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Michael Christie – Das Flüstern der Bäume

Ein Roman wie ein Schuss mitten durch einen mächtigen Baum: der Kanadier Michael Christie erzählt in Das Flüstern der Bäume von vier Generationen natur- und waldverbundener Menschen. Eine opulente Familiensaga mit aktuellen Themen, bestechend montiert.


Gesetzt den Fall, man schösse auf einen dicken Baum. Träfe man den Baum genau in der Mitte und hätte die Kugel genug Kraft, sie würde ungefähr folgende Reise erleben: zunächst wäre da die Rinde, die die Kugel durchschlägt. Es folgt das Kambium, das die Kugel passiert, ehe sie auf ihrer Reise durch den Baum das Splintholz erreicht. Immer weiter dringt sie auf ihrer Reise durch den Baum vor, durchmisst Jahresring um Jahresring, ehe sie schließlich in das Kernholz des Baumes vordringt. Dort passiert sie das Herz des Baums, ehe sie die Reise dann wieder in umgekehrter Reihung aus dem Baum hinaus antritt.

Genau auf die gleiche Weise montiert Michael Christie seinen Roman, der das erzählerische Konzept schon in einem Schaubild zu Beginn des Buchs präsentiert. Da ist der Querschnitt eines Baumes zu sehen, der von einem Zeitstrahl durchkreuzt wird. Der Zeitstrahl setzt 2038 an, um dann ins Innere des Baums vorzudringen, das 1908 seinen Endpunkt erreicht. Danach geht die Reise wieder wie gewohnt vorwärts weiter, um dann wiederum im Jahr 2038 seinen Abschluss zu finden.

Das erzählerische Konzept Michael Christies (Quelle: „Das Flüstern der Bäume“, Penguinverlag)

Erzählen in Schichten

Diese interessante Erzählweise, die so auch ein Stück weit an eine russische Matruschka-Puppe erinnert, entfaltet bei Michael Christie einen ganz eigenen Charme. Je weiter er in der Zeit zurückgeht, umso stärker wird sein Erzählen, das eigentlich mit einem Zusammenprall im Jahr 1908 beginnt. Dieser Zusammenprall bindet das Schicksal der Kinder Everett und Harris Greenwood aneinander, die beide der Unfall zu Waisen macht. In der Folge gelingt Harris eine Karriere als Holzmagnat, der mit der Abholzung von Bäumen und der Ausbeutung seiner Mitarbeiter ein Vermögen macht. Everett zieht in den Ersten Weltkrieg und wird in der Folge zu einem Herumtreiber. Erst mit dem Zufallsfund eines Babys findet Everett seine Bestimmung.

Drei Generationen Greenwoods werden folgen. Eine Aussteigerin, die sich vom Erbe ihrer Eltern lossagt. Ihr Sohn, der als Handwerker wieder mit Holz zu tun bekommt. Und als äußerte Schicht der Matruschka-Puppe Jacinda. Sie ist im Jahr 2038 nach Kanada geflüchtet, um zu Überleben. Das sogenannte Welken hat große Teile der Erde nahezu unbewohnbar gemacht. Sie arbeitet als Führerin nun auf einer Insel vor der Küste Kanadas, einem Resrevat, in dem die letzten großen Bäume Nordamerikas zu finden sind. Mit ihr fängt im Buch alles an, und mit ihr wird alles enden.

Eine hochinteressante Kompositionsform

Die Kompositionsform, die Michael Christie für seinen Roman gewählt hat, ist bestechend. Dabei zählt für mich die äußerte Erzählschicht um Jane zu den schwächeren Seiten dieses Buchs. Denn der der erhobene pädagogische Zeigefinger ist schon sehr deutlich, wenn Christie in düsteren Farben ausmalt, wohin der fehlende Umweltschutz und das Welken in der Zukunft geführt haben. Diese Volksschulhaftigkeit von Christies Agenda erinnert doch auch sehr an das Sendungsbewusstsein der Bestseller Maja Lundes.

Michael Christie - Das Flüstern der Bäume (Cover)

Doch je mehr weiter Christie mit seinem Erzählen in der Zeit zurückreist, umso dichter und runder wird seine Familiensaga. Besonders schön die Tatsache, dass sich Christie für seine Erzählung nicht nur für ein durchgehendes Erzählkonzept, sondern für literarische Varianz entschieden hat. So bekommt jede der vier Generationen Greenwoods einen eigenen Erzählstil zugesprochen. Währendd die Geschichte um Everett und Harris Greendwood von einem „Wir“ erzählt wird, ist es die Erzählung um den Schreiner Liam, die eigentlich fast nur über Rückblenden erzählt wird.

Die große Kunst an diesem Buch ist die Tatsache, dass sich die kleinen Mosaiksteinchen, die Christie im Lauf seiner vier Generationen verstreut, immer klarer zu einem Bild verfugen. Manche Andeutungen oder Besonderheiten der Figuren werden erst durch die Lebensgeschichten der anderen Figuren klar, womit Christie hier das Wurzel- und Lebensgeflecht der Bäume auf das der Menschen überführt. Das ist schrifstellerisch gut gelungen und bereitet durch die Montagetechnik das ein ums andere Mal erstaunliche Freude. Auch die Übersetzung von Stephan Kleiner überzeugt.

Fazit

Das Leben der Bäume ist ein mehr als empfehlenswerter Roman, dem man angesichts seiner im innewohnenden Qualität auch den kitschigen Titel verzeiht. Das Buch ist ein klug konstruierter Familienroman, der zugleich eine Hymne auf die Bäume darstellt. Formal toll durchkomponiert mit einer Botschaft versehen, deren Penetranz sich im Buch dann wohltuend abmildert, sodass am Ende eine klare Leseempfehlung von mir steht. Nicht nur zur Weihnachtszeit ein guter Geschenktipp.


  • Michael Christie – Das Flüstern der Bäume
  • Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
  • ISBN 978-3-328-60079-4 (Penguin)
  • 560 Seiten. Preis: 22,00 €

Charles Lewinsky – Der Halbbart

Von der Verführbarkeit der Massen, von Kriegstraumata und vom Leben in der Schweiz im 14. Jahrhundert erzählt Charles Lewinsky in seinem neuen Roman Der Halbbart. Ein gelungener historischer Roman mit einer ebenso gelungenen Erzählperspektive, nämlich der eines kleinen Kindes, das das Geschichtenerzählen liebt.


Man mag Martin Ebel nicht widersprechen, wenn er in seinem Zitat auf dem Buchrücken Charles Lewinsky den vielseitigsten Schweizer Schriftsteller nennt. Denn der 1946 geborene Autor macht sich tatsächlich die Mühe, für seine Bücher immer eine eigene Sprache zu entwickeln. So war es in seinem letzten Roman Der Stotterer beispielsweise eine stark von der Bibel beeinflusste Prosa, die in Form eines Brief- und Bekenntnisromans dargeboten wurde.

Und auch seine Plots kreisen meist um verschiedene Themen. So erzählte er in Melnitz eine jüdische Familiensaga (die im kommenden Jahr ebenfalls bei Diogenes noch einmal neu aufgelegt wird), beschrieb in Gerron die fiktive Biographie eines jüdischen Filmstars oder in Kastelau die Geschichte eines Filmdrehs zur Zeit des Dritten Reichs.

Zurück ins 13. Jahrhundert

Nun hat er sich in Der Halbbart einer völlig neuen Thematik zugewandt. Er erzählt einen historischen Roman, der weit zurückspringt in die Geschichte der Schweiz, genauer gesagt ins 14. Jahrhundert. Den Hintergrund des Romans bildet der sogenannte Marchenstreit. Beginnend um 1100 stritten hier die Mönche des Klosters Einsiedeln, bzw. deren Schutzherren und die Bevölkerung des Örtchens Schwyz um die Vorherrschaft . Der Konflikt zwischen den Parteien schwelte schon Jahrzehnte und hatte schon verschiedene Höhepunkte wie Exkommunikation, Drohbanne und Streitschlichtungen erreicht, ehe wir mit Sebi mitten hinein in den Konflikt geworfen werden.

Charles Lewinsky - Der Halbbart (Cover)

Dieser wächst zusammen mit seinen Brüdern Poli und Geni vaterlos in einem kleiner Schweizer Weiler heran. Von seiner Umgebung wird er aufgrund seiner schwächlichen Konstitution nur als Finöggel belächelt. Der Dorfbenjamin unterstützt den Totengräber und muss schon bald festellen, dass der Tod allgegenwärtig ist. Seine Mutter verstirbt und so wird er als Waise von seinen Brüdern ins Kloster geschickt. Sebi, eigentlich Eusebius, erlebt so die Klostergemeinschaft, der er nur wenig abgewinnen kann. Er verlässt die Brüder bald, um in sein Heimatdorf zurückzukehren.

Bei allen Turbulenzen, die sein Leben für ihn bereithält, findet Sebi im Halbbart eine Art väterlichen Freund. Dieser Halbbart ist ebenfalls ein Außenseiter im Dorf. Dem Scheiterhaufen entkam er einst nur knapp, seitdem zieren entstellende Brandnarben und eben nur ein halber Bart sein Gesicht. Der Halbbart stellt sich als sehr intelligenter Mann heraus, ein Forscher, ein an der Heilkraft der Natur interessierter Mensch. Auch wenn die Epoche der Aufklärung noch weit entfernt ist – im Halbbart lässt sie sich schon vorausahnen. Für Sebi bedeutet der Halbbart Orientierung im Leben und die Gewissheit, dass er seinen eigenen Weg gehen darf, fernab der Erwartungen anderer an ihn.

Von Kriegstraumata und der Verführbarkeit der Massen

Mit dem Ich-Erzähler Sebi hat Charles Lewinsky eine kluge Erzählentscheidung getroffen. Denn die Themen, von denen Lewinsky hier erzählen will, werden durch den kindlichen, aber nicht unklugen Blick Sebis verstärkt und entfalten eine ganz eine Wirkung.

So erzählt uns Sebi davon, wie sein Onkel Alisi nach seinem Kriegsdienst in Italien als Söldner zurück nach Hause kehrt. Ohne, dass es Sebi groß aussprechen muss, wird offenbar, wie die Kriegstraumata in den Landsknechten fortwirken, und welche Auswirkungen die nicht aufgearbeiteten Kriegserlebnisse der Krieger für die Dorfbevölkerung haben. Über die Geschichte des Halbbarts fließt auch das Thema der Verführbarkeit der Massen und die Wankelmütigkeit der Menschen in das Buch ein. Wenn der Halbbart Sebi seine Geschichte erzählt, wie er verbrannt werden sollte, am Pranger der Lächerlichkeit preisgegeben wurde oder im Lauf des Buchs vor Gericht landet, dann ist das gerade durch die naive Erzählweise Sebis besonders wirkmächtig.

Dieser Effekt, den schon Günter Grass für seinen Erzähler Oskar Mazerath in Die Blechtrommel zu nutzen wusste, er funktioniert auch hier wieder.

Sebis Blick auf die Welt ist ein origineller, der aber auch das soziale Leben im Dorf und die Psychologie der Menschen gnadenlos demaskiert. Wenn uns Sebi etwa erzählt, wie er Zeuge an einem Überfall der Dorfbewohner auf das Kloster Einsiedeln ist, dann hat das eine Wucht und zeigt das vermeintlich ferne, dunkle Mittelalter hier dann wieder plötzlich ganz nah. Nicht nur dieses Pogrom oder die Suggestion der Massen ist ein Thema, das trotz des zeitlichen Kontextes im Buch durch die Erzählkunst Lewinskys fast zeitlos wirkt.

Die Kunst der Sprache

Apropos Erzählkunst: man kann Charles Lewinsky für seine Bemühung um sprachliche Originalität nur Respekt zollen. Denn weg vom Stotterer im letzten Buch gibt es hier schon wieder eine originelle Erzählstimme zu bewundern. Der Sound in Der Halbbart ist von der kindlichen Erzählperspektive geprägt, die sehr stimmig ist. So stellt Sebi beispielsweise fest, dass seine Mitmenschen bei Rührung oder Trauer plötzlich „Augenwasser“ haben.

Auch ist die Sprache von Helvetismen durchsetzt, die eine Erinnerung an die damalige Sprache wecken. Man muss sich auf diese Erzählweise einlassen, die eng am mündlichen Erzählen orientiert ist. Spätestens nach ein paar Dutzend Seiten hat sich aber der erzählerische Reiz entfaltet und entwickelt auch großen Witz, etwa wenn Sebi mit ganz eigenen Sprichwörtern die Realität ins Auge fasst:

Außerdem, das hat sich dann später herausgestellt, war ihr Plan nicht wirklich geheim geblieben; daran waren sie selber schuld, weil sie das Maul nicht hatten halten können. Mir hat ja auch keiner was gesagt, und ich hab trotzdem von dem Überfall gewusst; wenn alle Hühner gleichzeitig anfangen zu gackern, fragt sich auch der dümmste Bauer, was da wohl für Eier gelegt werden.

Lewinsky, Charles: Der Halbbart, S. 440

Eine Hymne auf das Erzählen

Generell ist das Erzählen ein großes Thema des Buchs, sowohl in der Erzählform als auch in Figuren und Handlung. Eine dieser zentralen Figuren etwa ist das Teufels-Anneli, die in den dunklen Wintermonaten übers Land zieht, um in den Häusern der Dorfbewohner gegen Kost und Logis zu erzählen. Sebi selbst wird später zu ihrem Lehrburschen und präsentiert am Ende des Buchs sein erzählerisches Meisterstück, das den Ausgang der Legende um die Schlacht am Morgarten bildet. Und so ist die Bemerkung im Klappentext auch nicht falsch, wenn diese behauptet, dass Lewinsky davon erzählt, wie aus Geschichten Geschichte wird.

Und auch Charles Lewinsky selbst beweist in Der Halbbart einmal mehr seine Klasse als Geschichtenerzähler. Wie er das Leben im Dorf schildert, wie er Sebi zum Leben erweckt und wie er fabulierfreudig seinen Erzählbogen über fast 700 Seiten spannt, ohne ihn reißen zu lassen, das zeugt von hoher Kunst.

Fazit

Dass die Jury Charles Lewinsky für den Deutschen Buchpreis nominiert hat, ist mehr als nachvollziehbar. Ähnlich wie in Christine Wunnickes Die Dame mit der bemalten Hand ist auch hier ein Buch zu entdecken, dass einen ganz eigenen Zugriff auf historisches Erzählen bietet. Fernab aller erzählerischer Dutzendware gelingt Charles Lewinsky ein originelles Buch. Eines, bei dem Erzählperspektive und Themen überzeugen. Eine Hommage ans Geschichtenerzählen und ein wirklich starker (historischer) Roman.


  • Charles Lewinsky – Der Halbbart
  • ISBN 978-3-257-07136-8 (Diogenes)
  • 688 Seiten. Preis: 26,00 €

Yangsze Choo – Nachttiger

Malaysia ist ja ein literarischer Schauplatz, der uns westlich geprägten Leser*innen eher selten unterkommt. Mit Nachttiger ist nun Literatur von dort zu entdecken, die zurück in die 30er Jahre führt, als Malaysia noch Britisch-Malaya hieß. Die gebürtige Malayin Yangsze Choo entführt in ihrem ersten auf Deutsch vorliegenden Roman in Tanzhallen, Pathologie-Säle und auf die Spuren einer äußerst lebendigen Legende.


Es ist der letzte Wille seines Hausherren, der den jungen Ren auf eine Mission schickt. Der Zehnjährige verdingte sich im Haus von Doktor MacFarlane als Hausboy, der sich um Essen, Reinigung und das Wohlergehen seines Chefs kümmerte. Doch nun ist Doktor MacFarlane tot. Auf dem Totenbett hat er Ren mit seinem letzten Willen betraut. Er soll den amputierten Finger des Doktors auftreiben und dafür sorgen, dass dieser mit der Leiche MacFarlanes beerdigt wird. Ihm bleiben 49 Tage Zeit, ehe die Leiche seines Herren in die Totengründe eingeht.

Derweil verdingt sich Ji Lin heimlich in Ipoh einem Tanzsalon. So will sie dazu beitragen, die Spielschulden ihrer Mutter abzustottern. Von ihrer Nebentätigkeit darf niemand etwas erfahren, denn eigentlich ist sie in einer Schneiderei zur Lehre angestellt. Für ihren Stiefvater steht eh schon fest, dass Ji Lin sich lieber mit dem richtigen Partner verloben sollte und dann als Ehefrau ihr Glück finden soll.

Tatsächlich findet Ji Lin beim Tanzen aber etwas ganz anderes: einen abgetrennten Finger in einem Glas. Ist es der Finger, den Ren dem Grab von Doktor MacFarlane zuführen soll?

Auf der Jagd nach einem Finger

Yangsze Choo hat einen Roman geschrieben, der mit leuchtenden Farben das Leben in Britisch-Malaya in den 30er Jahren wieder aufleben lässt. Britische Ex-Pats, die Partys geben und trotzdem nicht so richtig im Land angekommen sind. Houseboys und andere einheimische Angestellte, die für die Briten sorgen. Tanzhallen, Monsunregen und Legenden aus dem Diesseits, die die Malayen umtreiben.

Nachttiger von Yangsze Choo

Aus diesen Zutaten mischt Choo ihren Roman und reichert ihn mit einer Liebesgeschichte um Ji Lin an. Eine Liebesgeschichte, die ich für etwas überflüssig erachte und die das Buch seichter als nötig macht. Denn in meinen Augen fällt dieser Part des Buchs etwas gegen die restlichen, sehr starken Elemente des Buchs ab. Die Suche nach dem Finger, die Legende des Wer-Tigers, der immer wieder Opfer fordert und ein Krimiplot, der zu einem rasanten Showdown führt – da hätte es die Lovestory on top nicht unbedingt gebraucht. Abgesehen von dieser Liebesgeschichte und ein paar erzählerischen Längen ist der Nachttiger aber ein wirklich runder und guter Unterhaltungsroman geworden.

Irgendwo zwischen Colin Cotterills Dr. Siri-Reihe und Puccinis Miss Butterfly nimmt Yangsze Choo Platz und erzählt eine Geschichte, bei der sowohl der Inhalt als auch die klar unterscheidbaren Erzählstimmen der Ich-Erzählerin Jin Lin und des in der 3. Person Präsens erzählten Strang um Ren überzeugen. Darüber hinaus bietet die Erzählung Exotik integriert auch Übersinnliches, wodurch das Buch gewinnt.

Allein warum man den im Buch beständig Wertiger genannten Tiger im Titel des Buchs plötzlich zum Nachttiger macht, das bleibt wohl das Geheimnis von Autorin und Verlag. Übersetzt wurde das Buch aus dem Englischen von Heike Reissig und Stefanie Schäfer.


  • Yangsze Choo – Nachttiger
  • Aus dem Englischen von Heike Reissig und Stefanie Schäfer
  • ISBN 978-3-336-54807-1 (Wunderraum)
  • 576 Seiten. Preis: 22,00 €

Leander Fischer – Die Forelle

Was für ein Debüt! Knappe 800 Seiten dichtesten Textgewebes umfasst Leander Fischers Debüt Die Forelle. Es sind Seiten voller Sprachmacht, die die Kunst der Abschweifung und der Konzentration auf das Kleine feiern. Dem jungen Österreicher ist ein mehr als außergewöhnliches Buch gelungen. Nicht ohne Fehl und Tadel, aber von einer Gewagtheit und einem geradezu inkommensurablen sprachlichen und stilistischen Willen, der das Buch zu einem der außergewöhnlichsten in der deutschen Sprache macht, das dieses Jahr zu entdecken ist.


Bereits der Sturm und Drang-Dichter Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart wusste um die Tücke, die das Forellenfischen bereithalten kann. In seinem, durch die Vertonung von Franz Schubert später zu Weltruhm gelangten Gedicht Die Forelle heißt es da:

Ein Fischer mit der Ruthe
Wol an dem Ufer stand,
Und sah’s mit kaltem Blute,
Wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle,
So dacht’ ich, nicht gebricht,
So fängt er die Forelle
Mit seiner Angel nicht.

Schubart, Christian Friedrich Daniel: Die Forelle, Strophe 2

Die hohe Kunst des Forellenfischens ist es, die auch Ich-Erzähler Siegi Heehrmann in Fischers Buch erlernen möchte. Nachdem er einst im Mozarteum die Erste Geige spielen durfte, so hat es ihn nun mitsamt seiner Frau Lena und den beiden Kindern in die Provinz des Salzkammerguts verschlagen. Dort verdingt er sich mehr schlecht als Musiklehrer für die Saiteninstrumente. Die Dörfler schicken ihre Kinder zu ihm, damit sie das Spielen der Instrumente erlernen.

Siegi selbst möchte auch etwas erlernen, nämlich die Kunst des Fliegenfischens. Dort im Salzkammergut gibt es jede Menge fischreiche Seen und Flüsse, allen voran die Traun, die das Gebiet durchzieht. Und am wichtigsten: dort im Salzkammergut wohnt Ernstl, ein Nestor des Fliegenfischens. Menschen aus aller Welt suchten seine Nähe, um sich von ihm in diese hohe Kunst einführen zu lassen. Nun fristet Ernstl seinen Lebensabend dort im Salzkammergut und Siegi wird zu seinem Meisterschüler.

Die hohe Kunst des Fliegenfischens

In der Traun und ihren zahlreichen Nebenflüssen tummeln sich die Forellen, die aber ein äußert gerissener Gegner sind. Um sie zu überlisten, braucht es einen kunstvoll gebundenen Köder. Langsam lernt Siegi die Kunst der perfekten Fliege. Egal ob Ritz D, Red Tac oder Charly Fly – will man die Forellen in den Flüssen erlegen, muss man sich der Kunst des Fliegebindens widmen. Und Siegi ist gewillt, sich ganz dieser Kunst hinzugeben. Wenn es ihn auch von allen anderen Dorfbewohnern, den schlagenden Mitgliedern des Fischereivereins oder von seiner eigenen Frau entfremdet. Die Jagd nach der Forelle erfordert völlige Hingabe – und Siegi Heehrmann ist bereit, diese Hingabe zu erbringen.

Wo fängt man bei der Besprechung eines solchen Kalibers von Buch an, wo hört man auf? Am besten mit einer Eingrenzung der Zielgruppe, die dieses Buch goutieren dürfte. Und damit verbunden auch mit einer Ausgrenzung.

Denn ziemlich klar ist, für wen sich dieses Buch nicht eignet. Menschen, die gerne auf den Punkt kommen, es kurz und bündig mögen, die Struktur und klar verfolgbare Erzählstränge schätzen. All sie sollten an dieser Stelle lieber die Lektüre dieser Rezension abbrechen und den soeben geöffneten Tab besser schließen. Denn an Die Forelle dürften sie keine Freude finden.

Dieses Buch ist nicht nur aufgrund seiner Laufzeit von knapp 800 Seiten geradezu maßlos. Barock, überbordend, vor Einfällen und stilistischen Inventionen sprudelnd ist die Prosa Fischers. Einen klaren Handlungsbogen konnte ich, von einigen wenigen äußeren Begebenheiten abgesehen nicht erkennen. Zwar tragen seine Kapitel sprechende Überschriften wie Siegi findet sich langsam mit dem Attentat auf sein Auto ab oder Nina findet sich in der ernstllosen Zeit gut zurecht. Damit ist dann aber auch oftmals der wirklichen Handlung Genüge getan und Fischer verfolgt unbeirrt sein abschweifendes Erzählen, das eines der Hauptmerkmale des Buchs ist.

Magischer Realismus im Salzkammergut

Leander Fischer beherrscht die hohe Kunst der Abschweifung virtuos. Da kann es schon einmal sein, dass Siegi beim Fischen mit einem Freund von einer Forelle unter Wasser gezogen wird und dann seitenweise durch das Wasser geschleift wird. Der kleine Wassermann trifft auf die Gewässer der Traun.

Oder Fischer verfolgt sprachmächtig den Flug eines Schleimklumpens, der beim Sprechen invertiert wird und in der Folge durch die Luft fliegt. Er erzählt von Fischern, Ködern, Schlachtern und Fischereiaufsichtsorganen und verliert sich dabei immer wieder in seinen Schilderungen.

Aus der normalen Handlung heraus verkettet er verschiedene Ereignisse, die er hingebungsvoll verfolgt und so seine eigentliche Geschichte immer mehr ad absurdum führt. Der 1992 geborene Österreicher kommt so erzählerisch vom Hölzchen aufs Stöckchen. Bestes Beispiel ist eine wilde Räuberpistole, die Siegi von einem fischenden Grafen erzählt wird.

Dieser befindet sich in Kanada auf einer Angeltour, als ihm ein Lachs vor die Angel schwimmt. Dieser Lachs wird dann allerdings von einem hungrigen Bären verspeist, ehe der Graf den Salmoniden für sich in Anspruch nehmen kann. Und so jagt der Graf dann den Bären, der den Lachs im Magen hat, der wiederum die Fliege des Grafen zwischen den Kiemen hat. Eine aberwitzige Geschichte, die sinnbildlich für das Erzählen Fischers steht.

Wer Freude an solchen barocken Fantastereien und Abschweifungen hat, der ist mit diesem Buch gut beraten. An vielen Stellen findet auch magischer Realismus in die Erzählung, etwa wenn die Perspektiven zwischen Fischer und Fisch verschwimmen. Auch springt Leander Fischer immer wieder in seiner erzählten Zeit (die nur an wenig Stellen wirklich konkret und klar wird) zurück bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Die Verflechtungen der Vergangenheit mit der Gegenwart werden an vielen Stellen von Die Forelle herausgearbeitet.

Ein Heimatroman 2.0

So erschafft Fischer ein Werk, das ich als Heimatroman 2.0 bezeichnen würde. Er stellt sich den Abgründen der Vergangenheit und erzählt auch von den weniger pittoresken Seiten des Salzkammerguts. Innovativ bricht er tradierte Formen der Heimaterzählung auf, bedient diese dann an anderen Stellen aber auch wieder ungebrochen.

Ergebnis ist ein Buch, das sich einer klaren thematischen Einordnung ebenso bewusst entzieht wie einer genauen zeitlichen Einordnung oder einer Genrezuteilung. Dieser Text zieht gerade aus seiner Wandelbarkeit, seinem Verwischen der verschiedenen Srachen- und Handlungsbenen seinen Reiz. Ein Merkmal, das auch die Jury des Bachmannpreises 2019 beschäftigte, der Fischer einen Auszug aus dem Anfang seines Romans präsentierte und damit auch den Publikumspreis beim Wettlesen gewann.

Sprachmächtig fabuliert Fischer, zeigt sich unglaublich wenig und benennungsstark, weiß von Ködern wie Ritz D oder Red Tac, Vorfach, fängigen Stellen, Gumpen und Katarakten zu erzählen. Die Varianz, die seine Prosa besitzt, ist mehr als bewundernswert und zählt zu dem Beeindruckendsten, das ich dieses Jahr lesen durfte. Von endlosen Bandwurmsätzen über reine Monologe oder Austriazismen bis hin zu Ein-Wort-Sätzen, Neologismen und Passagen, die eine ganz eigene Syntax und Orthografie entwickeln – es ist alles drin in dieser Forelle.

Ein unangepasstes und unberechenbares Buch

Das ist äußerst beeindruckend, manchmal auch etwas manieriert und zu viel des Guten. Manchmal wäre zweifelsohne etwas weniger mehr gewesen. Weniger Abschweifung, weniger Sprachfuchserei, mehr Orientierungspunkte, Straffungen, klarere Personenzeichnungen oder gar Handlung. Perfekt ist das alles sicherlich noch nicht. Aber vor seiner ganzen Ambition, dem zur Schau gestellten Talent, der Unangepasstheit und der rauschenden Sprachmacht muss man doch den Hut ziehen. Diese Forelle ist ein wirkliches Meisterstück. Hier betritt ein Autor nicht zaghaft die literarische Bühne, nein, er tritt eine Tür mit lautem Getöse ein.

Freilich: auf dem Buchmarkt mit seinen Konventionen und passgenau zugeschnittenen Angeboten für die Zielgruppen dürfte es dieses unberechenbare Buch schwer haben. Umso schöner allerdings, dass auch die Jury des Österreichischen Buchpreises die Qualität dieses außergewöhnlichen Buchs erkannt hat und Leander Fischer den Preis für das beste Debüt des Jahres zugesprochen hat. Das ist mehr als verdient. Und wer den Mut aufbringt, in diesen wilden Erzählstrudel hineinzutauchen, der kann auch nicht anders als der Jury zuzustimmen.

Weitere Meinungen zu Fischers Debüt gibt es bei Neues Deutschland, dem Standard und der FAZ.


  • Leander Fischer – Die Forelle
  • ISBN 978-3-8353-3730-5 (Wallstein)
  • 782 Seiten. Preis: 28,00 €

Ronya Othmann – Die Sommer

Große Erwartungen hatte ich an das erzählerische Debüte von Ronya Othmann, die im renommierten Hanser-Verlag ihr Debüt Die Sommer veröffentlichte. Leider schaffte es die 1993 geborene Autorin in meinem Fall nicht, die hohen Erwartungen und Vorschusslorbeeren so ganz einzulösen.


Als die Ankündigung für Ronya Othmanns Debüt in der Vorschau des Hanser-Verlags auftauchte, war ich mir sicher, einen gesetzten Kandidaten für die Longlist des Deutschen Buchpreises ausgemacht zu haben. Verheißungsvoll die Ankündigung schon alleine durch die politisch relevante Themensetzung (der syrische Bürgerkrieg und die Geschichte der Jesiden) und dazu noch Motive, auf die man bei solchen Preisen gerne setzt, nämlich Coming-of-Age und das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen.

Zudem war dem Buch im Vorfeld schon viel Publicity gewiss, bedingt durch die reichweitenstarke Twitter-Präsenz von Ronya Othmann und ihre Tätigkeit als Kolumnistin der taz. Auch der Gewinn des Publikumspreises beim Ingeborg-Bachmann-Preis im vorigen Jahr hatte die Erwartungen gesteigert. Beste Startbedingungen für einen großen Erfolg also.

Etwas überrascht war ich dann allerdings schon, als die Jury mein Buchpreis-Lotto nicht bedachte und Die Sommer die Nominierung vorenthielt. Nach der Lektüre des Buchs kann ich diese Entscheidung allerdings auch etwas nachvollziehen. Denn trotz der richtigen Themen offenbart das Erzählen Othmanns doch Mängel, die die Entscheidung der Jury plausibel erscheinen lassen.

Die Sommer in Tel Khatoun

Den erzählerischen Bogen des Romans bildet die Familiengeschichte Leylas. Diese wohnt eigentlich in München. Die Sommer verbringt sie allerdings in der Heimat ihres Vaters. Dieser ist Jeside aus Kurdistan, einem Land, das sich auf Teile Syriens, der Türkei und den Irak erstreckt. Vor Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Seine Familie allerdings wohnt immer noch im Dorf Tel Khatoun. Dorthin kehrt Leyla immer wieder zurück, in den Schoß der Familie. Mit ihrem Aufwachsen weitet sich auch ihr Blick. Die kulturellen Eigenheiten der lokalen Bevölkerung, die Mentalitätsunterschiede, die Vertreibung der Jesiden – all das nimmt Leyla in den Sommer immer dezidierter wahr und prägt so ihre eigene Identität.

Ronya Othmann - Die Sommer (Cover)

Doch was in Othmanns Buch wie auch in vielen anderen Erzählungen 2011 mit einem harmlosen Graffiti an einer Schulmauer beginnt (so geht zumindest die Legende, über deren Wahrheitsgehalt die Meinungen auseinandergehen), mündet in einen Bürgerkrieg, der Syrien seit nunmehr neun Jahren in seinem unerbittlichen Griff hat. Tausende Tote, Zerstörung, eine immer unübersichtlicher werdende Gemengelage aus Assad-Unterstützern, Milizen, Aufständischen und Stellvertreter-Fronten sind die Bilanz dieses Bürgerkriegs. Die Auswirkung des Großen spüren auch die Dorfbewohner im Kleinen.

Und davon erzählt Ronya Othmann. Und erzählt und erzählt. Gerade im ersten Teil des Buchs drängte sich für mich der Eindruck auf, ich würde in einem erzählerischen Flugzeug sitzen, das beständig hochtourig seine Runden auf der Rollbahn dreht, allerdings nie wirklich abhebt.

Ihre Exkurse in die Geschichte, die soziologischen Betrachtungen ihres Dorfes, der kulturellen Identitäten, die ihr innewohnen: all das ist eigentlich spannend – allerdings nicht als Roman. Und so tat ich mich mit dem zähen Erzählen wirklich schwer, das unter der Fülle der Themen leidet, die aufgrund ihrer Exotik und Unverständlichkeit für die westlichen Leser eingeführt werden müssen.

Ein starker zweiter Teil

Doch dann kommt der zweite Teil dieses Romans, der mich dann doch wieder für Othmanns Erzählen einnahm. Wie der Bürgerkrieg beginnt und so die Rückkehr ins familiäre Dorf unmöglich macht und zudem auch die Pubertät die Orientierungslosigkeit Leylas verstärkt, das ist gut gemacht. Während sie nach Halt im Leben sucht, verliert Syrien diesen Halt zusehends.

Durch diese doppelte Auflösung vorher so gefestigt scheinender Strukturen gewinnt das Buch. Zudem darf auch Leylas Vater hier seine Geschichte dann zu Gehör bringen, die symptomatisch für so viele andere Schicksale steht. Wir im Westen, die wir von all den Meldungen rund um den syrischen Bürgerkrieg schon abgestumpft sind, bekommen hier die Brisanz und die Auswirkungen jenes Kriegs ganz unverhüllt geschildert. Die Sommer macht klar, was dieser Krieg bedeutet und welche Schicksale damit verknüpft sind. Besonders das radikale Ende, das zwar nicht ganz unvorhersehbar kommt, aber trotzdem überrascht, ist für mich neben der Geschichte des Vaters einer der wichtigsten Punkte, die der Roman auf der Haben-Seite verbuchen kann.

Das überzeugte mich mehr als all die Schilderungen und Beschreibungen im ersten Teil. Ein Stück weit versöhnte es mich sogar mit der in meinen Augen schwächeren ersten Hälfte des Buchs. Hätte ich diese Geduld in der Lektüre nicht mitgebracht und mich unter Zeitdruck dazu verführen lassen, die Lektüre abzubrechen, wäre mir ein Buch entgangen, das sich zusehends bessert und an Form und Relevanz gewinnt. Vollumfänglich überzeugte es mich nicht. Aber als Debüt, das relevantes zeitgeschichtliches Erzählen in den Mittelpunkt rückt, ist das doch sehr beachtenswert.

Weitere Meinungen zum Buch gibt es hier: Aufklappen hat sich des Buchs angenommen, genauso wie Carsten Otte. Auch die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit haben das Buch besprochen.


  • Ronya Othmann – Die Sommer
  • ISBN 978-3-446-26760-2 (Hanser)
  • 288 Seiten. Preis: 22,00 €