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David Park – Reise durch ein fremdes Land

Wieder einmal führt eine Reise nicht nur zu einem Ziel, sondern vor allem ins Innere des Reisenden selbst. Im Roman Reise durch ein fremdes Land schickt der nordirische Autor David Park einen Vater auf die tiefverschneiten Straßen Schottlands, um seinen Sohn zum Weihnachtsfest nach Hause zu holen. Die Motivation dieses halsbrecherischen Weihnachtskommandos offenbart sich erst später, dann aber mit aller Wucht.


Weihnachten, das ist noch immer das Fest der Familie. Unzählige Filme, Romane und Lieder variieren das Thema des Nachhause Kommens, allen voran der jüngst verstorbene Chris Rea hat mit seinem Evergreen Driving home for christmas das Topos der Weihnachtsreise musikalisch verewigt.

Menschen machen sich auf den Weg, um im Kreise ihrer Familie Weihnachten zu feiern, mal harmonischer, mal chaotischer. Aber immer ist es eine Reise, die Menschen wieder in ihre Heimat zurückbringt und dabei auch Erinnerungen an früherere Weihnachtsfeste weckt.
Eine Variante dieses Motivs liefert David Park in seinem Roman Reise durch ein fremdes Land, der allerdings nicht die jüngere Generation nach Hause reisen lässt, sondern einen Vater in den Mittelpunkt stellt, der sich aufmacht, seinen Sohn nach Hause zu bringen.

Von Nordirland nach Schottland und zurück

Dieser liegt krank an seinem Studienort in Sunderland an der Ostküste Großbritanniens danieder und so ist es am Vater, den verlorenen Sohn nach Hause zu bringen. Eine Reise mit dem Flugzeug scheidet aufgrund der starken Schneestürme aus und so macht sich der Vater am Steuer seines Autos von Nordirland aus auf den Weg, um seinen Sohn von der britischen Insel zu sich nach Hause auf die andere Insel zu holen.

„Ich fahre ganz vorsichtig. Hauptsache, sicher hinkommen, ganz egal wie lang es dauert, und ihn wieder nach Hause bringen.“
„Er darf an Weihnachten nicht allein sein, besonders dieses Weihnachten nicht.“, sagt sie ebenso sehr zu sich wie zu mir. „Nicht mal, wenn es ihm gut gehen würde. Und wenn es ihm jetzt so schlecht geht … Wir müssen ihn nach Hause bringen.“
Wir müssen ihn nach Hause bringen“ Der Satz kann in dem vereisten Wagen nirgendwohin, hängt in der Luft und erstarrt zu Schweigen.

David Park, Reise in ein anderes Land, S. 14

So kämpft sich der Vater nun über verschneite Straßen, setzt mit der Fähre von Nordirland nach Schottland über und frisst Meile um Meile in der vereisten und verschneiten Landschaft dort im Norden Großbritanniens. Unterbrochen von Anrufen seiner Frau Lorna und seinem Sohn Luke reist er immer weiter, seinem Ziel entgegen. Warum aber die Dringlichkeit geboten ist, den kranken Sohn just zu diesem Weihnachtsfest zu sich nach Hause zu holen, das entfaltet sich erst langsam in diesem reflexiven Text, der mindestens in dem Maß eine Reise zu Toms Gefühlen und Empfindungen ist, wie er auf seiner Reise Meile um Meile hinter sich bringt.

Eine Reise nach England – und eine Reise zu sich selbst

David Park - Reise durch ein fremdes Land (Cover)

Immer wieder gleiten die Gedanken Toms ab, landen bei seiner Familie und den Fliehkräften, denen diese ausgesetzt ist und war. Seine Herkunft, sein Werden zu einem Vater und die Gefahren, die das Leben als Familie bereithält, all das umkreist Reise durch ein fremdes Land.

Ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, ist David Parks Text einer, der sich trotz des weihnachtlichen Rahmens und der nur vordergründigen Harmonie des Weihnachtsfest auch mit Traurigkeit und der Macht des Schicksals befasst.

Je länger man mit Tom an Bord seines Autos über verschneite Straßen reist, umso besser lernt man ihn kennen und ist aufgrund des reflexiven Charakters ganz eng dran an ihm. Parks Text kennt nämlich keine Kapitel und so manches Mal nicht einmal einen Punkt, stattdessen ist sein Text ein wirklich intensiver Strom an Gedanken und Meilen, bei dem sich die äußere Reise und inneren Gedanken immer wieder ablösen und ineinander übergehen.

Fazit

Wer weihnachtliche Besinnlichkeit und Plätzchenromantik sucht, der sieht sich bei Reise durch ein fremdes Land schnell getäuscht. Denn David Parks Text verweigert sich allzu wohlfeiler Harmonie und blickt lieber auf den Kern von Weihnachten, der sich ja mit der Familie, dem Zusammenhalt und dem Ausgestoßensein befasst.

Sein von Michaela Grabinger übersetzter Text ist ein anspruchsvolles Buch, das keine einfachen Botschaften bereithält, sondern stattdessen mit existenzialistischer Tiefe und Einsicht überzeugt, während man sich mit seinem Helden über die verschneiten Straßen der britischen Insel kämpft.


  • David Park – Reise durch ein fremdes Land
  • Aus dem Englischen von Michaela Grabinger
  • ISBN 978-3-8321-6652-6 (Dumont)
  • 192 Seiten. Preis: 13,00 €

Daniel Glattauer – In einem Zug

Zwiegespräch In einem Zug. In seinem neuen Roman lässt der österreichische Romancier Daniel Glattauer zwei unterschiedliche Menschen aufeinander prallen und diese in einem vierstündigen Dialog zwischen München und Wien versinken.


Die Bahn hat es auch nicht leicht. Beständig wird sie kritisiert, steigt die Zahl der verspäteten Züge immer weiter an – und wenn einmal alles nach dem regulären Takt laufen würde, dann wartet der Zugverkehr entweder mit einer Streckensperrung oder gleich dem Streik einer Gewerkschaft auf. So die viel zitierten und leider oftmals viel zu wahren Klischees über die deutsche Bundesbahn.

Mit Neid kann man über die Grenze nach Österreich blicken, wo sich die Bahn nach wie vor in Staatshand befindet und der Schienentakt so geschmeidig vor sich hin schnurrt wie der berühmte Zeitanzeiger im Uhrturm über der Stadt Graz. Tu felix austria denkt sich der Bahnreisende – und wird mit der Lektüre von Daniel Glattauers neuem Roman In einem Zug wieder einmal bestätigt.

Ein Schriftsteller steigt in diesem einen in Zug in Wien ein, um mit diesem nach München zu reisen. Eine Fahrt, die mustergültig nach Fahrplan läuft. Wien Hütteldorf, St. Pölten und Amstetten sind Stationen dieser Reise, die der Zug mit österreichischer Bundesbahnpräzision passiert. Eine Verzögerung im Betriebsablauf gibt es erst, als sich der Zug in Salzburg quasi schon in deutsch-österreichischem Grenzgebiet befindet und einer der zu koppelnden Züge auf sich warten lässt. Dem deutschen Bahn-Ungemach entkommt man also nicht einmal wirklich hinter der Grenze.

Auf dem Weg von Wien nach München

Davon abgesehen wäre die Reise aber eine ebenso komfortable wie störungsfreie Reise für Glattauers Held und Ich-Erzähler Eduard Brünhofer, wäre da nur nicht diese Frau, die sich in Wien Hütteldorf zu Brünhofer ins abgetrennte Viererabteil setzt. Denn schon kurz nach Antritt der Reise sucht sie das Gespräch mit Brünhofer.

Schreiten wir zum konkreten Ereignis. Die Frau frühen mittleren Alters im Zug, die ich jetzt, wo ich ihren Blick erwidere, natürlich schon näher beschreiben könnte, ich tue es aber nicht, denn um Äußerlichkeiten geht es hier nicht, diese Frau fragt: „Entschuldigung, darf ich Sie etwas fragen?“

Daniel Glattauer – Im Zug, S. 13

Auch wenn sich die erste Frage der Frau als falsch erweist (sie hatte in Brünhofer einen ehemaligen Englischlehrer ausgemacht), erstirbt damit das Gespräch nicht, im Gegenteil. Hartnäckig hakt die Frau nach und so beginnt der Dialog und das gegenseitige Kennenlernen, das sich bis zur Einfahrt in den Endbahnhof in München erstrecken wird.

Ein Gespräch im Zug

Daniel Glattauer - In einem Zug (Cover)

Die als Physio- und Psychotherapeutin tätige Frau erweist sich als gnadenlos, wenn es darum geht, Eduard Brünhofer auf den Zahn zu fühlen. Langsam gibt das Gespräch der beiden den Charakter und die Dinge preis, die beide Figuren gerade umtreibt. Da die neugierige Mitfahrerin, die nicht nur in Sachen Lebens- und Liebeskonzept Brünhofer recht diametral gegenübersteht, dort der österreichische Schrifsteller auf dem Weg nach München.

Brünhofers Konturen werden im Lauf des Kammerspiels auf Schienen klarer, als sich langsam herausstellt, dass er zwar ein einst gefeierter Autor von Liebesromanen gewesen sein mag, seit geraumer Zeit allerdings eher mit Schweigen und Abwesenheit auf dem Buchmarkt glänzt. Ein Umstand, bei dem auch die zahlreichen geleerten Weinfläschchen zwischen Wels und Rosenheim keine Abhilfe schaffen.

Schon mit seinem Roman Gut gegen Nordwind, der Daniel Glattauer den Durchbruch bescherte, erwies sich der Autor als Spezialist für Dialoge, die damals im Neuland des Internets per Mail geführt wurden. Nun, knapp zwanzig Jahre später und einen immensen Boom von Podcasts oder verschriftlichten Gesprächsbücher später, ist es ein Gespräch face to face, das uns Brünhofer hier noch einmal, garniert mit kleinen Kommentierungen und Arabesken zu den passierten Städten, präsentiert.

Aber so sind wir Menschen. Solange wir uns völlig fremd sind, gering schätzen wir einander oft genussvoll um die Wette und schicken uns, mit allen erdenklichen Vorurteilen behaftet, gegenseitig in die Wüste.

Doch kaum kommen wir unverhofft miteinander ins Gespräch, teilen wir uns in liebevoller Zuwendung die schönsten Sachen mit und heischen inbrünstig nach der Gunst des anderen.

Daniel Glattauer – In einem Zug, S. 117

Fazit

Konzentrierter und gelungener als das überdeutliche Vorgängerwerk Die spürst du nicht ist In einem Zug ein Buch über einen Seelenstriptease, den vor allem der zugreisende Schrifsteller Eduard Brünhofer hier hinlegt und der Betrachtungen über das Liebesleben viel Raum einräumt. Gebaut um eine nette Schlusspointe herum ist der Roman eine auch im Ganzen nette Lektüre, und das nicht nur als Zeitvertreib bei Zugfahrten.

Gewiss, trotz allerlei intimen Geständnissen bleiben die Figuren etwas blass und eine äußere Handlung findet angesichts des Minimalrahmens für das dialoggetriebene Kammerspiel so gut wie nicht statt. Auch haben ähnliche Konversationsstücke zumeist französischer Bauart á la Yasmina Reza mehr Esprit und Feuer als dieser doch etwas zahme Roman.

Dafür aber buchstabiert Daniel Glattauer in seinem Roman das Zwischenmenschliche genau aus und lässt am Ende den Leser*innen mit einer Entscheidungsfrage zurück: möchte man sich auf der nächsten Bahnfahrt ebenfalls in ein solches mehrstündiges Gespräch begeben oder würde man lieber Zuflucht in den Seiten eines Romans, vielleicht sogar dem vorliegenden, den entspannteren und unterhaltsameren Zeitvertreib finden?


  • Daniel Glattauer – In einem Zug
  • ISBN 978-3-7558-0040-8 (Dumont)
  • 208 Seiten. Preis: 23,00 €

Matthias Lohre – Teufels Bruder

Zwei Senatorensöhne auf Grand Tour durch Italien, mit im Gepäck Schreibkrisen, Liebeskummer und die Frage, wohin der Lebensweg führen soll. Einen führt dieser Lebensweg in Matthias Lohres zweitem Roman Teufels Bruder nicht nur von Lübeck nach Italien – sondern sogar in die die Arme des Teufels. Der Name des Reisenden: Thomas Mann.


In seinen im vergangenen Jahr unter dem Titel Leoparden im Tempel wiederveröffentlichen Schrifstellerporträts beginnt Michael Maar seine Annäherung auf das Phänomen Thomas Mann mit einer Frage. Welches ist die Figur, die einem in Thomas Manns erstem Roman als erstes begegnet – oder die besser gesagt angerufen wird? Die Lösung lautet: der Teufel. Denn dieser hat gleich als erstes in einem Ausruf des Konsuls Buddenbrook als „Düwel“ seinen Auftritt.

Das ist alles andere als verwunderlich, wie Maar im Folgenden aufzeigt. Denn der Teufel besitzt im Werk Thomas Manns einen ganz eigenen Stellenwert, schließlich will Mann dem Teufel sogar höchstpersönlich in Italien begegnet sein. Auch in Matthias Lohres zweitem Roman ist der Teufel im Leben Thomas Manns stets präsent und spukt häufig durch den Text. Denn dessen Roman spürt der Faszination Manns für den Teufel nach, indem er jene Jahre in den Mittelpunkt rückt, in denen sich Heinrich und Thomas Mann auf jene Grand Tour durch Italien begaben, bei der dem jüngeren der beiden Brüder nach eigener Aussage der Teufel erschienen sein soll.

Zwei Senatorensöhne auf Grand Tour

Matthias Lohre - Teufels Bruder (Cover)

Lohres Buch setzt im Jahr 1896 ein. Nach dem Tod ihres Vaters, eines angesehenen Lübecker Konsuls, reisen beide Brüder durch Italien. Das väterliche Erbe und enttäusche Erwartungen beschäftigen die beiden Reisenden ebenso wie die Frage, wo es hingehen soll in ihrem Leben. Schriftsteller wollen sie beide sein, doch der große Erfolg lässt besonders im Falle von Thomas Mann noch auf sich warten. Noch nicht einmal wirklich zu erahnen ist dieser erhoffte Erfolg.

Konkret ist bislang nur die Ebbe in der Reisekasse der Brüder. Und so lässt sich Heinrich mit einem Verleger auf einen besonderen Deal ein. Er soll als Herausgeber dessen Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert vorstehen, um so Geld in die Reisekasse zu spülen. Doch ganz so vorteilhaft entpuppt sich der Deal nicht, denn fortan begleitet Heinrich den Filius des Verlegers auf seinen Reisen, der wiederum Heinrich für seine eigene Agenda einspannt und die Brüder zur Abgabe von Novellen bewegen möchte. Der Arbeitstitel dieses Projekts trifft dabei die bisherige Schaffensbilanz der Brüder in Italien vortrefflich, denn er lautet Enttäuschung.

Und dann ist da ja auch noch Thomas Mann, der im Gefolge seines Bruders ebenfalls mit durch Italien reist. Schon zu Beginn der Grand Tour in Venedig allerdings passiert etwas, das Tommy, wie ihn sein Bruder ruft, entschieden prägt. Denn in Vendig wird er eines jungen Mannes ansichtig, dessen Spuren er auf seiner ganzen Reise durch Italien folgt. Bis auf den Kraterrand des Vesuvs in Neapel steigt der jüngere der beiden Mann-Brüder dem geheimnisvollen Jungen nach. Doch wo immer er dem Jungen begegnet, ist auch ein geheimnisvoller Fremder nicht fern…

Das komplizierte Miteinander zweier Brüder

Teufels Bruder ist die Geschichte zweier komplizierter Brüder, deren Miteinander nicht minder kompliziert ist. Da der feinfühlige und feinnervige Thomas Mann, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt, aber doch anfangs über kleine Formen und eine gewisse Ortientierungslosigkeit nicht hinwegkommt. Da Heinrich, der sich mit seinen Texten schon einen gewissen Ruf erschrieben hat, aber trotzdem mit der Ablehnung des väterlichen Erbes hadert. Aufgerieben zwischen dem Begehren für eine Schauspielerin und einer Scharade gegenüber seines Verleger und dessen Sohn, die ebenso Schauspiel erfordert und dann auch noch die Fürsorge für seinen irrlichternden Bruder – all das zehrt an Heinrichs Nerven.

Wie sich die beiden Brüder mal duellieren, dann wieder aufeinander angewiesen sind, das versteht Lohre trefflich zu schildern. Er lässt sich für seinen Roman gar nicht auf das Himmelfahrtskommando ein, sich einen der hohen Erzähltöne anzuverwandeln, für den die beiden Brüder bekannt sind.

Vielmehr entwickelt er einen eigenen Stil, mit dem er sowohl die rastlose Grand Tour durch Italien als auch Fragen der künstlerischen Selbstfindung und innere Konflikte zu schildern vermag. Großartig etwa die Szene, wenn die Brüder Mann auf Drängen des Richard Wagner-begeisterten Thomas in Rom einer Aufführung der von ihm so hochverehrten Werke des deutschen Komponisten lauschen wollen.

Zwischen Venedig und Neapel

Über die geschilderte Musik und das Konzerterlebnis auf dem überfüllten Platz hinaus treffen hier verschiedene Konflikte und Erzähllinien des Romans aufeinander und verschränken die unterschiedlichen Erzählebenen. Das gelingt Matthias Lohre außerordentlich gut, obgleich die Übersicht im all den erzählerischen Sprüngen von Heinrich zu Thomas Mann, verbunden mit den vielen Stationen der Reise (von Venedig über Palestrina bis in den Untergrund der Sanità in Neapel und zurück), nicht immer ganz leicht zu behalten ist.

Besondere Freude macht es in Teufels Bruder natürlich, die vielen Anspielungen im Werk von Thomas und Heinrich Mann zu entschlüsseln. Von Mann und Hund über den Tod in Venedig bis hin zur möglichen Geburtstunde der Buddenbrooks reicht der anspielungsreiche Bogen, den Lohre unter dem eigentlichen Plot spannt und der in seiner Verknüpfung von fiktiv Erlebtem zu tatsächlichem Werk wirklich interessant ist.

Im großen Gedenkkonzert an die Mann-Brüder und den 100. Geburtstag des epochalen Zauberbergs kommt diesem Roman eine ganz eigene Stimme zu, mit der er sich in der Vielzahl anderer Mann-Hommagen zu behaupten weiß.


  • Matthias Lohre – Teufels Bruder
  • ISBN 978-3-492-07279-3 (Piper)
  • 544 Seiten. Preis: 25,00 €

Bildquelle Titelbild: Library of Congress unter Verwendung https://loc.gov/pictures/resource/ppmsc.06559/

Simone Buchholz – Nach uns der Himmel

Ist das schon der Himmel oder noch die Hölle? Simone Buchholz schickt in ihrem neuen Roman Nach uns der Himmel acht Menschen auf eine ganz besondere Insel und lässt nicht nur ihre Figuren lange Zeit im Unklaren über die Hintergründe ihres Aufenthalts dort.


Schon in ihrem zuletzt erschienenen Roman Unsterblich sind nur die anderen erwies sich Simone Buchholz als Meisterin der Unkonkretheit. Ihre Geschichte einiger Passagiere auf einer ganz besonderen Fähre ließ sich vielfach deuten und stellte die Frage in den Raum, ob die Geschehnisse auf der Fähre MS Rjúkandi überhaupt in der Realität angesiedelt waren, allzu rätselhaft und fantastisch war das, was sich an Bord des Schiffs abspielte.

Auch in ihrem neuen Roman Nach uns der Himmel herrscht wieder die gleiche opake Grundstimmung, wie sie schon kennzeichnend für Buchholz erste literarische Auszeit von ihrer Krimiserie um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley war. Diesmal ist das Reisemittel, mit dem alles beginnt, kein Schiff, sondern ein Flugzeug, das gleich zu Beginn des Romans in schwere Turbulenzen gerät. Diese sind so gravierend, dass die Pilotin den eigentlich geplanten Landeanflug abbrechen muss und zurückkehrt nach Athen, wo das Flugzeug dann wieder landet.

Doch damit beginnt jener Rutsch der Realität, denn schon während dieses Zwischenaufenthalts mehren sich seltsame Zeichen. Drei Putzdamen wandeln durch die Riege der versammelten Passagiere wie weiland die Hexen von Macbeth, da findet ein Fluggast keine Toilette und keinen Ausgang aus der Wartehalle und eine „fast engelhafte elektronische Frauenstimme“ säuselt durch das Rund, ehe es ein zweites Mal mit dem Flieger auf die angepeilte Insel geht.

Eine Welt im Trudeln

Simone Buchholz - Nach uns der Himmel (Cover)

Hier gerät die Realität nun vollends ins Trudeln, denn je länger Simone Buchholz die acht Flugzeugpassagiere auf ihren Wegen über die anonyme Insel verfolgt, umso klarer wird, das dieses Eiland nicht nach den herkömmlichen physikalischen und sozialen Gesetzen funktioniert. Es ist eher eine Zauberwelt, wie sie Shakespeare in Der Sturm ersann, denn das, was wir aus den Werken Gerald Durrells oder Polly Samsons kennen.

Ein Bed & Breakfast verschwindet spurlos, in dem Marc und Sara zusammen mit ihrem Sohn Vincent abgestiegen sind, das Inselpersonal nimmt keine gesteigerte Kenntnis von den Urlaubern – und merkwürdigerweise sind auch die Handys der Gäste verschwunden. Eine Telefonzelle, die Vincent zusammen mit Heidi, einer anderen Urlauberin, ausfindig machen will, gibt es auf der Insel nicht.

Nicht nur, dass Wege nicht zum Ziel zu führen scheinen und sich winden und biegen, um ein Vorankommen der Urlauber zu verhindern. Auch der Weg über das Wasser führt nicht wirklich weiter. Eine Gruppe um den Krösus Claudius unternimmt einen Versuch, mit einem gemieteten Boot auf das Meer hinauszufahren, sieht sich aber jenem Effekt gegenüber, den man auch aus vielen Computerspielen kennt – irgendwann kommt das Boot trotz sämtlicher Kraftanstrengungen nicht mehr weiter. Trotz Claudius Reichtum, der sonst alle Probleme aus der Welt schafft, stößt man in bester Haushofer’schen Tradition gegen eine unsichtbare Wand, die die sämtliches Fortkommen verhindert.

Einwürfe aus der Stadt der Engel

Die Anzeichen mehren sich, dass sich die acht Fluggäste eventuell in einer Simulation befinden, in der sie für andere Menschen auf der Insel unsichtbar sind

Dazu kombiniert Simone Buchholz noch eine zweite Erzählstimme, die zunächst ebenso rätselhaft bleibt wie die Geschehnisse auf der namenlosen Insel. Hier kommt ein Erzähler zu Wort, der sich immer wieder vom 4621 Cahuenga Boulevard meldet, der in Los Angeles liegt. Dort, in der Stadt der Engel, scheint der Erzähler in eine Konzernstruktur eingebettet, von wo aus er zusammen mit einer Vorgesetzten Geschehnisse untersuchen soll.

Welche Geschehnisse das sind, das wird erst im letzten Viertel des Buchs deutlich, in dem sich dann die beiden Erzählstränge verbinden. Plötzlich ergeben die Rätselhaftigkeiten und Anomalien dort auf der Insel einen Sinn, die anfangs noch reichlich verwirrend und knapp neben die Realität gesetzt erscheinend.

Willkommen im Zwischenreich

Simone Buchholz hat mit Nach uns der Himmel einen Roman geschrieben, der ähnlich wie etwa zuletzt George Saunders in Lincoln im Bardo eine Zwischenwelt zwischen Leben und Tod beschreibt und bei der nicht nur der Alkoholika namens Kokytos oder Styx auf die weitere Reise hinweist, die den acht Flugzeuginsassen bevorsteht.

Gravitas hat dieses Zwischenreich bei Simone Buchholz nicht, vielmehr inszeniert sie mit ihrem Talent für Lakonie, schnell gesetzte Dialoge und Schnoddrigkeiten jenen Limbus als einen Ort der Liebe, in der sich plötzlich ganz neue Allianzen und Beziehungen zwischen den acht Menschen ergeben. Die Anziehung zu Heidi lässt den Teenager Vincent altern, seine zerstrittenen Eltern finden neue Partner, Affären werden fortgeführt oder beginnen neu. Sexualität und Begehren spielt eine große Rolle, ebenso wie der Jazz, der statt Finsternis und Trostlosigkeit in Simone Buchholz‘ Version des Jenseits den Takt vorgibt.

Das macht aus Nach uns der Himmel eine tröstliche, rätselhafte, lässige und sommerliche Melange, deren Verhältnisse sich mit zunehmender Laufzeit klären. Ihr Buch lässt zuversichtlich auf das blicken, was uns eventuell erwartet, wenn die Lebensreise zu Ende geht, ob im Flieger oder auf anderen Wegen.


  • Simone Buchholz – Nach uns der Himmel
  • ISBN 978-3-518-47442-6 (Suhrkamp Nova)
  • 218 Seiten. Preis: 20,00 €

Aleksandar Hemon – Die Welt und alles, was sie enthält

Vom Schlachthaus des Ersten Weltkrieges bis hinein in die Wirren des Japanisch-Chinesischen Kriegs, von Sarajevo bis nach Manila. In seinem Roman Die Welt und alles, was sie enthält wagt Aleksandar Hemon den ganz großen Wurf und schickt einen jüdischen Apotheker auf eine weltumspannende Schmerzensreise. Erträglich wird all das erfahrene Leid nur durch die Liebe zu einem Mann.


Es ist nur ein kleiner Moment, der den Apotheker Rafael Pinto hineinkatapultiert in einen der entscheidenden Momente des 20. Jahrhunderts. Eigentlich müsst er in der familieneigenen Apotheke in Sarajevo hinter dem Tresen stehen, Pulver mischen und Kunden beraten. Doch wir schreiben den 28. Juni 1914 und die ganze Stadt ist auf den Beinen und vibriert vor Erregung. Der Grund dafür ist der bevorstehende Besuch des österreichisch-ungarischen Erzherzogs Franz Ferdinand.

Rafael Pinto interessiert das allerdings überhaupt nicht. Vielmehr ist es ein Rittmeister, der sein Interesse auf sich zieht. Der im militärischen Dienst der Monarchie stehende Mann sucht den sephardischen Juden Pinto in dessen Apotheke auf, um von ihm ein Mittel gegen seine Kopfschmerzen zu erhalten.

Doch es ist nicht nur ein Mittel gegen die Kopfschmerzen, das der Rittmeister vom Apotheker erhält. Es kommt zu einem Kuss zwischen Pinto und dem Rittmeister. Ein kleiner Moment, der sich fast anfühlt, als würde die Welt kurz stillstehen.

Ein Kuss, ein Schuss und der Krieg

Ganz betört vom gerade Erlebten folgt Pinto dem Rittmeister hinaus auf die Straßen der bosnischen Hauptstadt, als sich die gerade noch stillzustehende Welt geradezu explosiv beschleunigt. Denn Pinto wird unmittelbar Zeuge des Attentats auf den zu Besuch weilenden Thronfolger, das zugleich den Beginn des Ersten Weltkriegs markiert. Vom Kuss zum verheerenden Schuss in nur wenigen Momenten – und kurz darauf hinein in das, was später als Großer Krieg und noch etwas später als Erster Weltkrieg bezeichnet werden sollte. Schnell geht es in Hemons Romans zur Sache – ein Merkmal, das auch die weiteren Lebensstationen Pintos kennzeichnen wird.

Aleksandar Hemon - Die Welt und alles, was sie enthält (Cover)

Als Soldat findet Pinto sich auf den Schlachtfeldern des Krieges wieder, als er in Galizien als eingezogener Soldat Dienst tut. Die Schrecken, die inkommensurable Gewalt, die Hoffnungslosigkeit in den Schützengräben erfährt er am eigenen Leib. Doch wo die Gefahr ist, da wächst auch das Rettende. Im Falle von Pinto hört jenes Rettende auf den Namen Osman Karišik . Er ein Muslim, Rafael Pinto ein sephardischer Jude, und zusammen ein Liebespaar, das in der gegenseitigen Liebe ein Mittel gegen la gran eskuridad – die große Leere – findet.

Zusammen überleben sie auf den Schlachtfeldern und schlagen sich von Galizien und der Bukowina bis nach Taschkent durch. Es ist nur eine Station auf einer wahren Schmerzensreise, die Pinto und Karišik immer weiter weg führt von Zuhause. Sie begegnen Bolschewiken, blutrünstige Banden, trennen sich in den Bergen Turkestans, Pinto schlägt sich schließlich durch die Wüste Taklamakan bis nach Schanghai durch, wo er aber, wie immer wieder auf seiner Reise, mit Krieg und Gewalt konfrontiert ist.

Die Schmerzen des 20. Jahrhunderts

Aleksandar Hemon erzählt vom allgegenwärtigen Leid des 20. Jahrhunderts, das Pinto bei so gut wie allen Lebensstationen, egal wo auf dem Erdball begegnet. Zwar kommt es immer wieder zu Umbrüchen, folgen neue Schauplätze oder neue Figuren, gleich aber bleiben stets die zugrundeliegenden Themen der Flucht, Vertreibung und des Gefühls, nie wirklich anzukommen.

Themen, die nur diesen Roman bestimmen, sondern auch in der Biografie ihres Autors eingeschrieben sind. So gab dieser nach der Belagerung Sarajevos 1992 ähnlich wie sein Held Rafael Pinto gezwungenermaßen die Heimat auf, um fortan in den USA zu leben und auf Englisch zu schreiben.

Diese Erfahrung des fremdbestimmt Getriebenen merkt man Die Welt und alles, was sie enthält unmittelbar an. Genauso ist sein Roman aber auch die Geschichte einer großen Liebe. Einer Liebe, die alles erträgt, alles hoffet und die alles duldet, selbst als Osman Pinto verlassen muss und ihm die Verantwortung für sein Kind überträgt.

Schmerzen und Liebe, es ist nur eines von vielen Komplementärbeziehungen in diesem Roman, der mit seiner queeren Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs etwas an Alice Wills Durch das große Feuer erinnert. Dort wo sich Will allerdings auf den Großen Krieg konzentriert, geht Hemon noch deutlich weiter, indem er die Gewalterfahrungen und Vertreibung seines Helden bis ins Jahr 1949 dehnt und so das 20. Jahrhundert in seiner ganzen Brutalität eindrücklich schildert.

Fazit

Die Welt und alles, was sie enthält ist die herausfordernde, wirklich globale Reise eines Helden, der über alle Grenzen hinausgeht, der Stürme überlebt und der angetrieben von seiner Liebe zu Osman und zu seinem Kind immer weiter geht. Nicht immer einfach zu lesen, mit vielen fremdsprachigen Wortfetzen, harten Schnitten und Umbrüchen gestaltet bereist dieser Roman eine Vielzahl an Schauplätzen, thematisiert die Gewalt im Chinesisch-Japanischen Krieg 1937 ebenso wie die Entbehrungen während der Durchquerung der Taklamakan-Wüste oder die Verzweiflung in den nassen und kalten Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

Mag Hemons Roman auch nicht die ganze Welt enthalten, so steckt doch ein ganzes Stück der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts in diesem Roman. Eine herausfordernde Lektüre, gewiss nichts für Nebenbei, aber voller Intensität, Vielsprachigkeit und queerer Liebe (übersetzt von Henning Ahrens).


  • Aleksandar Hemon – Die Welt und alles, was sie enthält
  • Aus dem Englischen von Henning Ahrens
  • ISBN 978-3-546-10047-2 (Claassen)
  • 400 Seiten. 26,00 €