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Penelope Lively – Nachtglimmen

Während ihr eigenes Lebenslicht zusehends schwächer wird, versetzt sich Claudia Hampton in Penelope Livelys Roman Nachtglimmen von einem Krankenhausbett aus noch einmal an zentrale Punkte ihres Lebens. Mal aus der eigenen Geschichte heraustretend, mal ganz präsent entsteht das vielgestaltiges Bild eines Lebens, das für Claudia von der Kriegsreporterin bis hin zur Mutter viele Rollen kannte.


Moon Tiger, so heißt jenes brennbare Material, dessen Verglimmen Moskitos fernhalten soll und das auch Penelope Livelys Buch im Original von 1987 und den bisher erschienenen deutschen Ausgaben des Romans (1994 als deutsche Erstausgabe, 1997 als Neuauflage) seinen Titel gibt. Auch Claudia Hampton diente der Moon Tiger als Schutz vor Moskitos, führte sie ihr Leben von England aus doch an entlegene Schauplätze wie Kairo, wo man Moon Tiger einsetzte, um des Nachts die Gefahr durch die Insekten zu mildern.

Auch andere Ländern wie Indien oder Spanien zählten zu den Stationen ihres Lebens, ehe Claudia zurück in ihre britische Heimat kam. Dort liegt sie im Alter von 76 Jahren nun abermals in einem Bett – nur Moon Tiger verglimmt nicht mehr neben ihr.

Schichten eines Lebens

Stattdessen ist es ihr Lebenslicht, das zusehends schwächer wird und nur noch flackert, womit der Titel des Nachtglimmens ebenso metaphorisch wie konkret zu lesen ist. Wechselnd zwischen realen Momenten dort im Krankenhaus und dem überwiegenden Abtauchen in die eigenen Erinnerungen entsteht langsam ein Bild, das die Schichten von Claudia Hampton freilegt. Denn nicht umsonst ist sie seit Kindertagen von fossilen Ablagerungen wie Ammoniten fasziniert und zählt den Bauingenieur William Smith zu ihren Vorbildern. Dieser nutzte seine Kanal-Baustellen, um nebenher Studien über die unterschiedlichen Schichten im Gestein zu betreiben.

William Smith bezog seine Inspiration durch die Schichtenbildung. Meine Schichten sind nicht so leicht zu erkennen wie die der Felsen von Warwickshire, und im Kopf sind sie nicht einmal in Folgen angeordnet, sondern ein Wirbel aus Worten und Bildern.

Penelope Lively – Nachtglimmen, S. 29

In diesen Wirbel taucht man im Folgenden mit Claudia ein und widmet sich den unterschiedlichen Schichten und Stadien ihres Lebens, die sich zu dem Menschen sedimentiert haben, der nun im Krankenbett zwischen persönlichen Erinnerungen in Ich-Form und Außenbetrachtungen hin und herwechselt.

Die vielen Facetten der Claudia Hampton

Penelope Lively

Die Kindheit, die im Zeichen von Konkurrenz und Anziehung zu ihrem Bruder Gordon bestand, die Zeit als Kriegsreporterin zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Kairo, eine große Liebe und eine weniger liebende Partnerschaft, die Erfahrungen als Mutter und ihre eigene Karriere, all diese Aspekte ihres Leben scheinen in den Erinnerungen auf, die zwar an manchen Stellen durcheinanderwirbeln und sich gegenseitig überlagern, dennoch aber ein klares und ja – vielschichtiges Bild von Claudia und ihrem fast acht Jahrzehnte währendem Leben ergeben.

Das ist neben dem Inhalt des Romans insbesondere aufgrund der schon erwähnten stilistischen Besonderheit des Buchs besonders prägnant. Denn immer wieder tritt Claudia aus ihrer eigenen Geschichte, betrachtet durch die personale Erzählweise sich selbst und ihr Verhalten anderen Menschen gegenüber aus der Distanz, um dann wieder in das eigene Erleben und die Kontakte mit ihren Lebensmenschen im Krankenhaus zurückzuwechseln.

Ein Frauenleben unter herausfordernden Bedingungen, das Schwanken zwischen Vergessen und Erinnern, das ist souverän erzählt und steht in der Tradition anderer großer britischer Autor*innen wie Graham Swift, Michael Ondaatje oder Jane Gardam. Dass die 1933 in Kairo geborene und 2012 zur Dame Commander of the Order of the British Empire ernannte Penelope Lively hierzulande nicht bekannter ist, ist angesichts der literarischen Klasse dieses Buchs bedauerlich – schließlich errang sie für Nachtglimmen 1997 den Booker Prize.

Ein neuer Blick auf eine bisweilen verkannte Autorin

Dass der Dörlemann-Verlag sich nun daran macht, Penelope Lively mit dieser Neuausgabe ihres Romans wieder ins öffentliche Interesse zu rücken, ist begrüßenswert. Alte, bei dtv erschienene Auflagen ihres Buchs sind im Buchhandel allenfalls noch antiquarisch erhältlich – und auch die damalige Kritik scheint veraltet, wie Eli Shafak in ihrem neuen Vorwort für den Roman schreibt.

Herablassend und bestenfalls gönnerhaft sei im englischsprachigen das damalige Urteil der Kritik ausgefallen, so die Autorin in ihrem Vorwort (hierzulande reicht das Archiv des Perlentauchers nur 25 Jahre zurück, sodass sich das deutsche Echo auf Livelys Roman nicht mehr wirklich nachvollziehen lässt).

Die Vielschichtigkeit im Charakter von Livelys Heldin, die Anerkennung der Komplexität und Widersprüchlichkeit und deren Anspruch, sich selbst zu ermächtigen, um ihre eigene Lebensgeschichte und damit verbunden die der Welt zu erzählen, all das sei von der männlich geprägten Literaturkritik nicht unbedingt mit Begeisterung aufgenommen worden.

Auch wenn sich manche dieser Verhaltensmuster in der professionellen Kritik auch hierzulande noch immer beobachten lassen, erlaubt die Neuauflage doch nun einen freieren Blick auf die Qualitäten und den Anspruch von Livelys Erzählen. Schade nur, dass die Übersetzung nicht – oder noch immer nicht – mit diesem Anspruch Schritt hält.

Eine begrüßenswerte Neuausgaben – mit Mängeln in der Übersetzung

Denn der einst von Ulrike Budde und nun laut Verlagsangaben von Ulrike Miller aus dem britischen Englischen übersetzte Roman krankt an der in Teilen mangelhaften Übersetzung.

So liest sich der Roman, als sei er nur in groben Zügen der neuen Rechtschreibung angepasst worden. Fehler wie der Begriff des “ Torpedobeschußss“ (S. 231) weisen in diese Richtung. Auch gibt es manche Eigentümlichkeiten wie das eine Seite zuvor auftauchende und im Deutschen nicht gebräuchliche Adjektiv „handsam“. Ob hier „handsome“ kreativ übertragen wurde oder von „handzahm“ die Rede sein sollte, bleibt ein Rätsel.

Zudem erscheint die Übersetzung von Begriffen an einigen Stellen erratisch. Während die einzelnen Regimenter genannt mit ihren originalen Titeln genannt werden, gibt es plötzlich ein Hochländer-Regiment, das in einer konsistenten Übersetzung als Highlander-Regiment Bestandsschutz hätte genießen müsste.

Neben einigen unnötig komplizierten und wenig idiomatischen Wendungen und der Verwendung von problematischen Begriffen wie „Rassen“ bleibt hier der Eindruck, dass mit einer präziseren Übersetzung im Deutschen noch einige zusätzliche Schärfegrade von Penelope Livelys Prosa hätten freigelegt werden können.

Fazit

Von diesem Wermutstropfen abgesehen bietet Nachtglimmen die Chance, eine ambitionierte und literarisch versierte Autorin (wiederzu)entdecken, die mit Claudia Hampton eine vielschichtige und widersprüchliche Figur mit einer faszinierenden Lebensgeschichte in den Mittelpunkt rückt.

Hier glimmt nichts, das ist ein literarisches Leuchten!


  • Penelope Lively – Nachtglimmen
  • Mit einem Vorwort von Eli Shafak
  • Aus dem britischen Englisch von Ulrike Miller
  • ISBN 978 3 03820 153 3 (Dörlemann)
  • 304 Seiten. Preis: 24,00 €
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Yael van der Wouden – In ihrem Haus

Zwischen Ablehnung und intensivem Begehren oszilliert die Beziehung zweier Frauen, die die niederländische Autorin Yael van der Wouden in ihrem Debütroman In ihrem Haus in den Mittelpunkt stellt. Sie erzählt in ihrem als Kammerspiel angelegten Roman von verdrängter Schuld, die in den Niederlanden der Nachkriegszeit langsam wieder zum Vorschein kommt.


Wenn auf der ersten Seite eines Buchs etwas aus der Erde ausgegraben wird, so darf man davon ausgehen, dass dies – ganz in der Tradition Tschechows – nicht das einzige Vorkommnis bleiben wird, das aus dem Dunkel der Vergangenheit ans Licht unserer Tage gefördert wird. Bei Yael van der Wouden ist das nicht anders. Ihr Roman hebt wie folgt an:

Isabel fand die Pozellanscherbe unter den Wurzeln einer faulen Kürbispflanze. Nach dem Frosteinbruch im Frühling und dem vielen feuchten Schnee schrumpfte das Gemüsebeet jetzt, an der Schwelle zum Sommer, in sich zusammen. Radieschen, Bohnen, Blumenkohl: alles braun und vergammelt. Isabel kniete mittendrin, mit Handschuhen und geschnürtem Hut, und entfernte das sterbende Grün. Die Scherbe schnitt durch ihren Handschuh, hinterließ ein kleines Loch.

Yael van der Wouden – In ihrem Haus, S. 9

Hochsymbolisch ist das alles, was Yael van der Wouden da an den Beginn ihres Romans setzt. Verfaulte braune Wurzeln in der Erde, überraschend zutagegeförderte Scherben aus der Vergangenheit, eine Verletzung, die die Entdeckerin der Scherbe erleidet. Hier deutet sich schon vieles an, was die kommenden Seiten noch ausbuchstabiert werden wird.

In der Erde Vergrabenes

Yael van der Wouden - In ihrem Haus (Cover)

Denn der Fund, den Isabel im Garten ihres Hauses macht, lässt sie nicht los. Eine Porzellanscherbe ist es, deren Gestaltung zum guten Geschirr passt, das sie im Auftrag der Familie im Inneren des Hauses hütet. Doch beim familieneigenen Porezellanservice fehlt eigentlich kein Teller. Denn hat ISabel die Haushälterin Neelke im Verdacht, mit dem vergrabenen Teller etwas zu tun zu haben.

Für Vergrabenes aus der Erde bleibt aber eigentlich kaum Zeit. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit ihren Brüdern Louis und Hendrik eröffnet ihr ältester Bruder Louis Isabel nämlich, dass er gedenke, seine zum Dinner mitgebrachte neueste Eroberung namens Eva im von seiner Schwester gehüteten Haus einzuquartieren. Entgegen dem Willen von Isabel werden Tatsachen geschaffen. Die beiden Brüder brechen nach ihrer Stippvisite im elterlichen Haus wieder rasch auf und Eva bleibt. Sie wird zur neuen Mitbewohnerin von Isabel.

Von dieser argwöhnisch und ablehnend beäugt, müssen sich die beiden Frauen miteinander arrangieren. Isabel verabscheut den Eindringling, führt Listen, da immer wieder Gegenstände aus dem Haus verschwinden – doch plötzlich kippt die Aversion gegen die unscheinbare Eva in eine Affäre, die die beiden Frauen miteinander beginnen. Ausführlich geschildert erwacht ein nie gekanntes Begehren in Isabel, die sich mit Leidenschaft in die neue Erfahrung stürzt. Doch wer ist diese Eva eigentlich überhaupt, in die sie sich da überraschend verliebt hat?

Die Hüterin des Hauses

In ihrem Haus (im englischen Original The safekeep) ist das Kammerspiel über zwei Frauen in einem abgelegenen Haus irgendwo in der niederländischen Provinz. Der Wandel von Misstrauen und Ablehnung hin zu Anziehung und Leidenschaft kennzeichnet die überraschende Beziehung der beiden Frauen. Dabei spielt der Großteil der Handlung in dem Haus, welches der Handlung den Charakter eines Kammerspiels auf engem Raum verleiht.

Überhaupt, der Raum. Der entscheidende Darsteller neben den beiden Frauen ist das Haus, welches Isabel in familiärem Auftrag hütet. Dessen Geschichte, das in der Endphase des Zweiten Weltkriegs 1944 von Onkel Karl für die Familie „gefunden“ wurde, Yael van der Wouden betrachtet sie näher. Dabei entfaltet der deutsche Titel eine treffende Nuance, schließlich stellt sich im Lauf des Romans auch die Frage von Besitzverhältnissen des Hauses. Wer ist hier überhaupt zu Gast? Ist das Haus wirklich Isabels Besitz?

Sonderlich überraschend oder subtil sind die Andeutungen über die Natur des Hausbesitzes in den Roman nicht eingearbeitet. Eher steckt die Wahrheit scharfkantig schneidend im Text, gleich der Scherbe im Beet, die die Isabel aus dem Beet hervorholt.

Schon auf Seite 42 deutet sich die Wahrheit über den familiären Besitz an, wo van der Wouden von einer Kindheitsepisode im Jahr 1946 erzählt, als eine verzweifelte Frau vor der Tür des Hauses um Einlass bat und die Kinder von der Mutter auf ihre Zimmer geschickt wurden.

Diese hier schon recht deutlich anklingende Geschichte wird im fünfzehn Jahre später angesetzten Hauptteil des Buchs im Schluss ausführlicher behandelt. Zwar hat man sich in seinen neuen Leben eingerichtet, die gröbsten Kriegsschäden im Land sind beseitigt – aber im Untergrund lauern dann doch noch einige Überraschungen aus der nicht allzu lang zurückliegenden Kriegszeit. Diese zentrale Pointe des Buchs ist dabei nicht überraschend; frappant ist es aber doch, wie Yael van der Wouden das Schweigen über im Krieg getanes Unrecht hier aufs Tapet bringt.

Explizites Begehren

Wenig subtil ist auch die Schilderung des Begehrens, das in Isabel neu erwacht. In Zeiten, in denen der Buchmarkt nach immer exliziteren Sexszenen giert, (im Fachjargon des New Adult-Trends auch „Spice“ und „Smut“ genannt) gibt In ihrem Haus dem Affen Zucker. Die queere Romanze und Leidenschaft wird in van der Woudens Buch sehr klar und deutlich ausbuchstabiert – und das in Großbuchstaben. Die Schilderungen des Sex und der kaum auszuhaltenden Spannung zwischen den beiden Frauen ziehen sich teilweise über viele Seiten hin (übersetzt aus dem Englischen von Stefanie Ochel).

Das droht manchmal, die eigentlichen erzählerischen Anliegen des Romans zu überdecken. Ein wenig mehr Subtilität in Beschreibung und Setzung der Themen ihres Buchs hätten mir mehr zugesagt. So ist das Buch in Teilen doch etwas vorhersehbar und in Sachen Figurenentwicklung nicht sonderlich tiefenscharf. Dafür aber knallt In ihrem Haus deutlich – nicht nur zur Freude der Bookstagram-Szene auf TikTok und Instagram, wo das Buch bereits einen kleinen Hype verursacht hat. Auch die Jury der International Booker Prizes konnte Yael van der Wouden mit ihrem Buch überzeugen. Sie wählte es im vergangenen Jahr auf die Shortlist des International Booker Prizes.

Fazit

Subtilität ist nicht die Stärke, die Yael van der Woudens Debüt ausmacht. In ihrem Haus erzählt von Kriegsschuld, verdrängte Wahrheiten und weiblichem Begehren. Auch wenn vieles in diesem Debüt mit etwas mehr Raffinement vielleicht mehr Wirkung entfaltet hätte – van der Woudens Gespür für Stimmungen, etwa zwischen den beiden Frauen oder der nervös-vibrierenden und dumpfen Enge im Haus ist bemerkenswert.


  • Yael van der Wouden – In ihrem Haus
  • Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
  • ISBN 978-3-9894105-4-1 (Gutkind)
  • 320 Seiten. Preis: 24,00 €
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Annett Gröschner – Schwebende Lasten

Blumenbinderin, Ehefrau, Kranführerin, Mutter, Überlebende. In ihrem Roman Schwebende Lasten setzt die Autorin Annett Gröschner ihrer Heldin Hanna Krause ein literarisches Denkmal und erzählt berührend von einem Leben, in dem sich die Brüche und Systemwechsel der Nachkriegszeit ebenso ablesen lassen, wie das Buch auch Zeugnis von weiblicher Überlebenskraft und Anpassungsfähigkeit ablegt. Großartige Lektüre!


Es könnte schiefgehen, wenn ein Roman mit einem Epitaph beginnt, der eigentlich schon alles vorwegnimmt, was da auf den kommenden 280 Seiten auf die Leser*innen wartet.

Dies ist die Geschichte der Blumenbinderin und Kranfahrerin Hanna Krause, die zwei Revolutionen, zwei Diktaturen, einen Aufstand, zwei Weltkriege und zwei Niederlagen, zwei Demokratien, den Kaiser und andere Führer, gute und schlechte Zeiten erlebt hat, die bis auf ein paar Monate im Berlin der frühen 1930er Jahre nie aus Magdeburg herauskam, sechs Kinder geboren hat und zwei davon nicht begraben konnte, was ihr naheging bis zum Lebensende.

Annett Gröschner – Schwebende Lasten, S. 7

Was soll da noch kommen, wenn die ersten Zeilen gleich die ganze Geschichte verraten und den biographischen Rahmen abstecken, der die Leser*innen im Folgenden erwartet? Ein herausragendes Leseerlebnis, mit dem Annett Gröschner demonstriert, was lebendiges Erzählen ausmacht, das weit über einen biographischen Rahmen hinausweist. Denn sie verleiht der Lebenserzählung ihrer Heldin Hanna Krause Anschaulichkeit und Tiefe, wie man sie wirklich nicht alle Tage findet.

Das große Leben der Hanna Krause

Annett Gröschner - Schwebende Lasten (Cover)

So folgt sie chronologisch dem Leben Hanna Krauses, die kurz vor dem Kriegsbeginn des Großen Krieges, der später der Erste Weltkrieg heißen sollte, zur Welt kommt. Vaterlos wächst sie im „Knattergebirge“ genannten Armenviertel Magdeburgs im Schatten der Johanniskirche auf. Als Blumenbinderin unterstützt sie ihre Halbschwester Rose, lernt später ihren künftigen Mann Karl kennen und macht sich als Blumenbinderin mit eigenem Laden dort im Knattergebirge selbstständig. Blumig oder farbenreich ist in ihrem Leben allerdings höchstens die Auslage in ihrem Laden. Denn das Leben dort in Magdeburg bedeutet ärmliche Verhältnisse, bei denen immer wieder Hannas Geschick und Findigkeit vonnöten ist, wenn sich mal wieder die Geldsorgen häufen oder sich schon bald die ersten Kinder im Leben der jungen Frau einstellen.

Schwebende Lasten ist das beeindruckende Bild von weiblichem Anpassungswillen und Überlebenskraft, die Hanna an den Tag legt, um ihre Familie um Karl und ihre Kinder zusammenzuhalten. Schon beginnt der Zweite Weltkrieg, der die Armut der Familie noch einmal potenzieren wird. Verluste ihrer Kinder im Zuge der Luftschläge der Alliierte, das Ausgebombt-Werden mit ihren kleinen Kindern, das Hamstern und Überleben der vom Historiker Harald Jähner „Wolfszeit“ getauften Periode, die ständige Not, die Hanna aber nicht brechen kann, davon erzählt Annett Gröschner plausibel und greifbar.

En passant erzählt dieser Roman auch die großen geschichtlichen und gesellschaftlichen Brüche des 19. Jahrhunderts mit, die immer wieder auf Hannas Leben durchschlagen.

Politische und gesellschaftliche Brüche

So fordert der Zweite Weltkrieg einen hohen Preis von ihr, ihre beständig wachsende Familie muss dramatische Verluste hinnehmen. Später wird sie im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat der DDR entgegen aller Widerstände zu einer Kranführerin, die mit ihrem Kran scheinbar schwebend die schweren Lasten passgenau durch die Maschinenhalle manövriert, obschon Misogynie und Ungleichbehandlung auch dort zum Alltag gehören, ehe sich Hanna auch hier ihren Platz erobert.

In der Nacht bevor Hanna das erste Mal auf den Kran stieg, schlief sie schlecht. Sie hatte Höhenangst, aber das konnte sie nicht zugeben. Sie wollte nicht mimosenhaft sein, auch wenn sie Mimosen mochte. Die Blumen ähnelten ihr, denn sie waren nur scheinbar empfindlich.

Annett Gröschner – Schwebende Lasten, S. 165

Aus den Krupp-Werken wird die Maschinenfabrik Krupp-Gruson im Besitz der sowjetischen Maschinen-Aktiengesellschaft, politische Systeme ändern sich, die Menschen müssen sich anpassen – und mittendrin Hanna Krause, in deren Leben sich all die Veränderungen bis hin zum neuen Deutschland nach der Wende ablesen lassen.

Ein literarisches Kunststück, das zu Verständnis beiträgt

Mit ihrem Roman gelingt Annett Gröschner das Kunststück, dass sich ein fiktives und schicksalsschlagreiches Leben völlig glaubwürdig und schon fast universal anfühlt. Das, was man mit dem schwammigen Schlagwort der „Würdigung von Lebensleistung“ vor allem in Bezug auf das Spannungsverhältnis von Ost- zu Westdeutschland immer wieder diskutiert, es erhält hier eine (zumindest von mir) selten gelesene Prägnanz und Anschaulichkeit.

Ihr gelingt es, mit Schwebende Lasten literarische Verständigungsarbeit zwischen Generationen und Landesteilen zu schaffen. Sie erzählt von Überleben und Mutterschaft, vom Kampf um Selbstbehauptung und Eroberung von Räumen, die Frauen viel zu lange nicht zugedacht waren. Gröschners Roman gelingt es, die immensen Veränderungen, die das Leben insbesondere in den ostdeutschen und mitteldeutschen Landesteilen bedeutete, vor Augen zu führen und glaubwürdige Porträts ihrer Figuren zu zeichnen, die von Staatsdoping in der DDR bis hin zur Kunst als Kraftquelle aus einer Fülle an Themen schöpft, ohne dabei die Geschichte mit übertriebenem Stilwillen oder literarischer Extravaganz zu überfrachten.

Das macht das Buch im besten Sinne massenkompatibel und setzt dem sachbuchlastigen, von Männern wie Dirk Oschmann bis Jakob Springfeld geprägten Diskurs ein literarisches Kunstwerk entgegen, das Kopf und Gefühl gleichsam anspricht.

Fazit

Diesem Buch sind ebenso viele Leser*innen wie Nominierungen und Besprechungen zu wünschen, schließlich gelingt der Autorin hier ein kleines, großes Kunstwerk, das in Zeiten erhitzter Ost-West-Debatten Bewusstsein für die Brüche und Leistungen jenseits der damals existenten Mauer schafft und nicht zuletzt exemplarisch ein Frauenleben schildert, wie es für das Funktionieren des Landes über alle Staatsformen hinweg unerlässlich war, und das doch noch immer viel zu oft übersehen wird. Insofern leistet Annett Gröschner mit ihrem Roman wichtige Arbeit und unterhält auf erhellende und begeisternde Weise. Dieses Buch ist keine Last, sondern die reine Freude!


  • Annett Gröschner – Schwebende Lasten
  • ISBN 978-3-406-82973-4
  • 280 Seiten. Preis: 26,00
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Steffen Kopetzky – Atom

Mit seinem neuen Roman wandelt Steffen Kopetzky nicht nur literarisch auf den Spuren Ian Flemings. In Atom schickt er den Physiker Simon Batley im Dienste des britischen Geheimdiensts auf die Jagd nach einem SS-Offizier durch halb Europa, während der Kontinent in den Wirren des Zweiten Weltkriegs versenkt. Dabei beleuchtet er auch die schmutzigen Deals, die den Grundstein für das Atomzeitalter legten.


Hans Kammler ist ein Name, der heute selbst Geschichtsinteressierten kaum mehr etwas sagen dürfte. Dabei hat sein Leben und Treiben durchaus das Zeug zu einem Thriller, wie Steffen Kopetzky in seinem neuen Roman Atom beweist. Denn der SS Obergruppenführer und General der Waffen verantwortete er nicht nur die Errichtung von Konzentrationslagern, sondern war als Bevollmächtigter für den Bau der unterirdischen Bauten zur Fertigung von Flugzeugen und Raketen zuständig.

In Kopetzkys Roman wird jener Hans Kammler zu einem gefürchteten Phantom, dem der junge Simon Batley durch halb Europa hinterherjagt, um ihn zur Strecke zu bringen.

Auf der Jagd nach dem Phantom Kammler

Steffen Kopetzky - Atom (Cover)

Angeworben für den britischen Geheimdienst MI6 führte ihn schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine Mission nach Deutschland, wo er als Physikstudent in Berlin für den Geheimdienst spionieren sollte. Nun, inmitten des tobenden Zweiten Weltkrieges wird Batley 1941 wieder von seinem Vorgesetzten Scully aktiviert. Er soll herausfinden, an was die Nazis in verschiedenen Fertigungswerken wie den Škoda-Fabriken in Pilsen oder anderen Produktionsstandorten in Europa so fieberhaft arbeiten.

Sind es Atomwaffen, an denen die Nationalsozialisten unter Hans Kammler forschen, die Hitler den erhofften Wendepunkt im immer hoffnungsloser werdenden Kriegsgeschehen bringen sollen?

Während die Deutschen England mit Angriffen ihrer neuartigen „Vergeltungswaffe“ V2 überziehen, die unter Wernher von Braun entwickelt wurde, macht sich Simon auf, um die Spuren Hans Kammlers in Europa aufzunehmen und herauszufinden, an was seine Ingenieure und Zwangsarbeiter arbeiten. Für Simon ein Einsatz mit besonderer Bedeutung, da er auch seine große Liebe aus der Berliner Studentenzeit Hedi im Dunstkreis um Hans Kammler vermutet…

Simon Batley als Wiedergänger James Bonds

Atom ist ein historischer Agententhriller, der Simon Batley als Wiedergänger James Bonds mit seiner Zündapp quer durch Europa schickt. Im Dienste seines Shakespeare zitierenden Vorgesetzten und dem Secret Service Chef C begibt sich Simon ausgestattet mit James Joyces Finnegans Wake, das als Codierungsschlüssel zum Funken dient, sowie einer Zündapp-Maschine auf die Jagd nach dem Phantom Kammler.

Von Lissabon über die belgische Nordseeküste und Oberammgerau bis nach Tschechien führt diese Jagd, die in einem Showdown mündet, der jedem Agententhriller aus Feder Ian Flemings würdig wäre. Jener Ian Fleming ist bei Kopetzky nicht nur literarischer Ideengeber, sondern taucht auch als Figur auf, schließlich stand auch er zur damaligen Zeit im Dienste des MI6, was ihn zu seinen späteren Romanen um den Geheimagenten im Dienste ihrer Majestät inspiriert.

Natürlich dürfen dabei auch keine genretypischen Dialog-Versatzstücke fehlen:

„Verbrecher oder nicht – er hat das Uran versteckt, nur er weiß, wo es ist. Kapierst du es denn nicht? Das Material ist nun einmal in der Welt. Da ist es ja immer noch besser, dass wir es bekommen. Und nicht die Sowjets. Wir werden es niemals einsetzen, natürlich nicht. Aber wir brauchen es! Denk doch einmal nach. Es geht nicht ohne Kammler, und wenn er tausendmal ein Verbrecher ist, woran ich keinen Zweifel habe. Aber die Zukunft der freien Welt ist wichtiger!“

„Hör nicht auf ihn. Drück ab, Simon! Hedi schrie ihm das wütend entgegen. Sie meinte es bitterernst. Sie sagte gerade Lebewohl. Nein, sie brüllte es. „In einer sogenannten freien Welt, in der so ein Schwein einfach davonkommt, lohnt es sich sowieso nicht zu leben. So eine Welt wird untergehen. Worauf wartest du, Simon?“

Steffen Kopetzky – Atom, S. 378

Wettrennen um die Atomkraft – und durch das kriegszerstörte Europa

Spannend ist dieser Roman, der das Wettrennen um die Atomkraft zugleich als Wettrennen durch das kriegszerstörte Europa inszeniert. Zudem ist dieser Roman verblüffend aktuell, da nun wieder über die Abschreckung durch Atomwaffen debattiert wird und ein globales Wettrüsten und Wettrennen um die beherrschenden Technologien beginnt.

„Unsere Zukunft liegt in Europa, oder? Dem Kontinent unserer früheren Feinde. Wir müssen unseren Einfluss und unsere Kenntnisse nutzen, um diesen unseren zukünftigen Freundesraum zu beschützen.“

„Vor den Russen?“

„Und vor den Amerikanern.“

Steffen Kopetzky – Atom, S. 406

Wieder gelingt Steffen Kopetzky ein historischer Spannungsroman vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs, der zugleich auch in Zitaten und Figuren die Handlungen seiner früheren Werke Risiko, Propaganda, Monschau und Damenopfer wieder aufgreift. Zudem steckt sein Buch voller Figuren der (Spionage)Geschichte, von Kim Philby bis zum Raketenpionier Hermann Oberth oder Rolf Engel, der nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft einfach in Ägypten weiter an Raketen baute.

Atom ist reich an solchen Figuren. Besonders stark neben der Geheimdienstatmosphäre und der atemlosen Hatz durch das zerstörte Europa ist das Buch dort, wo es um die schmutzigen Deals rund um die Atomwaffen geht. Dass für die Kriegsgewinner die Frage der Moral in Sachen technologischer Vorherrschaft bei der Atomkraft deutlich hintenanstand, das zeigt der 1971 geborene Autor in seinem Roman deutlich.

Fazit

Wie ein Agententhriller liest sich Kopetzkys Buch, der einen Physiker durch das zerstörter Europa schickt und das zeigt, wie wenig Moral und Ethos zählen, wenn es um die Beherrschung der Kraft des Atoms geht. Ein packendes Buch, das Geschichte erlebbar macht und zugleich eine sanfte Einführung in die physikalische Wirkweise der Kernspaltung ist – und was diese so schwer beherrschbar macht. Das ist historische Unterhaltung über Vertrauen und Täuschung, Illusion und Hoffnung par excellence, mit der Kopetzky weiter an seinem Ruf als Experte für die Verbinder von Historie und Spannung arbeitet.


  • Steffen Kopetzky – Atom
  • ISBN 978-3-7371-0152-3 (Rowohlt)
  • 411 Seiten. Preis: 24,00 €
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Gian Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos

Es ist ein Plan, der an Absurdität kaum zu überbieten ist. Der junge Francesco „Cesco“ Magetti soll im beschaulichen Asti nichts weniger als eine Karte zeichnen, die Die Eisenbahnen Mexikos verzeichnet – auf Befehl von ganz oben. Und so macht sich der junge Mann darin, inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs eine solche gewünschte Karte zu zeichnen, ohne jemals in Mexiko gewesen zu sein. Gian Marco Griffi macht aus dieser Ausgangslage einen Roman, der das Absurde, aber auch das Brutale und Gewalttätige in Zeiten des Faschismus grell ausleuchtet.


Asti ist eine Stadt im Norden Italiens, die man hierzulande sicherlich am ehesten für ihren Rot- und vor allem für ihren Schaumwein kennt. Im Piemont gelegen ist die Stadt nicht nur der Wohnort von Gian Marco Griffi – auch seinen Roman Die Eisenbahnen Mexikos siedelt er in dieser Stadt an.

Man tritt Asti nicht zu nahe, wenn man die Stadt nicht unbedingt als den Nabel der Welt bezeichnet. Regional gewiss von Bedeutung, weltpolitisch aber eher zu vernachlässigen ist die Stadt, die heute gut 73.000 Einwohner zählt. Bei Gian Marco Griffi konzentriert sich das ganze Schicksal allerdings auf jenen Ort, an dem der junge Cesco Magetti im Jahr 1944 beim Kommando der Republikanischen Nationalgarde der Eisenbahnen seinen Dienst tut.

Zahnweh und Zweiter Weltkrieg

Die Republik liegt in Schutt und Asche, die Nazis haben das Land besetzt, die Männer wurden zum Militärdienst eingezogen und um Cesco herum lösen sich alle Gewissheiten auf. Das ist für den jungen Mann dabei noch nicht einmal das Schlimmste. Denn zu allem Überfluss peinigt ihn Zahnweh, das ihn den Großteil des Romans über beschäftigen wird.

Es war eine üble Zeit. Ennio war desertiert, Luigi Bocca hatten sie versehentlich ins Ohrläppchen geschossen, Lehrer Pozzi hatte drei Finger seiner rechten Hand verloren und fluchte jedes Mal, wenn er zum Schreiben mit der linken herumfuhrwerken musste. Der König hatte Reißaus genommen, in den Zügen kamen Fahrgäste abhanden, der Barbier Gianni hatte ebenfalls Reißaus genommen, war auf irgendeinen Hügel gestiegen, um die Republik zu bekriegen, und im Viertel liefen alle mit ungemachtem Bart herum. Auch Pietro war desertiert, das Kino Gran Cinema Vittoria war geschlossen worden, mein Zahnarzt Grandi saß wegen Verrats im Gefängnis Le Nuove in Turin, und ich hatte seit drei Tagen Zahnweh.

Gian Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos, S. 9

Eigentlich aber sind die Zahnschmerzen das kleinste Problem des Nationalgardisten. Denn der bedauernswerte Magetti ist das Ende einer Befehlskette, die ihren Anfang in den obersten Kreisen der nationalsozialistischen Führung nahm. Schwer in die Defensive geraten meinen die Nazis nun aufgrund einer der vielen kuriosen und absurden Unwahrscheinlichkeiten in diesem Buch, das ausgerechnet im von Italien maximalweit entfernten Mexiko eine Wunderwaffe liegen soll. Ein geheimnisvoller Ort birgt sie, auf Karten findet er sich nicht. Ein Problem, das Cesco Magetti für die Machthaber lösen soll.

Eine Karte für die Eisenbahnen Mexikos

Gian Marco Griffi - Die Eisenbahnen Mexikos (Cover)

Die Anfertigung einer Karte, die diesen Ort ebenso wie die Eisenbahnen Mexikos beschreibt, endet bei ihm in so unmexikanischen Städtchen Asti. Als letzter Empfehlsempfänger in der Delegationskette macht er sich nun daran. die gewünschte Karte zu zeichnen. Über die Stadtgrenzen von Asti ist er allerdings nie wirklich hinausgekommen. Südamerikanischen Boden hat er erst recht nie betreten. Und so versucht er nun händeringend in der Provinz das zu beschaffen, was seine Vorgesetzten von ihm erwarten. Die Jagd nach hilfreichen Hinweisen gerät dabei aber zu einer Verkettung von Unwahrscheinlichkeiten und Absurditäten, die ihn zu Eisenbahndepots, Buchsammlern, in die Bibliothek und auf den Friedhof von San Rocco führt.

Dies bleibt beileibe nicht die einzige Verkettung von Ungemach und Schicksal. Die Eisenbahnen Mexikos ist voll von derlei wechselweise komischen und tragischen Verstrickungen, die die Figuren umfangen. Egal ob die Hintergründe für den absurden Plan der mexikanischen Eisenbahnkarte, die Jagd nach einem hilfreichen Buch oder die Befehlsketten der Nationalsozialisten – Gian Marco Griffi spürt mit viel Platz, Zeit und Detailfreude diesen Ketten nach.

Ausführlich erzählt er vom Wahnsinn, der mit dem Krieg einhergeht. Neben Himmelfahrtskommandos wie Cesco Auftrag als Kartograph sind es auch die Nazis, deren Gebaren der Roman auf komische, aber keineswegs lustige Art und Weise beschreibt, Immer schimmert durch alle Absurditäten, Fantastik und komische Momente auch die Brutalität des Kriegs durch. Egal ob in einer besondere Nazi-Entwicklungsabteilung in einer abgelegenen Villa im Elbtal oder dem Disput zweier golfspielender Soldaten auf dem Golfplatz.

Eine Mischung aus Absurdität, Verzweiflung, Komik, Gewalt und Slapstick

Es ist diese eigenwillige Mischung aus Absurdität, Komik, Verzweiflung, Gewalt und Slapstick, die Die Eisenbahnen Mexikos kennzeichnet. Immer wieder nimmt der Roman neue erzählerische Anläufe, nimmt unterschiedliche Perspektiven ein und lässt Originale wie einen Kornett spielenden Totengräber ihren Auftritt.

Ein stringentes und glaubwürdiges Leseerlebnis ist dieser 2023 für den Premio Strega nominierter Roman nicht immer. Vielmehr sind es die Grenzbereiche von Absurditäten und Wahnsinn, die Gian Marco Griffi hier in seinem fast barocken und sprachlich höchst vielfältigen (und von Verena von Koskull hervorragend aus dem Italienischen übersetzten) Roman ausführlich erkundet. Halb Odysseus, halb Sisyphos schickt er seinen zahnschmerzgeplagten Helden Cesco Magetti auf eine Reise, die man so schnell nicht vergisst.


  • Francesco Marco Griffi – Die Eisenbahnen Mexikos
  • Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
  • ISBN 978-3-546-10084-7 (Claassen)
  • 800 Seiten. Preis: 36,00 €
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