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Esi Edugyan – Washington Black

Man nehme etwa 30 Prozent Jules Verne und 70 Prozent Colson Whitehead, vermische kräftig, rühre einmal um et voilà: man erhält Washington Black von Esi Edugyan. Ein Roman, der von einer unglaublichen Reise erzählt, von Rassismus und von unbändigem Forscherdrang (übersetzt von Anabelle Assaf).


Schon das Cover zeigt die Richtung, in die sich das Buch bewegt. Denn die darauf abgebildete Flugmaschine spielt eine zentrale Rolle in Edugyans Buch. Sie ist es, die den Sklavenjungen George Washington Black und den Weißen Christopher Wilde zusammenbringt. Dieser ist der Bruder von Blacks Herr und Plantagenbesitzer Erasmus Wilde. Jener herrscht auf Barbados über seine Leibeigenen mit sadistischer Härte und quält sie, wo er nur kann. Ganz anders sein Bruder Christopher, der Erasmus besuchen kommt und zu dem Washington schon bald eine Beziehung aufbaut.

Christopher, genannt Titch, ist ein Charakter, der Züge Alexander von Humboldts trägt: Naturwissenschaftler, aufgeschlossener Geist und Abolitionist. Ihn treibt der Plan eines Luftschiffs um – und Washington Black erscheint ihm dafür der perfekte Partner zu sein. Der junge Schwarze ist ein talentierter Zeichner, neugierig und ergänzt sich intuitiv mit Wilde. Zusammen arbeiten sie an dem Start der wunderlichen Flugmaschine, die tatsächlich bald zur Notwendigkeit für Titch und Washington wird. Denn nach dem Freitod von Christophers Cousin müssen die beiden von Erasmus‘ Plantage fliehen. Zusammen treten sie die Reise im Fluggerät an, die die beiden einmal um die Welt führen wird. Südamerika, Nova Scotia und England sind dabei nur ein paar Stationen, die wir mit Washington im Laufe des Buchs bereisen.

Einmal um die halbe Welt

Washington Black ist eine reizvolle Mischung aus historischer Fiktion und Reiseroman. Wie der eingangs erwähnt Jules Verne hat auch Esi Edugyan viel Freude dabei, technische Gerätschaften zu erfinden, mit der sie ihr Personal auf Reisen schickt. Doch eine heitere Schnitzeljagd ist ihr Buch zu keiner Zeit. Stattdessen wirft sie auch einen genauen Blick auf die damaligen Zustände auf Barbados, Südamerika und anderswo. Die brutale Sklaverei (die Colson Whitehead in seinem Roman Underground Railroad ähnlich präzise beschrieb) und die ständige Gefahr, selbst außerhalb der Südstaaten gefangen genommen und versklavt zu werden, Edugyan schildert sie eindrücklich. Sie zeigt den brutalen Rassismus ungeschönt und wie verschiedene Gesellschaften auf Washington Black reagieren (etwa im vermeintlich aufgeklärten England oder im Ewigen Eis).

Dennoch hat ihr Roman nie eine zu große Schwere, weil Esi Edugyan eben auch viel auf Tempo und Handlung setzt. Auf den über 500 Seiten hetzen die beiden Protagonisten manchmal fast etwas atemlos (und für meinen Geschmack zu reibungslos) durch die Weltgeschichte. Kleine Abzüge gibt es von mir auch für die Figurengestaltung, denn Washington Black ist ja eigentlich noch ein Kind. Er hat nie eine Schulbildung erhalten und wird nur kursorisch von Titch erzogen. Dennoch teilt er uns Lesern mit, dass es nach „Holzkohle und Naphthalin“ (S. 337) röche. Woher er eine derartige Benennungsstärke und solche olfaktorischen Kenntnisse hat, das erschließt sich mir nicht ganz. Solche Unstimmigkeiten gibt es einige im Lauf des Buchs, wo die Perspektive verrutscht oder Washington mehr Kenntnisse besitzt, als er eigentlich haben kann. Hier merkt man die Schwäche des historischen Romans, der doch mit unserer heutigen Sicht auf die Welt verfasst ist, statt eine genuine Figur in den Mittelpunkt zu stellen. Auch fehlen Widerstände, die eine solche im Buch beschriebene Reise mit sich bringen würde (Krankheiten, Irrwege, etc.). Alles geht glatt.

Fazit

Nichtsdestotrotz unterhält das Buch wirklich gut. Es besitzt Tempo und Drive, nimmt die Leser*innen mit an exotische Schauplätze und wirft einen Blick auf die Themen Sklaverei und Rassismus. Unstimmigkeiten in der Figurengestaltung oder leichte Unwuchten im Plot seien da verziehen. Ein Buch in der Tradition von Underground Railroad.

Weitere Meinungen zum Buch gibts auch hier: Lesen in vollen Zügen (die auch ein Interview mit der Autorin geführt hat), Schiefgelesen und Bingereader.

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Simone Buchholz – Hotel Cartagena

Neues von der Königin des deutschsprachigen Krimis: Simone Buchholz legt mit Hotel Cartagena den inzwischen neunten Band der Reihe um die Staatsanwältin Chastity Riley vor. Und sie liefert einmal mehr. Großes Kino vom Hamburger Kiez.


Diese Party hat sich Chastity Riley eigentlich ganz anders vorgestellt. Auf einer Geburtstagsparty in einem Hamburger Hotel trifft sie auf alte Kolleg*innen. Eigentlich ist ein lockerer Abend in feschem Ambiente geplant.

Die Wände sind aus Glas, von der schwarzen Decke baumeln ein paar gedimmte Kugellampen, zu unseren Füßen liegt der Hamburger Hafen in seinem gleißenden Nachtlicht. Diese Bar macht so sehr einen auf Ausblick, dass ich eigentlich keinem Drink, den ich nicht selber gemixt habe, über den Weg trauen sollte. Zu viel aufdringliche Schönheit, zu viele Sich-mich-an-Sachen, zu viel Ablenkung. Da kann sich doch keiner auf seinen Alkohol konzentrieren.

Buchholz, Simone: Hotel Cartagena, S. 15

Doch dann kommt alles anders. Geiselnehmer stürmen die Bar, nehmen die Beamt*innen und andere Gäste als Geiseln und verzichten zunächst auf Forderungen. Um was es den Geiselnehmern geht, das erfährt man als Leser*in in einer zweiten Geschichte, die bis ins ferne, titelgebende Cartagena führt.

Vom Hamburger Hafen nach Cartagena

Einmal mehr ist der Hamburger Hafen Ausgangsort für eine dramatische Geschichte, die mit tödlichen Konsequenzen enden soll. Auf wenigen Seiten gelingt es Simone Buchholz hier wieder, eine rasante Hintergrundgeschichte zu erzählen, die berührt und mitreißt.

Und auch auf den übrigen Seiten des Buchs lässt es die Wahlhamburgerin wieder ordentlich krachen. Titelüberschriften wie „Alex Meier, Fußballgott“, „Mein Herz macht ein ungesundes Geräusch“ oder „Ist die Hammerwerfertruppe schon unterwegs“ sprechen für sich. So gut wie kaum einer anderen Schriftstellerin gelingen Simone Buchholz knackige Dialoge, die auf den Punkt geschrieben sind. Und auch abseits der Dialoge schlägt ihr Talent im Finden von ungewöhnlichen (Sprach)Bildern in Hotel Cartagena einmal mehr Funken. Eine solche Originalität beim Kreiern von Formulierungen, die gibts im deutschen Krimi nicht so oft.

Er schmeißt die Zigarette in eine Pfütze, schließt den Mercedes ab, geht über die Straße und drückt auf die Klingel, die zur Wohnung im dritten Stock links gehört.

Der Druck auf seinen Brustkorb lässt etwas nach.

Er atmet tief durch, und die Nachtluft schraubt sein Herz auf, damit der Augenblick, der gleich kommt, da auch reinkann.

Buchholz, Simone: Hotel Cartagena, S. 12

Die coolste Staatsanwältin im deutschen Krimi, die besten Dialoge, dazu noch handfeste Action – Krimiherz, was willst du mehr?

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Valeria Luiselli – Archiv der verlorenen Kinder

In seiner kürzlich in der taz erschienen Rezension zu Colson Whiteheads Roman Die Nickelboys stellte Johannes Franzen fest, dass man mögliche Vorbehalte gegen Protestliteratur oder politische Literatur aufgeben sollte, wenn sie so gut gemacht seien, wie dies bei Whitehead der Fall ist.

Colson Whiteheads „Die Nickel Boys“ ist ein politischer Roman, der die Probleme politischer Literatur nach Möglichkeit vermeidet – ein Beispiel dafür, wie eine gelungene engagierte Literatur heute aussehen könnte, die nicht nur agitiert, sondern auch hohen ästhetischen Ansprüchen genügen kann.

Johannes Franzen über Colson Whiteheads „Die Nickelboys“

An diese Worte aus Franzens Rezension musste ich während der Lektüre von Valeria Luisellis Archiv der verlorenen Kinder denken. Denn ihr Buch ist für mich ebenfalls ein ganz klarer Fall politischer Literatur – und zwar der der guten Sorte. Ein Buch, das ein Anliegen hat, das aber darüber hinaus auch nicht vergisst, auch auf der literarisch-ästhetischen Ebene zu überzeugen.

Von New York nach Mexiko – und umgekehrt

Luiselli erzählt auf faszinierende Art und Weise von zwei gegenläufigen Ereignissen, die aktueller nicht sein könnten. An der mexikanisch-amerikanischen Grenze werden Tausende von Kindern aufgegriffen, die von ihren Eltern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gen Norden geschickt wurden. Durch Wüsten und auf Zügen schlagen sich die Kinder durch, um dann von der Grenzpolizei aufgegriffen und in den Süden zurückgeschickt zu werden.

Von diesen Kinderdeportationen hat auch die Erzählerin des zweiten Erzählstrangs gehört. Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern will sie von New York aus in den Süden der USA reisen. Die Erzählerin hat das Schicksal der Flüchtlingskinder im Hinterkopf, ihr Mann das der Apachen. Beide suchen sie im Süden nach Material für Reportagen und Dokumentationen. Sie sehen sich selber als Dokumentarist (der Mann) und als Dokumentarin (die Erzählerin), die mit Klängen Geschichten erzählen. Sie lassen das sichtbar werden, was sonst verborgen bleibt – so auch die Geschichte der jungen Migranten, die es niemals nach Amerika schaffen. Mit ihren beiden Kindern machen sie sich im Auto auf den Weg aus New York in Arizona. So bewegen sich beide Parteien unaufhörlich aufeinander zu.

Mauerbau zu Mexiko, Flucht, Vertreibung, Flüchtlingsschicksale – möglicherweise werden viele Leser*innen an dieser Stelle schon abwinken, zu überpräsent (und wahrscheinlich auch zu ermüdend) mögen diese Schlagworte wirken, ohne die man Valeria Luisellis Erzählung nicht lesen kann. Es wäre allerdings ein Fehler, keinen genauen Blick auf dieses Buch zu werfen. Denn hier passiert auf literarischer Ebene Erstaunliches.

Elegien für verlorene Kinder

Dabei beginnt man am besten schon einmal mit dem Titel. Archiv der verlorenen Kinder – was soll das sein? Der Titel spiegelt einen Kunstgriff der Autorin wieder. Denn im Gepäck hat die Erzählerin für den weiten Weg von New York nach Arizona nicht nur Hörbücher, sondern auch ein Archiv in Form von sieben Schachteln im Kofferraum. In denen hat jedes Familienmitglied (die bis auf eine Ausnahme völlig ohne Namen bleiben) Stauraum für die Reise bekommen. Eines der Bücher, das in den Kisten lagert, ist das Werk Elegien für verlorene Kinder der (fiktiven Autorin) Ella Camposanto.

In den Elegien beschreibt die Autorin das Schicksal von Flüchtlingskindern, die mithilfe des Zugs, La Bestia genannt, von Mexiko nach Amerika zu gelangen versuchen. Die Erzählerin liest in diesen Elegien, nimmt sie auch auf Band auf und liest sie ihren Kindern vor. Je weiter die Familie in den Süden vordringt, desto mehr überlagern sich die eigene Reise und die Elegien. Fiktive und erlebte Schicksale verschwimmen immer mehr, bis am Ende kaum mehr unterscheidbar ist: was entspringt Camposantos Elegien, was haben die Kinder tatsächlich erlebt?

Amerikanisch-Mexikanische Grenze [By Dicklyon – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=76151119]

Diese kunstvolle Vermischung der Ebenen erzielt Luiselli auch durch einen weiteren erzählerischen Kniff. Mehrmals wechselt die Autorin die Erzählperspektive. Auch so wird es zunehmend schwierig, die Schicksale der Kinder der Erzählerin von denen der Flüchtlingskinder aus Mexiko zu separieren. Oder im Sinne des Romans zu sprechen: die Grenzen werden zunehmend durchlässig und verschwinden schlussendlich gar.

Die Schicksale der Kinder vermischen sich zudem auch mit dem der Apachen, die ein weiteres Hauptmotiv bilden.

Flucht, Vertreibung und Geronimo

Der Ehemann der Erzählerin ist von der Historie des Indianerstammes fasziniert. Immer wieder erzählt er seinen Familienmitgliedern von den Schicksalen des Stammes, insbesondere dem von ihrem Häuptling Geronimo. Dieser wurde mitsamt seines Stammes aus den angestammten Gründen vertrieben und nahm den Kampf gegen die Besatzer auf. Bis zu seinem Tod sollten Geronimo und seine Apachen nie mehr heimisch werden.

Nur noch in allzu schnell verlöschenden Echos ist diese Geschichte der Apachen noch vernehmbar. Der Mann der Erzählerin ist bemüht, diese einzufangen – aber auch hier zeigt sich, dass Migration und Vertreibung nur verlorene Menschen hervorbringen, deren Schicksal kaum in Erinnerung bleibt und viel zu schnell verloren geht.

Das Anliegen von Valeria Luiselli schwebt immer klar sichtbar über dem Roman – was diesem aber keinesfalls zum Nachteil gereicht. Durch die clevere Verwendung von Motiven und literarischen Stilmitteln gerät ihr Buch niemals plump und eindimensional. Mit großer Kunstfertigkeit webt sie Töne, Klänge und Sprache in die Schriftlichkeit eines Romans ein. Sie strukturiert den Text durch die sieben Schachteln als Hauptmotiv.

Zudem gelingt ihr mithilfe eines wunderbaren Kniffs, der hier natürlich nicht verraten werden soll, am Ende die ganze Reise, die die Familie hinter sich gebracht hat, den Leser*innen noch einmal vor Augen zu führen. Das ist clever gemacht und zeigt, dass sich Text- und Handlungsebene hier ebenbürtig begegnen.

Ein Buch von großer literarischer Kunstfertigkeit

Wie durchdacht und anspielungsreich Archiv der verlorenen Kinder eigentlich ist, das zeigt auch das Nachwort. In den verschiedenen Elegien hat Valeria Luiselli diverse literarische Anspielungen eingearbeitet (die mir kaum aufgefallen sind, wie ich gestehen muss). So spielen Autor*innen wie Susan Sontag, Dante, Marcel Schwob, Ezra Pound oder Virginia Woolf eine große Rolle. Wie alles zusammenhängt und was sich Luiselli bei der Montage ihres Buchs gedacht hat, das erklärt sie gut nachvollziehbar und schaffte zumindest in meinem Fall noch einige Aha-Effekte. Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch an die Übersetzerin Brigitte Jakobeit ausgesprochen, die den Roman ins Deutsche übertragen hat.

Archiv der verlorenen Kinder ist ein mehr als eindrückliches Werk mit einer Botschaft, die niemals moralinsauer wirkt. Ein großartig geschriebenes Buch, das ein Roadtrip, die Innenansicht einer Familie, ein wütender Kommentar auf die aktuelle Migrationspolitik der USA, ein Buch mit Anliegen und eine Hommage an Klänge ist. Das alles und noch mehr steckt im Roman von Valeria Luiselli. Literatur mit Haltung und Mission von allererster Güte.

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Norbert Scheuer – Winterbienen

Die Biene, sie ist das literarische Tier der Stunde. Egal ob in Maja Lundes Megabestseller, bei Laline Paull oder Andrej Kurkow. Die Bienen ist im Moment der Star unter den Insekten. Dass das bayerische Volksbegehren für mehr Artenschutz den Titel Rettet die Bienen trug, sicher kein Wunder. Die Biene ist eines der Tiere, das den ökologischen Wandel und die gestiegene Aufmerksamkeit für die Umwelt am eindrücklichsten symbolisiert. Geht es den Bienen schlecht, geht es auch dem Menschen schlecht. Die Tiere sind ein einfacher Gradmesser für das ökologische Gleichgewicht – weswegen sie zunehmend auch in literarischer Form die Buchregale bevölkern.

Zu sagen, dass Norbert Scheuer mit Winterbienen auf ein Trendthema aufgesprungen ist, würde seinem Buch allerdings unrecht tun. Denn Winterbienen ist ein Buch, das konsequent das Oeuvre Scheuers fortsetzt, und das von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive eines Daheimgebliebenen erzählt.

Norbert Scheuer auf der Shortlist

Schon lange wirkt Norbert Scheuer als literarischer Chronist der Eifel, der wie etwa Ralf Rothmann im Falle des Ruhrgebiets, die Geschichte seiner Heimat in Geschichten erzählt. 2009 war er damit sogar schon einmal für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Überm Rauschen hieß das Buch, das von Brüdern und ihrem Vater erzählte, die die Liebe zum Angeln in den Flüssen der Eifel einte.

Genau zehn Jahre später befindet sich Norbert Scheuer wieder auf jener Shortlist und könnte in einem Monat den Preis für das beste deutschsprachige Buch des Jahres zugesprochen bekommen. Verdient hätte er es auf alle Fälle.


Mein Urahn Ambrosius Arimond glaubte, alle Vögel unserer Erde besäßen eine gemeinsame Sprache. Sein Leben lang beschäftigte er sich mit der Entschlüsselung ihrer Gesänge, einer Welt magisch klingender Töne, Zeichen und Bedeutungen. (…)

Vater hatte uns oft von Ambrosius erzählt, dessen Aufzeichnungen zum größten Teil in den napoleonischen Kriegen verloren gegangen seien, nur ein paar vergilbte Pergamentpapiere sollen noch irgendwo in einer alten Holzkiste in einer Scheune liegen, handgeschriebene Seiten (…).

Scheuer, Norbert: Die Sprache der Vögel, S. 9

So beginnt der letzte Roman von Norbert Scheuer, indem er von einem Nachfahren jenes ornithologiebegeisterten Ambrosius Arimond erzählt, der 2003 als Sanitäter nach Afghanistan gelangt.

Dessen Pergamente und Aufzeichnungen spielen auch in Scheuers neuem Roman eine zentrale Rolle. Denn Ambrosius Arimond inspirierte nicht nur Paul Arimond aus Die Sprache der Vögel, sondern auch Egidius Arimond, ein weiterer Nachfahre des Mönchs. An dessen Leben haben wir mithilfe datierter Aufzeichnungen aus den Jahren 1944 und 1945 teil.

Meine Erinnerungen gleichen denen der Winterbienen in ihrem dunklen Stock; ich weiß nicht, ob etwas erst gestern gewesen ist oder schon lange Jahre zurückliegt. Sie erscheinen mir wie ein winziger Punkt in einem unendlichen Raum

Scheuer, Norbert: Winterbienen, S. 171

Das Überleben des Egidius Arimond

Dieser Egidius war als Gymnasiallehrer im kleinen Bergarbeiterstädtchen Kall tätig, bis der Krieg kam. Jetzt verdingt er sich mit der Aufzucht von Bienen, verkauft Honig, Bienenwachs und versucht über die Runden zu kommen. Als einer der wenigen Daheimgebliebenen schlägt ihm auch offen Ablehnung und Hass entgegen. Doch sein Verharren in der Heimat hat einen einfachen Grund: Egidius ist Epileptiker und muss sich seine Medizin unter Zahlung hoher Summen vom lokalen Apotheker besorgen. Dabei ist er auch auf seinen Bruder angewiesen, der ein dekorierter Kriegsheld in der Luftwaffe ist. Er soll ihm Rezepte und Arzneien zukommen lassen, denn offiziell darf niemand von Arimonds Erkrankung wissen. Denn für die Nazis ist Arimond ein klarer Fall von unwertem Leben und ein Schmarotzer, der eigentlich ein klarer Fall für ein KZ wäre.

Also versucht sich Egidius irgendwie durchzuschlagen. Das Geld für die Medizin verdient er sich dabei mit dem Schmuggel von Flüchtlingen. Diese schafft er in seinen Bienenkörben zur nahegelegenen belgischen Grenze. Ein riskantes Geschäft, bei dem das Leben aller Beteiligten auf dem Spiel steht. Und während die Medizin immer knapper wird, kommen die Angriffe der Alliierten näher und näher.

Ein stimmiges Kunstwerk

Winterbienen ist ein Kunstwerk auf ganz vielen Ebenen. Da ist zum Einen der Plot, der einmal mehr geschickt das Leben von Ambrosius Arimond mit dem von Egidius verknüpft. Dessen Forschungen zu seinem Ahn fließen wiederum auch sprachlich sehr überzeugend in die Prosa ein. So ist der Text von lateinischen Sentenzen und Aphorismen durchsetzt, die der Gymnasiallehrer auch durch seine Übersetzungen der Pergamente von Ambrosius gewonnen hat.

Ähnlich wie zuletzt Arno Geiger in Unter der Drachenwand zeigt auch Norbert Scheuer hier in großer Intensität das (Über)Leben an der Heimatfront der Versehrten und Zurückgebliebenen. Darüber hinaus erzählt er sehr gelungen von Bienen und Bombern, von der Schönheit der Natur, dem faszinierenden Miteinander in einem Bienenstock und ersetzt einen ganzen Imkerkurs. Einmal mehr setzt er seiner Heimat, der Eifel, ein literarisches Denkmal und erschafft mit Winterbienen ein weiteres Kunstwerk, das sich in sein Oeuvre wunderbar einpasst und das über den Schluss hinaus beschäftigt.


Weitere Besprechungen dieses Titels finden sich unter anderem bei Zeichen und Zeiten, dem Deutschlandfunk (von Jörg Magenau, der zugleich Jurysprecher beim Deutschen Buchpreis ist) und bei literaturleuchtet.

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Draußen zuhause

Mick Kitson – Sal

Dieses Buch kann man (zumindest meine Wenigkeit) nicht lesen, ohne an ein weiteres, vor kurzem erschienenes Buch zu denken: Wie ein Zwilling wirkt Gabriel Tallents Mein Ein und Alles im Vergleich zu Mick Kitsons Buch Sal.

In beiden Bücher steht ein junges Mädchen im Mittelpunkt des Romans. Beide erfahren sexuellen Missbrauch und beide reagieren auf ähnliche Art und Weise: Flucht in die Natur, Entgrenzung und Heilung inmitten von Wäldern, Flüssen und Bäumen. Dabei wenden sie sich von der Welt der Erwachsenen ab und entwickeln ganz eigene Kräfte im Kampf ums Überleben.

Fast könnte man schon von einer neuen Welle der Jack-Wolfskin-Literatur sprechen; Romantik 2.0, Draußen zuhause. In einer Zeit von Waldbaden und Wanderboom scheint das nur logisch. Doch was kann Mick Kitsons Sal, gerade wenn man Mein Ein und Alles als Vergleichstitel neben das Debüt des Briten legt?

Hänsel und Gretel in den Wäldern Schottlands

Im Vergleich beider Bücher gewinnt Sal für mich deutlich. Denn da wo Gabriel Tallent durch permanente Überreizung und Voyeurismus negativ auffällt, da ist Mick Kitson deutlich dezenter, ohne weniger eindrücklich zu sein. Die Geschichte der 13-jährigen Sal und ihrer zehnjährigen Schwester Peppa, die ihr Elternhaus hinter sich lassen, um in die schottische Einöde zu fliehen, ist auch krass, zweifelsohne. Doch ergeht sich Kitson nicht in seitenlangen Beschreibungen des Missbrauchs, sondern ihm genügen wenige knappe Szenen dafür. Auch so überträgt sich ein Mitgefühl und eine Bindung auf den Leser. Wie in einer modernen Adaption des Hänsel-und-Gretel-Mythos verfolgt man das Überleben der beiden so jungen Schwestern und drückt den beiden die Daumen, auch oder trotz der Geschichte, die hinter ihnen liegt.

Auch ist Kitsons Buch 100 Seiten kürzer als Tallents Buch und hat doch die perfekte Länge für die Geschichte, die der Brite erzählen will. Die Figuren werden plastisch geschildert, die Geschichte ist nicht rührselig sondern faszinierend und auch die Natur kommt trotz aller menschlichen Dramen, die im Vordergrund stehen, nicht zu kurz. Zwar wirkt die Außengestaltung von Sal wie eine Tatonka-Werbung, aber die Gesamtstimmung des Buchs trifft sie ganz gut. Kitsons Geschichte erreicht eine Tiefe, ohne in Untiefen abzugleiten. Eine britische Hänsel- und Gretel-Adaption, die auf der aktuellen Outdoor-Welle mitschwimmt, aber stets Oberwasser hat.

[Übersetzt wurde das Buch von Maria Hummitzsch und ist bei Kiepenheuer&Witsch erschienen. ISBN 978-3-462-05140-7, Preis: 20,00 €]

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