Tom Sawyer und Huckleberry Finn in New Bremen

William Kent Krueger – Für eine kurze Zeit waren wir glücklich

Wenn ein Buch schon mit einem Satz wie diesen anfängt, dann bin ich mit dabei:

Das große Sterben des damaligen Sommers begann mit dem Tod eines Kindes , eines Jungen mit goldblondem Haar und einer dicken Brille, der auf der Bahnstrecke kurz hinter New Bremen in Minnesota ums Leben kam, zermalmt von tausend Tonnen Stahl, die über die Prärie in Richtung South Dakota donnerten.

Krueger, William Kent: Für eine kurze Zeit waren wir glücklich, S. 9

Dieser Satz trägt schon in sich, was auf den folgenden 412 Seiten folgen soll. Tod, Trauer, Nostalgie und Sommer. Diese scheinbar gegensätzlichen Themen vereint William Kent Krueger auf das Vorzüglichste, sodass man meint, Tom Sawyer und Huckleberry Finn seien wiederauferstanden und würden New Bremen 1961 unsicher machen.

Tod und Nostalgie

Das Buch wird dabei von einem großartigen Erzählton durchzogen. Denn der Ich-Erzähler ist der 13-jährige Frank Drum. Dessen Vater ist als Pastor in New Bremen tätig. Mit Mutter, Schwester Ariel und seinem kleinen, stotternden Bruder Jake lebt Frank in der Kleinstadt, die einen denkwürdigen Sommer erlebt. Bei seinen Streifzügen entlang der Bahnstrecke, des Flusses und der Straßen New Bremen entdeckt Frank allmählich eine Welt, in der Unsicherheit und Tod stets präsent sind .

Alles beginnt mit dem Tod eines leicht zückgebliebenen Jungen, der – wie im Eingangssatz beschrieben – auf der Bahnstrecke zu Tode kommt. Ein Landstreicher folgt – und später kommt der Tod sogar Franks Familie gefährlich nahe. All diese schlimmen Ereignisse mit ihrer ganzen Drastik werden jedoch durch den nostalgischen Ton, mit dem Frank zurückblickt, abgemildert und gefiltert. Noch kein Mann, aber auch kein Kind mehr – William Kent Krueger gelingt der erzählerische Balanceakt mit dieser Perspektive sehr gut. Das Ganze erinnert manchmal auch an Kruegers Schriftstellerkollegen Joe R. Lansdale – und eben auch an Mark Twain.

Das Buch rührte mich wirklich an, denn in jeder Zeile schwingt das Wissen um den Verlust von Menschen und Unschuld mit. Auch das nachklingende Kriegsgeklirre aus Europa, das den männlichen Erwachsenen tief eingedrungen ist, trägt seinen Teil dazu bei. Wir erleben in Für eine kurze Zeit waren wir glücklich ein Welt, die immer zerspringen kann, mag die Sonne noch so hell scheinen und der Fluss durch New Bremen rauschen. Gerade der Epilog entfaltet dann im Rückblick noch einmal eine besondere Wucht, die mich schlucken ließ.

Anteil daran trägt auch zu einem großen Teil die Übersetzerin Tanja Handels, die Kruegers Sound gut ins Deutsche übertragen hat. Und auch die Außengestaltung kann hier mit einem wunderbar stimmigen Cover überzeugen. Hier stimmt alles, weshalb ich gerne eine Leseempfehlung aussprechen möchte!

Christoph Ribbat – Im Restaurant

Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne

Möchte man beckmesserisch sein, dann könnte man den Untertitel von Christoph Ribbats Buch etwas in Zweifel ziehen. Denn statt einer Geschichte ist Ribbats Buch voller Geschichten, die meist nur eine halbe bis ganze Seite umfassen. Anekdoten, Schlaglichter, eben ganz viele Geschichten über und aus Restaurants. Aber nachdem die vielen Geschichten dann wieder eine ergeben, sei auch der Begriff „eine Geschichte“ erlaubt. Nun aber weg von Nebensächlichem hin zum Eigentlichen – wie ist Ribbats Buch gelungen?

Vorzüglich muss ich feststellen! Eine Metapher aus dem Kochbereich pro Rezension ist erlaubt, insofern: hier hat ein Könner etwas Fabelhaftes zurechtgebrutzelt – ein Menü in vier Gängen. Eines, das Epochen, Geistesgeschichte und Kulinarik in sich vereint und keinesfalls zu schwer daherkommt.

Ribbat lehrt eigentlich als Professor für Amerikanistik an der Universität von Paderborn. Wer nun ein Buch mit stark amerikazentriertem Blick und professoraler Schreibweise erwartet, der sieht sich schnell getäuscht. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf Europa mit gelegentlichen Ausflügen nach Übersee. Und ein professorale, will sagen mit viel Fachduktus und kompliziertem Zugang zum Thema versehene Schreibe, sucht man im Buch auch vergeblich. Stattdessen dominiert ein wohltuend niedrigschwelliger Zugang zum Thema, der auch mit der Erzählweise zusammenhängt.

Denn Ribbat erzählt in vier Kapiteln von den Ursprüngen und der Entwicklung der Speiseform Restaurant. Die ersten drei Kapitel (Öffnungszeiten, Nachkriegshunger und In die Gegenwart) gehen weitestgehend chronologisch der Geschichte der Restaurants nach.

Von Kellner, restaurativen Bouillons und dem Siegeszug der Schnellgastronomie

So erfährt man, wie sich um 1760 von Paris ausgehend erste Stätten entwickeln, in denen „restaurative“ Bouillons gereicht werden. Der Name Restaurant etabliert sich für die neuartige Form von Essstätten. Das Restaurant tritt schnell seinen Siegeszug an. Von Paris aus übers ganze Land, von ganz Europa bis über den großen Teich. Der Siegeszug der Restaurants ist nicht aufzuhalten. Ribbat betrachtet die Evolution, die schon bald einsetzt. Innovationen wie Arbeitsteilung in der Küche oder das soziale Verhalten von Kellner*innen in Amerika und Europa sind Themen.

Über die Zeit der Weltkriege bis hin zur Geschichte von modernen Kochtempeln wie etwa dem El Bulli oder dem Noma reicht der Bogen, den Ribbat schlägt. Er erzählt von Köchen wie etwa Jacques Pepin, Magnus Nilsson oder Ali Güngörmüs, von Kritiker*innen und Schriftsteller*innen, die ihr Leben den Restaurants gewidmet haben. Darunter finden sich Namen wie Jürgen Dollase, Barbara Ehrenreich oder Wolfram Siebeck, die im Buch porträtiert werden.

Daraus zu schließen wollen, dass Im Restaurant eine Sammlung netter Schnurren und unterhaltsamer Anekdoten ist, wäre allerdings grundfalsch.

Denn für Ribbat ist das Restaurant nur ein Brennglas, unter dem sich die soziologische, kulinarische und geschichtliche Entwicklungen minutiös ablesen lassen. So zeigt er, was die Massendemokratisierung von Geschmack, die To-Go-Kultur und das veränderte Selbstbild von Kellner*innen und Köch*innen bewirkt haben. Genauso sind auch die „Döner-Morde“ oder Erlebnisse Günter Wallraffs in einer Hamburger Mc-Donalds-Filiale in seinem Buch Ganz unten Thema. Auch widmet er dem Rassismus in Restaurants in Amerika viel Aufmerksamkeit, der dann zu Ereignissen wie den Woolworth Sit-Ins führte. Man spürt – in Restaurants wurde und wird Geschichte geschrieben.

Ein Restaurant: stets mehr als ein Restaurant

Wenn man sich in Ribbats umfangreichen Kosmos der Restaurants begibt, lernt man diese Essstätten mit ganz neuem Blick zu betrachten. Denn mag so manch einer auch nur ins Restaurant gehen, weil er Hunger hat – Restaurants sind deutlich mehr: Orte der Kommunikation und der Politik, Begegnungsstätten, Kulturorte. Das wird besonders im vierten Teil des Buchs deutlich. In Restaurants deuten liefert Ribbat den theoretischen Überbau und die Fundierung der zuvor angerissenen Thesen.

Wohin entwickeln sich Restaurants? Wie beeinflussen sie unsere Kultur und die Gesellschaft? Ribbat versucht sich an einer vorsichtigen Deutung. Dabei stützt er sich auf eine Vielzahl von Quellen, die anschließend im Anhang alle aufgeführt sind. Stolze 351 Quellen sind dort aufgeführt, allerhand dafür, dass Ribbats Text nicht einmal 200 Seiten lang ist.

Dass der Text zu keiner Zeit theorielastig, sondern immer geistreich und unterhaltsam ist, das ist die Kunst dieses Buchs und dieses Autors. 2016 war Ribbat mit diesem Buch auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert – ich finde zurecht. Dieses hier zubereitete Buchmenü schmeckt nicht nur Foodies!

Zinzi Clemmons – Was verloren geht

Was bleibt von einem Leben? Wie umgehen mit Trauer, Verlust und Leid? Wie definiert man sich als eine Frau zwischen den Ausprägungen Schwarz und Weiß in einer Gesellschaft? Fragen, mit denen sich Zinzi Clemmons in ihrem Roman Was verloren geht beschäftigt.


Unsere Welt basiert stark auf Dichotomien. Gut oder Böse, Jung oder Alt, Lesenswert oder Nichtlesenswert, Schalke oder Dortmund, Schwarz oder Weiß. Klare Abgrenzungen hin zu einer von beiden Richtungen erleichtern uns die Einordnung, machen alles übersichtlicher und vermeintlich einfacher. Doch wie lebt es sich in den Zwischenräumen, in denen man Dinge nicht so einfach zuordnen kann? Das erfährt Thandi, die Protagonistin in Zinzi Clemmons Buch, am eigenen Leib. Bei ihr führt die Aussage einer Mitschülerin, Thandi sei ja gar keine „richtige“ Schwarze, zu einer Identitätskrise.

Ein Leben dazwischen

So stammt Thandis Mutter aus Johannesburg in Südafrika, ihr Vater hingegen ist New Yorker. Sie wächst zwischen zwei Kontinenten und zwischen zwei Identitäten auf, was zur Folge hat, dass sie sich nirgends zugehörig fühlt.

Aber wenn ich mich selbst als schwarz bezeichnete, schauten meine Cousins mich komisch an. Sie sind das, was man in Südafrika Coloured nennt – gemischter Abstammung – und mein Vater ist ein hellhäutiger Schwarzer. Ich sah wie meine Verwandten aus, aber dass ich mich selbst als Schwarze bezeichnete, fanden sie anstößig. Amerikanische Schwarze waren cool, südafrikanische Schwarze waren gewöhnlich, aber gefährlich. Gerade das wollten sie nicht sein.

Die amerikanischen Schwarzen waren mein prekäres Homeland – weil ich so hellhäutig war und Wurzeln in einem fremden Land hatte, gehörte ich in keiner Community so richtig dazu. Außerdem hatte meine Familie Geld und alle schwarzen Jugendlichen in meiner Stadt kamen aus ärmeren Gegenden. Ich war mit den Jugendlichen befreundet, die in meiner Straße lebten und in meinen Leistungskursen waren – allesamt weiß. Ich saß zwischen allen Stühlen.

Clemmons, Zinzi: Was verloren geht, S. 34 f.

Wie definiere ich mich und wo will ich dazugehören? Diese Fragen, die sich spätestens in der Pubertät viele junge Menschen stellen – bei Thandi ist alles noch ein wenig komplizierter, was im Buch nachvollziehbar dargestellt wird.

So arbeitet sich der Roman an den Fragen von gesellschaftlichen Ausschlussmechanismen, Rassismus und der Gegenüberstellung von afrikanischen und amerikanischen Reaktionen auf dieses Leben zwischen Schwarz und Weiß ab. Zudem ist Was verloren geht auch ein eindrückliches Dokument der Trauer und des Verlustes. Denn auch die Erfahrungen des Todes von Mutter und Vater und deren nunmehriger Abwesenheit im eigenen Leben sorgen für weitere Identitätskrisen.

Dass der Roman bei aller Problemzentrierung und negativer Themensetzung nicht zu schwer wird, das liegt auch an der gewählten Erzählweise. Denn Zinzi Clemmons erzählt in Fetzen.

Eine Erzählung in Fetzen

Trotz der knapp 240 Seiten kann man Clemmons Buch unglaublich schnell lesen (was man nicht tun sollte, es entgingen einem viele nachdenkenswerte Gedanken, aber es ist möglich). Viele Seiten sind gerade einmal zu einem Drittel bedruckt. Dies liegt daran, dass Zinzi Clemmons schreibt, wie im Pointillismus gemalt wurde. Immer wieder kleine Tupfer, Skizzen, Erlebnisse und Eindrücke, die sich zu einem großen Ganzen verbinden. Dabei ist es nicht nur Prosa, die in den Text einfließt. Auch Blogbeiträge, Fotos, mathematische Darstellungen und Tabellen finden sich im Buch und ergänzen und spiegeln Thandis Gefühlswelt und ihr Erleben.

Diese „Remix“-Technik oder fetzionale Erzählweise (für diesen Neologismus möchte ich fast Markenschutzrechte beantragen) macht aus der ansonsten etwas unspektakulären und nicht besonders kunstfertigen Prosa (Übersetzung durch Clara Drechsler und Harald Hellmann) dann wieder etwas Besonderes.

Auch kann die Lektüre von Was verloren geht etwas sensibilisieren und Hintergrunderständnis für viele gesellschaftliche Probleme und Spannungen in den USA liefern. Und nicht zuletzt bietet Clemmons Buch auch Erklärungsansätze oder Muster für Fälle wie den von Rachel Dolezal. Diese hatte sich jahrelang als Schwarze ausgegeben und für Bürgerrechte von People of Colour gekämpft. Erst nach Jahren flog der Schwindel um ihre Identität auf. Eine kuriose Geschichte, die sich nach Clemmons Buch gar nicht mehr so kurios liest.

Der Fall Rachel Dolezal. Screenshot NZZ

Geovani Martins – Aus dem Schatten

Brasilien – Zuckerhut, Samba, Copacabana und Lebensfreude. So die Bilder, die die einschlägigen Songs, Karneval und Filme befeuern. Dass das Land auch dunkle Abgründe hat, das wurde besonders im Vorfeld die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 klar. In den Favelas in Rio de Janeiro und anderswo regiert die Kriminalität. Drogen, Gangs, Gewalt – daran ändern auch Einsätze des Militärs nichts, die regelmäßig die Favelas stattfinden.

In das Leben der Favelas entführt auch das Buch Aus dem Schatten von Geovani Martins. Er erzählt in seinem mit Stories untertitelten Kurzgeschichtenband vom Leben in den Slums der brasilianischen Hauptstadt und von den Kämpfen, die dieses (Über)Leben bedeutet. In Brasilien scheint das Buch große Erfolge gefeiert zu haben, der Klappentext kündet von einem „Sensationserfolg“ des Buchs.

Geovani Martins selbst hat auch eine ungewöhnliche Biographie. Beziehungsweise ist sie für einen Favelabewohner wohl selbst alles andere als ungewöhnlich. Vier Jahre besuchte Martins die Schule, jobbte danach als Plakatträger und Kellner. Der 1991 geborene Autor veröffentlichte 2018 dieses Buch, ein Jahr später liegt es nun in der Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner auch im Deutschen vor.

13 Stories, 125 Seiten, wenig Neues

13 Geschichten liefert das Buch, und das auf gerade einmal 125 Seiten. Das lässt schon Rückschlüsse auf die Erzählweise von den Stories zu, die nur kurze Skizzen und Schlaglichter sind. Mal erzählt Martins von einem Graffitisprayer, mal von Beschaffungskriminalität und sehr häufig von Drogen, die für die jungen Protagonist*innen Hilfsmittel zur Flucht aus der niederschmetternden Realität sind.

Wird das Buch von der Kritik und den brasilianischen Leser*innen offenbar als neuer Realismus gefeiert und Martins Talent gerühmt, das Leben in den Favelas zu schildern, so war ich doch recht enttäuscht.

Zum Einen bietet mir der junge brasilianische Autor kaum Neues. Dass in den Favelas Gewalt und Drogen regieren – geschenkt. Dass die Polizei nicht viel besser ist als die Kriminellen, die sie bekämpfen soll – auch das war zu ahnen. Aber auch ansonsten vermittelte mir Martins lediglich Bilder, die man schon aus Dokumentationen über Brasilien oder Zeitungsberichte kennt. Dass Touristen an den Stränden unterhalb des Zuckerhutes gerne von Gangs abgezogen werden, das weiß nicht nur Martins, sondern sogar das Auswärtige Amt.

All das wäre ja nicht so schlimm, wenn der altbekannte Inhalt wenigstens auf neue oder ästhetisch besonders ansprechende Weise präsentiert würde. Aber auch das ist hier leider nicht der Fall. Sprachlich ist das Buch doch recht dünn, selbst der Sound der Straße bzw. der der Favelas wirkte auf mich recht beliebig. So verpuffen die Geschichten wie der Schmetterling in der Geschichte Die Sache mit dem Schmetterling über dem heißen Öltopf.

Die Begeisterung und den durchschlagenden Erfolg des Buches kann ich leider nicht wirklich nachvollziehen.

Mackenzi Lee – Kick-Ass-Women

Eine gute Absicht macht noch kein gutes Buch – diese Erkenntnis bestätigte sich für mich nach der Lektüre von Mackenzi Lees Biographie-Konvolut Kick-Ass-Women einmal mehr.

Dabei ist die Intention wirklich lobenswert. In den gängigen Kanons sind Frauen zumeist unterrepräsentiert. Ihre Errungenschaften fallen schnell einmal unter den Tisch, auch wenn sich diese Marginalisierung von Frauen in letzter Zeit gotteseidank etwas ändert (hier sei nur beispielhaft auf den von Sybille Berg initiierten Die Kanon hingewiesen).

Auch der Suhrkamp-Verlag hat den Zeitgeist erkannt und die die Sektion Feminismus/Empowerment im Bestandsprofil ausgebaut. Früchte dieser Arbeit sind beispielsweise der Graphic Novel Rebellische Frauen über 150 Jahre Kampf für Frauenrechte oder die Kinderbuchreihe Little People – Big Dreams. In dieser werden kindgerecht wichtige weibliche Persönlichkeiten aus den Bereichen Forschung, Kultur oder Geschichte vorgestellt.

An etwas erwachseneres Publikum richtet sich das bei Suhrkamp Nova erschienene Buch Kick-Ass-Women von Mackenzi Lee. Sie stellt in ihrem Buch in Kurzbiographien 52 wahre Heldinnen vor, so der Untertitel des Buchs (übersetzt von Jenny Merling, Bilder von Petra Eriksson). Die Intention des Ganzen wird vom Verlag selbst so beworben:

Dieses Buch versammelt 52 sagenhafte Heldinnen und ihre wahren Geschichten – actionreich, informativ und ein schillernder Appell an alle Frauen, nie an der eigenen Großartigkeit zu zweifeln.

Nun gut. Diese Versprechen löst das Buch dann nur zu einem Teil ein, was wirklich schade ist. Denn zum Einen ist schon einmal die Frage des Publikums schwierig. Ich sehe dieses eher im jugendlichen Bereich, denn für ein erwachsenes Publikum ist mir die Sprache und die Herangehensweise an das Thema eindeutig zu flappsig.

Flappsige Sprache, magerer Informationsgehalt

Man muss sich zuallererst die Genese dieses Buchs in Erinnerung rufen. So nutzte Mackenzi Lee den Kurznachrichtendienst Twitter, um jede Woche eine besondere Frau vorzustellen. Aus diesen 280-Zeichen-Botschaften entstand nun dieses Buch. So ist auch jede Vita ihrer 52 Heldinnen nur eine wirkliche Kurzvita. Kaum eine Heldin bekommt mehr als 2 Seiten zugestanden, die zwar doppelspaltig gehalten sind, dennoch aber nicht wirklich den Leistungen der Frauen gerecht werden. Dazu ist das Buch viel zu oberflächlich.

Oberflächlich beziehungsweise mir eindeutig zu flappsig (weswegen ich mir auch nicht vorstellen kann, dass das Buch für den interessierten erwachsenen Leser von Belang ist) ist auch der ganze Tonfall des Buchs. Beispiele gefällig?

Man darf ja wohl noch träumen, oder? Nur hatte Thi Sách leider die Angewohnheit, offen rumzuerzählen, wie unzufrieden er mit der chinesischen Tyrannei war und wie super er es fände, wenn jemand den Chinesen mal zeigen würde, wo der Frosch die Locken hat.

Lee, Mackenzi: Kick-Ass-Women, S. 17

So ist Mackenzi Lee reichlich frei in ihrer Nacherzählung der historischen Umstände und scheint ein Faible für Comicsprache zu besitzen. Da liest man schon mal mitten im Text – BÄM!- oder auch gerne Floskeln wie „Scheiße, nein!“. Auch legt sie ihren Heldinnen gerne reichlich infantile und läppische Dialoge oder Aussagen in den Mund, die sinngemäß zeigen sollen, was die Frauen ausdrücken wollten oder worum es ihnen ging.

Unterkomplexität als Programm

Dieses Buch unterfordert mit dieser Art der Erzählung leider pausenlos und wird in meinen Augen den Heldinnen nicht wirklich gerecht. Dabei gäbe es so tolle Frauen in diesem Buch zu entdecken, und das über den ganzen Erdball verteilt. Von der ersten ägyptischen Pharaonin Hatschepsut über die erste Sci-Fi-Autorin der Welt, Margaret Cavendish, bis hin zur phillipinischen Rebellin Kumander Liwayway. Doch der Tonfall und der etwas magere Informationsgehalt der Kurzbiographie enttäuschen. Darüber hilft auch nicht die tolle Gestaltung des Bandes mit seinen wunderbar poppigen Porträts hinweg. Leider kein Kick-Ass für die Leser*innen.