Category Archives: Kurzgeschichten

Don Winslow – The final score

Sag niemals nie – diese Wahrheit hat auch Don Winslow beherzigt. Denn statt weiter in schriftstellerischer Rente zu verharren, legt er mit The final score einen Sammlung von Kurzgeschichten vor, bei der er passenderweise gleich noch einen alten Helden aus frühen Karrieretagen reaktiviert.
Eine allzu hohe Wertung erreicht dieser finale Score allerdings nicht – ist aber doch zugleich auch sehr bemerkenswert.


Es war ein ambitioniertes Vorhaben, für das Don Winslow seine Karriere als erfolgreicher Thrillerautor vor vier Jahren an den Nagel hängte. Statt weiter Krimis zu schreiben, wollte er mit seinem Engagement auf dem Kurznachrichtendienst Twitter und der Anfertigung von kurzen Filmen die Wiederwahl Donald Trumps verhindern. Ein Vorhaben, das bekanntermaßen von wenig Erfolg gekrönt war – und auch Winslows Medium, der Kurznachrichtendienst Twitter, hat seither einen rasanten Niedergang hingelegt.

Nun erscheint nun mit The final score ein neues Buch von Don Winslow, das vom herausgebenden Harper Collins-Verlag als Thriller geführt wird. Es stellt unter Beweis, dass es mit der Ankündigung des Karriereendes nicht allzu weit her war.
Ein Thriller im klassischen Sinne ist das Buch allerdings nicht, vielmehr enthält das Werk sechs Kurzgeschichten, von denen eigentlich keine wirklich in die Gattung Thriller passt.

Don Winslows Rückkehr aus der Rente

Vielmehr sind manche der Erzählungen das Gegenteil eines Spannungsromans, etwa die Erzählung Die Sonntagsliste, die um einen jungen Mann kreist, der im Sommer des Jahres 1970 als Lieferant illegaler Spirituosen jobbt, um sich ein Studium zu finanzieren.
Sonntags herrschte im Bundesstaat Rhode Island zu jener Zeit nämlich ein eintägiges Alkoholkaufverbot, was der junge Mann in Winslows Erzählung zu nutzen weiß, um für einen Getränkelieferanten die am Tag des Herrn die illegale Auslieferung des Alkohols zu übernehmen, den er an die höchst unterschiedliche Kundschaft vertreibt.

Daneben gibt es Knast-Erzählungen wie die mit hundert Seiten längste Story Kollisionen am Ende des Buchs. Diese handelt von einem eigentlich unbescholtenen Familienvater, der er erst ins Gefängnis und dann in Abhängigkeit von einer Bande gerät.

Thematisch recht deckungsgleich die Erzählung Der Nordflügel, die ebenfalls von einem Verurteilten handelt, derm durch einen Deal seines Cousins ein schwereres Schicksal im Knast erspart werden soll, wofür sich dieser Cousin — ein Streifenpolizist — mit der Mafia einlässt.

Dazu gesellen sich noch die titelgebende Erzählung eines klassischen Heist-Coups um einen letzten Einbruch in ein Casino, eine Erzählung, die in reine Dialogform gegossen wurde und ein kurzes Wiedersehen mit dem surfenden Privatdetektiv Boone Daniels (Pacific Private), mit dem Winslow das Motiv der zu beschützenden höchst extenrischen damsel in distress aufgreift, die er schon im frühen Neal-Carey-Krimi A long walk up the waterslide behandelte und dann im Mittelteil seiner letzten Trilogie um den auf den Spuren der Aeneis wandelnden Mobster Danny Ryan erneut verwendete.

Bekannte Themen, kraftloses Erzählen

Hochspannung und temporeiche Verwicklungen gibt es kaum, vielmehr setzen die von der bewährten Winslow-Übersetzerin Conny Lösch ins Deutsche übertragenen Geschichten auf den typischen, schnell geschnittenen Erzählstil Winslows und umkreisen immer wieder das Thema von Gewalt, Familie und Mafia.

Sind Werke Don Winslows — von einigen erzählerischen Gurken abgesehen — in den letzten Jahren wirkliche Ereignisse gewesen, so wirkt beim erzählerischen Comeback des mittlerweile 73-jährigen Winslow alles seltsam saft- und kraftlos. Der finale Score ist erschütternd niedrig, um im Bild des Buchtitels zu bleiben.

Es mutet einigermaßen rätselhaft an, warum Winslow ausgerechnet mit einem Werk aus der Rente zurückkehren musste, das so wenig zu sagen hat. Dringlichkeit besitzt hier gar nichts.
Da nützt auch die seltsame Nobilitierung durch ein Vorwort des hierzulande kaum übersetzten und dementsprechend unbekannten Reed Farrel Coleman mit seinen Lobpreisungen oder das auf den Titel gedruckte Zitat Stephen Kings nichts.
Dessen Versicherung, dass das Buch das Beste sei, das er seit zwanzig Jahren gelesen gabe, lässt allenfalls Zweifel an der übrigen Lektüre Stephen Kings aufkommen. Was um Himmels Willen liest der Mann sonst so, wenn ihm in zwanzig Jahren kein besseres Buch als dieses untergekommen ist?

Dass das Buch nicht sonderlich gut lektoriert ist, sich deutliche Rechtschreibfehler wie Weinachten oder taugh im Text finden, passt ins Bild zu diesem ebenfalls mit wenig Mühe gestalteten Werk, das angefangen von der Covergestaltung bis hin zum Satz ein Gefühl von Lieblosigkeit verströmt.

Die bemerkenswerte Abwesenheit eines Themas

Das Ganze wäre an sich jetzt nicht sonderlich bemerkenswert. Das Muster eines Künstlers, der sein angekündigtes Karriereende revidiert, um unter großer Aufmerksamkeit ein bestenfalls mittelmäßiges Werk abzuliefern, gibt es in der Popkultur ja häufig.

Spannender wird der Fall, da im Falle von Winslows Geschichten gerade die Abwesenheit eines Themas besonders ins Auge sticht, nämlich die völlige Absenz von Gegenwartsbezug und Politik. So wirkt dieses auch im Original erst heuer erschienene Werk wie mit einem Dampfstrahler gereinigt von allen Spuren amerikanischer Gegenwart und Politikkritik, die Don Winslows Schreiben ja bislang auszeichnete.

Neben seinem digitalen Kampf gegen Donald Trump prangerte Winslow die Umtriebe des US-amerikanischen Präsidenten und die fatalen Auswirkungen des war on drugs auf die US-amerikanisch-mexikanische Grenzregion immer wieder in seinen Werken an, etwa im krimipreisgekrönte Epos Tage der Toten und den Nachfolgeromanen Das Kartell und Jahres des Jägers.

Kaum verhohlen hatten Personen wie Donald Trump der sein Schwiegersohn Jared Kushner neben Kartellbossen wie von Joaquín „El Chapo“ Guzmán in den Romanen ihre Auftritte und bekamen den literarischen Furor Winslows zu spüren.
Jetzt aber – dröhnendes Schweigen über die politische Gegenwart in den USA.

Don Winslow in einer Phase des Biedermeier?

Es scheint fast, als befände sich Don Winslow sich in einer Phase des Biedermeiers. Nostalgie und apolitische Mobster-Themen dominieren, und das in dem Jahr, in dem Donald Trump so unverhohlen wie noch nie in seiner Regierungszeit auf Recht und Ordnung pfeift, Machthaber aus anderen Ländern entführen lässt, illegale Bombenschläge auf Ländern anordnet oder diese gleich annektieren möchte, während auf den Straßen des Landes eine Prügeltruppe wie ICE schaltet und waltet und die Demokratie langsam errodiert.

Material für Kritik oder eine kriminalliterarische Aufarbeitung der Zustände wäre ja mehr als genug vorhanden – und mit seinem 2020 erschienenem Kurzgeschichtenband Broken stellte Don Winslow ja eindrücklich unter Beweis, dass er es kann. Sowohl in der langen wie auch in der kurzen Form ist er zu ebenso spannendem wie gesellschaftskritischen Erzählen in der Lage (man lese nur die ergreifende letzte Geschichte in Broken, die den Titel The last ride trägt. Darin erzählt er von einem Grenzschützer, der dem Unrecht in der Grenzregion nahe der mexikanischen Grenze zur Zeit des Trump’schen Mauerwahnsinns nicht länger zusehen kann und selbst die Initiative ergreift).

Nun aber nur zahnloses und unkritisches Erzählen, bei der kein Mächtiger kritisiert wird, kein Missstand in den Blick gerückt wird, allenfalls von Kämpfen im Knast erzählt wird, wie man es aus der Popkultur zur Genüge kennt.

Dröhnendes Schweigen zu den Zuständen in den USA

Mit diesem Schweigen über die Gegenwart in den USA und die rasanten Veränderungen, die die Regierung Donald Trumps bedeutet, ist Winslow nicht alleine, nur dröhnt dieses Schweigen angesichts seiner bisherigen Positionierung gegen Trump und Co., den er noch vor weniger als zwei Jahren einen Möchtegern-Diktator nannte, gegen der er in die Schlacht ziehen wollte, nun umso lauter.

Literarisch zeigt sich mit The final score das, was auch schon anderen Bereichen der USA von der Musikindustrie bis hin zum Hollywood dieser Tage zu beobachten ist. Stars scheuen eine kleine Positionierung und ein auf einer Preisverleihung getragener Anstecker gilt schon als größte Geste des Protests gegen die Zustände im Land. Man verzwergt sich lieber selbst, statt Shitstorms und Gegenwind in Kauf zu nehmen.

Nun fügt sich auch die Kunst Don Winslows in diese apolitische Starre der Künstler*innen ein, bei der eine klare Positionierung gegen das Wirken der Regierung gescheut wird, da aufgrund der Polarisierung des Landes auch künstlerisch kaum mehr eine Verständigung möglich ist und Sozialkritik zum gefährlichen Gegenstand geworden zu sein scheint.

Das ist symptomatisch für die Zeit und ist — wennauch vielleicht persönlich verständlich — in Bezug auf Don Winslows bisheriges Auftreten und Wirken in doppelter Hinsicht enttäuschend – sowohl was die Qualität seines Comebacks als auch sein fehlender Mut zu literarischer Kritik an den Zuständen seines Heimatlandes anbelangt.


  • Don Winslow – The final score
  • Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch
  • ISBN 978-3-365-01337-3
  • 335 Seiten. Preis: 24,00 €

Maria Messina – Sterne, die fallen

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, so heißt es in einem populären evangelischen Kirchenlied. Und auch viele der Figuren, die Maria Messinas Erzählungen Sterne, die fallen bevölkern, kennen das in ihnen ruhende Sehnen sehr gut. Die sizilianischen Autorin erkundet dieses Sehnen, indem sie von unglücklichen Verliebten, von Eltern und Kindern, von Auswanderern und Daheimgebliebenen erzählt. Mit einem Auge für Details besieht sie gescheiterte Lebensträume und das Glück, das sich einfach nicht einstellen will.


Die sizilianische Katherine Mansfield, so nannte sie ihr Wiederentdecker Leonardo Sciascia. Der italienische Autor setzte sich sehr für die Autorin ein, die zum Zeitpunkt von Sciascias Entdeckung völlig aus dem literarischen Bewusstsein Italiens verschwunden war. Ein Brand im Archiv hatte sein Übriges dazu getan, das Vergessen der 1887 in Palermo geborenen Autorin zu befördern, bei der lange Zeit noch nicht einmal ihr Sterbedatum feststand, wie das Nachwort von Messinas Roman Das Haus in der Gasse erklärte.

Seit den 1990er Jahren gibt es aber Bestrebungen, Messina diesem Vergessen zu entreißen – und auch der Verlag der Friedenauer Presse tut in Zusammenarbeit mit der Übersetzerin Christiane Pöhlmann sein Übriges dazu, die Wiederentdeckung Maria Messinas hierzulande zu befördern. Neben einer Publikation des bereits erwähnten Romans Das Haus in der Gasse erschien im vergangenen Jahr auch der Roman Eine Blume ohne Blüte, auf das nun die Kurzgeschichten in Sterne, die fallen folgen.

Diese Kurzgeschichten plausibilisieren den Vergleich mit Katherine Mansfield, da beide Schriftstellerin die Kunstfertigkeit in Sachen Erzählungen auf kleinem Raum eint.
Abermals von Christiane Pöhlmann aus dem Italienischen übersetzt bietet der Band sechzehn Erzählungen auf, bei denen es sich in einigen Fälle um deutsche, wenn nicht sogar weltweite Urübersetzungen handelt, die die erzählerische Kraft von Maria Messina unter Beweis stellen.

Figuren im Korsett gesellschaftlicher Konventionen und nicht gelebter Leben

Maria Messina - Sterne, die fallen (Cover)

Sie zeigen eine Autorin mit einem genauen Gespür für die Lebenswelten ihrer Figuren, die sich oftmals in ein Korsett von gesellschaftlichen Konventionen geschnürt sehen. Immer wieder umflort sie die Traurigkeit der nicht gelebten Leben, derer sie sich im Laufe der Geschichten so manches Mal bewusst werden, ohne dass es klar buchstabiert werden muss.  

Mal sehnt sich eine gesellschaftlich höhergestellte Signorina nach dem Leben, das ihr der Besuch einer Hochzeit zweier junger Leute verheißt, dem sie beiwohnt und doch ein Fremdkörper bleibt (Die Signorina). Mal verzehrt sich ein genesender Musiker nach einer Frau, die er in einem gegenüberliegenden Haus erspäht. Mit seinem Geigenspiel möchte er diese betören und für sich gewinnen, wovon Messina ungeheuer sinnlich zu erzählen weiß:

Im Dunkel griff er abermals zu seiner Geige. Abend für Abend ließ diese nun ihr Lied erklingen. Sie wandte sich einzig an die Unbekannte, die ihr im Dunkel am offenen Fenster lauschte.

Die warme Stimme der Geige floss über die verödete Piazza und stieg im Duft des Gewürzstrauchs hinauf zum besternten Himmel. Die langen, leidenschaftlichen Töne zitterten mit der Zartheit, welche sich in der romantischen Seele des Rekonvaleszenten, die während der Krankheit noch feinfühliger geworden war, fand. In diesen Tönen erzitterten die Freude über die Genesung ebenso wie die Wehmut der Stunde, die bange Hoffnung eines gesunden Jungen auf sein Morgen ebenso wie das traurige Sehnen nach den Dingen von gestern und die Glut eines grenzenlosen Verlangens, das keinen Namen besaß.

Maria Messina – Sterne, die fallen, S. 30

Sehnen und Sehnsucht allerorten

Da ist es wieder, das Sehnen und das Verlangen, das sich durch die Geschichten zieht. Dass sich die angebetete junge Frau sich als taub erweist, ist die bittere Pointe der Geschichte (Sandro und seine Geige), zu der sich viele weitere Erzählungen gesellen, die von Hoffnung, Glück und Enttäuschungen erzählen.

Mal geht es um Auswanderer, deren Pläne von einer Augenkrankheit durcheinandergewirbelt werden (La mèrica), mal um die Möglichkeit einer Ehe im fortgeschrittenen Alter, die sich dann aber motivgemäß als Schaum erweist (Bevor…). Und immer wieder die Sehnsucht, Enttäuschung und Melancholie, die die Erzählungen durchweht

Und so sah man sie tagtäglich. Am Ende jener Menge, die über den Corso flanierte, leuchtet in den schwarzen Wogen aus Umhängen und Mänteln das rote Kleid Liborias. Wie drückte Don Pepè es aus? Eine Stange Siegellack. Am Abend saßen sie wie eh und je auf der Bank vor dem verlassen daliegenden Park, verharrten reglos und sprachen kein einziges Wort. Nur die Bäume, die sanft wogten, schienen von traurigen Dingen zu flüstern.

Maria Messina – Sterne, die fallen, S. 180

Fazit

Die unterschiedlichen Stände, die Möglichkeiten der ungelebten Leben, all das scheint in Maria Messinas präzisen Erinnerungen auf, die sich auch in der Kurzform als eine wirkliche Entdeckung erweist. Mit leichten dialektonalen Einsprengsel fein von Christiane Pöhlmann übersetzt sind diese vielschichtigen Erzählungen eine echte Entdeckung, die einmal mehr den Wunsch verstärken, dass die Bewusstwerdung dieser literarischen Autodidaktin (ihr Vater, ein Schulinspektor, verweigerte Messina den Schulbesuch und damit jegliche literarische Bildung, wie die Übersetzerin in ihrem Nachwort ausführt) möge eine endgültig dauerhafte sein!


  • Maria Messina – Sterne, die fallen
  • Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann
  • ISBN 978-3-7518-8047-3 (Friedenauer Presse)
  • 236 Seiten. Preis: 24,00 €

Louise Kennedy – Das Ende der Welt ist eine Sackgasse

Gute Laune bescheren sie nicht unbedingt, die Kurzgeschichten von Louise Kennedy, die der Band mit dem Namen Das Ende der Welt ist eine Sackgasse versammelt. In Sackgassen finden sich viele von Kennedys Figuren wieder, Hoffnung und Zuversicht sind rar gesät. Es sind Geschichten, die einen Blick in ein Irland abseits von Grüner Insel-Romantik geben.


Vor zwei Jahren erschien mit Übertretung der fabelhafte Debütroman der irischen Autorin Louise Kennedy. Darin erzählte sie von mannigfaltigen Übertretungen, die das Leben der jungen Cushla Lavery kennzeichneten. Ihre Affäre mit einem deutlich älteren, protestantischen Anwalt und ihr Einsatz für einen Schüler weit über das übliche Engagement hinaus brachten der Lehrerin viele Probleme ein, was Louise Kennedy vor dem Hintergrund der irischen Troubles zur Hochzeit der 70er Jahre schilderte.

Schon damals war gute Laune nicht unbedingt das Motiv, das sich durch ihren Roman als erzählerisches Programm zog. Zumeist war die Lebenswelt von Kennedys Figuren grau, gewaltgesättigt und wenig hoffnungsstiftend. Ebenjenen tristen bis düsteren Realismus findet man nun auch in den Geschichten, die Das Ende der Welt ist eine Sackgasse versammelt.

Bonjour Tristesse

Louise Kennedy - Das Ende der Welt ist eine Sackgasse (Cover)

Fast immer gilt das Motto Bonjour Tristesse, wenn man mit Louise Kennedy in die kurzen Ausschnitte aus dem Leben ihrer Figuren hineinblickt. Da ist eine Frau in der titelgebenden Geschichte, die den Auftakt des Erzählungsbandes bildet. Von ihrem Mann verlassen sitzt die Frau auf Schulden und in der trostlosen Siedlung aus leerstehenden Häuser, wo sich nur mal der Esel eines benachbarten Bauern in eines der Musterhäuser verirrt. Eine trostlose Affäre mit diesem Bauern, Drogen, trostloser Sex – und dann wieder Bonjour Tristesse. Willkommen in der Welt von Kennedys Figuren.

Dominante und herrische Männer, deprimierte Frauen – und wenn eine Geschichte mal aus dem auf Irland zentrierten Schema ausbricht wie in der Erzählung Hinter Karthago, in der zwei Freundinnen eigentlich in einem warmen Ferienort wie Ägypten reisen wollten, dann aber nur in einer seelenlosen, grauen Betonbunkeranlage in Tunesien abseits der Saison landen, wo sich so gar nichts einstellen mag von der erhofften Exotik und Ablenkung. Stattdessen ruft der Besuch bei einer der beiden Frauen Erinnerungen an ihre Brustamputation wach und vereint die beiden Frauen in der Tristesse, von der sie sich trotz aller ostentativ zur Schau getragenen Lust auf Ablenkung und Urlaub nicht freimachen können

Auch Gewalt spielt eine Rolle, mal deutlicher etwa in der stark mit Farben arbeitenden Erzählung Im Gegenlicht, in der der Bruder einer Kosmetikerin im Zuge des Nordirlandkonflikts getötet wird, mal subtiler, als die Suche und der ausstehende Fund einer Leiche eine zentrale Bedeutung spielt (Schongebiet).

Weibliche Perspektiven

Mit ihren überwiegend aus weiblicher Perspektive geschilderten Geschichten liest sich Louise Kennedys Kurzgeschichtenband fast wie ein Gegenentwurf zu Zach Williams´ ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Kurzgeschichten, die allein um Männer kreisten.

Louise Kennedy hingegen erkundet jene Schattierungen von Weiblichkeit, die in der Literatur sonst eher ausgespart werden. Neben den Gewalterfahrungen sind es auch die Erfahrung von Untreue und Betrug, denen sich Kennedys Figuren immer wieder ausgesetzt sehen. Erlebte Abtreibungen, Vergewaltigungen oder der Rückzug von Männern aus der erzieherischen Verantwortung – am eindrucksvollsten mündet letzterer Aspekt in der Erzählung Brüchiges, in der Ciara an ihrer Rolle als Mutter des in seiner Entwicklung zurückgebliebenen Ferdia verzweifelt und dennoch zumindest die Fassade eines Familienidyll aufrecht erhalten will.

Junge Figuren wie der Cian, der mit seinen Händen bei Heilungen helfen soll oder die aus Nordirland stammende Róisín, deren Alltag durch die Ankunft eines neuen Paares aus England auf den Kopf gestellt wird (Belladonna), sie alle ergeben einen Erzählreigen, der auf die Brüche und Abgründe blickt, Irland Noir gewissermaßen.

Fazit

Genau beobachtet und eingefangen (so treffend wie konkret etwa die Wahl des Begriffs des Malzgeruchs, der die Atmosphäre eines ungelüfteten Schlafzimmers nach einer Nacht beschreibt) räumt Louise Kennedy in Das Ende der Welt ist eine Sackgasse all dem einen Platz ein, für das sich die romantisierende Literatur über Irland nicht immer interessiert. Drogen, lieblose Beziehungen, Konflikte mit Rollenerwartungen mit Platz auch für Abgründiges, gehalten in Moll, das kennzeichnet diese Geschichten, die die Erwartungen jener in eine Sackgasse führen dürfte, die „einfach mal etwas Schönes“ lesen wollen.

Alle anderen, die einen Blick auf sonst eher ausgesparte Themen werfen möchten, die weibliche Perspektiven und Literatur mit genauem und unbestechlichem Blick schätzen, die dürften wie schon mit Übertretung auch mit dem erneut von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser übersetzten Das Ende der Welt ist eine Sackgasse glücklich werden


  • Louise Kennedy – Das Ende der Welt ist eine Sackgasse
  • Deutsch von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
  • ISBN 978-3-96999-458-0 (Steidl)
  • 256 Seiten. Preis: 25,00 €

Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen

Menschen im Abwärtsstrudel, eine Zehe zu viel, seltsame Gestalten im Schrank oder der unerwartet komplizierte Kauf einer Mausefalle. In seinem Kurzgeschichtenband Es werden schöne Tage kommen präsentiert der US-amerikanische Autor Zach Williams ganz unterschiedliche Erzählungen, die im Tonfall mitunter realistisch, oft aber auch skurril und fast immer leicht neben die Realität gesetzt sind.


Mitunter fühlt man sich ein wenig wie einer Traumwelt, wenn man sich in die Geschichten von Zach Williams hineinbegibt. Mal umfassen sie über 50 Seiten, mal sind sie nur sieben Seiten kurz wie die von Gedichtzeilen des Kinderbuchautors Richard Scarry inspirierte Geschichte Der neue Zeh. Diese Geschichte erzählt von einem Vater, der an den Füßen seines Sohns eine zusätzliche Zehe ausmacht – und diese kurzerhand amputiert.

So ein neuer Zeh – wie ließ er sich erklären? Es war wichtig, da zu irgendeinem Verständnis zu gelangen. Schließlich würde ich es anderen sagen müssen – dem Kinderarzt, der Kita -, und dann würde man von mir verlangen, dass ich Rechenschaft über diesen neuen Zeh ablegte. Ich würde dafür verantwortlich gemacht werden, so wie ich für jeden Aspekt seines Lebens verantwortlich war, als Sachwalter seines Wachstums und seiner Gesundheit und seines allgemeinen Gedeihens als Organismus. Und der Zeh war gerade erst aufgetaucht, aus heiterem Himmel; ich wusste so gut wie nichts über ihn.

Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen, S. 214

Doch wie sicher der Boden der Realität ist, auf dem sich diese Geschichte bewegt, bleibt fraglich. So ist es auch mit anderen Geschichten in diesem Erzählungsband. Luzider Traum oder Wirklichkeit? Das ist hier die Frage.

Alles in der Schwebe, uneindeutige Stimmung allerorten

Zach Williams - Es werden schöne Tage kommen (Cover)

Schon die Geschichte, der der Titel des Buchs entlehnt ist, wirft da Fragen auf. In der Erzählung Das Sauerkleehaus schickt Zach Williams von einem Paar mit Kind in ein leicht heruntergekommenes Sommerhaus, irgendwo in der Natur an einem Berghang. Wie in einer Zeitschleife durchlebt das Paar die neuen Routinen, die der Mann durch exzessiver werdende Ausflüge in die umgebende Natur von den Bergen bis zum Fluss durchbricht. Seine Frau bleibt zunächst mit dem Kind im Haus, muss dann aber auch eine bestürzende Entdeckung machen.

Was die Familie dorthin gebracht hat, was die Hintergründe für den Aufenthalt dort sind, ob es sich gar um eine Neudeutung des Adam und Eva Mythos im Preppermilieu mit einer Schnappschildkröte anstelle einer Schlange handelt, alles bleibt fraglich und in der Schwebe.

Überhaupt, die Schwebe und die uneindeutige Stimmung, sie sind Motiv in einigen Geschichten. Schon die Erzählung Probelauf, mit der Williams seine Storysammlung eröffnet, ist da ein gutes Beispiel. Ein Mann begibt sich trotz Sturm in sein Großraumbüro. Daheim ist der Strom ausgefallen, und so sitzt er nun im sturmumtosten Gebäude im vierzehnten Stock, wo ihm nur ein eigenwilliger Wachmann und ein ebenso rätselhafter Kollege Gesellschaft leisten – und Spam-Mails unklarer Provenienz.

Oft schwingt etwas Untergründiges in diesen Geschichten mit, in denen mal ein Mann die Wohnung seiner verstorbenen Nachbarin betritt und dort auf eine mysteriöse Gestalt trifft, mit der sich während seines Anrufs bei der Polizei ein Pas-de-deux entwickelt. Mal gerät der Fall eines trauernden Vaters zu einem luziden Fiebertraum auf einem Schiff (Lucca Castle), mal zeichnet seine Erzählung berührend den Abstieg eines Vaters nach, der von seiner Anstellung am American Visionary Art Museum in Baltimore und eigenen künstlerischen Versuchen bis zur Vagabundentum im Auto regrediert. Stets umfangen von der Sehnsucht nach seinem Sohn findet diese Geschichte mit einem gedrehten und gefalteten Zeitbezug statt (Ghost Image).

Die Methode der Realitätskontrolle

Wenn Zach Williams in Lucca Castle, der wohl abgedrehtesten Geschichte des Bandes, eine der Figuren betonen lässt, dass die Gruppe von Menschen, mit denen die Hauptfigur in Kontakt kommt, keine Terroristen seien, aber die Methode der Realitätskontrolle praktizierten, dann lässt sich das ein Stück weit auch auf Williams‘ Schreiben selbst übertragen. So spielt und kontrolliert auch er die Realitäten, die er uns präsentiert. Alles ist schwankend, nicht ganz verlässlich, rätselhaft und bisweilen luzide, im Deutschen übertragen und freigelegt von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz.

Das Talent für besondere Stimmungen zeichnet dieses literarische Debüt aus, bei dem sich Zach Williams auch etwas als writer’s writer zeigt, der von Percival Everett bis zu Jonathan Safran Foer viele Fürsprecher vorweisen kann. In seiner Danksagung zeigt er sich als gutvernetzter Autor (so studierte Zach Williams Creative Writing in New York und nennt in seiner Danksagung unter anderem Hari Kunzru, Joyce Carol Oates, Jeffrey Eugenides und Katie Kitamura als Mentoren und Unterstützer, die seine Entwicklungen als Autor gefördert hätten).

Fazit

Auch fand Es werden schöne Tage kommen Aufnahme in die letztjährige Sommer-Empfehlungsliste von Barack Obama. Es sind Geschichten, die über einen Zeitraum von insgesamt acht Jahre entstanden und die das Talent Zach Williams für Stimmungen und Realitätsschwankungen zeigen. Über allem liegt ein mal dickerer, mal feinerer Schleier, der Williams als wahren Meister der Realitätskontrolle zeigt. Von surrealer Traumlandschaft bis zum Albtraum ist hier alles enthalten, was durchaus neugierig macht auf das Debüt in der großen Form, das von Zach Williams vielleicht dereinst zu erwarten ist.


  • Zach Williams – Es werden schöne Tage kommen
  • Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz
  • ISBN 978-3-423-28461-5 (dtv)
  • 272 Seiten. Preis: 24,00 €

Bora Chung – Der Fluch des Hasen

Wenn plötzlich sprechende Köpfe in der Toilette auftauchen, Der Fluch des Hasen zuschlägt oder ein junger Mensch in einer archaischen Umgebung Prometheus-gleich malträtiert wird, dann befinden wir uns in der Welt von Bora Chung. Der Kurzgeschichtenband der südkoreanischen Autorin versammelt kurze Episoden, die von Horror bis Science Fiction reichen und von Schattenkindern, invertierten Schwangerschaften und mehr Kreativ-Monströsem erzählen.


Völlig baff und glückstränenüberströmt stand sie plötzlich auf der Bühne unter der Glaskuppel der Messe Leipzig, Ky-Hyang Lee. Soeben war am Nachmittag des 21. März ihr Name gefallen, als es um den Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ging.

Eine Rede habe sie nicht vorbereitet, so Ky-Hyang Lee, die sich in einer sponaten Danksagung dann für den Preis auch als Zeichen ihrer langjährigen Arbeit im Hintergrund der Texte bedankte.

Übersetzerin Ki-Hyang Lee bei ihrer Dankesrede.
Quelle: Leipziger Messe GmbH / Stefan Hoyer

Das Unheimliche und Monströse laufen bei der gesellschaftskritisch versierten Koreanerin Bora Chung zu großer Form auf. Ki-Hyang Lee ist es zu verdanken, dass ihre Geschichten auch auf Deutsch abgründig funkeln. In der pointierten und leicht neben die Norm gesetzten Sprache, die Ki-Hyang Lee den Texten von Bora Chung verleiht, haben sie eine zitternde Offenheit für das Neue und Unerwartete. Das Niedliche und das Widerliche kommen uns daraus entgegen.

Jurybegründung zum Preis der Leizpziger Buchmesse an Ki-Hyang Lee

Damit war an diesem Nachmittag in Leipzig der Auftakt gemacht zu einer Preisverleihung, bei der allesamt Bücher ausgezeichnet wurden, die den Horror und das Finstere im ganz normalen Alltag beleuchten. Auch der Blogger Thomas Hummitzsch fasst das auf seinem Blog Intellecutres noch einmal treffend zusammen:

Nun aber Der Fluch des Hasen. Was kennzeichnet das Buch? Es sind allesamt disparate Erzählungen, was Länge, Setting und die Themen anbelangt. Und doch kristallisiert sich im Lauf des Buchs ein genauer Blick auf das Abseitige, den Schrecken im Alltag heraus, der sich auf oftmals aus dem Zusammenleben zwischen Paaren speist. So eröffnet Bora Chung ihren Reigen des kleineren und größeren Horrors mit der Erzählung einer Frau, der nach dem Gang auf die Toilette an ebenjenem Ort ein sprechender Kopf entgegenblickt. Dieser verfertigt sich einem Golem gleich zwar nicht aus Lehm, dafür aus den Ausscheidungen der Frau zunehmend zu einem Körper.

Eine bemerkenswerte Koinzidenz zur Chungs Landsfrau Cho-Nam Joo, die bereits ebenfalls von Ki-Hyang Lee übersetzt wurde und die in ihrem letzten Werk ebenfalls das Wohlbefinden einer Frau entscheidend mit der sanitären Situation der heimischen Toilette korrelieren ließ.

Ekel und Abstoßung

Bora Chung - Der Fluch des Hasen (Cover)

Das Thema des Ekels und der Abstoßung setzt sich auch in den folgenden Geschichten fort. Eine verfluchte Hasenlampe sorgt für den Niedergang mehrerer Menschen. Ein Junge wird in der umfangreichsten Erzählung in einer archaischen Umgebung in einer Höhle gefangen gehalten, wo ihm ein mythologisches Flugwesen immer wieder Stücke aus seinem Körper reißt, ehe ihm die Flucht gelingt. Eine Prinzessin in einer Wüstenwelt soll statt der Märchenhochzeit mit ihrem Prinzen den Tod oder eine junge Frau nach der plötzlichen Schwangerschaft durch die Einnahme einer Antibabypille einen Partner finden, der das Ergebnis der Jungfrauengeburt akzeptiert.

Immer wieder scheint feministische Kritik an Gesellschafts- und Herrschaftssystemen in den Geschichten auf, die zwischen Fantasy und Horror, Ekel und Komik pendeln. Insofern liegt die Jury richtig, wenn sie die Ambivalenz zwischen Niedlichem und Widerlichen in der Laudatio als besonderes Merkmal rühmt.

Eine preiswürdige Übersetzung?

Einzig die Übersetzungsleistung wird außerhalb der Floskeln von der leicht neben die Norm gesetzten Sprache und der Offenheit für das Neue nicht unbedingt klar. Fast scheint es mir so, als wurde der Preis der Leipziger Buchmesse eher für Ki-Hyangs Lee übersetzerisches Lebenswerk denn genau für diesen Band zugesprochen. Die unbedingte Notwendigkeit, dieses Buch aus translatorischer Sicht auszuzeichnen, konnte ich beim Lesen nicht unbedingt nachvollziehen.

Sicher, alles ist rund übersetzt, es stört wenig, alles wirkt solide und sauber – aber es ist doch in meinen Augen eine recht konventionelle Sprache, die Der Fluch des Hasen kennzeichnet. Macht es das gleich preiswürdig?

Dass mein laienhafter Leseeindruck dahingehend doch etwas zu einfach und unpräzise ist, das zeigt nicht nur die Auszeichnung durch die Fachjury des Preises der Leipziger Buchmesse, auch der auf Übersetzungsarbeit spezialisierte Blog Tralalit seziert die Übersetzungsarbeit Ki-Hyang Lees und die Unterschiede in der deutschen und englischen Übersetzung des Buchs genauer, weshalb ich gerne auf die Analyse von Theresa Rüger verweise.

Fazit

So ist Bora Chungs Buch eines, das mit viel Verve und Freude auch am Monströsen und Ekel in den insgesamt zehn Geschichten zumeist Frauen zeigt, die mit den herrschenden männlich geprägten System hadern. Es sind Menschen, denen schier Unglaubliches passiert und die irgendwie in den Welten überleben müssen, in die sie Bora Chung stürzt. Horror aus Südkorea, in kleinen, aber durchaus heftigen Dosen, dazu noch in einer preisgekrönten Übersetzung, das ist Der Fluch des Hasen, der nun nach der Originalausgabe bei Culturbooks in der Reihe Büchergilde Weltempfänger vorliegt.


  • Bora Chung – Der Fluch des Hasen
  • Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
  • Büchergilde Weltempfänger, Artikelnummer 175215
  • 264 Seiten. Preis: 24,00 €