Québe (übersetzt von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck).

Leider ist Hinter den drei Kiefern nicht der erste Band der Gamache-Reihe. Dieser erste Fall heißt Das Dorf in den roten Wäldern und erscheint nun im Februar bei Kampa. Diese Publikationschronologie stellte sich für mich als etwas unglücklich heraus, da durch den Einstieg mitten in der Serie die Bezüge unklar sind. So gerät die Einführung des titelgebenden Dorfes Three Pines und all seiner Bewohner etwas ruckelig. Es braucht seine Zeit, bis man sich im französischen Dorf gleich hinter der frankokanadisch-amerikanischen Grenze einfindet.

Als erzählerischer Rahmen dient Louise Penny eine Gerichtsverhandlung im sommerlich-stickigen Montreal. Dort sitzt Chief Superintendent Gamache im Zeugenstand eines Mordprozesses. Der Staatsanwalt nimmt den Ermittler kräftig in die Zange und so erfahren wir als Leser in Rückblenden, was sich im Dörfchen Three Pines zugetragen hat. Ausgangspunkt dabei ist eine Halloween-Feier, die das ganze Dorf Kopf stehen lässt.

Ein Cobrador de frac in Three Pines

Denn plötzlich steht auf dem Dorfanger eine mysteriöse Gestalt mit Maske und schwarzem Cape. Auch am nächsten Tag steht diese noch auf dem Hügel. Und dem übernächsten. Allmählich wird den Dorfbewohnern doch mulmig, denn es scheint, als hätte sich ein echter Cobrador de frac in Three Pines niedergelassen. Ein Schuldeneintreiber, der Menschen besucht, die Schuld auf sich geladen haben, und sie durch seine bloße Anwesenheit beschämt, ehe sie ihre Schulden zugegeben und beglichen haben. Im Dorf greift Unruhe um sich. Wer hat so schwere Schule auf sich geladen, dass ein leibhaftiger Cobrador de frac Three Pines besucht?

Nach der eingangs erwähnten holprigen Einführung in den Prozess, die Geschehnisse an jenem Halloween-Abend und die Dorfgemeinschaft nimmt Hinter den drei Kiefern dann Fahrt auf. Mit ein bisschen zu viel an Geraune und Andeutungen macht Louise Penny den Leser*innen schnell klar, dass etwas Schlimmes im Dorf geschehen sein muss.

Trotz der Überakzentuierung des Foreshadowing entfaltet der Krimi gut seine turbulente Handlung, die durch die Rückblenden einen stimmigen Rhythmus besitzt. Louise Penny weiß zu erzählen und dreht mit Fortschreiten des Buchs das Ganze von einem vermeintlichen cozy Krimi hin zu einem Thriller. Ohne zu viel verraten zu wollen: in Three Pines geht es dann doch erstaunlich bleihaltig zu.

Guter Krimi mit kleinen Abstrichen

Auch wenn es für mich Sätze wie diesen nicht gebraucht hätte „Ich werde die Frage zulassen. In der Verhandlung geht es um Tatsachen, aber Empfindungen sind auch Tatsachen“ (S.60) (nein, sind sie mitnichten), ich auf das viele detailliert geschilderte Essen verzichten könnte und ein bisschen weniger Geraune goutiert hätte: Insgesamt ist Hinter den drei Kiefern ein wirklich prima Krimi mit einem sympathischen Städtchen, das der eigentliche Hauptdarsteller ist.

Zwar wäre es in meinen Augen einfacher gewesen, man hätte die Reihe chronologisch begonnen. Aber auch für sich alleine genommen kann Louise Pennys Buch gut bestehen. Und alle, die Gamache von Anfang an kennenlernen wollen, die können dann ja bis Februar warten. Dann bekommen sie auch die Erklärung dafür, wie es Gamache nach Three Pines verschlagen hat.


Weiter Besprechungen des Titels finden sich hier: Constanze Matthes hat das Buch auf ihrem Blog Zeichen und Zeiten besprochen. Genauso sind auch andere Blogger*innen verfahren. So sei an dieser Stelle noch auf die Besprechung von Nana verwiesen. Und auch Die Tipperin hat sich des Buchs angenommen.

Diesen Beitrag teilen

George Pelecanos – Das dunkle Herz der Stadt

Das Verhalten des Hardboiled Detective entspricht einem an Kraft und Härte orientierten Männlichkeitsideal. Er ist üblicherweise Kettenraucher und schätzt hochprozentige Getränke. Sein Verhältnis zum anderen Geschlecht ist komplex oder ambivalent. Er ist an Frauenbekanntschaften und sexuellen Abenteuern interessiert, zeigt jedoch meist eine frauenfeindliche Einstellung. Soweit es die klassischen gebrochenen Romanfiguren der 1930er bis 1950er Jahre betrifft, ist in jüngster Zeit zu diesen archetypischen Charaktereigenschaften allerdings ein differenzierteres Bild gezeichnet worden.

Wikipedia zum Thema Hardboiled Detective

Diese Definition des klassischen Hardboiled-Detektivs könnte man wie eine Blaupause über George Pelecanos‚ Roman Das dunkle Herz der Stadt (Deutsch von Karen Witthuhn) legen. Denn sein Krimi ist (wieder einmal) eine Hommage ans Hardboiled-Genre und an Washington.

Dort ist seine Erzählung angesiedelt, in deren Mittelpunkt der Gelegenheitsdetektiv und Barkeeper Nick Stefanos steht. Dieser ist nach Betriebsende selbst der beste Kunde seiner Bar. Mit einem schweren Alkohlproblem ausgestattet schlägt er sich durch sein Leben und kippt Bier auf Bier, Shot auf Shot.

Auch an jenem Abend, mit dem der Roman beginnt, ist dies der Fall.  Nach einer ausgiebigen Zechtour will er eigentlich nur ausruhen und sucht deshalb das abgelegene Ufer des Anacostia Rivers auf, der durch Washington fließt. Dort ist er Ohrenzeuge, wie ein junger Mann von zwei Tätern erschossen wird.

Die Polizei sieht keinen Grund für ausgedehnte Ermittlungen, für sie ist der Fall klar. Da der Erschossene Schwarzer war, ist das Motiv für den Mord im Bandenmilieu zu suchen. Doch an diese einfache Erklärung mag Stefanos nicht glauben und beginnt selbst zu ermitteln.

Hardboiled Washington

Dies ist die erzählerische Grundidee hinter Das dunkle Herz der Stadt. Es ist ein ganz solider Hardboiled-Krimi geworden, der alle Konventionen des Genres berücksichtigt. So wird aus der Ich-Perspektive geschildert, wie sich Stefanos durch die Spelunken der Stadt säuft, seine Polizeikontakte akquiriert und ein bisschen ermittelt. Natürlich darf auch die obligatorische Ballerei nicht fehlen – wäre ja schade drum. Hardboiled ist eben Hardboiled.

Aus persönlicher Sicht gab es nur ein Manko  – ich wurde mit der Figur des Nick Stefanos nicht warm. Seine dauernde Trinkerei und sein Weltbild stießen mich ab. Denn was bei einem guten Hardboiled-Krimi cool und draufgängerisch wirkt, las sich im vorliegenden Falle eher armselig.

Besonders das obligatorische Frauenbild, das sich durch Stefanos ermittelt, stieß mir sauer auf. Natürlich ist eine gewisse Misogynie meist Teil des klassischen Hardboiled- aber muss das heute immer noch so perpetuiert werden? Das Glück wird hier mit einem Frauenhintern verglichen, den man natürlich ergreifen muss. Handlungsentscheidend ist keine einzige Frau, sie sind alle nur Sidekicks oder stehen etwas unmotiviert in der Handlung herum (dass Stefanos seine Freundin dann auch konsequenzerweise betrügt muss hier nicht genauer ausgeführt werden).

#Metoo mag zwar einiges an Aufmerksamkeit generiert haben – bis zu Nick Stefanos sind die Erkenntnisse aber noch nicht durchgedrungen. Sein Frauenbild ist stark in den 50er verhaftet und las sich für mich wirklich altbacken und anstrengend. Dies verleidete mir den ganzen Krimi, der ansonsten eine schöne Hommage an den klassischen Hardboiled geworden wäre.

Wo ist Margaret Stokowski, wenn man sie mal braucht?

So ist George Pelecanos Das dunkle Herz der Stadt ein Krimi mit Helden, dem man gerne vor seinem nächsten Einsatz ein Abendessen mit Margaret Stokowski oder Sophie Passmann wünschen würde. Auf dass sie ihm da ein bisschen was erklären und zurechtrücken. Wenn Stefanos Weltbild dann ein bisschen moderner geworden ist, könnte ich mir eine neue Chance für ihn vorstellen. Aber auch erst dann.

Etwas merkwürdig ist auch die Veröffentlichungspolitik des Ars-Vivendi-Verlags. So ist Das dunkle Herz der Stadt (bzw. im Original deutlich treffender Down By the River Where the Dead Men Go) der Abschluss der Nick-Stefanos-Trilogie. Ursprünglich erschien der erste Band 1992, der zweite folgte 1993. Zwei Jahre später kam es dann zum Abschluss. Über die Gründe, warum man nun 23 Jahre später etwas zusammenhangslos nur Band 3 publiziert, anstatt die Trilogie chronologisch zu veröffentlichen, kann nur spekuliert werden (Rechte? Qualität?). So oder so – ein Roman, dem man sein Alter in puncto Weltsicht durchaus anmerkt. Zu hoffen ist, dass der bald erscheinende Roman Prisoners da etwas mehr auf der Höhe der Zeit ist!

Diesen Beitrag teilen

Thomas Mullen – Darktown

Von den schwierigen Anfängen der ersten schwarzen Polizisten in Atlanta in den 40er Jahren erzählt Thomas Mullen in Darktown (Übersetzung von Berni Mayer). Diese wollen ein Mord aufklären und sehen sich mit ubiquitärem Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert.

Dabei war der Dienstbeginn der acht Männer in den Straßen Atlantas noch von so viel Aufmerksamkeit und Hoffnung begleitet worden. Auf Druck von Politik und schwarzer Bevölkerung hin wurden nämlich Freiwillige ausgewählt, um die bisher strikt weiße Polizei unterstützen sollten.

Doch die Befugnisse und Einsatzgebiete der acht Männer waren enorm beschnitten. Diese durften lediglich im als Darktown bezeichneten Stadtviertel, in dem die schwarze Bevölkerung wohnte, Streife gehen. So etwas wie ein Einsatzfahrzeug besaßen sie nicht, die Druckkosten für ihre Visitenkarten mussten sie aus eigener Tasche begleichen und Verhaftungen durchführen durften sie gleich zweimal nicht. Stattdessen mussten sie nach der Verhaftung oder der Feststellung einer Straftat zunächst einmal ihre weißen Kollegen rufen, die ihre Kollegen aus Darktown gängelten und schikanierten, wo es nur ging.

Angesichts dieser Widrigkeiten und Hindernisse brauchte es schon besondere Widerstandsfähigkeit der acht Männer, die sich zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung aufrieben. Thomas Mullens Roman konzentriert sich auf einen der acht, der in den Mittelpunkt des Buches gerückt wird: sein Name ist Lucius Boggs, Sohn eines einflussreichen Predigers und mit einem hartnäckigem Gerechtigkeitssinn gesegnet. Dieser versieht mit seinem Partner Smith den Patrouillendienst in den Straßen von Darktown.

Auf Streife in Darktown

Schon auf den ersten Seiten stoßen die beiden auf einen Betrunkenen, der mit seinem Fahrstil die öffentliche Sicherheit gefährdet. Auf dem Beifahrersitz ein verängstigtes farbiges Mädchen. Doch eine Verhaftung des Betrunkenen scheitert, da sich die herbeigerufenen „richtigen“ Polizisten weigern, eine Verkehrskontrolle durchzuführen und den Betrunkenen weiterfahren lassen. So sieht Polizeiarbeit 1948 in Atlanta aus.

Als die schwarzen Polizisten später die Leiche jenes Mädchens vom Beifahrersitz des Betrunkenen finden, beginnt Boggs, Ermittlungen anzustellen, obwohl ihm das natürlich strengstens untersagt ist. Doch seine Ohnmacht bei der Verkehrskontrolle in jener Nacht lässt ihn nicht ruhen. Die Scharte soll ausgewetzt werden – der jungen Frau soll Gerechtigkeit widerfahren.

Rassismus allenorten

Unterstützung erhält er dabei von ungewöhnlicher Seite. Die zweite Hauptfigur, die zum Kontrapunkt Boggs wird, ist der weiße Ermittler Denny „Rake“ Rakestraw. Dieser entfremdet sich zusehends von seinem rassistischen Polizeipartner Dunlow und mischt ebenfalls in den Ermittlungen Boggs mit. So gehen beide Stück für Stück ihren Spuren nach. Und das praktisch gegen den Willen des gesamten Polizeiapparats.

Über diese Ermittlungen und die Spurensuche der Männer schafft es Mullen gut, die damaligen Umstände zu skizzieren. Der omnipräsente Rassismus, egal ob bei Zivilbevölkerung oder im Polizeiapparat, wird von Mullen gut eingefangen. Die Ausgrenzung der schwarzen Gemeinde und die teilweise Unterwanderung der Polizei durch den Ku-Klux-Klan – Darktown gelingt es, die Zustände nachvollziehbar zu vermitteln.

In diesen Schilderungen der historischen Gegebenheiten ist der Roman wirklich stark. Der Kriminalfall hingegen fällt im Vergleich zu den historischen Begebenheiten stark ab. Er ist konventionell gestaltet und erinnert in seiner Schema-Haftigkeit an durchschnittliche TV-Krimis, allen voran den Tatort. Das Auffinden der Leiche, die Befragung der Verdächtigen, die falschen Fährten, die Stellung des Täters zur rechten Zeit – das ist alles etwas erwartbar und für meine Begriffe altbacken und abgenutzt.

Leichte Abstriche in puncto Stil

Leichte Defizite weist der Roman auch auf stilistischer Ebene auf.

Chandler und Hammett. Brillante Leute. Sie schreiben über Detektive und Polizisten, vielleicht findest du da ein Stück Wahrheit. Ihre Helden sind gute Männer, die erkennen, dass ihr Umfeld viel finsterer ist, als ihnen bewusst war. Große Verschwörungen kündigen sich an. Aber dann schau ich dich an, Officer Lucius, und kann mir keinen finstereren Ort für dich vorstellen. Du bist nicht der Schnüffler, der zu seinem Schrecken feststellt, dass seine Welt korrupt ist, denn das weißt du längst. Das Böse schlägt einem hier förmlich ins Gesicht, es gibt kein Geheimnis dabei. Es sonnt sich vor unseren Augen und fällt über dich her, sobald du dich ihm näherst.“

Mullen, Thomas: Darktown, 285

Hier sieht man schön Stärken und Schwächen von Mullens Roman: Die unverstellten Referenzen an die Paten des Romans, Dashiell Hammett und Raymond Chandler (deren Hardboiled-Welt der Roman ganz gut paraphrasiert) und die Übertragung auf die Lebenserfahrung in Darktown (mit der Doppelspiegelung von Noir-Roman und Noir-Welt) geht einher mit stilistischer Ungelenkheit. Die Metaphernüberfrachtung hier fällt wirklich auf. Das Böse, das einem ins Gesicht schlägt, das sich sonnt und dann auch noch über einen herfällt – drei Metaphern, nicht wirklich kohärent, innerhalb von zwei Sätzen. Manchmal wäre hier weniger dann doch wieder mehr.

Langsam stand er auf. Er war immer noch gefesselt, wollte sie aber nicht um einen Gefallen bitten. Jesus, tat sein Finger weh.

Mullen, Thomas: Darktown, S. 347

Zwar mag hier der Einwurf Jesus im englischen Original ganz passend sein, im Deutschen ist es dann doch eher ungeläufig. Man hätte erwägen können, ob ein „Herr im Himmel“ oder „Herrgott“ nicht hier im Deutschen treffender gewesen wäre. Aber solche stilistischen Holprigkeiten seien angesichts der geringen Menge, mit der sie sich gegen den gesamten Textkorpus ausnehmen, gerne verziehen.

Es sind keine großen gravierenden Mängel, die ich hier feststelle, aber für kleiner Abzüge in der B-Note des Romans sorgen sie dann doch.

Große Fußstapfen

Natürlich steht Darktown auch in einer Reihe mit Genrevorbildern, deren Vergleich sich das Buch stellen muss. Allen voran kommt mir der mit Sidney Portier verfilmte Roman In der Hitze der Nacht von John Ball in den Sinn, der einst ebenfalls bei Dumont in der (leider schon lange eingestellten) Reihe der Dumonts Kriminalbibliothek erschien. Dieser Roman verhandelt den Rassismus innerhalb der Südstaaten auf der Folie eines Krimis meisterhaft. Jene Qualität von Balls Buch erreicht das Buch in meinen Augen nicht.

Auch nuanciertere Auseinandersetzungen mit Rassismus, wie sie etwa zuletzt Leonard Pitts jr. in Grant Park gelungen ist, schafft Mullen nicht in einer ähnlichen Qualität. Dafür ist das Buch etwas zu konventionell gestaltet und hätte ein wenig mehr an Zwischentönen bedurft.

Die größte Stärke des Buchs ist die Darstellung der damaligen Umstände und der gesellschaftlichen Situation. Diese Informationen fließen unangestrengt nebenbei in die Handlung ein und machen so dann aus einem durchschnittlichen Krimi einen besonderer historischen Roman. Nicht das beste Buch, das dieses Jahr zum Thema Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft erschienen ist. Aber ein eindringliches und sehr gut recherchiertes Buch, was auch Mullens Dankesworte im Appendix des Buchs zeigen.

Eine weitere Besprechung des Buches ist bei FAZ online erschienen. Die Rezension findet sich hier. Zudem hat sich auch Iris vom Schurkenblog des Buchs angenommen. Zu welchem Urteil sie kommt, das verrät ihr Beitrag.


Diesen Beitrag teilen

Simone Buchholz – Mexikoring

Schon mal von Mhallamiye gehört? Höchstwahrscheinlich nicht, genauso wie die Staatsanwältin Chastity Riley aus Hamburg. Doch bekommt sie es bei ihrem mittlerweile neunten Einsatz genau mit diesen Mhallamiye zu tun.

Des Rätsels Lösung lautet im Übrigen: eine Volksgruppe aus dem Gebiet zwischen südlicher Türkei und dem Nordosten Syriens. Dort nutzte man den Stamm der Mhallamiye als Söldner, die eine Bastion gegen die christlichen Jesiden bilden sollten.

Wir reden also genau genommen weder von kriminellen Clans noch von Mafia-Familien, sondern von uralten Stammesstrukturen, die über Jahrhunderte dafür bezahlt worden sind, alles außerhalb ihrer Struktur als feindlich wahrzunehmen. Vielleicht möchte jemand mitschreiben?

Buchholz, Simone: Mexikoring, S. 38

Ein Junge aus diesem Mhallamiye-Stamm wird nun zum Fall von Chastity Riley. Denn Nouri Saroukhan aus dem gleichnamigen Clan wird eines Morgens von der Feuerwehr aus einem brennenden Auto am Mexikoring gezogen. Zwar brennen in Hamburg immer mal wieder Autos, aber ein Mensch im Inneren eines solchen brennenden Gefährts, das ist doch etwas Neues.

Von der Alster an die Elbe

Und so beginnt Chastity als verantwortliche Staatsanwältin mit der Routine. Die Polizei ermittelt, sie begleitet die Kollegen und versucht hinter den Fall zu kommen. Denn eigentlich herrscht der Saroukhan-Clan, zu dem auch Nouri gehört, in Bremen. Doch wie kommt der Clan-Sohn nun von der Alster an die Elbe? Steht möglicherweise sogar ein neuer  Clan-Krieg in der Unterwelt Hamburgs bevor?

Besser man ist da auf der Hut, wie das Chastity Riley in Mexikoring fast mustergültig vormacht. Denn abgesehen von Abstürzen in Hamburger und Bremener Kneipen geht Chastitys Team allen verwertbaren Spuren nach. In Hamburg werden die Tatortspuren untersucht, in Bremen auf den Busch geklopft. Chastity befragt den Saroukhan-Clan und taucht in deren schwierige Parallelstrukturen ein. Dabei gibt es an der privaten Front für die Staatsanwältin auch noch genügend Probleme.

Chastity Riley ist diese eine Staatsanwältin, für die das Adjektiv cool erfunden wurde. Als Ich-Erzählerin ist man ganz nah dran an den Gedanken und Sprüchen der Juristin. Man schnodderig, mal böse, mal lakonisch, mal genervt – Chastity Riley ist ein Charakter, der wunderbar zur Hardboiled-Gesamtstruktur des kriminalliterarischen Werks von Simone Buchholz passt.

Simone Buchholz – Beste!

Wie diese Frau schreiben kann, das ist mehr als bemerkenswert. Ich persönlich vertrete ja die These, dass es in der deutschen Kriminalliteratur momentan keine Autorin gibt, die einen klareren und prägnanteren Sound besitzt, als Simone Buchholz.

Wie diese dem Leser die Sätze um die Ohren haut, markante Dialoge von größter Coolness produziert und neben all dem sprachlichen Feuerwerk auch den Plot ihres Buchs nicht vergisst, das ist mindestens ganz oberste Bundesliga (Witze über Hamburg, St. Pauli und der Bundesliga möge jeder bitte selbst je nach Geschmack hier einfügen).

Das Buch ist von der Grundanlage her wunderbar durchkomponiert, mal ist Mexikoring eine Prise Romeo und Julia, mal eine Dosis 4 Blocks – immer aber einhundert Prozent Simone Buchholz. Großartige deutsche Kriminalliteratur, von der es auf diesem Niveau nicht allzu viel gibt!

Diesen Beitrag teilen