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Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern

Wie es war, als sich das rote Hamburg in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts langsam braun färbte? Aus Anja Kampmanns neuem Roman Die Wut ist ein heller Stern lässt es sich erfahren. In ihrem sprachlich herausragenden Werk schreibt sie eine Art Berlin Alexanderplatz für die Hansestadt Hamburg und erzählt von der Halbwelt, von Varietés, Walfängern und Kaimanen.


Liest man Anja Kampmanns neuen Roman, so tritt es einem wieder unweigerlich vor Augen: Literatur, das ist vor allem ja auch Sprache. Zugegeben ist diese Erkenntnis eine Binse, aber in Zeiten, in denen zu viele deutschsprachige Autor*innen ihr Schreiben in eine recht uniform klingende Sprache hüllen, die zu austauschbar klingt und die auf die Möglichkeit verzichtet, mit dem sprachlichen Fingerabdruck die eigene literarische Marke zu prägen, da macht Die Wut ist ein heller Stern staunen.

Eine solche sprachliche Gestaltungsmacht, ein solch impressionistischer Sprachrausch, sie ist einem hierzulande seit Mariam Kühsel-Hussainis Tschudi oder den ebenfalls sprachlich herausragenden Werken Emanuel Maeß´ nicht mehr untergekommen. Dass hier eine Lyrikerin schreibt, man sieht und fühlt es auf jeder Seite und lässt auch das immer wieder auftauchende Motiv der Puccini-Arie Nessun dorma zur Aufforderung an uns Leser werden, dass niemand schlafe, um diesem Erzählrausch angemessen begegnen zu können.

Eine literarische Vermessung Hamburgs zur Nazizeit

Statt sich mit einer einfachen Beschreibung des Lebens ihrer Erzählerin Hedda zu begnügen, mischt Kampmann Wahrnehmung, Dialogfetzen, Sprachspiele, Gedanken und Sinneseindrücke zu einem berauschenden Ereignis, das als Langedicht wie auch als Roman funktioniert. Zusammen mit Hedda durchmisst man ein Hamburg zwischen Klein-Flottbek, dem Gängeviertel, Altona oder den Wasserwegen, die für manche von Kampmanns Protagonisten zum letzten Ausweg werden, während die Nazis langsam die Macht über die Hansestadt übernehmen.

25. Mai, Tag der deutschen Seefahrt. Bootsrennen auf der Alster mit Ritter von Epp, Vorbeimarsch der Wüstenbraunen, die sich Marine nennen, vor dem Gebäude des HAPAG Seebäderdienstes.
Ich höre die Durchsagen zum Festprogramm vor dem Radio des Grauen. Ein reicher Flaggenschmuck. Abends ist nicht so viel los im Alkazar, alle sind auf den Straßen, wir können früher gehen. Die Nacht ist weich und warm. In London ist Thronjubiläum: Die Straßen wie blühende Gärten.

Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern, S. 278

Hedda arbeitet als Tänzerin im Varieté Alkazar, das von seinem Besitzer Arthur Wittkowski nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde. Während unten in der Manege zwei Kaimane als Attraktion dienen, wirbelt Hedda in der Kuppel des Varietés am Seil und im Ring umher.

Das rote Hamburg wird braun

Anja Kampmann - Die Wut ist ein heller Stern (Cover)

Doch von Leichtigkeit kann keine Rede sein, denn schon ganz zu Beginn des Buchs wird die vormals weite und glamouröse Welt Heddas immer kleiner. Im Jahr der „Machtergreifung“ durch die Nazis sind es die Kreise, in denen sich Hedda bewegt, die unter Beschuss geraten. Ihre Freunde aus dem Arbeiterturnverein, die kleinkriminellen Finken aus dem Dunstkreis Arthurs oder ihr Schwarm Kuddel, ein Boxer. Sie alle sind die Feinde der neuen Machthaber, die mit Brutalität für die neue Ordnung in Sachen Machtverhältnisse dort sorgen.

Hedda erlebt das aus nächster Nähe mit, wenn die Braunen zur Jagd auf die Roten blasen und Gewalt und Tod Einzug halten in den Straßen Hamburgs.

Auf einmal gibt es einen lauten Knall. Hart, wie ein Schuss. Etwas fällt zu Boden. Schsch. Da ist der Graue, beruhig dich, Mädchen.
Es ist nur ein Stab in der Ecke, der umgefallen ist – ein Schlag, aber alles hat mit dem Handbeil zu tun. Sie schlagen den Kommunisten den Kopf ab wie dem Geflügel, den Kopf, Henker! Der Keiler ist wach, schsch, denk nicht dran.
Der Graue, er nimmt einen tiefen Zug aus der Pfeife und bläst mir den Rauch ins Gesicht wie einem scheuen Tier, er nimmt meine Hand, ruhig, sagt er, hier: Und da ist der Rauch wie eine Himmelsleiter, au der alles aufwärtsstrebt, die große Fahrt, die See, da ist die See, schimmernd und weit.

Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern, S. 404

Doch nicht einmal die See bietet die Möglichkeit zu entkommen. Denn Hedda kann nicht einfach gehen oder eine Schiffspassage ins Exil antreten. Während ihr Bruder Jaan auf einem Walfänger anheuert, mit dem die Nazis Ressourcen für ihr angestrebtes Weltreich gewinnen wollen, muss Hedda ihren kleinen Bruder Pauli verstecken, so gut es geht. Denn dieser ist aufgrund seiner verwachsenen Beine geheingeschränkt und somit ein Ziel für die Eugenik-Pläne der Nazis, die immer unverhohlener auftreten und sich auch von den 1936 in Deutschland stattfindenden Olympischen Spielen in ihrem Rassewahn und Machtstreben einbremsen lassen, im Gegenteil.

Die Verfügungsgewalt der neuen Machthaber

Im Lauf des Romans wird auch Hedda am eigenen Leib die Verfügungsgewalt der neuen Machthaber spüren, während sich die Schlinge um „moralisch verkommener Subjekte“ wie Hedda immer weiter zuzieht und bald nicht nur Arthur oder der Trompeter aus dem Alkazar untertauchen muss, sondern auch sie in große Gefahr gerät.

Das schildert Anja Kampmann durch diese Bewusstseinsstromtechnik ihres Buchs unglaublich packend und nachfühlbar. Das zunehmende Versteckspiel und die steigende Angst um ihre Brüder und Freunde, die Grausamkeit der Nazis und die Ruchlosigkeit der Profiteure, die sich im Kielwasser der neuen Machthaber bequem gemacht haben, Die Wut ist ein heller Stern erzählt davon ebenso anschaulich wie gelungen.

Kampmanns Buch beleuchtet zudem sträfliche vernachlässigte Kapitel der Geschichte wie die unglaubliche Geschichte des Walfangs, der von Hamburg ausgehend den Tod für hunderte der Tiere bedeutete, wie sie auch vom erschütternden Umgang mit Menschen erzählt, die nicht zu den Wahnvorstellungen der Machthaber passten – und dem nicht minder empörenden Umgang mit den damals Verantwortlichen in der Nachkriegszeit.

Fazit

So ist dieses Buch ein sprachliches Ereignis und ein eindringliches Dokument, das die Zeit der „Machtergreifung“ in Hamburg ganz unmittelbar erfahrbar werden lässt. Ein beeindruckendes Stück deutscher Literatur, das Anja Kampmann hier vorlegt und das nicht nur sprachlich zu dem Herausragendsten zählt, was dieses Jahr auf Deutsch geschrieben wurde.


  • Anja Kampmann – Die Wut ist ein heller Stern
  • ISBN 978-3-446-28120-2 (Hanser)
  • 496 Seiten. Preis: 28,00 €

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen

Ein McGuffin im Eis, die Verstrickung der Schweiz in den Nationalsozialismus, dazu ein Terroranschlag, undurchsichtige Frauen, Männerbünde und obendrein jede Menge Verwirrung. Martina Clavadetscher schickt uns und vielleicht auch sich selbst etwas aufs Eis und lässt in Die Schrecken der Anderen Lesende ganz gehörig ins Rutschen geraten.


Was ist da los in der Schweiz? Im fiktiven Ödwilersee bewacht Archivar Schibig eine Leiche im Eis. Die herbeigerufenen Fachkräfte machen sich an die Freilegung des Mannes aus dem Eis – und Schibigs Neugier ist geweckt. Doch nicht nur seine, auch die Neugier der undurchsichtigen Rosa, die in einem Wohnwagen am Uferrand wohnt, weckt der Todesfall am See. Wer ist der Tote im Eis und wie kam er in den See?

Das ist die Frage, der der Archivar im ersten Erzählstrang des Romans von Martina Clavadetscher nachgeht. Dann ist da noch der zweite, nachgesetzte Erzählstrang um Kern, der gerne in Amt und Würden bei seinem elitären Club wäre, kurz vor der Ziellinie aber abgebremst wird. Während die dominante Mutter als Hausdrache daheim in der familieneigenen Villa das Pflegepersonal verschleißt, spioniert Kern seiner Frau hinterher, die er einer Affäre verdächtigt.

Diese beiden Erzählstränge sind es, die den erzählerischen Rahmen von Martina Clavadetschers bemerkenswert verwirrenden Roman bilden. Wer ist denn der Tote im Eis? Warum hat Rosa solches Interesse an den Hintergründen des Fundes und warum beginnen die beiden zu ermitteln? Was hat es mit Kerns Familienerbe auf sich und wie verhalten sich die beiden Erzählstränge zueinander?

Willkommen im Labyrinth

Statt Klarheit in diesen Fragen setzt Martina Clavadetscher ihre Leser*innen in ein Labyrinth aus Anspielungen, Sagen und Andeutungen, die zunehmend die Verwirrung verstärken, anstatt Antworten zu geben.

Er wird sich dem Kommenden fügen, Hauptsache er bleibt in Bewegung, damit die Angst ihn nicht wieder einholt. Bald wird in diesem Labyrinth schon ein roter Faden auftauchen, dem sie folgen können, denkt Schibig. Oder ein Reptilienschwanz, der sich im Frühling langsam, aber deutlich zu regen beginnt und an dem sie sich mit einem Ledergurt festschnüren könnten, um dieser Unklarheit zu entfliegen. Doch die Alte, als könnte sie seinen Gedankenausflug erkennen, blickt ihn über ihre Lesebrille an und meint: – Zuerst gehen wir noch etwas tiefer in die Angelegenheit hinein.

Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen, S. 93

Nein, ein roter Faden mag sich in diesem Durcheinander aus Andeutungen und Ideen nicht wirklich zeigen. Jugendliche, die mit Ku-Klux-Klan-Kapuzen im Fasching auftauchen und dabei wohlwollend verteidigt werden, elitäre und höchst diskrete Klubs, die mit Spenden und Hinterzimmerpolitik das Wohl und Wehe bestimmen, dazu noch die Spuren zum Toten, der auf den sprechenden Namen McGuffin hören soll. Es wird vieles angedeutet und geraunt in Martina Clavadetscher Roman, der roten Faden aber fehlt. Stattdessen taumelt man durch das literarische Labyrinth, stößt sich an Ecken und Wänden des Erzählens und steht vor immer neuen Wänden, die aus dem Nichts zu erwachsen scheinen.

Zerklüftetes Erzählen

Martina Clavadetscher - Die Schrecken der Anderen (Cover)

Immer mehr Volten schlägt die Handlung, die dabei auch vor Klischees und Groteske keine Scheu hat. Symbolik mit dem Holzhammer gibt es etwa, wenn die greise höchst pflegebedürftige Mutter als Art böser Hexe nach einigen Tagen ohne Betreuung ausgezehrt in ihrer Villa aufgefunden wird, wo sie irr lachend eine Nazi-Uniform umarmt. Subtil ist hier wenig – und auch wenig sinnstiftend.

Mit drängte sich bei der Lektüre von Die Schrecken der Anderen der Eindruck auf, dass Martina Clavadetscher viele Themen und Punkte behandeln will. Die Kontinuität von Gewalt, die Mythen und Selbsttäuschung der Alpenrepublik und allen voran die Verstrickung der ach so „neutralen“ Schweiz in die Verbrechen der Nazis und die bis heute andauernde Sympathie für die Ideologien der einstigen Machthaber – und die aktive, finanzgestützte Förderung des Gedankenguts, sie sind Themen in Clavadetscher thematisch eigentlich doch wirklich interessantem Roman.

Leider geht das aber im erzählerischen Labyrinth zwischen Toten im Eis, Terroranschlägen, täppischen Ermittlungen, Fantasyelemente und sehr viel Theaternebel verloren. Das über dem See befindliche Frakmont-Gebirge gibt mit seinem Namen ebenfalls schon vor, was einen erwartet: zerklüftetes und nicht wirklich zugängliches Erzählen, ganz so wie es der Name der fiktiven Gesteinsformation in Clavadetschers Roman verheißt.

Fazit

Wie schon ihr Schweizer Landmann Jonas Lüscher will auch Martina Clavadetscher hier zu viel und verliert den Fokus ob der aufeinandergeschichteten Motive und erzählerischen Brüche und Spiegelungen. Mehr roter Faden und weniger Raunen, Fokus auf klarere Themen statt ständiges Beschwören der der Abhängigkeit aller Dinge und damit ein Zuviel an Themen, es hätte zumindest für mich die Orientierung und die Eindringlichkeit von Die Schrecken der Anderen verbessert.


  • Martina Clavadetscher – Die Schrecken der Anderen
  • ISBN 978-3-406-83698-5 (C. H. Beck)
  • 333 Seiten. Preis: 25,00 €

Arno Frank – Ginsterburg

Hoffnung auf Größe, die wie Seifenblasen platzt. In seinem neuen Roman Ginsterburg zeichnet Arno Frank über eine Dekade hinweg den Weg Deutschlands in die Dunkelheit nach. Mit den Mitteln eines Kleinstadtromans erzählt er von den Jahren 1935 bis 1945, als auch in der fiktiven Kleinstadt die große Politik einschlug und Konsequenzen forderte.


Auf den ersten Seiten ist es ein Zirkus, der Einzug hält in der Kleinstadt Ginsterburg und der den Bewohnern und Bewohnerinnen dieser Stadt Abwechslung verheißt. Doch seine besseren Tage liegen schon lange hinter dem Zirkus. Ein Motorradfahrer, der vor jeder Steilwandfahrt sein Gefährt warten und reparieren muss, ein indischer Tiger, dessen Hauptbeschäftigung nurmehr der Schlaf ist, eine betagte Wahrsagerin, ein Seifenblasenzauberer, viel mehr hat der Zirkus nicht mehr aufzubieten.

Dennoch lässt sich der junge Lothar von der verheißungsvollen Magie der Artisten in der Stadt einnehmen und folgt den mit Rauch gefüllten Seifenblasen staunend, die als Ankündigung des Spektakels in den Himmel entschweben, ohne zu zerplatzen.

Dies wird so ziemlich das Einzige sein, das auf den folgenden 420 Seiten nicht zerplatzt. Denn in seinem neuen Roman blickt Arno Frank tief hinein in die dunklen Jahren Deutschlands, als Scharlatane, Blender, Karrieristen und Verführer das „Dritte Reich“ ausriefen und mit der Unterstützung der Bevölkerung das Land abermals in Tod und Leiden stürzten.

Ginsterburgs Weg ins Verderben

Arno Frank - Ginsterburg (Cover)

Auch in Ginsterburg lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. Dafür wählt Arno Frank einen dreiteiligen Erzählansatz, indem er zunächst vom Jahr 1935 in Ginsterburg erzählt, gefolgt von Sprüngen in die Jahre 1940 und 1945. Zunächst scheint noch alles geregelt, der junge Lothar singt im Kirchenchor, seine Mutter Merle bietet als Buchhändlerin neben erwünschten Büchern wie Barb – eine deutsche Frau auch Ricarda Huch an und begeistert sich als Leserin für die Bücher Friedells, Remarque oder Alice Behrend. Der steile Walter betreibt ein Kino und Blumengroßhändler Gürckel hat sein Geschäftsfeld weit über seinen Blumengroßhandel ausgedehnt und ist zum NSDAP-Kreisleiter und zum Bürgermeister der Stadt im Schatten des mit Gargoyle-Wasserspeiern geschmückten Münsters aufgestiegen.

Hier schon zeigen sich die ersten Anzeichen, des bald folgenden Kriegs. Die Zwillinge des Bürgermeisters paradieren in ihren Nazi-Uniformen, auf Merles Schaufenster werden in Ermangelung von nennenswerten jüdischen Geschäften Hakenkreuze geschmiert, wer kann, ist schon geflohen oder hat Suizid begangen, wie der Chefradakteur des Ginsterburger Boten, für den auch Eugen von Wieland schreibt, der außerdem mit Merle eine Affäre pflegt.

Der schon in seinem letzten Roman Seemann vom Siebener erprobte Ansatz des multipersonalen Erzählens findet auch in Ginsterburg wieder Anwendung. Immer wieder begegnen sich die Figuren im kleinen Städtchen, suchen sie ihren eigenen Vorteil oder das kleine Glück und entwickeln sich über die zehn Jahre. Merles Sohn Lothar etwa wird vom scheuen und verträumten Jungen zu einem vielgerühmten Kampfflieger, Gürckel wird von seiner Frau für einen Nazi-Goldfasan verlassen, nur damit sie später hochherrschaftlich zu ihm zurückfindet, während er sich in der Zwischenzeit das kleine Ginsterburger Schloss mit Tiepolo-Kunst angeeignet hat.

Große Geschichte in der Kleinstadt

Im Kleinen erzählt Arno Frank, was sich im Großen in diesen Jahren überall in Deutschland abspielte. Bereicherung, Hass und Hetze, Verfolgung Andersdenkender, Mitläufer und privater Widerstand, Verlobung, Tode und Schlachten, all diese Facetten greift Ginsterburg auf

Nicht alles ist dabei ganz rund. Der zu Beginn groß eingeführte Zirkus verschwindet abgesehen von kleinen rekurrierenden Momenten aus der Handlung, auch die auf den Seiten eingeführte Vorschau auf die Tode von einigen Figuren gibt Arno Frank als Stilmittel schnell auf und beachtet diese Form des Erzählens im Folgenden kaum. Hier liegt sicher noch etwas erzählerisches Potential, das Arno Frank in einer etwas stringenteren Form mit weiteren Romanen noch ausschöpfen könnte.

Ihm fehlt in einigen Passagen auch etwas die Konsequenz für die Folgen des Bösen, die Eva Menasse in Dunkelblum an den Tag legte, in dem sie das Dunkle der Schuld schmerzhaft hell ausleuchtete. Wenn dann aber die Brandbomben auch auf Ginsterburg fallen, dann ist man mit den kleineren Mängeln versöhnt und beobachtet atemlos die Folgen dessen, was die Kleinstadt über die Jahre zuvor mit ihrem Verhalten heraufbeschworen hat.

Auch lobenswert ist der Umstand, dass sich Arno Frank über die Sprache Gedanken gemacht hat, mit der er sein Personal sprechen lässt. Hier gibt es noch das Fräulein, Heranwachsende hecken Bubenstücke aus und man kommt direktemang zur Sache. Das verleiht Ginsterburg auch sprachlich eine Authentizität, die die Fiktion dieser Kleinstadt ein ganzes Stück weit wieder vergessen macht und die auch über die schreckliche Künstlichkeit des KI-generierten Covers hinweghilft.

Fazit

Das Platzen von Träumen, das Fallen von Bomben, die Zerstörung aller Illusionen – das beschreibt Arno Frank auf lesenswerte Art und Weise und zeigt sich damit als Schriftsteller noch einmal ein ganzes Stück gereift. Interessant montiert und sprachlich authentisch ist Ginsterburg ein Lehrstück über die Kräfte des Bösen und die Konsequenzen, die diesen folgen, egal ob in der Kleinstadt Ginsterburg oder im Großen. Das macht dieses Buch unbedingt lesens- und diskussionswert!


  • Arno Frank – Ginsterburg
  • ISBN 978-3-608-96648-0 (Klett Cotta)
  • 432 Seiten. Preis: 26,00 €

Martin Mittelmeier – Heimweh im Paradies

Fernab der Heimat – und doch die Sorgen um Deutschland stets präsent. In Heimweh im Paradies porträtiert Martin Mittelmeier Thomas Mann während seines Exils in Kaliforniern – und zeichnet nebenbei auch noch ein Bild des exilierten deutschen Geisteslebens, von Adorno bis Schönberg.


Liest man Martin Mittelmeiers erzählendes Sachbuch Heimweh im Paradies, so muss man doch auch unwillkürlich zurückdenken an die Zeiten Anfang des Jahres, als die Waldbrände rund um Los Angeles loderten. Lange sah es so aus, als würden auch die Mann-Villa in Pacific Palisades und die Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger Zuflucht vor den Nazis fand, ein Raub der Flammen. Ein Unglück, das gerade so noch einmal vermieden werden konnte.

Was es bedeutet hätte, wenn diese Häuser mitsamt ihrer bewegten Geschichte in Flammen aufgegangen wären, das führt Mittelmeiers Buch vor Augen. Denn ihm gelingt es, ein Bild der deutschsprachigen Exil-Gemeinde während der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu zeichnen, deren Schicksal eng mit den Häusern verbunden war, die sie in Kalifornien bewohnten.

Katia und Thomas Mann sind im Frühjahr 1941 endgültig von Princeton an die Westküste gezogen, zunächst in ein Mietshaus im Ranch Style am Amalfi Drive, ganz in der Nähe von Huxleys Haus.

Im Februar 1942 beziehen sie das Haus, das sie sich nach langem Hin und Her, nach ständigem Zweifel und mehreren Kostensteigerungen selbst bauen haben lassen, eine halbe Stunde zu Fuß von der Wohnung am Amalfi Drive entfernt, wenn man sich vom Meer wegbewegt. Wo man dann aber, weil man auf diesem Weg immer bergauf geht, einen guten Blick auf den Pazifik hat. Die Villa, von deren Arbeitszimmer der Dichter einen weiten Ausblick über den Pazifischen Ozean hat, wird nach einer Gruppe hoher Palmen den Namen „Seven Palms“ führen“, heißt es in der deutsch-jüdischen Exilzeitung „Aufbau“ in einem kurzen Artikel.

Martin Mittelmeier – Heimweg im Paradies, S. 56

Thomas Mann – angetan von der eigenen Bedeutung

Während sich die dank des literarischen Erfolgs seiner Werke auch im Ausland finanziell unabhängigen Manns eine Villa erbauen können, ist Theodor Wiesengrund, genannt Adorno, in keiner solchen luxuriösen Situation. Er muss zusammen mit seiner Frau in einem wesentlich bescheideneren Heim leben, wo ihn Mann besucht. Aber dessen ungeachtet kann man natürlich auch nach Höherem streben, so wie es Mann bei seiner Gönner Agnes E. Meyer tut.

Martin Mittelmeier - Heimweh im Paradies (Cover)

Diese hat ihm zwar eine Stelle als Berater bei der Library of Congress sowie eine Gastprofessur in verschafft, so ganz zufrieden ist Thomas Mann damit aber nicht. Gegenüber seiner Gönnerin merkt Mann an, dass Hermann Hesse im Gegensatz zu ihm seine Zuhause in Kalifornien von seinem Mäzen finanziert bekommen habe. Luxusprobleme in der luxuriösen Umgebung von Pacific Palisades – aber auch eine bezeichnende Anekdote für den Geistesarbeiter Mann, der sich in seiner Rolle als moralisches Gewissen der Deutschen durchaus gefiel.

In Heimweh im Paradies bietet Mittelmeier viele solcher Vignetten auf, die das Bild von Thomas Mann als von der eigenen Bedeutung angetanen Mann zeigen. Als fleißiger Redenschreiber will er mit seinen Schriften von Kalifornien aus demokratiefördernd und fordernd auf die Deutschen einwirken, die derweil den Zweiten Weltkrieg führen.

Neben seiner Arbeit für die Demokratie schielt Mann auch stets mit seinem Schreiben auf die Wirkung seines Werks. Die Auszeichnung als Book of the month wird gerne entgegengenommen, nach der Vollendung seiner Josephs-Tetralogie ist es nun der Doktor Faustus, an dem er arbeitet und bei dem er Unterstützung vom schon erwähnten Theodor Wiesengrund erhält. Der in Musiktheorie wie philosophischem Denkwerk firme Adorno „inspiriert“ Mann zu seiner Arbeit am Roman über Adrian Leverkühn und dessen Pakt mit dem Teufel.

Geistesblüten im kalifornischen Exil

Nicht die einzige Geistesblüte, die die in Kalifornien zusammengewürfelte Notgemeinschaft treibt. Wie schon in seinem 2021 erschienenen Werk Freiheit und Finsternis nimmt Martin Mittelmeier auch hier die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Denker im kalifornischen Exil in den Blick.

Zusammen mit Manns direktem Nachbar Max Horkheimer arbeitet Theodor W. Adorno nicht nur im Institut für Sozialforschung zusammen und entwickelt zentrale philosophische Ideen weiter. Adornos Name Wiesengrund floss ebenso wie dessen Analyse von Beethovens Klaviersonate op. 111 wiederum in Manns Doktor Faustus ein. Auch prägen die Begegnungen mit exilierten Komponisten wie Hanns Eisler oder Arnold Schönberg und deren musiktheoretischen Ansätzen wiederum Manns Werk.

Um das Gravitationszentrum Thomas Mann herum entsteht ein Panorama von Geistesgeschichte dort in den Hügeln von Beverly Hills und Kalifornien, das Martin Mittelmeier in eine Sprache kleidet, die auch von ihrem Gegenstand gelernt hat.

Adorno ist von allen dreien am wenigsten an der politischen Sphäre interessiert. Er ist einerseits von allen der größte Revolutionär: Die Welt, so, wie sie ist, muss zersprengt werden. Aber mithilfe der Gedankenfiguren seines Freundes und Lehrers Walter Benjamin arbeitet er am stärksten von allen daran, diese Sprengung rein ins Gedankliche und Ästhetische zu verflüchtigen. Deswegen freut er sich, als Thomas Mann wieder zum Roman zurückkommt und den musiktheoretischen Vortrag des stotternden Organisten Wendell Kretzschmar vorliest mit der neu hinzukommenden Note, die das Tröstlichste der Welt ist.

Martin Mittelmeier – Heimweg im Paradies, S. 115

Das ist nicht immer ganz einfach zu lesen, schließlich steigt Martin Mittelmeier auch tief in das Denken seiner Geistesarbeiter ein und konzentriert sich nicht nur auf die Literatur, sondern eben auch in großem Maße auf die Philosophie, deren zentralen in Kalifornien entstandenen Gedanken und Ideen das Buch nachspürt.

Das macht Heimweh im Paradies nicht nur für literaturgeschichtlich interessierte Leser der Werke von Volker Weidermann oder Uwe Wittstocks interessant, sondern ist auch für Anhänger von biographisch grundierter Philosophiegeschichte ein Gewinn, wie sie gegenwärtig etwa Wolfram Eilenberger verfasst.

Fazit

Auch wenn der Untertitel von Heimweh im Paradies allein Thomas Mann in den Mittelpunkt stellt, so ist Martin Mittelmeiers Buch doch mehr. Dokumentation der Wechselwirkungen, die die Denkerinnen und Denker in ihrem Exil in Kalifornien erzeugten, Einstieg die Werkgeschichte Manns ebenso wie in die Entstehung der Frankfurter Schule, theoriegesättigter Sprachprunk, der dabei doch auch leichtfüßig und erkenntnisreich ist. Das alles vermag Martin Mittelmeiers Buch zu leisten.


  • Martin Mittelmeier – Heimweh in Paradies
  • ISBN 978-3-7558-0033-0 (Dumont)
  • 192 Seiten. Preis: 22,00 €

Steffen Kopetzky – Atom

Mit seinem neuen Roman wandelt Steffen Kopetzky nicht nur literarisch auf den Spuren Ian Flemings. In Atom schickt er den Physiker Simon Batley im Dienste des britischen Geheimdiensts auf die Jagd nach einem SS-Offizier durch halb Europa, während der Kontinent in den Wirren des Zweiten Weltkriegs versenkt. Dabei beleuchtet er auch die schmutzigen Deals, die den Grundstein für das Atomzeitalter legten.


Hans Kammler ist ein Name, der heute selbst Geschichtsinteressierten kaum mehr etwas sagen dürfte. Dabei hat sein Leben und Treiben durchaus das Zeug zu einem Thriller, wie Steffen Kopetzky in seinem neuen Roman Atom beweist. Denn der SS Obergruppenführer und General der Waffen verantwortete er nicht nur die Errichtung von Konzentrationslagern, sondern war als Bevollmächtigter für den Bau der unterirdischen Bauten zur Fertigung von Flugzeugen und Raketen zuständig.

In Kopetzkys Roman wird jener Hans Kammler zu einem gefürchteten Phantom, dem der junge Simon Batley durch halb Europa hinterherjagt, um ihn zur Strecke zu bringen.

Auf der Jagd nach dem Phantom Kammler

Steffen Kopetzky - Atom (Cover)

Angeworben für den britischen Geheimdienst MI6 führte ihn schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine Mission nach Deutschland, wo er als Physikstudent in Berlin für den Geheimdienst spionieren sollte. Nun, inmitten des tobenden Zweiten Weltkrieges wird Batley 1941 wieder von seinem Vorgesetzten Scully aktiviert. Er soll herausfinden, an was die Nazis in verschiedenen Fertigungswerken wie den Škoda-Fabriken in Pilsen oder anderen Produktionsstandorten in Europa so fieberhaft arbeiten.

Sind es Atomwaffen, an denen die Nationalsozialisten unter Hans Kammler forschen, die Hitler den erhofften Wendepunkt im immer hoffnungsloser werdenden Kriegsgeschehen bringen sollen?

Während die Deutschen England mit Angriffen ihrer neuartigen „Vergeltungswaffe“ V2 überziehen, die unter Wernher von Braun entwickelt wurde, macht sich Simon auf, um die Spuren Hans Kammlers in Europa aufzunehmen und herauszufinden, an was seine Ingenieure und Zwangsarbeiter arbeiten. Für Simon ein Einsatz mit besonderer Bedeutung, da er auch seine große Liebe aus der Berliner Studentenzeit Hedi im Dunstkreis um Hans Kammler vermutet…

Simon Batley als Wiedergänger James Bonds

Atom ist ein historischer Agententhriller, der Simon Batley als Wiedergänger James Bonds mit seiner Zündapp quer durch Europa schickt. Im Dienste seines Shakespeare zitierenden Vorgesetzten und dem Secret Service Chef C begibt sich Simon ausgestattet mit James Joyces Finnegans Wake, das als Codierungsschlüssel zum Funken dient, sowie einer Zündapp-Maschine auf die Jagd nach dem Phantom Kammler.

Von Lissabon über die belgische Nordseeküste und Oberammgerau bis nach Tschechien führt diese Jagd, die in einem Showdown mündet, der jedem Agententhriller aus Feder Ian Flemings würdig wäre. Jener Ian Fleming ist bei Kopetzky nicht nur literarischer Ideengeber, sondern taucht auch als Figur auf, schließlich stand auch er zur damaligen Zeit im Dienste des MI6, was ihn zu seinen späteren Romanen um den Geheimagenten im Dienste ihrer Majestät inspiriert.

Natürlich dürfen dabei auch keine genretypischen Dialog-Versatzstücke fehlen:

„Verbrecher oder nicht – er hat das Uran versteckt, nur er weiß, wo es ist. Kapierst du es denn nicht? Das Material ist nun einmal in der Welt. Da ist es ja immer noch besser, dass wir es bekommen. Und nicht die Sowjets. Wir werden es niemals einsetzen, natürlich nicht. Aber wir brauchen es! Denk doch einmal nach. Es geht nicht ohne Kammler, und wenn er tausendmal ein Verbrecher ist, woran ich keinen Zweifel habe. Aber die Zukunft der freien Welt ist wichtiger!“

„Hör nicht auf ihn. Drück ab, Simon! Hedi schrie ihm das wütend entgegen. Sie meinte es bitterernst. Sie sagte gerade Lebewohl. Nein, sie brüllte es. „In einer sogenannten freien Welt, in der so ein Schwein einfach davonkommt, lohnt es sich sowieso nicht zu leben. So eine Welt wird untergehen. Worauf wartest du, Simon?“

Steffen Kopetzky – Atom, S. 378

Wettrennen um die Atomkraft – und durch das kriegszerstörte Europa

Spannend ist dieser Roman, der das Wettrennen um die Atomkraft zugleich als Wettrennen durch das kriegszerstörte Europa inszeniert. Zudem ist dieser Roman verblüffend aktuell, da nun wieder über die Abschreckung durch Atomwaffen debattiert wird und ein globales Wettrüsten und Wettrennen um die beherrschenden Technologien beginnt.

„Unsere Zukunft liegt in Europa, oder? Dem Kontinent unserer früheren Feinde. Wir müssen unseren Einfluss und unsere Kenntnisse nutzen, um diesen unseren zukünftigen Freundesraum zu beschützen.“

„Vor den Russen?“

„Und vor den Amerikanern.“

Steffen Kopetzky – Atom, S. 406

Wieder gelingt Steffen Kopetzky ein historischer Spannungsroman vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, der zugleich auch in Zitaten und Figuren die Handlungen seiner früheren Werke Risiko, Propaganda, Monschau und Damenopfer wieder aufgreift. Zudem steckt sein Buch voller Figuren der (Spionage)Geschichte, von Kim Philby bis zum Raketenpionier Hermann Oberth oder Rolf Engel, der nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft einfach in Ägypten weiter an Raketen baute.

Atom ist reich an solchen Figuren. Besonders stark neben der Geheimdienstatmosphäre und der atemlosen Hatz durch das zerstörte Europa ist das Buch dort, wo es um die schmutzigen Deals rund um die Atomwaffen geht. Dass für die Kriegsgewinner die Frage der Moral in Sachen technologischer Vorherrschaft bei der Atomkraft deutlich hintenanstand, das zeigt der 1971 geborene Autor in seinem Roman deutlich.

Fazit

Wie ein Agententhriller liest sich Kopetzkys Buch, der einen Physiker durch das zerstörter Europa schickt und das zeigt, wie wenig Moral und Ethos zählen, wenn es um die Beherrschung der Kraft des Atoms geht. Ein packendes Buch, das Geschichte erlebbar macht und zugleich eine sanfte Einführung in die physikalische Wirkweise der Kernspaltung ist – und was diese so schwer beherrschbar macht. Das ist historische Unterhaltung über Vertrauen und Täuschung, Illusion und Hoffnung par excellence, mit der Kopetzky weiter an seinem Ruf als Experte für die Verbinder von Historie und Spannung arbeitet.


  • Steffen Kopetzky – Atom
  • ISBN 978-3-7371-0152-3 (Rowohlt)
  • 411 Seiten. Preis: 24,00 €