Ist das noch Anne Serre, die uns hier eine Geschichte auftischt – oder stecken wir in einem Roman von Enrique Vila-Matas? Aus einer eigentlich recht unspektakulären Bahnfahrt zu einem Literaturfestival wird bei der französischen Autorin Anne Serre in Einer reist mit ein vogelwildes Buch, das den Leser schnell zweifeln lässt, in welcher Realitätsebene wir gerade feststecken.
Am 31.03.2026 diesen Jahres verlor der deutsche Buchmarkt vielleicht nicht einen seiner größten, dafür aber umso prägenderen Verlag, der über zwanzig Jahre lang mit seinen dünnen, charakteristisch mit Halbleinen gestalteten Büchern die Buchregale des Landes bereicherte.
Die Rede ist vom Berenberg-Verlag, der mit seinem stilsicheren Verlagsprogramm Stimmen wie Christine Wunnicke, Adania Shibli, Maike Albath oder Vicente Valero eine Heimstatt bot (nachzulesen ist die ganze Geschichte auch im letzten Jahr erschienenen Porträt des Hauses und seiner Autoren, die Verleger Heinrich von Berenberg unter dem schönen Titel Vom Stemmen der Gewichte veröffentlichte).
Immer wieder tat sich der Verlag mit Büchern hervor, die ganz eigene Erzählstimmen präsentierten und dem schnellen, bestsellerorientierten Buchmarkt sorgfältig übersetzte, editierte und gestaltete Kleinodien mit literarischer Qualität entgegensetzten. Mal Romane, mal Sachbücher, immer aber in handverlesener Anzahl stifteten die Bücher im Frühjahr und Herbst Erkenntnis und Lesefreude.
Eine dieser eigenen Erzählstimmen, die Berenberg förderte und die sich mit ihrer Prosa konsequent einer klaren Einordnung in puncto Inhalt und Erzählen widersetzte, war und ist Anne Serre.
Neues von Anne Serre
Nach den ebenfalls von Berenberg herausgegebenen Werken Im Herzen eines goldenen Sommers (2022) und Die Gouvernanten (2023) erschien im — horribile dictu — letzten Programm im vergangenen Herbst mit Einer reist mit das dritte Buch von Anne Serre in der Übersetzung von Patricia Klobusiczky.
Wie schon fast üblich bei ihr gestaltet sich eine Inhaltsbeschreibung des mit 140 Seiten gewohnt schmalen, aber umso inhaltsreicheren Buch schwierig.
Ausgangspunkt ist eine Anfrage für eine Lesung der Autorin im französischen Montauban, für die sie sich trotz ihres Unwillens für derlei Lesungen mit einer Gruppe anderer Menschen per TGV von Paris aus in den Südwesten des Landes begibt.
Fünf Stunden Fahrt liegen vor ihr, die sie nutzen möchte, um sich noch einmal in das Buch einzuarbeiten, das im Zentrum ihrer Lesung steht, das ihr aber selbst nicht mehr so recht präsent ist. Doch statt eines konzentrierten Arbeitens wird die Fahrt im TGV zu einer einzigen großen Abschweifung.
Anstatt wie geplant mein letztes Buch aufzuschlagen, um es mir vor der abendlichen Publikumsveranstaltung in Montauban in Erinnerung zu rufen, oder das von Inès, das ich mir ebenfalls in Erinnerung rufen sollte, oder das von Enrique Vilas-Matas, Kassel: eine Fiktion, das ich in aller Ruhe wiederlesen wollte, weil ich ja fünf Stunden Fahrt vor mir hatte, eine erkleckliche Zeitspanne, und weil ich im Zug immer wunderbar lesen kann, besser als zu Hause, dachte ich an die beträchtliche Notlage meiner Familie, an den Alarmzustand, in dem ich immer gelebt hatte, bis sie alle gestorben waren, obwohl ich vor allem Ruhe und Frieden schätze.
Anne Serre – Einer reist mit, S. 15
Unterwegs mit Enrique Vilas-Matas
Hier schon fällt neben dem etwas schräg stehenden Sinn des Ganzen die Abschweifung auf, die Serres Sätze auch im Folgenden prägen sollen. Denn nicht nur, dass sie eine Kollegin trifft, vor allem nimmt der spanische Schriftsteller Enrique Vilas-Matas im Folgenden eine immer zentralere Rolle ein.
Der Autor, eine Art Hausheiliger der Autorin, wird zunehmend präsenter in ihrem Denken, bis schließlich sogar die Möglichkeit im Raum steht, dass der Spanier selbst im TGV anwesend ist.
In steigendem Maß verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was anfangs als Realität erschien, und dem Schreiben Enrique Vilas-Matas, der später sogar selber zu einer Figur in der Geschichte wird.
Es scheint, als wäre das eingetreten, was die Autorin in Bezug auf ihr Denken und ihre Faszination zuvor nur angedeutet hat:
Im Grund gibt es in allen Städten dieses Netz aus identischen Wegen, dachte ich, sodass es einem schwerfällt, sowohl Fantasie als auch Gedächtnis im Zaum zu halten, und ich staunte darüber, dass jede Einzelheit mir etwas in Erinnerung rief, jede Einzelheit eine Kette von Assoziationen hervorbrachte, vor denen ich mich hin und wieder in Acht nehmen sollte, sagte ich mir, denn eines Tages werden dich diese Ketten womöglich noch fesseln.
Anne Serre – Einer reist mit, S. 49
Nun scheint der Fall eingetreten und die Autorin ist gefesselt in den Banden der Fantasie. Oder ist es vielleicht doch Enrique Vilas-Matas, dessen Figur die Autorin ist? Die Reise im TGV verwischt alle Grenzen zwischen den verschiedenen Fiktionsebenen und stürzt die Lesenden in zunehmende Verwirrung.
Eine Verwischung der Realitätsebenen
Anne Serre hat lesbare Freude an dem Verwirrspiel, dessen zentraler Konterpart Enrique Vilas-Matas nicht nur im 2017 erschienenen Original Voyage avec Vilas-Matas schon im Titel präsent ist. Auch scheint sein Schreiben eine wichtige Inspirationsquelle für die Erzählung von Anne Serre gewesen zu sein.
Die beiden zentral im Roman erwähnten Titel Kassel: eine Fiktion sowie sein Doktor Pasavento zeichnen sich nämlich beide ebenfalls durch eine Vermischung und Verwischung der erzählerischen Ebenen aus.
Ist es im Falle von Kassel: eine Fiktion eine Künstlerresidenz auf der Documenta in Kassel, die zunehmend ins Surreale abgleitet, ist es in Doktor Pasavento ein Schriftsteller, der einen dem Schriftsteller Robert Walser nachgebildeten Professor befragen möchte, sich dabei aber selbst ein Stück weit in der Geschichte zu verlieren droht.
Neben der unübersehbaren Verbeugung vor Enrique Vilas-Matas und dem ebenfalls im Buch zitierten Robert Walser erinnert Anne Serres Buch auch an die postmoderne Spielerei eines Italo Calvino und dessen Wenn ein Reisender in einer Winternacht.
Zudem steckt Einer reist mit voller weiterer zitierter Autoren und Werke, die das Spiel mit Realität und Fiktion fortführen. Denn neben apokryphen Autoren wie Elido Ivanez, René Crevel, Giacinto Scelsi oder Marguerite Duras‚ wohl nur ausgewiesenen Kennern bekannter Roman Die Pferdchen von Tarquinia stolpert man immer wieder auch über Autorennamen, die bei einer bibliographischen Suche ins Leere führen und für noch mehr Verwirrung sorgen.
Ein postmodernes Verwirrspiel im Zug
Ein Stück weit gilt, was ich in meiner Rezension zum letzten Roman Anne Serres schrieb. Damals merkte ich an, dass sich Die Gouvernanten einer eindeutigen Zuordnung und Lesart entzieht. Das gilt auch drei Jahre später noch, wenn man Einer reist mit liest.
Sitzt Enrique Vilas-Matas nun mit im Zug, hat er das Buch geschrieben, aus dem die Autorin sogar zeitweise verschwindet, träumt sie während der TGV-Fahrt oder imaginiert sie das alles nur vom heimischen Schreibtisch aus, da sie ja nach eigener Aussage am liebsten solche Lesungstermine wie den in Montauban vermeidet?
Serres postmodern angehauchter Roman lädt ein zum Spekulieren — vor allem aber zum Verlorengehen zwischen den Bezügen und Erzählebenen. Das scheint mir der größte Reiz an Einer reist mit zu sein, der auf kurzer Reisestrecke maximale Verwirrung auslöst.
Sorgen um die weitere Publikation dieser so eigenen französischen Erzählstimme muss man sich indes nicht machen. Ihr Roman Ein Leopardenhut, für den sie im vergangenen Jahr eine Nominierung für den International Booker Prize erhielt, wird im November diesen Jahres in der Übersetzung der bewährten Patricia Klobusiczky erscheinen, die nicht nur im vorliegenden Fall für ein gut lesbares Deutsch sorgt, das wie eine Art Geländer Orientierung auf fragilem erzählerischen Untergrund bietet.
Man darf gespannt sein, womit uns die Autorin dann im Falle des neuen Buchs überrascht.
- Anne Serre – Einer reist mit
- Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
- ISBN 978-3-911327-04-6
- 144 Seiten. Preis: 24,00 €




