Ron Corbett – Preisgegeben

Im Oktober ist es (Stand jetzt) wieder soweit: die Frankfurter Buchmesse öffnet ihre Tore. Eine Ankündigung, die ich mit großer Skepsis zur Kenntnis genommen habe. Denn dass das Covid19-Virus beachtet, dass man die Buchmesse von den sonstigen verbotenen Großveranstaltungen ausgenommen hat, das wage ich zu bezweifeln. Ohnehin ist es eine ganz eigene Logik, Veranstaltungen wie das Oktoberfest abzusagen, die größte Buchmesse der Welt hingegen stattfinden zu lassen. Ob die Besucher und Aussteller das Angebot der Messe in Corona-Zeiten annehmen werden, wage ich zu bezweifeln. Insbesondere, da die großen Publikumsverlage wie etwa Randomhouse oder Bonnier ihre Teilnahme schon abgesagt haben.

Es sei wie es sei. Auch wenn die Buchmesse in diesem Jahr von Absagen gekennzeichnet ist, gibt es trotzdem ein Gastland, das sich im Zuge der Buchmesse präsentieren würde. Nachdem im letzten Jahr Norwegen an der Reihe war, liegt nun der Fokus auf Kanada. Um die Literatur aus diesem Land besser kennenzulernen, starte ich in diesem Jahr eine kleine Reihe unter dem Titel #kanadaerlesen.

Den Anfang macht ein Krimi des Journalisten Ron Corbett mit dem Titel Preisgegeben. Der Roman ist der Auftakt zu einer Reihe um den Cop Frank Yakabuski. Nach einigen Fachbüchern zum Thema Angeln ist das Corbetts erster Ausflug ins Genre des Kriminalromans. Und dieser Ausflug ist mehr als gelungen. So gelungen, dass das Buch eine Nominierung beim Edgar Allan Poe-Award erhielt und weitere Bände der Reihe um den angelnden Cop erschienen sind.

In der Einsamkeit Kanadas

Wenn es um originelle Stimmen im weiten Feld des zeitgenössischen Krimis geht, dann ist der kleine Stuttgarter Polar-Verlag eine gute Adresse. Hier erscheinen Bücher von Leonard Pitts jr., Ken Bruen oder Attica Locke. Seit diesem Jahr werden die Hardcover um eine von Jürgen Ruckh herausgegeben Taschenbuchreihe ergänzt. Der erste Band dieser Reihe ist Preisgegeben, der in die schneereiche Einsamkeit Kanadas entführt.

Ron Corbett - Preisgegeben (Cover)

Dort oben im Norden Kanadas liegt das Nest Ragged Lake. Früher einmal ein blühendes Zentrum der Papierindustrie, ist nun mit dem Ende der Industrie auch das Ende des dortigen Dorfs besiegelt worden. Ein kleines Camp für Sportfischer gibt es noch, aber sonst bietet Ragged Lake außer Bäumen und Schnee nicht viel, das einen Besuch rechtfertigen würde.

Ein Baummarkierer macht bei seiner Arbeit allerdings eine grausige Entdeckung. In einer eigens gebauten Hütte in der Nähe des alten Dorfes findet er die Leiche eines Mannes und seiner Frau. Die beiden galten als Sonderlinge, man hatte sich nicht groß mit ihnen beschäftigt. Nun ruft man die Polizei – die in Form von Frank Yakabuski und zweier Untergebenen nach einer beschwerlichen Anreise per Schneemobilen erscheint.

Kaum haben die beiden mit der Befragung der Ortsansässigen und Gäste im Fischer-Lodge begonnen, zieht ein Schneesturm auf. Doch nicht nur dieser Schneesturm nähert sich Ragged Lake mit unaufhaltsamer Kraft – auch einige Feinde aus Yakabuskis Vergangenheit sind schon auf dem Weg nach Ragged Lake.

Ein unaufhaltsamer Showdown

Das Setting, das Corbett auf den ersten Seiten aufbaut, erinnert an dutzendfach gelesene Krimis. Tote, die kaum jemand kannte. Ein Cop von außerhalb, der mit den Ermittlungen beginnt. Viele Fragen nach Alibis, sinistere Verdächtige und eine mühsame Rekonstruktion des Tatablaufs. Das könnte eine ebenso mühsame Lektüre werden.

Doch schon nach wenigen Seiten pfeift Ron Corbett auf Konventionen und macht aus diesem Police Procedural einen waschechten Thriller mit vielen Twists und hohem Bleigehalt. Der Bodycount in diesem Krimi ist hoch, das Tempo ebenso. Denn im Grunde läuft, wie auch Ulrich Noller in seinem Nachwort bemerkt, alles auf einen Showdown hinaus, auf den das Buch mit aller Macht drängt.

Das ist großartig erzählt, spannend, immer wieder überraschend und erinnert mit dem in der Blockhütte festsitzenden Verdächtigen etwas an Quentin Tarantinos The hateful Eight. Wer hat mit dem Tod der Einsiedler-Familie zu tun? Welche Geheimnisse hüten die Menschen in Ragged Lake? Und wer spielt falsch? In Ron Corbetts Thriller kann man sich nie sicher sein. Dazu überzeugen auch die Schilderungen der kanadischen Einöde, sodass sich hier am Ende alles zu einem verbindet: einem grandiosen Thriller, der viel Aufmerksamkeit verdient hat!


  • Ron Corbett – Preisgegeben
  • Aus dem kanadischen Englisch von Sven Koch
  • Mit einem Nachwort von Ulrich Noller
  • 400 Seiten, Klappenbroschur
  • ISBN 978-3-948392-04-8 (Polar-Verlag)
  • EUR (D) 14,00 / EUR (A) 14,60

Drei Kurze (Kritiken)

Schon länger gab es in dieser Kategorie keinen neuen Beitrag mehr. Nun also Nachschub mit drei Büchern, die mich in völlig unterschiedliche Regionen der Welt führten. Durch den Klick auf die Cover gelangt man wie immer zur den Verlagspräsenzen der Bücher.

Chigozie Obioma – Das Weinen der Vögel

Chigozie Obioma - Das Weinen der Vögel (Cover)

Einen ganz besonderen Erzähler präsentiert der Nigerianer Chigozie Obioma in seinem Roman Das Weinen der Vögel. Hier erzählt kein Mensch, sondern ein Schutzgeist, ein Chi. Dieser hält vor dem Gericht der Geister sein Plädoyer für die Unschuld seines Klienten. Denn dieser hat schwere Schuld auf sich geladen, wie wir schon zu Beginn des Romans erfahren. Allmählich erzählt der redegewandte Schutzgeist die Lebengeschichte des nigerianischen Hühnerzüchters Chinonso. Einst in Liebe zu einer gesellschaftlich höherstehenden Frau entbrannt, setzte diese Liebe eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang.

Der Wunsch nach Bildung und sozialem Aufstieg trieb Chinsonso um, der seiner Angebeteten auf Augenhöhe begegnen wollte. Sozial ausgegrenzt warf er sein gesamtes Vermögen in die Wagschale, um auf Zypern zu studieren. Doch ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen – sein Streben nach sozialem Aufstieg nahm kein gutes Ende. Und so sind wir dabei, wie der Chi sein Plädoyer hält, eng verwurzelt in der mündlichen Erzähltradition Nigerias und der Theologie der Igbu.

Ein Buch, das durch seine außergewöhnliche Erzählinstanz besticht und das von einem Schicksal erzählt, das exemplarisch für viele andere steht. Erzählkunst, die für den Booker Prize 2019 nominiert und jüngst mit dem Internationalen Literaturpreis 2020 ausgezeichnet wurde (übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Agnete Friis – Der Sommer mit Ellen

Alles andere als ein typischer Sommerroman ist das Buch Der Sommer mit Ellen von Agnete Friis. 2018 als bester dänischer Roman des Jahres nominiert kann man das spannende Buch nun in der deutschen Übersetzung von Thorsten Alms entdecken.

Sommer in der Provinz von Jütland 2018. Da entstehen Bilder in Kopf, von wogendem Weizen, Fahrradfahrten durch die heißen Nachmittage zum nächsten See. Wache Nächte, strahlender Himmel und Tage, die nie zu enden scheinen. Eben ganz so, wie es das Cover dieses Romans suggeriert. Aber dem ist hier mitnichten so. Vielmehr gleicht dieser Sommer, den Agnete Friis in ihrem Roman schildert, der drückenden Schwüle kurz vor einem Gewitter. Vor vierzig Jahren verlebte Jakob Errbo einen Sommer in der jütländischen Provinz, der ein prägender werden sollte. Er lernte Ellen kennen, die zunächst in einer benachbarten Kommune und dann auf dem Bauernhof seiner Familie lebte. Die Schwester seines Freundes verschwand. Ein Mord ereignete sich. Und nun ist Jakob auf Bitten seiner Onkel vierzig Jahre später zurück auf dem Hof. Die Onkel wollen wissen – was mit Ellen passiert ist. Und Jakob macht sich auf die Suche nach der Wahrheit, die Jahrzehnte verborgen blieb.

Düster, dräuend, hypnotisch, machmal etwas zu gewollt, aber insgesamt wirklich gekonnt. Agnete Friis liefert in Der Sommer mit Ellen einen Anti-Sommerroman ab, der die Brüchigkeit der eigenen Erinnerung thematisiert.

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Diogenes wagt den Blick nach Osten. Nachdem früher die russischsprachige Belletristik fester Bestandteil des Verlags war, geriet sie in letzter Zeit etwas aus dem Fokus. Nun hat man mit Sasha Filipenko wieder einen jungen weißrussischen Autor unter Vertrag genommen. Dieser erzählt in Rote Kreuze zwei sich – kreuzende – Lebensgeschichten (übersetzt von Ruth Altenhofer).

Da ist zum Einen die des jungen Vaters Alexander, der eine Wohnung in einem weitestgehend leerstehenden Haus bezieht. Nachdem im Treppenhaus und an anderen Stellen rote Kreuze auftauchen, macht Alexander zum Anderen die Bekanntschaft mit der Frau, die für die Kreuze verantwortlich ist. Es handelt sich um Tatjana Alexejewna. Die Erinnerungen der hochbetagten Dame drohen dem Vergessen anheim zu fallen. Die Demenz greift um sich – und so erzählt dem zunächst noch recht widerwilligen Alexander ihre Lebensgeschichte. Und diese ist nicht anders als spektakulär zu nennen. Schließlich hat Tatjana einen Großteil des vergangenen Jahrhunderts erlebt.

Leider ist diese Fülle an Erlebtem auch ein Problem dieses Textes. Denn um sich sorgfältig diesem Jahrhundertleben mit all seinen Bildern und Schrecken zu widmen, ist mehr als nur eine oberflächliche Erzählung über gerade einmal 288 Seiten notwendig. Alle Wegmarken ihres Lebens touchiert Filipenko nur, ohne ihnen den gebührenden Raum zum Wirken zu geben. So bleibt am Ende leider ein etwas gehetztes und eben auch – oberflächliches – Buch, von dem ich mir mehr Tiefe gewünscht hätte. Gewiss, keine schlechte Lektüre – aber eben auch kein Buch, das mir länger im Gedächtnis bleiben wird.

Ein Autor fragt sich

Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist

Als Schriftsteller*in kennt man die Situation. Man hat ein Buch geschrieben, ist auf Lesereise, signiert in Buchhandlungen und führt Interviews. Interviews, die sich meist ähneln. Da ist zumeist die Frage nach den biographischen Bezügen des Werks, die Frage nach dem Schreibprozess. Von Zeit zu Zeit sind die Interviewenden schlecht vorbereitet, haben das Buch nur in Auszügen oder gar nicht gelesen. Und spätestens nach der fünften gleichlautenden Frage fühlt man sich doch wie in einer Schleife gefangen. Wie wäre es denn da, wenn man die Fragesteller*innen gleich ganz wegließe? Wenn man sich der Einfachheit halber gleich selbst interviewt und sich den eigenen Fragen stellt?

Eshkol Nevo - Die Wahrheit ist (Cover)

Wie so etwas aussehen kann, das zeigt Die Wahrheit ist, das neue Buch des israelischen Schriftstellers Eshkol Nevo. Nevo zählt zu den wohl bekanntesten Autoren seines Landes, zuletzt wurde sein Roman Über uns publikumswirksam im Literarischen Quartett diskutiert.

Zweifelsohne hat Eshkol Nevo Erfolg – doch bei der Lektüre seines Buchs könnte man auf andere Gedanken kommen. Da wird ein Autor interviewt, der denselben Namen wie der bekannte Schriftsteller trägt, dessen Leben aber überhaupt nichts Glamouröses hat. Die Interviewerin stellt ihm Fragen zu seinem Schreiben, seiner eigenen Geschichte, biographischen Hintergründen, Verfilmungen seiner Bücher und viel mehr. Durch die Fragen ergibt sich langsam das Bild eines Mannes, dessen Fundament wankt.

Ein Autor wankt

Die Ehe mit seiner Frau kriselt oder ist vielleicht schon gescheitert. Filmproduzenten wollen seine Bücher für die große Leinwand komplett umschreiben. Sein Engagement als Redenschreiber für einen Politiker sollte besser geheim bleiben. Die Bindung zu seinen Kindern wird immer brüchiger, weshalb Nevo schon begonnen hat, seine eigene Tochter zu stalken. Und dann ist da auch noch eine Dysthymie, die ihn quält und vom Schreiben abhält. Dieser Autor wankt und schwankt.

Ohne Kapitel, nur durch die Fragen gegliedert, schreibt sich Nevo in diesem zu einem Buch gewordenen Selbst-Interview durch sein vermeintliches Leben (aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke). Keine Station aus Vergangenheit und Gegenwart wird ausgelassen. Allmählich ergibt sich durch die teilweise recht assoziativ und sprunghaft beantworteten Fragen das Leben des Interviewten.

Nun boomt nicht erst seit Annie Ernaux und Karl-Ove Knausgard das Genre der Autofiktion. Das Spiel mit Echtem und Erdachtem, das Anlocken der Leser*innen mit vermeintlicher Nähe und Authentizität, es fasziniert immer mehr Autoren. Auch Eshkol Nevo ist dieser Anziehung erlegen. Doch wie sieht es aus mit der Wahrheit? Wie ist das Buch gelungen? Die Wahrheit ist:

Das Besondere, es fehlt

Dabei sitzt der israelische Autor leider einem Fehler auf, den viele Autor*innen begehen, die sich in diesem Genre umtun. So sind viele der geschilderten Viten und Erlebnisse für meine Begriffe überhaupt nicht spannend und schaffen es auch nicht, durch literarische Gestaltungsmittel zu überzeugen. Auch Eshkol Nevo fällt für meine Begriffe leider in diese Kategorie.

Um mich persönlich bei der Stange zu halten, braucht es mehr als eine Schilderung des Lebens als weißer, mittelalter Mann mit Beziehungsproblemen. Geschichten und Schilderungen von Menschen mit depressiven Zügen, mit Amouren, Reisen und Schreibblockaden gibt es ja en Masse.

Wo ist das Besondere, das mich auf über 400 Seiten bei der Stange hält? Die interessanten Brüche in der Vita? Die sprachliche Meisterschaft, die aus einem durchschnittlichen Leben eines Schriftstellers etwas Unverwechselbares macht? Das alles habe ich in dieser Nabelschau namens Die Wahrheit ist leider nicht gefunden.

Natürlich, die geschilderten Episoden um Lesungen hinter der Grünen Grenze und Erlebnisse aus dem Alltag in Israel sind durchaus spannend. Aber diese Episoden nehmen sich gegen die wehleidigen An-und Abstoßung seiner Frau, vermeintliche Amouren oder Kindheitsgeschichten seiner zwei Freunde leider doch als Minderheit aus. Es dominiert das Kreisen um das eigene Ego. Und für besonders lesenswert halt ich das Ganze eben mitnichten.

Das, was Celeste Ng sagt

Hier kommt leider ein Satz zum Tragen, den die großartige, ebenfalls bei dtv verlegte Celeste Ng jüngst in einem Interview über ihre Leseerfahrung mit dem großen Ego-Isten Karl-Ove Knausgård äußerte:

The book I think is most overrated

My Struggle by Karl Ove Knausgård. What really frustrates me about it is that, for centuries, extremely average straight white men get volumes to tell every detail of their lives, while stories by anyone else (especially women and people of colour) have to fight to be published at all.

Das Buch, das ich für am überschätztesten halte

Mein Kampf (auf Deutsch unter den Titeln Sterben, Spielen, Lieben etc. publiziert) von Karl Ove Knausgård. Was mich daran ärgert ist, dass extrem durchschnittliche weiße Männer seit Jahrhunderten allen Platz eingeräumt bekommen, um jegliches Detail ihres Leben zu schildern, während die Geschichten von allen anderen (besonders Frauen und People of Color) um ihre Veröffentlichung kämpfen müssen.

Celeste Ng: I couldn’t finish Knausgård’s My Struggle. Time is finite. Guardian online

So muss ich für meinen Teil leider konstatieren: Die Wahrheit ist, dass ich diesen Ausflug Eshkol Nevos ins Genre der Autofiktion für etwas überflüssig halte. Ein Buch, das weder auf sprachlicher noch auf inhaltlicher Ebene wirklich überzeugen kann. Und das trotz der charmanten Idee des Selbstinterviews.

Andere Meinungen zum Buch gibts bei Spiegel Online sowie Letteratura und Buchrevier.

  • Eshkol Nevo – Die Wahrheit ist
  • aus dem Hebräischen von Markus Lemke
  • Deutsche Erstausgabe, 432 Seiten
  • ISBN 978-3-423-28219-2, dtv-Verlag
  • Preis: 22,00 €

Rebecca Makkai – Die Optimisten

Manchmal bringt das Leseleben schon erstaunliche Überschneidungen mit der Realität zurande. Jüngstes Beispiel. Da lese ich den auf Blogs und Instagram omnipräsenten Roman Die Optimisten der Schriftstellering Rebecca Makkai. Und dann ist darin die Rede von einem unsichtbaren Virus, das eine ganze Gesellschaft verunsichert. Polizeigewalt bei Demonstrationen. Und einem Paris im Lockdown. Allerdings handelt es sich um keinen Schnellschuss dieser Tage, sondern einen im Original 2018 erschienenen Roman. Von Bettina Arbanell wurde dieser nun ins Deutsche übertragen und erschien im kleinen Eisele-Verlag.


Vom hoffnungsfrohen Titel des Buchs sollte man sich allerdings nicht in die Irre führen lassen. Denn Grund zum Optimismus gibt es in ihrem Buch wenig. Wir schreiben nämlich das Jahr 1985. Vor zwei Jahren wurde erstmals in Paris ein Virus beschrieben, das schon bald zu Unsicherheit, Sorge und einer hohen Sterblichkeitsrate führen sollte. Die Rede ist von HIV. Im Milieu, das Rebecca Makkai in ihrem Roman beschreibt, nimmt man dieses Virus noch nicht ernst. Die Schwulenszene Chicagos gibt sich dem hedonistischen Treiben hin. Sorglosigkeit und Promiskuivität prägen die Gesellschaft der Männer, die sich teils auf Bahnhofstoiletten und Saunaclubs mit anderen Männern zum Stelldichein verabreden. So etwas wie Aufklärung, Kondome oder Ähnliches ist in dieser Gesellschaftsschicht im Jahr 1985 noch gar nicht en vogue.

Rebecca Makkai - Die Optimisten (Cover)

Die rasante Ausbreitung im engsten Freundeskreis erlebt auch Yale Tishman am eigenen Leib mit. Er ist als junger Beschäftigter einer Gallerie auf der Spur einer Kunstsammlung einer alten Dame. Diese hat ihn kontaktiert, saß sie doch im Paris der 20er Jahre für Größen wie etwa Amadeo Modigliani Modell. Doch nicht nur Yale ist hinter der Sammlung her. Auch die Familie der Dame wittert den großen Reibach und möchte die Skizzen monetarisieren.

Während Yale also seine ganze Überzeugungskraft aufbieten muss, ist die Situation im privaten Umfeld höchst prekär. Seine Freunde infizieren sich mit dem Virus, erste Tests zeigen niederschmetterende Diagnosen. Es scheint, als könnte nichts die Ausbreitung des Virus eindämmen.

Zwischen Chicago und Paris

Sprung nach vorne. Im zweiten Handlungsstrang erzählt Rebecca Makkai derweil von Fiona. Diese ist im Paris 2015 unterwegs, um ihre Tochter Claire zu finden. Diese ist verschwunden. Sie hat geheiratet und ist in den Kreis einer Sekte geraten. Während Fiona die Stadt nach ihrer Tochter durchkämmt, kreuzt sie auch die Lebenswege von Freunden aus Chicago, die Erinnerungen an Erlebtes aus den 80er Jahren wecken.

Dieser erzählerische Bogen über 30 Jahre ist es, der das Grundgerüst der Optimisten bildet. Allerdings ist der Erzählstrang um Fiona und die Suche nach ihrer Tochter der deutlich schmälere. Er bildet höchstens einen Erzählanteil von 25 Prozent (und ist meinen Augen auch der schwächere). Wenngleich die Rückschau auf das Treiben in Chicago 30 Jahre zuvor eine nette Komponente ist, so hätte es diese in meinen Augen nicht unbedingt gebraucht, zieht sie das Buch mit ein paar erzählerischen Volten doch in die Länge.

Solche Längen gibt es auch im Chicago-Teil des Buchs. Hier fallen diese allerdings nicht so ins Gewicht. Vielmehr ist die ausschweifend erzählte Milieuschilderung der Chicagoer Schwulenszene sowie der Kunstszene wirklich gelungen. Wie sich das öffentliche Bewusstsein über AIDS ändert, wie die Krankheit Menschen grausam hinwegrafft, wie Beziehungen und Freundschaften abrupt ihr Ende finden – davon erzählt Rebecca Makkai wirklich gekonnt. Die Atmosphäre und das Tun und Treiben in den Clubs, Betten und Kultureinrichtungen, Die Optimisten vermittelt gekonnt, wie es einst gewesen sein muss, als händchenhaltende Männer zusammengeschlagen wurden und Pride-Paraden noch ein exotisches zirkusgleiches Event waren.

Die Optimisten das Buch des Jahres?

Nun aber zur großen Frage, die ander Blogger*innen schon für sich beantwortet haben. Ist Die Optimisten DAS Buch des Jahres? Nein, denn dazu ist mir der Qualitätsabfall zwischen den beiden Erzählsträngen zu groß. Und auch wenn Bettina Arbanell als Übersetzerin gute Arbeit leistet – sprachlich ist das Buch auch eher Durchschnittskost. Da hat man eine Würdigung der Kunst in diesem Jahr schon deutlich besser gelesen. Aber nichtsdestotrotz unterhält das Buch gut. Mit über 600 Seiten ist es ja ein wirklicher Schmöker mit nur wenigen Durchhängern. Fein übersetzt und mit einem Thema, nämlich der AIDS-Epidemie in den 80ern, das sonst im Literaturmainstream dieser Tage wenig Beachtung findet, wenngleich Viren dieser Tage ja wieder große Aufmerksamkeit beikommt. Von daher, durchaus eine Empfehlung, allerdings keine enthusiastische.

Andere Meinungen gibt es unter anderem hier: bei Buchrevier, bei Angelika liest und hier:

Auf Murmeljagd

Gibt es einen schlechten Zeitpunkt, um ein Buch über die Schrecken des Dritten Reichs zu veröffentlichen? Offensichtlich ja, wie der Fall Ulrich Becher zeigt. Er entschied sich nämlich, sein Opus Magnum, den 700-seitigen Roman Murmeljagd, 1969 zu veröffentlichen. Ein Buch, das sich mit Flucht, Terror und Menschenjagd auseinandersetzt – das aber kaum jemand lesen wollte. Die 68er-Bewegung hatte ihre Wirkmacht noch nicht entfaltet, die Ohrfeige Kurt Georg Kiesingers durch Beate Klarsfeld lag gerade einmal ein Jahr zurück. Sich literarisch mit den Schrecken der Jahre 33-45 auseinanderzusetzen, das stand für die damalige Gesellschaft noch nicht wirklich auf dem Programm, die Phase der Exilliteratur war schon vorbei.

Und so blieb auch Ulrich Becher mit seinem Buch der Erfolg und die Aufmerksamkeit verwehrt. Ein Status, der sich bis heute nicht wirklich geändert hat. Ulrich Becher? Eher kennt man noch Johannes R. Becher, expressionistischer Dichter und Schöpfer der DDR-Nationalhymne. Aber Ulrich Becher? Dieser Name lässt wohl höchstens bei Germanisten und eingefleischten Literaturkenner*innen die Glocken läuten, wie auch Eva Menasse in ihrem Nachwort zur Neuauflage der Murmeljagd bemerkt.

Schon einmal wagte Schöffling im Jahr 2010 eine Neuauflage dieses apokryphen Klassikers. Nun, zehn Jahre später gibt es wieder einen Versuch, Bechers Buch dem geneigten Publikum nahezubringen. Diesmal publiziert der Verlag zudem auch noch die New Yorker Novellen, die zwanzig Jahre vor der Murmeljagd entstanden. Ähnlich wie im Falle Gabriele Tergits oder Jens Rehns versucht Schöffling auch hier eine Wiederentdeckung eines Buch, das in einer gerechten Welt ein Klassiker der deutschsprachigen Literatur geworden wäre – und das bei allen Schwächen, die dem Buch auch zweifelsohne innewohnen.

Albert Trebla wird gejagt

Held von Bechers monumentalen Roman ist der Jagdflieger Albert ***, der sich in seiner Funktion als Journalist den Palindromnamen Albert Trebla zugelegt hat. Im Ersten Weltkrieg diente er als Aufklärungsflieger. Bei einem seiner Einsätze kam er einem feindlichen Flugzeug zu nahe, sodass er einen Kopfschuss kassierte. Nach einem Lazarettaufenthalt hilft ihm nur noch Ephedrin, um den oftmals pochenden Schmerz der Stirn zu betäuben.

Ulrich Becher - Murmeljagd (Cover)

Jener Trebla hat dem Krieg abgeschworen, er ist zum linken Journalisten geworden. Doch nun, zwanzig Jahre nach seinem Abschuss über den Wolken, dräut der Zweite Weltkrieg am Horizont. Die Nazis haben die Macht übernommen, Säuberungswellen und Gleichschaltung bedrohen Menschen wie Trebla. Und so entkommt er mithilfe eines waghalsigen Skimanövers über Vorarlberg in die Schweiz. Den SS-Patrouillen entgeht er nur um Haaresbreite. Dort in der Schweiz wartet seine Frau Xane auf ihn.

Da er unter dem tückischen Heufieber leidet, ist eine Tarnung kein Problem. Er zieht sich als Hotelgast zur Heufieberkur ins Engadiner Oberland zwischen Pontresina und Sils Maria zurück. Dort, in der abgeschiedenen alpenländischen Bergwelt möchte er zur Ruhe kommen. Doch damit ist es nicht weit her. Denn das Engadin wird von einer Reihe merkwürdiger Selbstmorde erschüttert. Immer ist es Trebla, der sich in unmittelbarer Nähe der Suizidanten befand. Zudem begegnet Trebla merkwürdigen Hotelgästen, die sein Misstrauen wecken. Sind es wirklich harmlose Murmeltierjäger, die im ladinischen Gebirge umhersteigen? Oder ist Trebla selbst das Murmeltier, auf das Jagd gemacht wird?

Engadiner Gestalten

Wie es sich anfühlt, wenn man aufgrund seiner politischen Einstellung zur unerwünschten Person und zur gejagten Figur wird, davon weiß Ulrich Becher eindrücklich zu berichten. Changierend zwischen bedrohlicher Stimmung und Komödiantentum, zwischen Tod und Kalauer durchlebt sein Trebla ein wahres Wechselbad der Gefühle. Zusammen mit seiner Frau begegnet er höchst skurrilen Gestalten, die Bechers Engadin bevölkern. Ein Cocker Spaniel-züchtender und dem Alkohol fröhlich zusprechender Landanwalt, genannt Avoccato Wau Wau. Ein ehemaliger irischer Jockey. Ein Berliner Schlossbesitzer, ein Arzt namens Dr. Pompejus Tardüser. Dieser Roman ist voller Figuren, die auf mysteriöse Art und Weise aus dem Leben scheiden oder bei denen lange nicht klar ist, was sie Trebla so wollen.

Dieser hetzt fiebrig durchs Engadin, immer mit Druck auf der Brust und der dräuenden Gefahr im Nacken. Dabei entstehen Szenen, die man nach dem Lesen nie wieder vergisst. So erzählt Becher vom brutalen Umgang der Schergen im KZ, vom Todesritt eines vormals weltbekannten Clowns in die Elektrozäune des KZ Dachaus oder dem brutalen Tod von Treblas bestem Freund, einem Wiener Arzt, durch jugendliche Nazischergen in einem Viehwaggon. Diese Bilder, die Becher in Murmeljagd zeichnet, sind von einer unfasslichen Wucht. Ihm gelingt in diesem Buch einer Meisterwerk der nuancierten Stimmungen, die von dramatischen Todesfällen bis zu schwarzem Humor reicht. Da stören auch die paar erzählerischen Volten, die das Buch beständig schlägt, nicht wirklich.

Und damit ist der wichtigste Punkt, der dieses Buch eigentlich kanonwürdig macht, noch gar nicht angesprochen. Es ist der Punkt der Sprache. Beziehungsweise der der Sprachgewalt. Denn Murmeljagd ist zuvorderst ein Sprachmeisterwerk im Guten wie im Schlechten. So ist die Erzählweise Bechers mit dem Adjektiv expressionistisch noch kaum erschlagen. Es ist ein Buch, das knallt, das explodiert, das sprüht, das fordert, oftmals auch überfordert und das zeigt, wozu Sprache im Stande ist.

Ein Meisterwerk der Sprache

Die größte Hürde dürften dabei schon die ersten Seiten sein, zumindest mir erging es so. Was da über die Seiten purzelt, könnte so manch eine*n veranlassen, das Buch wieder zuzuklappen und wegzulegen. Und das wäre ein Fehler. Denn Ulrich Becher zeigt hier über 700 Seiten, wie vielfältig Sprache ist, wie sie eine Geschichte bereichern und veredeln kann. Denn die Virtuosität des Meisterschülers von Georg Grozs ist unerhört. Eine Virtuosität, die manchmal auch nerven und überfordern kann, wie auf den ersten Seiten dieses Romans. Manchmal wirkt Becher wie ein naseweises kleines Kind, das alles zeigen will, was es kann. Da stecken Seiten voller Fix Laudon!, ausgeschriebener Ja-Jotts, Ka-Zetts und Ess Ess, die Charaktere geben sich häufig unterschiedlichste Kosenamen, sämtliche Dialekte werden ausgeschrieben, egal ob österreichisch, berlinerisch oder schweizerisch.

Dann gelingen Becher auch wieder Passagen, die man einfach nur bewundern kann, so etwa wie diese.

Der Berge Elefantengrau hatte mittlerweile einen Malventon angenommen, aber vom Berninapass herüber züngelte Homers „Rosenfinger der Frühe“. Spielten auf einem Firnzipfel Piz Palü, indes überm Rosatscheine formlose Ampel schwebte, der zur Sichel geschrumpfte Junimond verwischte hinter einer Federwolke, seit Tagen der erste überm Hochtal. Kein Kuhglockenklimpern, kein Vogelzwitschern, Verhallen zweier Schläge von der Pfarrkirche her, halb vier, eines schläfrig-heisern, fast grunzenden Hahnenschreis, der ohne Antwort blieb. Trotz des lästigen Tocketocke – ohne es wäre die Stille beispielslos geweisen – rührte ich mich nicht von der betonierten Stelle, als er herangetragen wurde, der unwirklich sachte Pfiff.

Becher, Ulrich: Murmeljagd, S. 581

In einer Zeit, in der viele Bücher in einer uniformen und austauschbaren Sprache geschrieben scheinen, ist Murmeljagd ein Buch, das zeigt, wie das auch aussehen könnte, mit spannender Sprache. Die Vielfalt, die in diesem Buch steckt, ergäbe genug Material für ein ganzes dutzend spannender Forschungsprojekte (an dieser Stelle sei auch auf das mehr als hilfreiche Online-Projekt zur Murmeljagd von Dieter Häner hingewiesen).

Neugier und Wille zu Bechers Stil ist vonnöten

Natürlich ist Ulrich Bechers Buch eines, das viele Leser*innen überfordern dürfte. So etwas wie Entspannung und Zerstreuung findet sich hier nicht, zu fordernd ist der Stil, zu düster das Thema. Auch erklärt sich so der Status des Buchs, den die Murmeljagd bis heute besitzt.

Wer sich aber auf dieses Wagnis der Jagd einlässt, bekommt es mit einem der außergewöhnlichsten Bücher der jüngeren deutschen Literatur zu tun. Und nicht zuletzt ist auch die Figur des Ulrich Bechers auch eine hochgradig faszinierende. Schließlich zählt er zur Garde der Exilautoren, er war der jüngste Schriftsteller, dessen Werke von den Nazis 1933 verbrannt wurden. Sein Leben und sein heute fast vergessenes Werk verdienten auf alle Fälle einer Wiederentdeckung.

Schön dass Schöffling nun noch einmal von Eva Menasse sekundiert einen Versuch für dieses Werk startet. Denn die Murmeljagd hat es verdient. Hier gilt auf alle Fälle: wer wagt, der gewinnt. Sieht auch die geschätzte Birgit Böllinger vom Blog Sätze & Schätze so.