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Liz Moore – Der andere Arthur

Dass man das Eisen schmieden muss, solange es heiß ist, das hat sich auch der Münchner Verlag C. H. Beck gedacht. Weniger als ein Jahr nach dem großen Bestsellererfolg von Liz Moores Spannungs-Großtat Der Gott des Waldes liefert der Verlag mit Der andere Arthur Nachschub für alle Fans von Liz Moore.
Um ein neues Werk handelt es sich bei dem Buch allerdings nicht, vielmehr stammt Heft, so der Originaltitel, aus der Frühphase der Autorin. Das merkt man dem Buch leider auch ein wenig an…


Im Jahr 2020 ließ Liz Moore hierzulande das erste Mal aufhorchen. Aus dem Nichts präsentierte sie mit Long Bright River einen ebenso spannenden wie gut beobachteten Roman, der von zwei unterschiedlichen Schwestern erzählte. Während die eine als Streifenpolizistin ihren Dienst in den Straßen von Philadelphia versah, verdingte sich die andere als Prostituierte auf ebenjenen Straßen, durch die die Schwester patrouillierte. Eine Serienverfilmung des Stoffs mit Amanda Seyfried in der Rolle der Streifenpolizistin folgte im vergangenen Jahr.

2025 war es auch, dass Liz Moore erneut für literarisches Aufsehen sorgte, als hierzulande in der Übersetzung durch Cornelius Hartz der Roman Der Gott des Waldes erschien. Gekonnt spielte Moore darin mit Rückblenden und Perspektivwechsel, um vom Verschwinden eines jungen Mädchens aus einem Feriencamp in den Adirondacks zu erzählen — bereits der zweite Fall eines Verschwindens dort, das mit der reichen Familie van Laar in Verbindung stand.

Eine Verfilmung dieses Stoffs braucht man hier eigentlich gar nicht, hat Moore das serielle Erzählen und das Erzeugen von Kopfkino in diesem Roman schon zur Perfektion gebracht.

Nachschub von Liz Moore

Auf diesen Bestsellererfolg folgt nun mit Der andere Arthur ein weiterer Roman von Liz Moore, der allerdings dünner ausfällt als der gewichtige, fast 600 Seiten starke Vorgängerroman.

Dick ist hier nur der Protagonist Arthur Opp, der sich in einem Brief auf der ersten Seite gleich einmal so vorstellt:

Das Erste, was du über mich wissen musst Ich bin unglaublich dick. Als wir uns damals kennenlernten, hätte man vielleicht gesagt, ich hätte Übergewicht, aber das trifft es längst nicht mehr. Ich esse, was ich will und vor allem: wann ich will. Seit Jahren gebe ich mir kaum noch Mühe, weniger zu essen, ich habe einfach keinen Grund dazu.

Liz Moore – Der andere Arthur, S. 9

Dieser Arthur Opp hat schon seit Jahren sein Zuhause in Brooklyn nicht mehr verlassen und auch gar keinen Grund dazu. Er hat sich recht komfortabel in seinem Leben eingerichtet, als ihn eine Nachricht seiner ehemaligen Geliebten aus dem kalorienreichen Starre reißt.

Diese meldet sich per Brief bei ihm, nachdem der Kontakt zu ihr zuletzt völlig eingeschlafen war. Einst war Charlene der Grund, dass Arthur seine Karriere an der Universität aufgab, nun tritt sie mit einem Paukenschlag wieder in sein Leben, nachdem sie jahrelang nichts mehr von sich hat hören lassen. Charlene hat nämlich einen Sohn, wovon Arthur nichts ahnte.

Arthur und Kel

Liz Moore - Der andere Arthur

Dessen Leben zeigt der zweite Erzählstrang des Romans, mit dem sich Liz Moore wie schon in ihrem später folgenden Long Bright River für das Erzählprinzip der Parallelmontage entscheidet. So zeigt sie die Veränderungen im Leben Arthurs, die diese Nachricht auslöst, ebenso wie das Leben von Kel, der als 17-Jähriger ein hoffnungsvolles Baseball-Talent ist, aber mit seiner Herkunft wie auch mit seinem Leben im Dunstkreis einer Eliteschule hadert.

Beide Lebensstränge schildert die US-Amerikanerin aus der Ich-Perspektive und ist damit ganz nah dran, wenn Arthur aus seiner auch emotionalen Katatonie erwacht, während Kel um eine Chance im Leben kämpft und schneller erwachsen werden muss, als das eigentlich gemeinhin der Fall ist.

Für Der andere Arthur verschmilzt Liz Moore Elemente des Sportlerdramas, wie man es auch beispielsweise von Eli Cranor kennt, mit Themen, die auch später ihr Schreiben prägen sollten. Drogenmissbrauch und Drogentod, die Frage von Fürsorge und Einsamkeit scheinen in dem Buch auf. Auch kann man Bezüge finden zum Samuel D. Hunters Theaterstück The Whale, das ebenso wie Moores Roman im Jahr 2012 erschien und elf Jahre später in der Verfilmung durch Darren Aronofsky Brendan Fraser für seine Rolle eines adipösen Englischlehrers den Oscar als bester Hauptdarsteller bescherte.

Neues Altes

Dass es sich bei Der andere Arthur um ein Frühwerk von Liz Moore handelt, das fällt nicht nur beim Blick ins Impressum des Buchs auf.

So ist die Montage des Buchs noch relativ einfach gehalten, wohingegen ihrer späteren Romane durch eine gekonnte Verschachtelung der Erzählebenen auffallen. Beide Erzählstränge laufen bis zum Ende recht unauffällig nebeneinander her, ohne sich gegenseitig in größerem Maße zu beeinflussen oder zueinander zu finden.

Auch bedient sich Moore in diesem Frühwerk noch erzählerischer Klischees wie dem der gewitzten spanischsprachigen Putzhilfe, die Arthurs Leben nicht nur in Sachen wohnlicher Hygiene zum Besseren wendet. Auch fällt die Ausgestaltung von Charlene und ihren Motiven in Sachen Figurenzeichnung hinter die beiden Hauptfiguren zurück. Besonders als Scharnier zwischen den beiden Erzählsträngen hätte es hier aber einer klareren Gestaltung ihrer Figur und Rolle gebraucht.

Sind die späteren Bücher Liz Moores auch frei von leicht stereotypen Figuren und Erzählmustern, fallen diese Schwächen im vorliegenden Buch noch auf.

Fazit

Setzt man das Buch in Vergleich mit den beiden anderen bislang erschienenen Werken, so muss man konstatieren, dass Der andere Arthur der schwächste der drei auf Deutsch vorliegenden Romane von Liz Moore ist.
Das liegt gar nicht am fehlenden Spannungsplot — und ist in Bezug auf das Schreiben von Liz Moore natürlich auch immer relativ zu sehen — aber die Zugkraft ihrer beiden späteren Bücher kann das neue alte Werk nicht entwickeln, auch wenn es natürlich spannend ist, nachzuvollziehen, wie sich das Schreiben von Liz Moore innerhalb von knapp eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hat.


  • Liz Moore – Der andere Arthur
  • Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
  • ISBN 978-3-406-84333-4
  • 377 Seiten. Preis: 26,00 €

Eric Puchner – Weißes Licht

Eine Love triangle steht im Mittelpunkt des Romans Weißes Licht von Eric Puchner. Darin erzählt er von den unerwarteten Volten des Lebens im Hinterland von Montana und zeigt dabei Erzählhandwerk, das dem anderen junger amerikanischer Erzähltalente wie Nathan Hill nahekommt.


Montana ist vielleicht nicht der erste Ort, der Menschen einfällt, um dort zu heiraten, insbesondere wenn sie eigentlich in Los Angeles leben. Für Cece und ihren Bald-Mann Charlie steht die Entscheidung aber schnell fest. Im Sommer wollen sie dort im Norden der USA sein, um sich im Kreis ihrer Liebsten auf dem familieneigenen Grundstück von Charlies Eltern das Jawort zu geben.

Sie liebte diesen Ort genauso sehr wie Charlie. Beide liebten ihn dermaßen, dass sie beschlossen hatten, hier zu heiraten, mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt. Einige ihrer Freunde regten sich darüber auf- es war teuer, per Flugzeug von einer der beiden Küsten anzureisen und auch nicht ganz einfach -, aber das war Cece egal. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.

Eric Puchner – Weißes Licht, S. 14

Bevor es soweit ist, reist Cece schon einmal alleine nach Montana. Sie will die Vorbereitungen überwachen, eine Linedance-Band engagieren und sicherstellen, dass alles nach Plan läuft. Charlie, der als Kardioanästhesist in Los Angeles arbeitet, hält dort derweil noch die Stellung. Als Ansprechpartner vor Ort hat er seinen besten Freund Garrett ausersehen, der die Betreuung von Cece übernehmen soll.

Dass Garrett nach Charlies Bekunden sein bester Freund ist, kann Cece nach den ersten Kontakten allerdings noch nicht nachvollziehen, im Gegenteil. Sie fremdelt mit dem Hinterwäldler, der am lokalen Flughafen das Gepäck abfertigt, auf einer gemeinsamen Wanderung in der Wildnis von Montana die Nerven Ceces gehörig strapaziert und zu allem Überfluss von Charlie auch noch als Zelebrant ihres gemeinsamen Jaworts der beiden vorgesehen ist.

Eine Hochzeit mit Hindernissen

Eric Puchner - Weißes Licht (Cover)

Doch nicht nur ein Norovirus wirbelt die Hochzeitsfeierlichkeiten durcheinander, auch in der Beziehung von Cece, Charlie und Garrett tut sich im Zuge der Hochzeit Entscheidendes, wovon Eric Puchner nach dem ersten großen Sprung des Jahres über einige Jahre hinweg erzählt. Immer wieder bedient sich der Dozent für Kreatives Schreiben im Folgenden dieser Sprünge, mithilfe derer er sich durch das ganze Leben von Garrett, Cece und Charlie bewegt.

Ihr gemeinsamer Lebensweg, Trennendes wie Verbindendes steht im Mittelpunkt des Romans, der aus dem Miteinander der drei Figuren seine emotionale Spannung zieht. Freundschaft, aber auch plötzliche wie langsame Tode sind Themen in diesem Roman, der auf die letzten Meter dann sogar noch in eine Art Climate Fiction kippt, wenn Puchner die Schönheit Montanas mit der Zerstörung der Idylle durch den Klimawandel kontrastiert – was auf der Schauplatzebene das Motiv der Zerstörung von Idyllen fortführt, das auch im Beziehungsdreieck seiner Figuren eine große Rolle spielt.

In der Tradition von Callan Wink vermisst Eric Puchner die Schönheit der Natur Montanas, zeigt Garretts Naturverbundenheit und das Gefühl von Heimat und Bindung, das mit dem Seegrundstück von Charlies Familie für Puchners Figuren verbunden ist, ebenso wie er ein feines Gespür für die Brüche und Unwägbarkeiten des Lebens beweist.

Berührend, aber kein Kitsch

Weißes Licht ist ein berührender Roman, der aber nicht in Kitsch abgleitet und der immer wieder auch ein tolles Gespür für Humor zeigt, wie ihn auch andere Schriftsteller von Puchners Generation an den Tag legen, etwa Nathan Hill, der ähnlich gekonnt Tiefe, Witz, Menschenbeobachtungen und lange Zeitläufe im Leben seiner Figuren zu faszinierenden Romanen schmiedet.

Beschreibungen von den Auswirkungen von Suchterkrankungen stehen hier neben großartig komischen Szenen, etwa der, als Großartig etwa die Szene, in der Cece inzwischen eine Buchhandlung im verschlafenen Nest Salish eröffnet hat und als idealistische Buchhändlerin eine renommierte Schriftstellerin in die Einöde Montanas gelockt hat, wo diese nun vor leeren Stühlen liest. Cece hat sich in ihrer Aufregung derweil statt aufputschender Substanzen versehentlich ein Schlafmittel einverleibt und so gleitet der Abend sehenden Auges ins Desaster ab…

Fazit

Die Mischung von Ernst und Leichtigkeit, großer Tragik und Unbeschwertheit macht das Lesegefühl von Weißes Licht aus, das so wieder mal ein echter Schmöker mit Tiefgang aus der amerikanischen Romanschule geworden ist. Sauber übersetzt von pocaio und Roberto de Hollanda wohnt man hier einem literarischen Debüt bei, das auf weitere tolle Taten dieses Kalibers hoffen lässt!


  • Eric Puchner – Weißes Licht
  • Aus dem Englischen von pocaio und Roberto de Hollanda
  • ISBN 978-3-446-28454-8 (Hanser Blau)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €

Mario Desiati – Spatriati

Rastlos bezüglich der eigenen Identität, rastlos bezüglich des Lebensziels, rastlos bezüglich der Bindung, rastlos bezüglich des Lebensortes und des eigenen Platzes im Leben. In seinem preisgekrönten Roman Spatriati zeigt Mario Desiati die Rastlosigkeit eines jungen Mannes, der in seinen Jugendtagen in Claudia eine Freundin findet, deren Beziehung zueinander aber auch eines bleibt – rastlos.


Es ist ein Wort, das sich kaum übersetzen lässt: Spatriati. Die Rastlosigkeit, die Unruhe und Bindungslosigkeit schwingt in diesem Wort mit, wie Mario Desiati bei der Vorstellung seines Buchs im Rahmen der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Herbst erklärte. Die Ruhelosen, die Außenseiter, die Spinner und nicht ganz in die Norm passenden Menschen werden im apulischen Dialekt so bezeichnet. In Desiatis Roman erklärt es der Erzähler wie folgt.

„Zurückgekehrt, aber immer noch spatriato“, sagen sie, eine Anspielung darauf, dass ich keine Frau, keine Kinder und auch keinen festen Job habe, dass ich immer auf gepackten Koffern sitze. Ich bin ein Verlorener. Ein Unbehauster, zumindest in ihrem Weltbild. Einer meiner wenigen Freunde ist etwas umsichtiger und bezeichnet mich als scapulèta, was ein bisschen besser ist als spatrièta, man verwendet den Ausdruck für Rinder, die sich von ihrem Joch befreien.

Mario Desiati – Spatriati, S. 240

Dass der Erzähler sonderlich sesshaft wäre, sowohl in Bezug auf seinen Platz im Leben als auch seinen Platz in einem sozialen Gefüge, man könnte es wirklich nicht behaupten. Denn dieser Francesco „Frank“ Veleno, der im kleinen Ort Martina Franca im Südosten Italiens aufwächst, bekommt das Unvollständige, das Unperfekte schon qua Familienstatus mit auf den Lebensweg gegeben.

Aus Apulien nach Berlin

Ich heiße Francesco Veleno, ich bin das einzige Kind von Elisa Fortuna und Vincenzo Veleno, zweier ehemaliger Amateursportler, die sich bei einer Folge von Spiel ohne Grenzen ineinander verliebt und mich in der Hoffnung großgezogen hatten, ich würde sie eines Tages aus dem rätselhaften Unglück erlösen, mich in die Welt gesetzt zu haben.

Noch war ich weit entfernt von der Erkenntnis, dass viele Beziehungen lediglich „aus Gründen der Staatsräson“ aufrechterhalten werden, wie Claudia es einmal ausdrücken sollte. Und dank ich würde ich zudem begreifen, dass es keine noch so zwingende Staatsräson gab, die drei derart unterschiedliche Menschen dazu verpflichtete, zusammenzuleben, es sei denn, es ginge darum, eine Strafe abzusitzen.

Mario Desiati – Spatriati, S. 7

Die Tradition der unorthodoxen und dysfunktionalen Beziehung überträgt sich bei ihm auch auf sein Leben, wie Desiatis Roman zeigt. Doch Halt verheißt dem durchs Leben Taumelnden die Freundschaft mit Claudia, die schon in Schulzeiten ihr Außenseitertum verbindet. Doch könnte da noch mehr sein zwischen den beiden – oder fühlt er sich doch zu Männern hingezogen, wie es eine erste Begegnung in der Sakristei der örtlichen Kirche verheißt? Alles ist spatriati – unscharf, quecksilbrig, fluide.

Dynamische Beziehungen und unklare Verhältnisse

Anziehung und Eifersucht, Distanz und Nähe, über die ganzen Jahre seit dem ersten Kontakt, es verbindet die beiden Menschen – und auch ihre Eltern. Denn Francescos Mutter pflegt eine Affäre mit Claudias Vater, eine weitere Verbindung in dem Netz, in dem sich die beiden jungen Italiener*innen befinden.

Auch ein Wegzug Claudias aus Apulien nach Mailand, während Francesco gleichzeitig vor Ort in Apulien verharrt, löst die Bindung nicht, im Gegenteil. Später werden beide nach Berlin und durch die Nachtclubs wie das Berghain oder den KitKat-Club ziehen. Affären mit Männern und Frauen, ein mehr als nur chaotisch zu nennendes und von Mario Desiati explizit geschildertes Liebesleben, doch keine Klarheit, wie man zueinander eigentlich wirklich stehen will. Es ist alles reichlich dynamisch in ihren Leben.

Ähnlich wie Vincenzo Latronico in seinem (jüngst mit einer Nominierung beim International Booker Prize geehrten) Roman Die Perfektionen spürt auch Desiati hier in großen Passagen der Rastlosigkeit italienischer Expats in der deutschen Hauptstadt nach. Auch wenn Claudia und Francesco weit entfernt von der oberflächlichen Perfektion und Sorglosigkeit von Latronicos Figuren Anna und Tom sind, so verbindet das Dasein als Spatriati sie alle doch auch irgendwie.

Neben der Rastlosigkeit und Ratlosigkeit über die Macht der Anziehung ist Spatriati auch ein Buch, das von Literatur gesättigt ist. Besonders Claudia ist eine leidenschaftliche Leserin, die in Zitaten von Alba de Céspedes bis zu den Werken von Maria Marcone, Naomi Klein, Italo Calvino oder Banana Yashimoto viel Identifikationsräume für sich ausmacht – und Mario Desiati lässt die Leser*innen in vollen Zügen daran teilhaben.

Fazit

Spatriati erkundet eingehend das Lebensgefühl der Orientierungslosigkeit, sowohl im zwischenmenschlichen, als auch auf ganze Leben bezogen. Die sexuelle Identität ist hier genauso unscharf auszumachen wie das Verhältnis, in dem die Figuren zueinander stehen.

Übersetzt durch Martin Hallmannsecker ist Mario Desiatis Roman in Italien bereits mit dem Premio Strega ausgezeichnet worden und lässt sich nun auch im Deutschen dank der vorzüglichen italophilen Arbeit des Wagenbach-Verlags entdecken.


  • Mario Desiati – Spatriati
  • Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker
  • ISBN 978-3-8031-3368-7 (Wagenbach)
  • 256 Seiten. Preis: 24,00 €

Sefi Atta – Die amerikanische Freundin

Wie lebt man eigentlich, wenn im eigenen Land plötzlich geputscht wird? Sefi Atta beschreibt es in ihrem Roman Die amerikanische Freundin, die von Lewi erzählt, deren Heimat Lagos in politischen Wirren versinkt. Hat sie vielleicht sogar selbst etwas Schuld daran?


Ikoyi ist ein Stadtviertel der nigerianischen Millionenstadt Lagos. Hier lebt die Oberschicht des Landes – und auch Lewi Lawal ist hier mit ihrer Familie zuhause. Zwei Kinder, ein Hund, Dienstpersonal – die Lebensverhältnisse der Familie könnten eigentlich nicht schlechter sein.

Auch eine Entlassung aus dem Staatsdienst hat Lewis Mann Tunde gut verwunden. Obschon kurzzeitig das Stadtgespräch, hat er inzwischen wieder in einer Gemeinschaftsbank Anstellung gefunden und wird sogar per Chauffeur zur Arbeit gebracht. Lewi selbst betreibt einen kleinen Laden für Grußkarten und andere Karten, die Kinder gehen auf gute Schulen, man hat sich also gut eingerichtet im Leben.

Die Oberschicht von Lagos

Das Sozialleben der Familie erschöpft sich mit Empfängen und Einladungen anderer Bewohner*innen von Ikoyi, die schon einmal eine Party geben, um einen eigenen Pool einzuweihen oder mit Expats zu feiern. Es ist ein Partyleben, das sich nicht nennenswert von der Sinnlosigkeit westlicher Dekadenz unterscheidet.

Nicht, dass mir nur edle Gedanken durch den Kopf gegangen wären, aber falls es einen interessierte, warum der Wohlstand in Nigeria so ungleich verteilt war, brauchte man sich nur die Gäste auf der Party anzusehen, die lachten und scherzten, während sie sich von den Kellnern servierte Cocktails gönnten, nur um sich später mit Essen vollzustopfen. Ich verhielt mich allerdings, obwohl ich mir dessen bewusst war, auch nicht anders als sie. Einen Moment lang machte ich Small Talk, im nächsten nippte ich an einem Cocktail.

Sefi Atta – Die amerikanische Freundin, S. 116

Bei einer solchen Party der Oberschicht trifft Lewi auf Frances. Sie ist so ganz anders, schon alleine, weil sie aus den USA stammt. In ihrer Blase aus Bekannten ist die Amerikanerin eine faszinierende Ausnahme, deren Nähe Lewi zusehends sucht.

Für ihren Mann Tunde hingegen steht fest, dass Lewis amerikanische Freundin eine Spionin der CIA sein muss. Denn wir schreiben das Jahr 1976 und hinter dem Land liegen katastrophale Jahre. So hat der Biafrakrieg Nigeria erschüttert, nun herrscht eine Phase der Ruhe. Dass diese aber nicht dauerhaft ist, das zeigen aber auch die Prozesse der politischen Findung, die das Land durchläuft. Ethnisch vielfältig mit höchst unterschiedlichen Landesteilen versehen bildet sich die politische Landschaft und die Verwaltung gerade aus. Eine interessante Einflusssphäre also auch für die USA, die sich zu der Zeit im Clinch mit den Sowjetstaaten befinden.

Die amerikanische Freundin – oder die amerikanische Spionin?

Sefi Atta - Die amerikanische Freundin (Cover)

Doch ist Frances wirklich eine Spionin oder einfach eine interessierte Amerikanerin, die um Zugang zu den Kreisen der Oberschicht bemüht ist? Sefi Atta zeigt in ihren Beschreibungen und den Dialogen, die zwischen die einzelnen Kapitel geschnitten sind, zwei Frauen, die viel gemeinsam haben, die aber auch aufeinander angewiesen sind. In Erklärdialogen, die sich an einigen Stellen im Buch finden, führt Lewi Frances in die wechselvolle Geschichte Nigerias ein.

Während Die amerikanische Freundin in der ersten Hälfte noch vor sich herdümpelt, entfaltet das Buch im zweiten Teil dann aber einen Drive. Denn die Phase der Stabilität, in der sich das Land aktuell unter der Regierung des General Muhammed befindet, sie ist nur kurzzeitig. Um Lewi und ihre Familie herum bricht plötzlich ein Putsch los, der das Land in eine neue Phase der Unsicherheit stürzt. Und auch bei Lewi selbst herrscht Unsicherheit: hat sie vielleicht Frances mit ihren Erklärungen und Kontakten dabei unterstützt, diesen Putsch vonseiten der CIA aus zu forcieren?

Diese Entwicklung macht aus Sefi Attas Roman im Großen und Ganzen dann doch eine reizvolle Lektüre, während gerade Lewi und den Menschen, mit denen sie sich umgibt, zunächst noch etwas Reiz fehlt. Denn die überprivilegierte Oberschicht dort in Lagos ist nicht unbedingt das, was ich gemeinhin unter spannendem Romanpersonal verstehen, dessen Charaktere einen Roman tragen könnten. Auch werden größere Konflikte ausgespart, eher erschöpft man sich in den Partys, die weit weg sind von der übrigen Bevölkerung Nigerias und deren Problemen. Große Brüche oder charakterliche Tiefenschärfe oder Charaktertiefe sind somit erst einmal Mangelware. Erst durch die Ereignisse des Putsches, den die Figuren auch nicht unmittelbar selbst erfahren, bekommt das Buch dann Drive und Dringlichkeit.

Fazit

So bietet Die amerikanische Freundin doch viel Einsichten in die wechselvolle Geschichte eines Landes, das Sefi Atta manchmal in etwas zu dozierenden Erklärdialogen ausbreitet. Auf der Zielgerade kann Attas Buch aber doch noch Meter gutmachen und gewinnt mit der Innensicht aus einem Land, das gerade wieder einmal in politischer Orientierungslosigkeit versinkt. Gerade da Nigeria ebenso wie Afrika im Ganzen auf dem deutschen Buchmarkt ein Schattendasein führen, sei auf dieses von Simone Jakob übersetzte und im Peter Hammer-Verlag erschienene Buch gerne besonders hingewiesen!


  • Sefi Atta – Die amerikanische Freundin
  • Aus dem Englischen von Simone Jakob
  • ISBN 978-3-7795-0623-2 (Peter Hammer-Verlag)
  • 400 Seiten. Preis: 26,00 €

Klaus Modick – Sunset

Ein Tag im Leben des Lion Feuchtwanger. Klaus Modick macht daraus ein berührendes Kunstwerk, das von der Freundschaft Feuchtwangers zu Bertolt Brecht erzählt, vom Leben und Schreiben der Männer – und vom Exil. Das ist Sunset.


Der Rahmen ist in Klaus Modicks Roman eng gesteckt. Vom frühmorgendlichen Aufgang der Sonne über dem gischtumnebelten Pazifik bis zum Untergang ebenjener Sonne reicht der erzählerische Bogen, der Sunset ausmacht. Diese enge Einheit eines einzigen Sommertages nutzt Modick, um wie in seinen später folgenden Romanen Keyserlings Geheimnis und Konzert ohne Dichter ein Künstlerporträt zu zeichnen.

Ähnlich wie bei letztem Roman ist es auch hier nicht nur ein einfaches, sondern eigentlich ein zweifaches Künstlerporträt. Denn bereits vier Jahre vor seinem Roman um das komplizierte Miteinander oder Gegeneinander des Worpsweder Malers Heinrich Vogler und des Dichters Rainer Maria Rilke widmete sich Modick 2011 bereits der Beziehung zweier Künstler, wie sie auf den ersten Blick gegensätzlicher eigenlich nicht sein könnten. Die Rede ist von Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht.

Da der Münchner Jude Lion Feuchtwanger, der mit großen historischen Romanen für hohe Auflagen und viel Aufmerksamkeit sorgte. Da Bertolt Brecht, Augsburger Kommunist und Verfechter des Epischen Theaters. Während Feuchtwanger nach einer kräftezehrenden Flucht in den USA an der Westküste heimisch wird, wird es Brecht in die entgegengesetzte Richtung in den Osten ziehen, wo er später auch begraben werden wird, nämlich in Ost-Berlin. Da der virile Feuchtwanger, dessen Potenz sich mittlerweile erschöpft und seine Beziehung zu seiner Marta alle Krisen überstanden hat, da Brecht mit seinen vielen Frauen und Nebenfrauen, Kindern und Bankerts.

Feuchtwanger und Brecht

Diese unwahrscheinliche Freundschaft, sie arbeitet Klaus Modick in seinem Roman noch einmal auf. Auslöser des Ganzen ist eine Todesnachricht, die Lion Feuchtwangers morgendliche Körperertüchtigung in seiner Villa am Paseo Miramar unterbricht. Niemand geringeres als Johannes Becher, der Kulturminister der neugegründeten DDR erbittet die Teilnahme Feuchtwangers an einem Staatsakt in Ost-Berlin, denn Bertolt Brecht ist tot.

Klaus Modick - Sunset (Cover)

Während nun Feuchtwanger rastlos durch sein Haus tigert und trotz der Abwesenheit seiner Frau so etwas wie Routine in seinen Tagesablauf zu bekommen versucht, brechen die Erinnerungen über ihn herein. Die unwahrscheinliche Freundschaft mit Brecht, dessen erste Kontaktaufnahme mit Feuchtwanger in München. Das Erlebnis nach der Lektüre von Brechts Spartakus, aus dem später die Trommeln in der Nacht werden sollten, der Baal als erstes Ausrufezeichen seines kraftgesättigten und kraftmeierischen Autors, all das scheint in kleinen Schlaglichtern in Modicks Roman wieder auf.

Aber auch Zeitgeschichtliches wie die Kommunistenehatz der McCarthy-Ära und das Verhör Brechts vor dem Tribunal wird durch die Erinnerungskaskade Feuchtwangers noch einmal greifbar. Überhaupt, die Zeitgeschichte: knapper, aber nicht minder eindringlich als in Uwe Wittstocks Marseille 1940 wird hier noch einmal an das Schicksal der Flucht und des Lebens im Exil erinnert.

Klaus Modick auf der Höhe seiner Kunst

Thomas Mann und seine Distanz zu Feuchtwanger, die Schwierigkeiten, in ein neues Leben hineinzufinden und in einem anderen Land mit anderer Sprache seine eigene Sprache und das Schreiben zu bewahren, all das tupft Modick grandios in diesen so kurzen, aber doch so intensiven Roman hinein.

Ihm gelingt mit Sunset das Kunststück, eine durchaus widersprüchliche Freundschaft und zwei ebenso kantige wie komplizierte Männer auf gerade einmal 190 Seiten in ein fabelhaftes Licht zu setzen. Biografisches, Werk der beiden Autoren und sprachliche Eleganz verbinden sich in diesem Roman zu einem großartigen Leseerlebnis, sodass man förmlich meint, selbst mit Feuchtwanger durch seine Villa über dem schimmernden Pazifik und sein wechselhaftes Leben zu spazieren.

Sunset ist ein reduzierter und gerade deswegen so starker historischer und zuvorderst Künstler-Roman. Er zeigt Klaus Modick auf der Höhe seiner Kunst. Es ist eine Höhe, die spätere Werke, allen voran Keyserlings Geheimnis nicht mehr so recht erreichen wollten.

Weitere Meinungen zu Sunset gibt es unter anderem bei Literaturkritik.de und bei Deutschlandfunk Kultur.


  • Klaus Modick – Sunset
  • ISBN 978-3-492-27418-0 (Piper)
  • 192 Seiten. Preis: 11,00 €