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Robert Menasse – Die Lebensentscheidung

Friedrich Merz würde das nicht gefallen. Mit 58 Jahren trifft Franz Fiala Die Lebensentscheidung, seinen Dienst bei der EU zu quittieren und in den Ruhestand einzutreten. Doch dann steht plötzlich das, was in Robert Menasses neuem Roman als eine wohlüberlegte und ruhige Austeigsoption geplant war, durch eine erschütternde Diagnose in Frage. Wie leben, wenn man vielleicht noch vor der eigenen Mutter die Bühne des Lebens verlassen muss?


Es reicht Franz Fiala mit seiner Arbeit bei der Europäischen Kommission. Jahre hat er in seinem kleinen Kämmerchen in Brüssel zugebracht, hat seinen Dienst als Referent der Europäischen Kommission versehen. Zu ganzen zwei kleinen Fensterchen mit Kippsicherung hat es bei seinem Büro gereicht, damit sortiert er sich irgendwo im Mittelfeld der EU-Beamtenhierarchie ein, die die jeweilige Bedeutung des Einzelnen an der Anzahl der kleinen Fenstern bemisst, die den Beamten in ihren Arbeitskammern den Blick nach außen ermöglichen.

Nun ist es genug für Franz Fiala. Die Mutter wird immer siecher, der Ertrag seiner Arbeit bleibt viel zu oft ernüchternd klein und die EU selbst hat auch schon bessere Tage gesehen. Sie lässt sich von autokratischen Mitgliedern ebenso wie vom Druck der Straße erpressen, der sich draußen im Europaviertels in Form protestierender Bauern manifestiert, die ihre Gülle auf den Straßen Brüssels auskippen und mit Verve gegen Maßnahmen des Green Deal der Kommission protestieren.

Eintritt in den Ruhestand mit 58 Jahren

Robert Menasse - Die Lebensentscheidung (Cover)

Wozu da noch groß anstrengend, wenn man doch auch in Rente, beziehungsweise in Pension gehen kann?
So sieht es dieser Franz Fiala und hätte mit seinen Plänen den Widerspruchsgeist des Friedrich Merz befeuern, der in der gegenwärtigen Debatte eine mangelnde Leistungsbereitschaft und einen zu frühen Renteneintritt der Deutschen bemängelt. Aber in Menasses Fall dürfte Fialas Schicksal den deutschen Kanzler weniger anfechten, schließlich spielt Die Lebensentscheidung bereits im Jahr 2024 und hat mit Franz Fiala einen österreichischen Staatsbürger, genauer gesagt einen waschechten Wiener im Mittelpunkt, den des Kanzlers Kritik eher kaltlassen dürfte.

Als guter Beamter hat er sich genau informiert, was zu tun ist, nachdem er sich entschieden hat, dass seine berufliche Karriere an ihrem Ende angekommen ist:

Er recherchierte die Möglichkeiten, wie er die Kommission verlassen konnte, ohne vor dem Nichts zu stehen. Bald stand sein Pan fest. Early retirement war nach mindestens zehn Jahren Beschäftigung in der Kommission und ab dem achtundfünfzigsten Lebensjahr möglich. Zwar mit Abschlägen, aber mit einer mehr als ausreichend hohen monatlichen Summe. Er war gleich nach Österreichs EU-Beitritt zum Concours angetreten, war unter rund weitausend Kadidaten einer von hundertfünfzig gewesen, die bestanden hatte, und 1996 Beamter geworden. Er hatte also mehr als genug Jahre und im vergangenen November seinen achtundfünfzigsten Geburtstag gehabt. Was war zu tun? Formulare ausfüllen.

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 14

Doch statt seinen Alltag in seiner kleinen Wiener Garconniere und dem regelmäßig Besuch seiner immer stärker verfallenden Mutter zu verbringen, bekommt seine Lebensentscheidung nun einen zweite, hochdramatische Bedeutung. Denn bei Fiala wird Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Metastasen haben sich bereits gebildet und mit den Heilungschancen steht es nicht zum Besten.

Ein Mann und seine eigene Endlichkeit

Und so ist dieser Mann mit seiner eigenen Endlichkeit konfrontiert, die schneller kommen könnte, als es ihm lieb ist. Die Aussicht auf den baldigen Tod ist damit jene unerhörte Begebenheit, die qua Definition im Mittelpunkt einer Novelle steht, in deren Gattung nicht nur der Bezeichnung auf dem Cover wegen auch Die Lebensentscheidung fällt.

Mit dem Gravitationszentrum des Todes befindet sich Robert Menasse in klassischer österreichischen Gesellschaft, spielt doch das Moribunde immer wieder eine zentrale Rolle in den Werken österreichischer Autor*innen — am publikumsträchtigsten sicherlich in Hugo von Hoffmansthals Schauspiel Jedermann, das das Sterben eines Mannes verhandelt und in Salzburg jeden Sommer aufs Neue die Massen anzieht. Menasse hat in diesem Sinne gewissermaßen einen EU-Bürokraten als neuen Jedermann erschaffen, dessen Sterben man in der Novelle beiwohnt.

Dabei durchsäuert der Tod und die Todesnähe schon von Anbeginn an den Text. Von den kleinen Fenstern in den Behörden, deren Kippsicherung einen Suizid der Beamten am Arbeitsplatz verhindern soll, über ein Flugzeug in Turbulenzen bis hin zum Todesmotiv in Form von Jules Massenets Oper Werther, die Fiala zusammen mit seiner Mutter in der Wiener Staatsoper besucht, reicht der motivische Bogen, der auch das Sterben in mehreren Registern behandelt.

Ein sterbender Mann, eine kränkelnde EU

Abgestorbene Beziehungen zur eigenen Familie trifft auf den eigenen bevorstehenden Tod und den Verfall der eigenen Mutter sowie vielleicht nicht gerade den Tod, aber auch eine eklantante Schwäche von Fialas Arbeitgeber, der Europäischen Union.

Hier greift Robert Menasse wieder jenes Thema auf, das ihn schon seit seinem Roman Die Hauptstadt umtreibt und das ihm bereits mit diesem Buch den Deutschen Buchpreis sicherte und mit der Fortsetzung Die Erweiterung dann vor drei Jahren die Auszeichnung mit dem Europäischen Buchpreis bescherte.
Die Lebensentscheidung reiht sich ein in diese Riege politischer Bücher, die um die EU und vor allem um die Personen kreist, die diese EU fernab von platter Kritik in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausmachen und am Laufen halten.
Auf wütend-fatalistische Weise zeigt Menasses Buch einmal mehr, wie Kurzsichtigkeit und die Wahrung von Partikularinteresse das Projekt einer gemeinsamen Wirtschafts- und Werteunion bedroht, deren Stärkung doch angesichts wachsender globaler Herausforderungen und Zukunftssorgen so wichtig wäre.

Einblicke ins Seelenleben, in Sprache übersetzt

Politik mengt sich mit eigener Befindlichkeit und einer Betrachtung des Lebens im Angesicht des eigenen Sterbens. Hierfür findet Menasse eine tastende Sprache, in der sich alle Gewissheiten auflösen und die die Gefühlswelt von Franz Fiala gekonnt illustriert.

Ich werde ausgeräumt, dachte Franz Fiala, ich werde zur leeren Hülle, nein, nicht leer, da ist ja noch das Herz, ein starkes Herz, und der Wille, und eine Zeit lang erstaunlich gut, eine Zeit lang erstaunlich gut, das stampfte und trommelte in seinem Bauch und in seinem Kopf, und —

Robert Menasse – Die Lebensentscheidung, S. 118

Die rasenden Gedanken, die wachsende Unsicherheit, die Brüchigkeit des eigenen sozialen Netzes, all das macht aus der vermeintlich blassen Figur eines anonymen EU-Bürokraten dann doch eine hochdramatische Figur, deren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit einen der Hauptmotoren der kurzen Erzählung bildet.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensentscheidung sein, aber die Entscheidung für diese Novelle von Robert Menasse ist eine gute Entscheidung!


  • Robert Menasse – Die Lebensentscheidung
  • ISBN 978-3-518-43274-7 (Suhrkamp)
  • 157 Seiten. Preis: 22,00 €

Anne Michaels – Zeitpfade

Von Cambrai nach Yorkshire nach Frankreich nach Brest-Litowsk nach Suffolk bis an den Finnischen Meerbusen. In ihrem Roman Zeitpfade schickt uns die Kanadierin Anne Michaels mit ihren Figuren durch den Raum wie auch durch die Zeit. Leider fehlt dem Roman dabei ein starkes Bindemittel, das ihr Gefüge zusammenhält.


Mit ihrem Werk Fluchtstücke gelang Anne Michaels 1996 ein Bestseller über die Nachwirkungen des Holocaust. Nachdem die in Toronto geborene Autorin zunächst als Lyrikerin debütierte, war dieser Roman der erste, mit dem sie sich auf dem Feld der Prosa umtat. Für Fluchtstücke erhielt sie mehrere Preise, darunter Auszeichnungen in den USA, in Italien, in Großbritannien und in ihrer Heimat Kanada, Bestsellererfolg inklusive.

In Deutschland liegt ihr Debüt nicht mehr lieferbar vor, auch das zweite von ihr verfasste Werk Wintergewölbe aus dem Jahr 2009 teilt dieses Schicksal. Ihre dritte Erzählung Held, die im Deutschen den Titel Zeitpfade trägt, sie ist im Gegensatz zu den beiden früheren Werken Michaels aber noch erhältlich. Das im Original 2023 erschienene und im folgenden Jahr ins Deutsche übersetzt, wie auch für den Booker Prize nominierte Buch erlaubt den Blick in die Schaffenswelt einer Autorin, deren Herkunft als Lyrikerin auf jeder Seite des Buchs durchscheint.

Erzählerische Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken

Wer sich eine stringente Handlung und eine klar strukturiertes Personenensemble erwartet, das einem Orientierung und Halt gibt, der stellt falsche Erwartungen an dieses Buch. Stattdessen besteht Zeitpfade aus erzählerischen Fetzen, Momentaufnahmen und Gedanken, deren Zusammenhang man sich mühevoll erschließen muss, gesetzt den Fall, es gibt diesen Zusammenhang überhaupt.

Das beginnt im Buch schon mit den ersten Zeilen, die in ihrem Drang zu Chiffren und dem Ungefähren viele Fragen entstehen lassen. Immer wieder unterbrochen von den dutzendfach im Buch vorkommenden Sternchen werden Sätze und Absätze erzeugt, die die Lyrikerin mit der ihr eigenen typischen Begeisterung für die Naturwissenschaften zeigen:

Vielleicht war der Tod eine Art Lagrange-Formalismus, vielleicht konnte er durch das Prinzip der stationären Wirkung definiert werden.
Asymptotisch.
Der Dunst glühte im Regen wie Einäscherungfeuer.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 12

Zumindest mir in meiner rudimentären naturwissenschaftlichen Bildung erschließen sich solche Bilder leider überhaupt nicht. Dafür schält sich aber aus dem Metaphern- und Chiffrenrausch langsam das Bild eines Mannes namens John heraus, der auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs möglicherweise im Sterben liegt. Irgendwo in Cambrai in Frankreich hat ihn Anne Michaels platziert und lässt ihn in Gedanken zu seiner Frau Helena wandern, die wir ebenfalls in Momentaufnahmen kennenlernen.

Fotografie und Flucht

Anne Michaels - Zeitpfade (Cover)

Ist es eine Halluzination, ein Albtraum, ein gespiegeltes Porträt? Schon der erzählerische Auftakt des Buchs hinterlässt Fragen, die im Folgenden nur teilweise erklärt werden.

So sind wir nach dem zerrupften Auftakt dann drei Jahre später in North Yorkshire zu Gast, wo Helena und der verwundete John leben, der sich als Fotograf selbstständig gemacht hat. Fluchtgedanken und die Verarbeitung des Erlebten dominieren das Seelenleben der beiden Figuren.

Als eines Tages auf einem belichteten Foto eine Person erscheint, die nach allen Regeln der Physik dort nicht erscheinen kann, löst das in John viele Gedanken aus. Welche Verantwortung trägt man als Fotograf und was kann eine bildliche Dokumentation alles bedeuten? Wenig verwunderlich sorgt auch dieses Ereignis für viel lyrische Kontemplation:

Über Halesworth war nur der Bruchteil einer Sekunde verstrichen; genau die Zeit, die eine Häufung von Ereignissen benötigt, um eine ganze Welt niederzuwerfen, um etwas unwiderruflich verloren zu geben, losgelöst von seiner ursprünglichen Bedeutung: ein Foto oder Tagebuch inmitten von Trümmern, fremden Blicken ausgesetzt. Verloren, und damit auch das Persönlichste, das, was die wahre Biografie ausmacht, niemals aufgezeichnet oder allgemein bekannt; die unzähligen Anpassungen, die wir im Inneren vornehmen, um in die Welt hinauszugehen, um mit unserer Einsamkeit zurechtzukommen, unserer schmerzlichen Sehnsucht nach Wiedervereinigung.

Anne Michaels – Zeitpfade, S. 50

Naturwissenschaften, Flüsse und der Tod

Könnte die Naturwissenschaft in Person von zur Lösung der Frage beitragen? John wendet sich an den neuseeländischen Experimentalphysiker Ernest Rutherford, als sich die per Chemie gebannten Visualisierungen von Toten in seinem Fotostudio häufen.

Von hier aus springt der Roman weiter zur Tochter des Paares nach London im Jahr 1951, von wo aus die Generationen in kurzen Passagen bis ins Jahr 2010 nachverfolgt werden. Mal arbeitet eine Figur bei Ärzte ohne Grenzen, wodurch das Thema des Kriegs und der Schlachtfelder wieder aufgegriffen wird, mal tritt ein Investigativjournalist auf, der die aufgeworfenen Fragen bezüglich der Fotografie und Dokumentation von Ephemeren fortführt.

Auch sind die Naturwissenschaften eines der Themen, die den Roman durchziehen wie die vielen Flüsse, die die Handlung wie auch die Kapitelüberschriften prägen. Neben den schon erwähnten Wissenschaftlern Lagrange und Rutherford ist es vor allem Marie Curie, der Anne Michaels ein ganzes Kapitel widmet, das 1912 in Dorset spielt.

Eine literarische Fotosammlung

Es ist schwierig, so etwas wie eine konsistente Handlung aus diesem Roman herauszuschälen, der sich doch eher auf das Springen und Antippen von Figuren und Motiven konzentriert, denn eine stringente Handlung zu bieten. Manchmal wirkt die Lektüre von Zeitpfade wie die Betrachtung eine grob vorsortierten Reihe von Bildern, die mal klarer und mal schlechter belichtet darauf warten, vom Betrachter selbst in eine sinnige Ordnung gebracht zu werden.

Viel Bindemittel für die Bildercollage gibt uns Anne Michaels dabei nicht an die Hand, die Erschließung und Deutung obliegt dem Leser selbst. Persönlich fand ich in der Frage des Todes und die der möglichen Rückkehr von den Toten das am deutlichsten aufscheinende Motiv, das durch die Zeit und Figuren hinweg immer wieder zutage tritt.

So erfüllt Zeitpfade das berühmte Diktum von William Faulkner, nachdem das Vergangene nie tot sei und noch nicht einmal vergangen sei, auf das Klarste. Nur bedarf es neben Willen, sich auf solch collagiertes Erzählen einzulassen, auch eine langsame und genaue Lesart, um sich den Zeilen der Kanadierin zu nähern.

Eine gemeinschaftliche Lektüre empfiehlt sich

Mal verknappt und in Blitzlichtern erzählend, dann wieder zu einem ruhigeren Erzähltempo findend, das ist typisch für diesen Roman, dessen herausfordernden Sprache Patricia Klobusiczky ins Deutsche übertragen hat und der sich am besten für eine gemeinschaftliche Lektüre und Analyse empfiehlt, um den Gehalt des Buchs auszuschöpfen.

Meer und Nachthimmel hatten sich überschlagen und die Plätze getauscht; der Wal durchschwamm den Himmel, verdeckte die Sterne. Gemächlich wie das Schicksal, eine faszinierende, raubtierhafte Langsamkeit.
*
Als ich zu deiner Mutter zurückkehrte, war das Haus weg.
Der Regen fiel durch das Nichts, eine Leerstelle am Himmel.

Er ließ nicht zu, dass sie es beschrieb. Jedes mühsame Wort eine Art Lüge in seiner Unzulänglichkeit. Er brauchte Wörter, die so hart waren wie Zahlen, die Null einer Gleichung.
*
Gebrochener Kalk, vergletscherter Kalk, Kalkmergel. Der Saum zwischen England und Frankreich. Caro et sanguis. Fleisch und Blut.

Anne Michaels – Zeitpfade, Seite 50 f.

Das Ganze erinnert in Ansätzen an Michaels Landsmann Michael Ondaatje, mit dem sie nicht nur die Nationalität, sondern auch die Affinität für Lyrik teilt. Auch er befasst sich in seinem Werk auf nicht ganz so minimalistisch-experimentelle Art und Weise mit Krieg, Traumata und Verwundungen, die er in seinen Werken wie Anils Geist oder Kriegslicht immer wieder umkreist, womit eine Nähe zu Anne Michaels Schreiben herrscht.

Fazit

Nicht unbedingt zugänglich, herausfordernd in Ton und Inhalt, so präsentiert sich Anne Michaels mit ihrem Roman Zeitpfade, dessen auf dem Cover abgebildete Tür einem metaphorisch gesprochen auch verschlossen bleiben kann.

Man muss sich wirklich einlassen auf dieses lyrisch-erzählerische Experiment, das der Roman in meinen Augen darstellt. Gewiss keine leichte Lektüre, aber wie prädestiniert für Lesekreise und Leser*innen, die die Erarbeitung von Texten zu schätzen wissen.


  • Anne Michaels – Zeitpfade
  • Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
  • ISBN 978-3-8270-1495-5
  • 207 Seiten. Preis: 24,00 €

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete

Kommt ein Mann in eine Bar. Was meist als Auftakt zu einem schale Witz dient, wird bei der argentinischen Autorin Mariana Travacio zum Ausgangspunkt eines Western, bei dem die Luft zu flirren scheint. Denn der, der bei ihr zu Beginn des Romans die Bar betritt, er ist kein Geringerer als Ein Mann namens Loprete.


Hätte dieses Buch einen Soundtrack, so müsste es der Klang eines düsteren und energisch flirrenden Gitarrentremolos sein, der über allem liegt, wovon Mariana Travacio auf den 120 Seiten ihres Romans erzählt, der von Kirsten Brandt aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde.

Dieses Tremolo wäre das, was der vibrierenden und staubig-unbehausten Grundstimmung ihres Romans klanglich am nächsten käme. Denn Ein Mann namens Loprete ist eine Neo-Western, der zugleich auch der Zeit enthoben scheint. Das beginnt schon bei der klassischen Ausgangssituation, des Mannes, der in eine Bar kommt, was bei Travacio allerdings in keinen Barwitz, sondern eine Bluttat mündet.

Ein Mann namens Loprete auf der Suche nach Pepa

Auf der Suche nach Pepa betritt ein Mann namens Loprete die Bar von El Tano, in der sich neben dem Besitzer noch Juancho und der Erzähler Manoel aufhalten. Die Gesuchte findet Loprete nicht, dafür allerdings ziemlich schnell den Tod, wovon Manoel fast schon schulterzuckend berichtet:

El Tano wollte helfen: Bleib bei uns. Wenn die Hitze nachlässt, machen wir uns alle auf die Suche nach ihr. Aber Loprete lehnte ab: Ich kann nicht warten. Wenn ich noch länger warte, ist Pepa endgültig verschwunden. El Tano widersprach: Hier gibt es nichts als Wüste, Amigo. Beruhig dich, wir gehen schon los. Und ich weiß nicht, ob es am Gin lag oder an etwas, das El Tano sagte, aber noch bevor einer von uns aufspringen konnte, hielt Loprete plötzlich ein Messer in der Hand. Er ging El Tano an die Kehle, und es wurde sehr schnell sehr hässlich. Die Hitze machte reizbar, und wenn der Nordwind wehte, kam so was bei uns schon mal vor.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 8

Nun ist Loprete tot und die drei Männer beschließen, den Suchenden kurzerhand zu begraben und vereinbaren Stillschweigen über den Mord respektive Unfall. Doch damit geht es in Travacios Roman erst los, denn plötzlich tauchen drei Männer hoch zu Ross auf, die auf der Suche nach Loprete bei El Tanos Bar Halt gemacht haben.

Männer suchen Rache

Mariana Travacio - Ein Mann namens Loprete (Cover)

Es handelt sich um die Brüder von Loprete, drei der insgesamt neun, die nun wissen wollen, was mit ihrem Bruder passiert ist. Und obschon El Tano nichts vom Tod des Mannes verrät, gelangen die Reiter doch an die Kenntnis, dass Juancho, El Tano und Manoel etwas mit dem Tod ihres Bruders zu tun haben.

Nachdem die Brüder unmissverständlich klar gemacht haben, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist, treten El Tano und Manoel gemeinsam die Flucht vor den Brüdern an.

Als sich in Manoel aber die Erkenntnis verfestigt, dass die Lopretes auch mit dem Verschwinden seiner Eltern zu tun haben, verkehrt sich die Flucht ins Gegenteil. Manoel will Rache. Er dringt darauf, die Brüder auf ihrem Gut zur Rechenschaft zu ziehen für die Schmerzen, die sie ihm und seinem nächsten Menschen durch ihr Handeln immer wieder beschert haben.
Das Tremolo der Gitarre erklingt und man reitet zum Showdown, der nicht lange auf sich warten lässt.

Eine neue spannende Stimme aus Argentinien

Der unabhängige Pendragon-Verlag aus Bielefeld beweist mit Mariana Travacio einmal mehr sein Gespür für besondere Erzählstimmen aus Südamerika. Nach Nicolás Ferraros Ambár folgt nun ein Western, der aber auch viele Elemente eines Rachethrillers aufweist und der durch seinen Verzicht auf eine allzu konkrete Verhaftung in Zeit und Ort schon fast etwas Allgemeingültiges besitzt.

Dabei ist es die Kunst des Romans, dass Travacio viele eigentlich abgenutzten Motive des Westerns präsentiert, die man schon dutzendfach aus Romanen und Spaghettiwestern kennt, die sie sich in der Anlage dieses Rachekonzentrats aber nicht störend ausnehmen. Vielmehr passen sich die bekannten Motiven und Stimmungen organisch in den Roman ein.

Im Morgengrauen machten wir uns auf den Weg zu Miranda, wo die zehn Männer mit den Pferden und dem versprochenen Karren schon auf uns warteten. El Tano vergewisserte sich, dass nichts fehlte, dann ging er zu Miranda, um sich zu verabschieden. Gestern Abend haben wir deinen Wein getrunken, sagte er. Miranda klopfte ihm auf die Schulter, dann blieb er stehen und sah uns nach, wie wir sein Dorf verließen, um uns auf den Weg zu unserem zu machen.

El Tano, Mario und ich ritten vorneweg, gefolgt von Oliverio und seinen Männern. Bevor wir allzu weit entfernt waren, drehten wir uns auf El Tanos Geheiß um, alle 13 Mann, um Miranda, der immer noch vor seinem Zaun stand, ein letzte Mal zu grüßen. Einige hoben die Hand, andere nickten, El Tano hob seinen Sombrero. Dann wandten wir uns in Richtung Norden und sagen nicht mehr zurück.

Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete, S. 53

Mariana Travacios Western als Äquivalent zur Minimal Music

Das dreckige Dutzend plus eins hoch zu Ross, der Abschied, der Dialog der Männer über Nebensächliches, die Stille, die über allem liegt: man kennt es schon eigentlich zur Genüge, es passt aber eben doch, dieses Geschehen irgendwo in der kargen Wüstengegend, in der sich die — im besten Sinne — karg gestalteten Figuren Travacios bewegen.

Manchmal klingt es fast wie ein Drehbuch, wenn die Figuren miteinander ins Gespräch kommen, Kurze Dialoge, eine überschaubare Handlung, im guten Sinne einfache Figuren und ein auf den Kern des Konflikts zwischen den Lopretes und Manoel heruntergebrochener Roman – fast könnte man den Eindruck bekommen, dass die argentinische Autorin hier das Äquivalent von Minimal Music kreiert und einen Minimal Western erschafft.
Dass die Kapitel ebenfalls recht kurz sind (ganze 62 Kapitel auf 120 Seiten, die so manches Mal nur zur Hälfte beschrieben sind), es passt ins Konzept.

Fazit

Mit Ein Mann namens Loprete hat Mariana Travacio einen auf das Wichtigste reduzierten Western geschrieben, der sich einer allzu konkreten Verhaftung gekonnt entzieht und der zwar an die Werke andere wie Autoren wie beispielsweise Elmore Leonard erinnert, der aber trotz des munteren Gebrauchs bekannter Motive und Erzählmittel doch auch etwas Eigenes schafft.

Ergänzt um ein Nachwort von Jochen König ist hier eine neue Erzählstimme aus Argentinien zu entdecken, die sich neben anderen Stimmen von dort, wie beispielsweise Claudia Piñeiro oder Nicolás Ambar, wunderbar einpasst und die sich mit ihrer reduzierten Erzählweise eine ganz eigene Nische schafft.

Wieder einmal beweist der Pendragon-Verlag mit Mariana Travacio sein Gespür für Erzähltalente abseits des Mainstreams. Man darf gespannt sein, was hier noch folgt!

[Ein letztes Gitarrentremolo und dann: Abblende].


  • Mariana Travacio – Ein Mann namens Loprete
  • Aus dem argentinischen Spanisch von Kirsten Brandt
  • Mit einem Nachwort von Jochen König
  • ISBN 978-3-86532-910-3
  • 126 Seiten. Preis: 22,00 €

Eric Puchner – Weißes Licht

Eine Love triangle steht im Mittelpunkt des Romans Weißes Licht von Eric Puchner. Darin erzählt er von den unerwarteten Volten des Lebens im Hinterland von Montana und zeigt dabei Erzählhandwerk, das dem anderen junger amerikanischer Erzähltalente wie Nathan Hill nahekommt.


Montana ist vielleicht nicht der erste Ort, der Menschen einfällt, um dort zu heiraten, insbesondere wenn sie eigentlich in Los Angeles leben. Für Cece und ihren Bald-Mann Charlie steht die Entscheidung aber schnell fest. Im Sommer wollen sie dort im Norden der USA sein, um sich im Kreis ihrer Liebsten auf dem familieneigenen Grundstück von Charlies Eltern das Jawort zu geben.

Sie liebte diesen Ort genauso sehr wie Charlie. Beide liebten ihn dermaßen, dass sie beschlossen hatten, hier zu heiraten, mehr als tausend Meilen von zu Hause entfernt. Einige ihrer Freunde regten sich darüber auf- es war teuer, per Flugzeug von einer der beiden Küsten anzureisen und auch nicht ganz einfach -, aber das war Cece egal. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, irgendwo anders zu heiraten.

Eric Puchner – Weißes Licht, S. 14

Bevor es soweit ist, reist Cece schon einmal alleine nach Montana. Sie will die Vorbereitungen überwachen, eine Linedance-Band engagieren und sicherstellen, dass alles nach Plan läuft. Charlie, der als Kardioanästhesist in Los Angeles arbeitet, hält dort derweil noch die Stellung. Als Ansprechpartner vor Ort hat er seinen besten Freund Garrett ausersehen, der die Betreuung von Cece übernehmen soll.

Dass Garrett nach Charlies Bekunden sein bester Freund ist, kann Cece nach den ersten Kontakten allerdings noch nicht nachvollziehen, im Gegenteil. Sie fremdelt mit dem Hinterwäldler, der am lokalen Flughafen das Gepäck abfertigt, auf einer gemeinsamen Wanderung in der Wildnis von Montana die Nerven Ceces gehörig strapaziert und zu allem Überfluss von Charlie auch noch als Zelebrant ihres gemeinsamen Jaworts der beiden vorgesehen ist.

Eine Hochzeit mit Hindernissen

Eric Puchner - Weißes Licht (Cover)

Doch nicht nur ein Norovirus wirbelt die Hochzeitsfeierlichkeiten durcheinander, auch in der Beziehung von Cece, Charlie und Garrett tut sich im Zuge der Hochzeit Entscheidendes, wovon Eric Puchner nach dem ersten großen Sprung des Jahres über einige Jahre hinweg erzählt. Immer wieder bedient sich der Dozent für Kreatives Schreiben im Folgenden dieser Sprünge, mithilfe derer er sich durch das ganze Leben von Garrett, Cece und Charlie bewegt.

Ihr gemeinsamer Lebensweg, Trennendes wie Verbindendes steht im Mittelpunkt des Romans, der aus dem Miteinander der drei Figuren seine emotionale Spannung zieht. Freundschaft, aber auch plötzliche wie langsame Tode sind Themen in diesem Roman, der auf die letzten Meter dann sogar noch in eine Art Climate Fiction kippt, wenn Puchner die Schönheit Montanas mit der Zerstörung der Idylle durch den Klimawandel kontrastiert – was auf der Schauplatzebene das Motiv der Zerstörung von Idyllen fortführt, das auch im Beziehungsdreieck seiner Figuren eine große Rolle spielt.

In der Tradition von Callan Wink vermisst Eric Puchner die Schönheit der Natur Montanas, zeigt Garretts Naturverbundenheit und das Gefühl von Heimat und Bindung, das mit dem Seegrundstück von Charlies Familie für Puchners Figuren verbunden ist, ebenso wie er ein feines Gespür für die Brüche und Unwägbarkeiten des Lebens beweist.

Berührend, aber kein Kitsch

Weißes Licht ist ein berührender Roman, der aber nicht in Kitsch abgleitet und der immer wieder auch ein tolles Gespür für Humor zeigt, wie ihn auch andere Schriftsteller von Puchners Generation an den Tag legen, etwa Nathan Hill, der ähnlich gekonnt Tiefe, Witz, Menschenbeobachtungen und lange Zeitläufe im Leben seiner Figuren zu faszinierenden Romanen schmiedet.

Beschreibungen von den Auswirkungen von Suchterkrankungen stehen hier neben großartig komischen Szenen, etwa der, als Großartig etwa die Szene, in der Cece inzwischen eine Buchhandlung im verschlafenen Nest Salish eröffnet hat und als idealistische Buchhändlerin eine renommierte Schriftstellerin in die Einöde Montanas gelockt hat, wo diese nun vor leeren Stühlen liest. Cece hat sich in ihrer Aufregung derweil statt aufputschender Substanzen versehentlich ein Schlafmittel einverleibt und so gleitet der Abend sehenden Auges ins Desaster ab…

Fazit

Die Mischung von Ernst und Leichtigkeit, großer Tragik und Unbeschwertheit macht das Lesegefühl von Weißes Licht aus, das so wieder mal ein echter Schmöker mit Tiefgang aus der amerikanischen Romanschule geworden ist. Sauber übersetzt von pocaio und Roberto de Hollanda wohnt man hier einem literarischen Debüt bei, das auf weitere tolle Taten dieses Kalibers hoffen lässt!


  • Eric Puchner – Weißes Licht
  • Aus dem Englischen von pocaio und Roberto de Hollanda
  • ISBN 978-3-446-28454-8 (Hanser Blau)
  • 528 Seiten. Preis: 25,00 €

Eva Strasser – Wildhof

Rückkehr ins Elternhaus. Nach dem Tod ihrer Eltern stellt sich die Erzählerin in Eva Strassers Roman Wildhof vielen Verlusterfahrungen, die im einstigen Zuhause auf sie warten. Doch einmal mehr zeigt sich auch, dass im Ende eines Lebensabschnittes auch die Möglichkeiten eines Neubeginns liegen. Sogar die Klärung des Rätsels rund um das Verschwinden ihrer Schwester liegt in greifbarer Nähe…


So ganz konkret kann man ihn nicht verorten, den Standort von Linas Elternhaus, in das die junge Frau nun wieder zurückkehrt. Irgendwo im Schwarzwald steht das Häuschen, das nicht nur von außen viel Wald umgibt, sondern das auch im Inneren viel Holzarbeiten aufweist. Einst verbrachte Lina mit ihrer Schwester Luise ihre Kindheit hier, nun aber liegt das Haus verwaist da.

Der Grund ist ein höchst tragischer: Linas Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein frontaler Auffahrunfall hat nicht nur das Leben ihrer Eltern beendet, sondern auch einen großen Riss in Linas bisheriges Leben geschlagen. Dabei wäre das Leben für die Weggezogene auch so schon kompliziert genug. Gerade verbüßt die junge Frau eine Bewährungsstrafe – und dann ist da auch noch das ungeklärte Verschwinden ihrer Schwester Luise in Linas Kindheit. Ihr Schicksal konnte nie wirklich geklärt werden.

Die Zeit der Gespenster

So steht die Rückkehr nach Wildhof nicht unbedingt unter einem guten Stern. Immer mehr Vergangenes drängt ans Tageslicht, während Lina nun damit beginnt, den Verlust ihrer Eltern irgendwie in notgedrungene Produktivität umzusetzen. Die Beerdigung will geplant, der Nachlass geregelt werden. Und so bricht für die junge Frau nun die Zeit der Gespenster an, in der sie Personen aus ihrer Vergangenheit vor Ort wieder begegnet, wodurch sich für uns Lesende langsam ein Bild des Lebens von Lina zusammensetzt.

Lina hat keine Kinder und keinen Mann, und das Haus, das sie hat, will sie nicht. Sie lässt sich in die Wiese fallen. So ist das nun mal mit der Vergangenheit. Springt einen an wie ein hechelnder Hund, schmeißt einen in den Graben, das war keine Absicht, die macht nichts, die will nur spielen, so ist sie halt, ungestüm und wild, und will überall dabei sein, ist immer auf der Suche, obwohl sie im Heute nichts verloren hat.

Eva Strasser – Wildhof, S. 62

Wie die im Holz abgelagerten Jahresringe, die das vielfach im Haus verwendete Baumaterial kennzeichnen, sind es bei Lina die Erfahrungen und Verluste, die sich in ihr abgelagert haben und die ihren Charakter formten. Doch nun gerät all das in Frage, als sie mit dem Ausräumen des Hauses beginnt, um das Haus verkaufen zu können. Ein neuer Blick auf Altes ergibt sich – und am Ende fördert ihre Rückkehr nach Wildhof auch neue Informationen zum Verschwinden ihrer Schwester zutage, die von einem auf den anderen Tag verschwand, ohne dass sich mehr eine Spur von ihr fand.

Verlust und Neubeginn

Eva Strasser - Wildhof (Cover)

Wildhof kombiniert den Verlust mit dem Neubeginn und lässt Lina sich vor Ort mit ihren Erfahrungen und Erinnerungen auseinandersetzen. Das steht in einer ganzen Reihe von Büchern, die in letzter Zeit auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschienen sind.

Die Trauerverarbeitung nach dem Tod ihrer Eltern weckt Assoziationen zu Daniela Kriens im vergangenen Jahr erschienenen und für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman Mein drittes Leben, in dem eine Frau aufs Dorf zieht, um dort in der Einsamkeit eines Dorfs in der ostdeutschen Provinz den Tod ihrer Tochter zu verwinden.

Aber auch Bezüge zu Wo der Name wohnt, dem jüngst bei Suhrkamp erschienenen Debüts von Ricarda Messner bieten sich an. Hier wie dort ist es eine Wohnungsauflösung von Eltern (bzw. Großelternteilen im Falle von Ricarda Messner), die die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte und den Schmerzpunkten der Herkunft auslöst.

Eva Strasser Roman sortiert sich neben diesen Titeln ein und kann insbesondere durch die Sprache überzeugen. Denn sie findet einen stimmigen Ton für die zwischen Trauer, Rebellion, Nostalgie und Schmerz oszillierende Lina zu finden. Wie wählt man die passende Urne für seine Eltern aus, wie findet man im Zuhause das Testament, was gilt es alles zu beachten, um das Leben der Eltern formal wie psychologisch zu einem Ende zu bringen? Davon erzählt die Autorin sehr anschaulich und beschreibt die Fragilität unseres Daseins bis hin zur Frage, was am Ende vom Leben bleibt.

Vielleicht etwas zu viel des Guten oder Schlechten?

Wollte man Einwände gegen den Roman finden, so wären diese allenfalls in der Motivik des Romans zu finden, denn es ist vielleicht etwas zu viel des Guten beziehungsweise Schlechten, das sich auf den 200 Seiten des Buchs entfaltet und auf kleinstem Raum verhandelt wird.

Der Verlust der Eltern, das Eintauchen in die Vergangenheit und das Aufwachsen dort im Haus, verbunden mit einer Affäre, die sich durch einen potentiellen Käufer des Hauses anbahnt, die Dynamiken rund um den Bewährungsstatus von Lina sowie die Lösung für das Geheimnis des Verschwindens ihrer Schwester, das auf den letzten Metern fast noch in einen Krimi kippt – vielleicht hätte der Verzicht auf die ein oder andere Volte auf die klarere Fokussierung des Romans eingezahlt.

Das sind aber wirklich nur marginale Einwände gegen diesen ansonsten wirklich stimmigen und gut geschriebenen Roman, der der Trauer und dem Furor seiner Erzählfigur viel Raum gibt und nachvollziehbar von der Trauerarbeit erzählt, die doch oftmals genau das ist: Arbeit.


  • Eva Strasser – Wildhof
  • ISBN 978-3-803-13373-1 (Wagenbach)
  • 202 Seiten. Preis: 22,00 €