Monthly Archives: Mai 2020

Arne Dahl – Vier durch Vier

Skandinavien-Krimis boomen nach wie vor in allen Dareichungsformen. Egal ob Serie (Die Brücke oder The Valhalla-Murders) oder als Buch. Die Nachfrage nach düsteren, verschachtelten Krimis ist ungebrochen. Und ein Autor, der diese Nachfrage besonders gut befriedigen kann, ist der Schwede Arne Dahl. Eigentlich heißt er Jan Arnald, der große Erfolg kam dann aber mit seinem Pseudonym. So schuf der Schwede die zehnbändige Reihe um die schwedische A-Gruppe und das OPCOP-Quartett über eine supranationale europäische Spezialeinheit.

Im Januar 2016 begann Dahl eine neue Reihe. Diesmal im Fokus: zwei ehemalige schwedische Polizisten. Er, Sam Berger, von der Kriminalpolizei. Sie, Molly Blom, vom schwedischen Nachrichtendienst SÄPO. Schon im ersten Band der Reihe wurden sie beide zu Parias, die sich fortan als Privatermittler durchschlugen. Hatte die Reihe im zweiten Band mit dem verworrenen Fall Sechs mal Zwei einen klaren Durchhänger, stabilisierte sich Dahl dann wieder mit Band Drei. Übrigens ein Phänomen, das auch im OPCOP-Quartett auftrat, bei dem Band Zwei Zorn der schwächste der Reihe ist.

Nun liegt mit Vier durch Vier der -Überraschung! – vierte Band der Reihe vor. Diesmal steht eine besondere Entführung im Mittelpunkt des Buchs.

Eine besondere Entführung

Nachdem sich Molly am Ende des letzten Bandes von Sam distanziert hatte, geht dieser seinem Broterwerb als Privatermittler zunächst alleine nach. Versicherungsbetrug und Sitzungen bei einer Psychologin. So sieht der Tagesablauf des ehemaligen Polizisten aus, bis er von seiner Therapeutin in eigener Sache angeheuert wird. Eine ihrer Patientinnen wurde entführt. Und da die Entführer keine Polizei wollen, erscheint ihr Sam als der richtige Mann für den Job.

Arne Dahl - Vier durch Vier (Cover)

Doch es gibt Unstimmigkeiten. Je weiter Sam (bald auch wieder mit Molly an seiner Seite) ermittelt, umso unklarer wird die Lage. Warum wurde die junge Frau entführt? Und wer hat ein Interesse an ihrem Verschwinden? Je knapper die Zeit wird, umso verwirrter wird Sam. Worum geht es bei dieser Entführung wirklich?

Arne Dahl gelingt es in diesem Buch, dem schon wirklich auserzählten Entführungstopos neue Seiten abzuringen. Denn mit dieser Entführung setzt eine Geschichte ein, deren Spuren bis zur russischen Mafia in Schweden und Mollys Vergangenheit als Undercover-Ermittlerin führen.

Vier durch Vier besitzt Drive, geizt einmal mehr nicht mit blutigen Schilderungen, hat einen ungewöhnlichen Plot und sticht aus dem üblichen Skandinavien-Serienkiller-Gros heraus. Man muss sich doch auch wundern, wie es Arne Dahl gelingt, bei seinem Output von einem Buch pro Jahr immer noch solche frischen Krimis zu entsinnen, die neue Pfade gehen. Und obwohl Vier durch Vier ja schon drei Vorgängerbänden mit einem vorsischtig gesprochen komplexen übergreifenden Erzählkonstrukt hat, kann man diesen Krimi auch gut alleine für sich lesen. Den größten Erkenntnisgewinn in Sachen Beziehungen und Charakterentwicklungen hat man freilich, wenn man auch die vorhergehenden Bücher liest. Aber auch für sich funktioniert Vier durch Vier erstaunlich gut (was bei Dahl ja sonst nicht immer der Fall ist).

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Wissenschaftsgeschichte als Wissenschaftsgeschichten

Benjamin Labatut – Das blinde Licht

Hätte ich Benjamin Labatut in der Schule als Lehrer gehabt, manches wäre sicher anders verlaufen. Mein abstraktes Verständnis von Zahlen, chemischen Elementen oder physikalischen Abläufen wäre ein anderes geworden, dessen bin ich mir sicher. Sind mir heute die Naturwissenschaften fern und zum Teil unverständlich geblieben, so zeigt sich in Das blinde Licht eine Alternative auf, wie die Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Forschung auch aussehen kann.

Das blinde Licht demokratisiert auf ästhetisch ansprechende und didaktisch geschickte Art und Weise Wissenschaft und könnte sogar dazu angetan sein, Idiosynkrasien zu kurieren. Und das alleine durch die kluge Entscheidung, Wissenschaftsgeschichte in Wissenschaftsgeschichten zu erzählen.

Benjamin Labatut - Das blinde Licht (Cover)

Das Buch gliedert sich nämlich in vier Geschichten. Die ersten drei umfassen alle circa 30 Seiten. Die vierte Geschichte Wenn wir aufhören, die Welt zu verstehen ist dabei so lang wie die vorhergehenden drei Geschichten zusammen. Alle vier Erzählungen widmen sich unterschiedlichen Disziplinen der Naturwissenschaft. Während Preußischblau um die Chemie, Cyanid und Giftgast im Ersten Weltkrieg kreist, beschäftigt sich Schwarzschilds Singularität mit schwarzen Löchern, dem Astronom Karl Schwarzschild und Albert Einstein.

Die für mich herausragende Erzählung ist dann die Dritte. Das Herz im Herzen kreist um die schier unglaubliche Lebensgeschichte Alexander Grothendieks und die Gefahr, die von Mathematik ausgehen kann. Die letzte Geschichte Wenn wir aufhören, die Welt zu verstehen ist schließlich wie ein Roman selbst mit Prolog, Kapiteln und Epilog aufgebaut. Darin erzählt Labatut vom Kampf der Kontrahenten Erwin Schrödinger und Werner Heisenberg. Ihre Theorien und ihr akademischer Kampf werden dabei genauso wie ihre Hintergründe geschildert. Auch der französische Adelige und Physiker Louis-Victor Pierre Raymond de Broglie hat darin seinen Auftritt.

Vom Wesen der Naturwissenschaften

Man kann mit Benjamin Labatuts vier Geschichten so verfahren wie etwa mit den Erzählungen Ferdinand von Schirachs. Sie sind wahnsinnig gut gemachte Erzählungen, die bestimmte Forschungen oder Momente im Leben ihrer Protagonisten dramatisieren. Mit im Lauf der vier Erzählungen ansteigenden Fiktionsgehalt stellt Labatut das Werk und Wirken seiner fast ausschließlich deutschen Forscher vor. Das ist von großem Unterhaltungswert.

Man kann die Geschichten aber auch als Einstieg in die Welt der Naturwissenschaften und Philosophie nutzen. Denn auch hierfür eignen sich diese Erzählungen auf das Vortrefflichste. Labatut versteht es, komplizierte Erkenntnisse und geistige Arbeit verständlich zu vermitteln. Immer wieder findet er hervorragende Bilder, die die besprochene Thematik verdeutlichen. So vergleicht der Spanier etwa die von Einstein postulierte Krümmung von Raum und Zeit mit einer Kanonenkugel, die auf die Matratze eines Betts gelegt wird. Oder er formuliert wie im Folgenden:

Eines Morgens, als er nichts Besseres zu tun hatte, warf der dänische Forscher [Niels Bohr] einen Blick hinein, und dann las er die Arbeit wieder und wieder, mit wachsender Begeisterung. Bald war er so versunken in Heisenbergs Entdeckung, dass er abends kaum einschlafen konnte. Was der junge Deutsche da vorlegte, war beispiellos: als würde man alle Regeln des Tennisturniers von Wimbledon – angefangen beim weißen Dress für die Spieler bis hin zur vorgeschriebenen Spannung der Netze – allein auf Grundlage der wenigen Bälle ableiten, die über die Stadionmauer hinausflogen, ohne je einen Blick zu werfen auf das, was auf dem Rasen passierte.

Labatut, Benjamin: Das blinde Licht, S. 113

Das macht Lust, sich vertiefend mit den im Buch behandelten Denker*innen zu beschäftigen. Wem Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit zusagten, der hat hier eine wissenschaftliche Variante von Zweigs Geschichtsminiaturen, die ebenso faszinierend sind.

Ein Highlight des erzählenden Sachbuchs

Schön auch, wie Labatut ähnlich dem auf dem Blog schon besprochenen Wense von Christian Schulteisz bedeutende Figuren dem Vergessen zu entreißt, wie etwa den Astronomen Karl Schwarzschild. Und nicht zuletzt ist es auch die Frage nach den Grenzen der Naturwissenschaften, die in Labatuts Buch verhandelt werden.

Diese Geschichten sind brillant formuliert, auf den Punkt geschrieben und bringen selbst abstrakt erscheinende Forschung nahe. Auch die Übersetzung von Thomas Brovot aus dem Spanischen kann nur als gelungen bezeichnet werden. Ein Ereignis im Genre des erzählenden Sachbuchs das neugierig macht auf alles andere, das da noch kommen wird von Benjamin Labatut.

Ein besonderer Hinweis sei an dieser Stelle auch auf die Webpräsenz des Buchs angebracht. Da hat der Suhrkamp-Verlag nämlich ein schönes Online-Spezial zu den Figuren in Labatuts Geschichten ersonnen. Zu finden ist das Ganze hier.

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Chances are …?

Richard Russo – Jenseits der Erwartungen

Was macht eigentlich eine gute Sommerlektüre aus? Die meisten Menschen würden eine Sommerlektüre wohl mit dem Großteil der Spiegel-Bestsellerliste gleichsetzen. Konfektionell geformte Bestsellerware, die sich auch nebenbei am Strand gut wegschmökern lässt. Irgendetwas von Lucinda Riley oder Sebastian Fitzek oder ein „süffiger“ Historienschinken. Hauptsache man kann zwischendurch mal einschlafen oder in den Pool hüpfen und weiß danach gleich wieder, wo man zuletzt war.

Meinen Wunsch nach Anspruch möchte ich aber auch im Sommer und/oder am Strand nicht aufgeben. Ich wünsche mir eine Sommerlektüre, die fesselt, dabei aber auch den Anspruch nicht vergisst und mich zu keinem Zeitpunk unterfordert. Gut lesbar sollte das Ganze natürlich sein, aber eben auch eine tiefergehende Ebene besitzen. Klingt nach einer schwierigen Buchfindung? Mitnichten!

Eine solche Sommerlektüre habe ich aktuell wieder gefunden. Sie stammt vom Pulitzerpreisträger Richard Russo, wurde von Monika Köpfer übersetzt und trägt den Titel Jenseits der Erwartungen. Ein schön melancholischer Titel, der allerdings am englischen Original etwas vorbeigeht. Denn eigentlich trägt das Buch den Titel Chances are … und rekurriert auf einen Song von Johnny Mathis aus dem Jahr 1958. Ein etwas schmalziger Song, den Russo aber geschickt zum Leitmotiv des Romans macht.

Denn Chancen und verpasste Chancen sind das Thema, um das Russos leichtfüßiger aber doch auch melancholischer Roman kreist. Im Mittelpunkt stehen dabei die drei „Musketiere“ Lincoln, Teddy und Mickey. Schon seit Studienzeiten kennen und mögen sie sich. Der kurz bevorstehende Vietnamkrieg und seine Einberufungslotterie hat die Männer damals zusammengebracht. Die Chancen, die ihnen das Leben seither bot, haben sie ganz unterschiedlich genutzt.

Mickey tourte und tourt noch immer als Musiker und Musikproduzent durch die Lande. Teddy verdient sein Geld als Kleinverleger und Lektor in Personalunion , der sich auf christliche Bücher spezialisiert hat. Und Lincoln ist Immobilienmakler geworden. Er besitzt selbst ein Ferienhaus in Chilmark auf der Promi-Insel Martha’s Vineyard. Dort treffen die drei Männer im Alter von 66 Jahren nun wieder aufeinander. Die Amtszeit von Präsident (und ebenfalls Martha’s Vineyard-Urlauber) Barack Obama steht bevor, die Vorwahlen sind in vollem Gange.

Was geschah mit Jacy?

Seit den Studientagen ist bei den drei Männern viel passiert. Alle müssen einsehen, dass ihre Sturm-und-Drang-Phase wohl endgültig vorüber ist, wenngleich einige von ihnen das noch gekonnt verdrängen. Ein anderes Ereignis haben die Männer aber auch so gut es geht verdrängt. Schon einmal verbrachten sie nämlich einen Urlaub in Chilmark, kurz bevor die Einberufungsbefehle für Vietnam ausgesendet wurden. Damals war die Jacy ihr Gast. Die junge Frau hatte allen drei Männern gehörig den Kopf verdreht, doch dabei war sie eigentlich verlobt.

Richard Russo - Jenseits der Erwartungen (Cover)

Doch Jacy verschwand nach dem Urlaub auf Martha’s Vineyard spurlos. Die drei Freunde, allen voran Lincoln, rechnen bis heute mit dem Schlimmsten. Deutlich in seiner zweiten Lebenshälfte stehend und mittlerweile vom Leben einigermaßen resigniert beschließt Lincoln nun, dass es an der Zeit ist. Er will den bis heute schmerzenden Stachel des Nicht-Wissens nun ausmerzen. Was ist wirklich mit Jacy passiert? Er beginnt mit seinen Nachforschungen, die ihm auch neue und überraschende Seiten an seinen Freunden offenbaren, die er doch schon so lange zu kennen glaubt.

Liest man meinen Abriss bis hierhin, könnte man mit einem Krimi im Stile eines Joel Dickers rechnen. Ein ermittelnder Charakter, verborgene Geheimnisse hinter glattpolierten amerikanischen Vorstadt-Fassaden, ein ungewisses Schicksal. Doch das trifft nur teilweise zu. Jenseits der Erwartungen besitzt einen untergründigen Sog, der aus der Frage von Jacys Schicksal resultiert. Doch darüber hinaus bietet Russos Buch viel mehr.

Was vom Leben bleibt

Jenseits der Erwartungen ist eine Meditation, was das Leben mit einem so anstellt, nachdem es einem sein Blatt zugeteilt hat. Was stellt man mit den Chancen an, die sich einem im Leben bieten? Wie nutzt man sein Schicksal und wird glücklich? Mit den drei im Mittelpunkt des Buchs stehenden Protagonisten Lincoln, Mickey und Teddy exerziert Richard Russo das durch. Alle drei gleich alt, alle ähnlich sozialisiert – doch dann drei völlig unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen. Während Mickey noch immer den wilden Rocker mit Motorrad und unstetem Lebenswandel gibt, ist Teddy das genaue Gegenteil. Ein unsicherer, von Anfällen geplagter Textarbeiter, der keine großen Sprünge machen kann. Oder Lincoln mit seiner Familie und dem vermeintlichen Glück, das sich für ihn nicht wirklich so darstellt.

Richard Russo ist ja einer der größten Menschenzeichner, die ich im aktuellen Literaturbetrieb so kenne. Wie ein begnadeter Steinmetz verleiht er seinen Figuren Ecken und Kanten, Macken und Schrullen, und gestaltet sie so unglaublich plastisch. Was ihm in Ein Mann der Tat herausragend gut gelang, das schafft er auch in Jenseits der Erwartungen wieder. Er erzeugt Figuren, mit denen ich mich sofort identifizieren konnte und die mir verständlicher waren, als fast alles, was es sonst in der amerikanischen Literatur so zu lesen gibt. Wie es Russo schafft, alles mit diesem schwebenden heiter-resignativ-sommerlichen Grundton zu grundieren, das ist große Schriftstellerkunst.

Was bleibt vom Leben? Welche Chancen wurden vertan? Im Zusammentreffen der drei Männer gelingt es Russo, verschiedene Szenarien durchzuspielen und so ein einen vielgestaltigen Fächer von den Leser*innen auszubreiten. Gerade auf den letzten Seiten bekommt das Buch auch eine philosophische Tiefe, indem er abermals um die Frage kreist Chances are …?.

Dadurch, dass er immer wieder die Perspektiven abwechselt und andere Blickwinkel einnimmt, entstand bei mir zu keinem Zeitpunkt Langeweile, im Gegenteil. Ich flog durch diese so geschmeidig erzählten Seiten stets mit der Frage im Hinterkopf, was denn jetzt eigentlich mit Jacy passiert ist. Hier schreibt ein souveräner Erzähler, dem genau das gelingt, was ich immer für meine Strandtasche oder den Rucksack für den Baggersee suche: beste sommerliche Lektüre mit Anspruch.


  • Richard Russo – Jenseits der Erwartungen
  • Aus dem Englischen von Monika Köpfer
  • ISBN: 978-3-8321-8115-4 (DuMont-Verlag)
  • Preis: 22,00 €, 432 Seiten
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Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Ein Roman wie ein Gang durch ein Museum. Mariam Kühsel-Hussaini in „Tschudi“ über Kunst, Geschmack, Intrigen und ein brodelndes Berlin um die Jahrhundertwende. Große Sprachkunst und eine Verneigung vor dem Impressionismus.


Mariam Kühsel-Hussaini gelingt in ihrem neuen Buch (zuletzt von ihr 2012 Attentat auf Adam) das Kunststück, sich mit Worten und Beschreibungen ihrem im Buch verhandelten Subjekt so anzugleichen, dass die Grenzen zwischen Kunst und Literatur verfließen. In Tschudi erschafft sie in ihrem Roman eine ganze Ausstellungshalle aus Ideen, Bildern und Künstler*innen, die auf den Lesenden wie ein wirkliches Museum wirken. Alleine schon die auftretenden Figuren in ihrem Roman lesen sich wie ein Who’s Who der damaligen Kunstwelt.

ADN-ZB/Archiv Berlin 1904: Die Ausstellungsvorbereitung der Berliner Sezession. Vorstand und Hängekommision bei der Arbeit. v.l.n.r. Willy Döring, Bruno Cassirer, Otto Engel, Max Liebermann, Walter Leistikow, Kurt Herrmann, Fritz Klimsch. (Aufn. 1904)

Max Liebermann, Wilhelm Bode, Anton von Werner, Max Klinger, Adolph Menzel, Walter Leistikow oder Leo von König geistern durch die Seiten von Kühsel-Hussainis Roman. Und auch sonst sind es große Namen, die das Buch bevölkern. Cosima Wagner, Walther Rathenau oder auch Harry Graf Kessler sind allesamt Figuren, denen allen eines gemeinsam ist: die Bekanntschaft mit Hugo von Tschudi. Der Schweizer aus altem Adel ist das, was wir heute als Netzwerker bezeichnen würden. Ein kunstsinniger Kosmopolit mit besten Kontakten hinein in die oberen Gesellschaftsschichten und die Kunstwelt.

Und dies kam nicht von ungefähr. Schließlich war der Vater als Schweizer Diplomat und Forschungsreisender tätigt. Der Großvater mütterlicherseits war niemand Geringeres als Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld. So war der Weg für Hugo von Tschudi gewissermaßen schon vorgezeichnet. Durch seine Kenntnisse und Beziehungen prädestiniert wurde er 1896 zum Direktor der Nationalgalerie berufen. Ab diesem Zeitpunkt setzt Kühsel-Hussainis Roman ein, der Tschudis Wesen und Wirken auf höchst beeindruckende Weise schildert.

Tschudi gegen Wilhelm II.

Es ist ein brodelndes Berlin an der Jahrhundertwende, das Mariam-Kühsel Hussaini in Tschudi inszeniert. Während die Gebrüder Aschinger das megalomanische Weinhaus Rheingold am Potsdamer Platz in Betrieb nehmen, treibt der Journalist Maximilian Harden den Kaiser Wilhelm II. vor sich her (und wird später die Harden-Eulenburg-Affäre auslösen).

Hugo von Tschudi
Hugo von Tschudi

Der Kaiser steht unter Druck – und prallt nicht nur in Sachen Kunstverständnis des Öfteren mit Tschudi zusammen. Denn während Tschudi fleißig französische Meister für die Nationalgalerie ankaufen lässt, darunter etwa Manets Im Wintergarten (der auch das Buchcover ziert), steht der Kaiser für ein traditionelleres Kunstverständnis. So kann der Monarch weder mit Impressionismus noch mit der Berliner Secession etwas anfangen. Die neuartigen Ausdrucksweisen verstören Wilhelm II. Dass ihm historisierende Maler wie Anton von Werner oder der Museumsdirektor Wilhelm Bode zusätzlich ihr traditionelles Kunstverständnis einimpfen und gegen Tschudi opponieren, macht die Sache für den visionären Schweizer Museumsmacher nicht einfacher.

Während Fans wie etwa Cosima Wagner extra aus Bayreuth anreisen, um in der Gesellschaft des Schweizers die Nationalgalerie zu besuchen, brauen sich am Berliner Himmel dunkel Wolken zusammen. Doch der unter der tückischen Hautkrankheit Lupus leidende und trotzdem höchst virile Tschudi merkt davon erst viel zu spät etwas.

Impressionismus in der Sprache

Man kann von Tschudi nicht reden, ohne von seiner Sprache zu reden. Denn was Mariam Kühsel-Hussaini hier schafft, ist außergewöhnlich. Sie schafft es, die suggestive Kraft des Impressionismus mit ihren Worten abzubilden und so ein außergewöhnliches Lesegefühl zu erzeugen.

Beispielhaft sei hier nur ein Absatz aus dem Roman zitiert, der den Suizid des Malers Walter Leistikow beschreibt. Mit nur wenigen hingetupften Worten entstehen so ganze Bildwelten.

Draußen versank Berlin in den frühen Sommerabend.

Ein Spreetaucher wurde an der Schlossbrücke herausgezogen und sah Tschudi durch das kleine rechteckige Fenster seines alten Helmkastens an.

Tschudi ihn.

Lange.

Und Walter Leistikow legte den Lauf seiner Pistole hart gegen die Braue, als er am Fenster seines Sanatoriums stand, die Stirn fest ans Glas gepresst.

Vollkommen stumm.

Drückte er ab.

Ein spätgotisches, rot zerlaufendes Kirchenfenster.

Kühsel-Hussaini, Mariam: Tschudi, S. 296 f.

Dieses Buch ist mit einer suggestiven Sprachkraft geschrieben, die ihresgleichen sucht. Mal lyrisch im Ton, mal stakkatohaft mit gerade einmal einem Wort pro Zeile, dann wieder elegisch oder vorantreibend, teilweise im Dialekt. Auch die Kapitel sind ganz unterschiedlich verteilt, springen zwischen Tschudi und Wilhelm II. hin und her, erstrecken sich über viele Seiten oder sind dann wieder ganz kurze Miniaturen. 72 dieser so unterschiedlichen Kapitel hat die 1987 geborene Autorin auf insgesamt 320 Seiten arrangiert. Kapitel, die alle für sich genommen kleine Kunstwerke sind.

Nicht alles funktioniert

Bei einem solch vielgestaltigen Bildersturm entstehen aber auch einige weniger überzeugende Produkte, das soll hier nicht verhehlt werden. Gibt es in jedem Museum wohl auch Kunstwerke, die sich dem Betrachtenden nicht erschließen oder ihm nicht zusagen, so gilt das auch für Kühsel-Hussainis Roman. Gerade zu Beginn des Romans meint es die in Kabul geborene Autorin besonders gut. Da pumpt ein Vakuum aus Traurigkeit das Herz leer oder Tschudi fliegt bewusstlos durch den Abend (wie bewusstloses Fliegen funktioniert, habe ich noch nicht verstanden, auch wenn mir klar ist, was Kühsel-Hussaini ausdrücken möchte). Hugo von Tschudi besitzt die schnellsten Tränen, die je ein Mensch geweint oder hinter Augen warten gute Gaben.

Kühsel-Hussaini - Tschudi (Cover)

Manchmal ist das etwas manieriert, pathetisch, ungewollt komisch oder im Suchen nach originellen Wortbildern etwas anstrengend. Dann gelingen Kühsel-Hussaini aber auch wieder unerhörte Metaphern, treffende Vergleiche und eindrückliche Beschreibungen vom brodelnden Berliner Nachtleben oder dem aufkommenden Antisemitismus etwa, die die wenigen nicht funktionierenden Sätze mehr als vergessen machen.

Was Kühsel-Hussaini da mit ihren Worten schafft, ist mehr als nur große Kunst. Das ist Sprachkreativität auf höchstem Niveau, mit dem sie in diesem Frühjahr sogar Valerie Fritsch übertrifft. Etwas in dieser Qualität bekommt man nicht alle Tage zu lesen.

So ist dieser Tschudi vieles. Ein sinnanregender Roman, der Lust auf einen Bummel durch die Alte Nationalgalerie macht. Ein Künstlerroman, der dem Impressionismus ein Denkmal setzt. Und nicht zuletzt ein Sprachkunstwerk, das seinesgleichen sucht.


Bild Hugo von Tschudi: Von unbekannt – www.pinakothek.de, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=7987764

Bild „Berliner Secession“: Von Bundesarchiv, Bild 183-1986-0718-502 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5423516

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Kann man ein Herz reparieren?

Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson

Ist ein Leben ohne Schmerz ein erstrebenswertes? Die österreichische Autorin Valerie Fritsch in „Herzklappen von Johnson & Johnson“ über das Verbindende von Generationen, Muttergefühle und ein Kind, das keinen Schmerz kennt.


Dass ein Indianer keinen Schmerz kennt, das wird besonders Jungen zuweilen immer noch eingeimpft. Doch was ist, wenn ein Junge tatsächlich keinen Schmerz kennt? Wenn er sich beim Schaukeln einen Arm bricht, und es nicht merkt? Wenn er stundenlang in der Sonne tobt, den schmerzhaften Sonnenbrand aber nicht fühlt? Oder wenn er einem Zauberkunststück gleich seinen Körper verstümmelt, um andere zu beeindrucken? Was macht das mit dem Kind, und was mit seinen Eltern?

Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson & Johnson (Cover)

Valerie Fritsch hat darüber einen zugleich zarten und doch mit rauschhafter Sprache ausgestatteten Roman geschrieben. Er rückt drei unterschiedliche Generationen in den Mittelpunkt. Da sind zunächst die Großeltern Almas. Er Soldat, der im Zweiten Weltkrieg die Hölle Stalingrads geschaut hat, Sie eine mondäne Erscheinung. Gottesgläubig, nicht-fürchtig, wie es im Roman heißt. Die Vergangenheit hat die beiden nie wirklich losgelassen, zu präsent sind die Schrecken des Erlebten zu Zeiten des Dritten Reichs.

Es sind die titelgebenden Herzklappen von Johnson & Johnson, die dem Großvater das Weiterleben ermöglichen. Die Grauen des Kriegs und die Folgen haben das Herz angegriffen. Nur die mechanischen Herzklappen halten das Herz am Laufen und ermöglichen so das Überleben des Großvaters. Manchmal kann man ein Herz eben doch reparieren.

Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper

Das Misstrauem gegenüber dem eigenen Körper, es ist auch drei Generationen weiter wieder ein Thema. Denn als Alma Emil zur Welt bringt, stellt er sich schnell als schmerzunempfindlich heraus. Eine große Herausforderung für Alma, ihren Mann Friedrich und die gesamte Familie. Nach einer Stunde Spiel ruft Alma Emil zu sich, tastet ihn auf eventuelle Frakturen oder anderweitige Verletzungen ab. Denn Emil selbst bemerkt diese nicht. So musste er zeitweise sogar eine Taucherbrille tragen, um sich nachts nicht aus Versehen selbst die Augen auszureiben. Eine Herausforderung, der sich Alma stellen muss.

Wenn Alma mit Emil bei den Großeltern zu Besuch war, schien der Schmerzkosmos der einen mit jenem der Schmerzlosigkeit des anderen auf wunderliche Art und Weise zu kollidieren. Der Bub stürmte durch die Erstarrtheit des Hauses, rannte durch den Korridor der alten Dinge, als wäre er auf einer Zeitreise in die Vergangenheit, und nichts tat ihm weh. Die jahrelange Leidens- und Verfallsgeschichte der Alten mit dem kindlichen Unverständnis für jedes Leid auszusöhnen war keine leichte Aufgabe. Ständig musste Alma ihren Sohn zur Vorsicht anleiten, damit er nicht zu grob war mit der alten Frau, und oft musste sie der Großmutter erklären, dass die Abwesenheit des Schmerzes kein Segen war, auch wenn die sich an schlechten Tagen nichts mehr als das wünschte. Die Alten und ihr jünster Nachfahr waren Antipoden, die Gegengestalten der Familiengeschichte, der eine die Folge der anderen. Der Großbater und Emil standen sich gegenüber als Spiegelfigur der Zeit, mit einem jungen und einem alten Gesicht, voller Ersatzteile innen drin, Schrauben, die sie zusammenhielten, und einem falschen Herzen.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson & Johnson, S. 125 f.

Ein Fest der Sprache und der originellen Bilder

Hier in diesem Ausschnitt zeigt sich schon die wahre Stärke des Romans. Diese besteht nicht in ihrer Geschichte, denn die geschilderten Schicksale etwa von Almas Großeltern kennt wohl jeder aus der eigenen Familie oder aus dem erweiterten Umfeld. Und auch Emils Schicksal wird, abgesehen von der außergewöhnlichen Krankheit, nicht wirklich tief ausgelotet. Selbst die Reise der Familie am Ende des Romans wirkt nur hingetupft. Vielmehr ist der herausragende Aspekt dieses Buchs die Sprache.

Wie es Valerie Fritsch gelingt, die Leben und Schicksale in eine wortmächtige Prosa zu kleiden, das ist große Kunst. Hinter jeder Ecke der Geschichte lauert eine originelle Formulierung oder Metapher. Stets gelingt es ihr, auch abgenutzte Bilder oder Abläufe neu zu betrachten oder durch ihre Sichtweise neue Aspekte zu vermitteln. Sätze wie dieser sind es, die die Klasse von Herzklappen von Johnson & Johnson begründen:

Mit jedem Jahr, das sie älter wurde, erschien sie mehr auf der Welt. Mit jedem Jahr wurde sie sichtbarer auf ihr, wuchs in die eigenen Formen, nahm ihren Platz ein, hineingeboren ins Fragen und in die Lücke, die auf der Welt war, bevor ein Mensch sie füllte.

Fritsch, Valerie: Herzklappen von Johnson & Johnson, S. 9

Hier schreibt eine Autorin mit einem genauen Blick auf die Welt und einer eigenen Sichtweise, die sie auch in Worte überführen kann. Wenn man wie im meinen Falle dieses schwer greifbare Wort Literatur mit Sprachgefühl, ästhetischer Empfindsamkeit, Präzision und kreativer Wortmacht definiert, dann kann man gar nicht anders als Herzklappen für Johnson & Johnson als große Literatur zu rühmen. Valerie Fritsch ist eine ganz eigene Sprachkünstlerin und dieses Buch belegt das nach Winters Garten einmal mehr.

Ähnlich sehen das im Übrigen auch Marina Büttner, Anne Fuxbooks und Tobias vom Buchrevier.


  • Valerie Fritsch – Herzklappen von Johnson & Johnson
  • ISBN: 978-3-518-42917-4, Suhrkamp-Verlag
  • Gebunden, 174 Seiten
  • Preis: 22,00 €
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